Die über­fal­le­ne Juwe­lier – und der nicht ver­si­cher­te Kun­den­schmuck

Ein Juwe­lier, der Kun­den­schmuck zur Anbah­nung eines Werk- oder Kauf­ver­tra­ges ent­ge­gen­nimmt, kann nach Treu und Glau­ben unter Berück­sich­ti­gung der Ver­kehrs­an­schau­ung ver­pflich­tet sein, über das Feh­len einer Ver­si­che­rung gegen das Risi­ko des Ver­lus­tes durch Dieb­stahl und Raub auf­zu­klä­ren, wenn eine sol­che Ver­si­che­rung bran­chen­üb­lich ist.

Die über­fal­le­ne Juwe­lier – und der nicht ver­si­cher­te Kun­den­schmuck

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall strit­ten eine Juwe­lie­rin und ihr Kun­de um Scha­dens­er­satz­an­sprü­che wegen Ver­let­zung einer vor­ver­trag­li­chen Auf­klä­rungs­pflicht. Im Febru­ar 2012 über­gab der Kun­de der Juwe­lie­rin in deren Geschäfts­räu­men diver­se in sei­nem Eigen­tum ste­hen­de Schmuck­stü­cke mit der Inten­ti­on, die­se repa­rie­ren zu las­sen (ein Gold­arm­band) bezie­hungs­wei­se der Juwe­lie­rin zu ver­kau­fen (zwei Ohr­rin­ge, zwei Arm­bän­der, zwei Hals­ket­ten sowie eine Bro­sche). Anläss­lich eines Raub­über­falls auf das Juwe­lier­ge­schäft wur­den unter ande­rem die Schmuck­stü­cke des Kun­den ent­wen­det. Die Juwe­lie­rin war inso­weit nicht ver­si­chert, wor­auf sie in dem Gespräch vor Über­las­sung der Schmuck­stü­cke nicht hin­ge­wie­sen hat­te. Der Kun­de ver­lang­te dar­auf­hin von der Juwe­lie­rin Scha­dens­er­satz für die geraub­ten Schmuck­stü­cke unter Beru­fung dar­auf, dass er die Schmuck­stü­cke nicht bei der Juwe­lie­rin belas­sen hät­te, wenn er von dem feh­len­den Ver­si­che­rungs­schutz gewusst hät­te.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Win­sen (Luhe) hat die Juwe­lie­rin antrags­ge­mäß ver­ur­teilt 1. Auf die Beru­fung der Juwe­lie­rin hat das Land­ge­richt Lüne­burg das Urteil des Amts­ge­richts Win­sen (Luhe) abge­än­dert und die Kla­ge abge­wie­sen 2. Auf die Revi­si­on des Kun­den hat der Bun­des­ge­richts­hof das Beru­fungs­ur­teil auf­ge­ho­ben und den Rechts­streit an das Land­ge­richt Lüne­burg zurück­ver­wie­sen:

Rich­tig sieht das Land­ge­richt Lüne­burg aller­dings, dass eine Pflicht­ver­let­zung der Juwe­lie­rin sich nicht bereits dar­aus ergibt, dass sie den von der Kundein ent­ge­gen­ge­nom­men Schmuck nicht gegen das von kei­ner Ver­trags­par­tei zu ver­tre­ten­de Risi­ko des Ver­lusts durch Dieb­stahl oder Raub ver­si­chert hat. Dahin­ge­stellt blei­ben kann dabei, ob zwi­schen den Par­tei­en betref­fend das zur Repa­ra­tur über­ge­be­ne Gold­arm­band bereits ein Werk­ver­trag gemäß § 631 BGB zustan­de gekom­men ist. Denn eine gene­rel­le Ver­si­che­rungs­pflicht besteht für den Juwe­lier weder für Kun­den­schmuck, der zur Durch­füh­rung eines Werk­ver­tra­ges (§ 631 BGB), noch für sol­chen, der zur Abga­be eines Ankaufs- oder Repa­ra­tur­ange­bo­tes (§ 311 Abs. 2 Nr. 2 BGB) ent­ge­gen­ge­nom­men wird 3.

Eine Pflicht der Juwe­lie­rin, den Kun­den dar­auf hin­zu­wei­sen, dass das Risi­ko des Ver­lus­tes durch Dieb­stahl oder Raub nicht oder nicht in vol­ler Höhe durch Ver­si­che­run­gen gedeckt war, kann mit der vom Land­ge­richt Lüne­burg gege­be­nen Begrün­dung nicht ver­neint wer­den.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 4 besteht bei Ver­trags­ver­hand­lun­gen zwar kei­ne all­ge­mei­ne Rechts­pflicht, den ande­ren Teil über alle Ein­zel­hei­ten und Umstän­de auf­zu­klä­ren, die des­sen Wil­lens­ent­schlie­ßung beein­flus­sen könn­ten. Viel­mehr ist grund­sätz­lich jeder Ver­hand­lungs­part­ner für sein rechts­ge­schäft­li­ches Han­deln selbst ver­ant­wort­lich und muss sich des­halb die für die eige­ne Wil­lens­ent­schei­dung not­wen­di­gen Infor­ma­tio­nen auf eige­ne Kos­ten und eige­nes Risi­ko selbst beschaf­fen. Eine Rechts­pflicht zur Auf­klä­rung bei Ver­trags­ver­hand­lun­gen auch ohne Nach­fra­ge besteht aller­dings dann, wenn der ande­re Teil nach Treu und Glau­ben unter Berück­sich­ti­gung der Ver­kehrs­an­schau­ung red­li­cher­wei­se die Mit­tei­lung von Tat­sa­chen erwar­ten durf­te, die für sei­ne Wil­lens­bil­dung offen­sicht­lich von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung sind 5. Eine Tat­sa­che von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung kann auch dann vor­lie­gen, wenn sie geeig­net ist, dem Ver­trags­part­ner erheb­li­chen wirt­schaft­li­chen Scha­den zuzu­fü­gen 6.

Unter Berück­sich­ti­gung der vor­ste­hen­den Grund­sät­ze kann ein Juwe­lier ver­pflich­tet sein, einen Kun­den auf den feh­len­den Ver­si­che­rungs­schutz dann hin­zu­wei­sen, wenn es sich um Schmuck­stü­cke von außer­ge­wöhn­lich hohem Wert han­delt.

Ein sol­cher Fall liegt hier auch unter Zugrun­de­le­gung der Vor­stel­lung des Kun­den vom Wert der über­ge­be­nen Schmuck­stü­cke (hier: 2.930 €) nicht vor.

Fer­ner kann der Kun­de gege­be­nen­falls nach Treu und Glau­ben unter Berück­sich­ti­gung der Ver­kehrs­an­schau­ung dann eine Auf­klä­rung über das Feh­len einer Ver­si­che­rung gegen das Risi­ko des Ver­lus­tes durch Dieb­stahl und Raub erwar­ten, wenn die­se Ver­si­che­rung bran­chen­üb­lich ist.

Bran­chen­üb­lich­keit liegt vor, wenn sich inner­halb einer Grup­pe von Unter­neh­men, die ähn­li­che Leis­tun­gen auf dem Markt anbie­ten, eine Gepflo­gen­heit oder ein Brauch inner­halb einer bestimm­ten Tätig­keit ent­wi­ckelt hat, der nicht nur vor­über­ge­hend besteht, son­dern eine gewis­se Kon­ti­nui­tät erken­nen lässt. Dies ist für die hier in Rede ste­hen­de Ver­si­che­rung für die Revi­si­on man­gels gegen­tei­li­ger Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts Lüne­burg zuguns­ten des Kun­den zu unter­stel­len.

Die Bran­chen­üb­lich­keit kann eine berech­tig­te Erwar­tung des Kun­den begrün­den, dass ein sol­cher Ver­si­che­rungs­schutz besteht. Dies ist für den Juwe­lier als Mit­glied der Bran­che auch erkenn­bar. Wenn der Juwe­lier die des­halb mög­li­cher­wei­se gebo­te­ne Auf­klä­rung unter­lässt, begeht er eine Pflicht­ver­let­zung.

Soweit die Auf­klä­rung durch den Juwe­lier für unzu­mut­bar gehal­ten wird, weil dies sei­ne wirt­schaft­li­che Tätig­keit wegen des damit ver­bun­de­nen Zeit­auf­wands läh­men wür­de, teilt der Bun­des­ge­richts­hof die­se Auf­fas­sung nicht. Bei den hier in Rede ste­hen­den Ver­trags­an­bah­nun­gen han­delt es sich nicht um Mas­sen­ge­schäf­te, die eine der­ar­ti­ge zeit­li­che Inan­spruch­nah­me nicht zulie­ßen.

Das Land­ge­richt Lüne­burg wird daher nun­mehr im zwei­ten Rechts­gang auf der Grund­la­ge des Par­tei­vor­brin­gens Fest­stel­lun­gen zur Bran­chen­üb­lich­keit und der dar­aus fol­gen­den Ver­kehrs­an­schau­ung zu tref­fen haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 2. Juni 2016 – VII ZR 107/​15

  1. AG Win­sen (Luhe), Urteil vom 30.09.2014 – 20 C 1350/​13[]
  2. LG Lüne­burg, Urteil vom 07.04.2015 – 5 S 71/​14[]
  3. für das Werk­ver­trags­recht eben­so: OLG Frank­furt, NJW-RR 1986, 107; Palandt/​Sprau, BGB, 75. Aufl., § 631 Rn. 15; Staudinger/​Peters/​Jakoby, 2014, BGB, § 644 Rn. 14; Messerschmidt/​Voit/​Merkens, Pri­va­tes Bau­recht, 2. Aufl., § 644 Rn. 7; BeckOGK/​Merkle, BGB, Stand: 1.02.2016, § 631 Rn. 469, 469.1; vgl. auch RG, HRR 1928, Nr. 413 zur Ver­si­che­rungs­pflicht des Betrei­bers einer KfZ-Werk­statt gegen Feu­er­ge­fahr; eine Ver­si­che­rungs­pflicht bei Ent­ge­gen­nah­me beson­ders wert­vol­ler Gegen­stän­de beja­hend: Schwen­ker in Erman, BGB, 14. Aufl., § 644 Rn. 5; Münch­Komm-BGB/Bu­sche, 6. Aufl., § 644 Rn. 13; ähn­lich auch: Beck­OK BGB/​Voit, Stand: 1.02.2015, § 631 Rn. 62, § 644 Rn. 8[]
  4. BGH, Urtei­le vom 12.07.2001 – IX ZR 360/​00, NJW 2001, 3331, 3332 15; vom 11.08.2010 XII ZR 192/​08, NJW 2010, 3362 Rn. 21; jeweils m.w.N.[]
  5. BGH, Urtei­le vom 02.03.1979 – V ZR 157/​77, BauR 1979, 447 8; vom 16.01.1991 – VIII ZR 335/​89, NJW 1991, 1223, 1224 14; vom 12.07.2001 – IX ZR 360/​00, aaO Rn. 15; vom 11.08.2010 XII ZR 192/​08, aaO Rn. 22; jeweils m.w.N.[]
  6. BGH, Urteil vom 11.08.2010 XII ZR 192/​08, aaO Rn. 22[]