Die sit­ten­wid­ri­ge oder treu­wid­ri­ge Kün­di­gung eines Geschäfts­füh­rer­dienst­ver­tra­ges

Ein durch das Ver­hal­ten der Klä­ge­rin begrün­de­ter Ver­trau­ens­ver­lust bei der Beklag­ten stellt einen ein­leuch­ten­den Grund für die Kün­di­gung dar.

Die sit­ten­wid­ri­ge oder treu­wid­ri­ge Kün­di­gung eines Geschäfts­füh­rer­dienst­ver­tra­ges

Die Kün­di­gung ist in einem sol­chen Fall weder sit­ten­wid­rig (§ 138 Abs. 1 BGB) noch treu­wid­rig (§ 242 BGB).

Ein Rechts­ge­schäft ist sit­ten­wid­rig iSv. § 138 Abs. 1 BGB, wenn es nach sei­nem Inhalt oder Gesamt­cha­rak­ter, der durch umfas­sen­de Wür­di­gung von Inhalt, Beweg­grund und Zweck zu ermit­teln ist, dem Anstands­ge­fühl aller bil­lig und gerecht Den­ken­den wider­spricht. Ver­stößt das Rechts­ge­schäft – wie eine an sich neu­tra­le Kün­di­gung [1] – nicht bereits sei­nem Inhalt nach gegen die grund­le­gen­den Wer­tun­gen der Rechts- oder Sit­ten­ord­nung, muss ein per­sön­li­ches Ver­hal­ten des Han­deln­den hin­zu­kom­men, wel­ches die­sem zum Vor­wurf gemacht wer­den kann. Hier­für genügt es im All­ge­mei­nen nicht, dass ver­trag­li­che Pflich­ten ver­letzt wer­den. Viel­mehr muss eine beson­de­re Ver­werf­lich­keit des Ver­hal­tens hin­zu­tre­ten, die sich aus dem ver­folg­ten Ziel, den ein­ge­setz­ten Mit­teln oder der zuta­ge tre­ten­den Gesin­nung erge­ben kann [2].

Der Grund­satz von Treu und Glau­ben in § 242 BGB bil­det eine allen Rech­ten, Rechts­la­gen und Rechts­nor­men imma­nen­te Inhalts­be­gren­zung. Eine gegen die­sen Grund­satz ver­sto­ßen­de Rechts­aus­übung oder Aus­nut­zung einer Rechts­la­ge ist wegen der dar­in lie­gen­den Rechts­über­schrei­tung als unzu­läs­sig anzu­se­hen. Eine Kün­di­gung ver­stößt in der Regel nur dann gegen § 242 BGB, wenn sie auf will­kür­li­chen, sach­frem­den oder dis­kri­mi­nie­ren­den Moti­ven beruht [3]. Die­ser Vor­wurf schei­det dage­gen aus, wenn ein irgend­wie ein­leuch­ten­der Grund für die Kün­di­gung vor­liegt. Ein sol­cher ist bei einem auf kon­kre­ten Umstän­den beru­hen­den Ver­trau­ens­ver­lust grund­sätz­lich auch dann gege­ben, wenn die Tat­sa­chen objek­tiv nicht veri­fi­zier­bar sind [4].

Ein durch das Ver­hal­ten der Geschäfts­füh­re­rin begrün­de­ter Ver­trau­ens­ver­lust bei den Gesell­schaf­tern stellt einen ein­leuch­ten­den Grund für die Kün­di­gung dar. Ob die ordent­li­che Kün­di­gung des Anstel­lungs­ver­hält­nis­ses des Geschäfts­füh­rers einer GmbH mit Rück­sicht auf sei­ne Ver­trau­ens­stel­lung als organ­schaft­li­cher Ver­tre­ter der Gesell­schaft mit Unter­neh­mer­funk­ti­on – sofern ihre for­mel­len Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind – auch dann wirk­sam ist, wenn sie sich auf kei­nen ande­ren Grund als den Wil­len des kün­di­gungs­be­rech­tig­ten Organs stüt­zen kann [5], bedurf­te des­halb hier kei­ner Ent­schei­dung sei­tens des Bun­des­ar­beits­ge­richts.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 11. Juni 2020 – 2 AZR 374/​19

  1. BAG 21.03.1980 – 7 AZR 314/​78 – zu II 3 der Grün­de[]
  2. BAG 05.12.2019 – 2 AZR 107/​19 – Rn. 11; BGH 16.07.2019 – II ZR 426/​17 – Rn. 24[]
  3. vgl. BAG 28.08.2003 – 2 AZR 333/​02 – zu B III 1 und B III 1 b der Grün­de[]
  4. vgl. BAG 05.12.2019 – 2 AZR 107/​19 – Rn. 17[]
  5. vgl. BGH 03.11.2003 – II ZR 158/​01[]