Wider­ruf des GbR-Bei­tritts

Erfolgt der Bei­tritt zu einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts in einer soge­nann­ten Haus­tür­si­tua­ti­on, so kann der Gesell­schaf­ter sei­ne Bei­tritts­er­klä­run­gen wirk­sam wider­ru­fen (§ 312 Abs. 1, § 355 Abs. 1 BGB).

Wider­ruf des GbR-Bei­tritts

Aller­dings steht dem Gesell­schaf­ter gegen die GbR auf­grund des Wider­rufs der Bei­tritts­er­klä­rung kein Anspruch auf Rück­zah­lung der geleis­te­ten Ein­la­gen nach § 357 Abs. 1 Satz 1, § 346 Abs. 1 BGB zu. Die Fol­gen des Wider­rufs rich­ten sich viel­mehr nach den Grund­sät­zen der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft. Danach hat der wider­ru­fen­de Gesell­schaf­ter nur einen Anspruch auf Zah­lung eines Abfin­dungs­gut­ha­bens nach § 738 BGB.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat durch Urteil vom 15. April 2010 1 auf die Vor­la­ge­fra­gen des Bun­des­ge­richts­hofs 2 aus­ge­führt, dass die Richt­li­nie 85/​577/​EWG des Rates vom 20. Dezem­ber 1985 betref­fend den Ver­brau­cher­schutz im Fal­le von außer­halb von Geschäfts­räu­men geschlos­se­nen Ver­trä­gen zwar auf den Bei­tritt zu einem geschlos­se­nen Immo­bi­li­en­fonds in der Form einer Per­so­nen­ge­sell­schaft anwend­bar ist, wenn der Zweck des Bei­tritts nicht vor­ran­gig dar­in besteht, Mit­glied die­ser Gesell­schaft zu wer­den, son­dern Kapi­tal anzu­le­gen. Die Richt­li­nie schließt es nach Ansicht des Gerichts­hofs in die­sen Fäl­len aber kei­nes­wegs aus, dass der Ver­brau­cher gege­be­nen­falls gewis­se Fol­gen tra­gen muss, die sich aus der Aus­übung sei­nes Wider­rufs­rechts erge­ben 3. Wie der Euro­päi­sche Gerichts­hof aus­drück­lich fest­ge­stellt hat, darf das natio­na­le Recht bei der Rege­lung der Rechts­fol­gen des Wider­rufs einen ver­nünf­ti­gen Aus­gleich und eine gerech­te Risi­ko­ver­tei­lung zwi­schen den ein­zel­nen Betei­lig­ten her­stel­len. Es ist ins­be­son­de­re zuläs­sig, dem wider­ru­fen­den Ver­brau­cher die finan­zi­el­len Fol­gen des Wider­rufs des Bei­tritts auf­zu­er­le­gen 4. Danach sind die Rechts­fol­gen, die mit der Anwen­dung der Grund­sät­ze über die feh­ler­haf­te Gesell­schaft für den Ver­brau­cher mit dem Wider­ruf sei­ner Bei­tritts­er­klä­rung ver­bun­den sind, mit Art. 5 Abs. 2 der Richt­li­nie ver­ein­bar 5.

Die Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft trägt der Beson­der­heit des Gesell­schafts­rechts Rech­nung, dass – nach­dem der Ver­band erst ein­mal, wenn auch auf feh­ler­haf­ter Grund­la­ge in Voll­zug gesetzt wor­den ist – die Ergeb­nis­se die­ses Vor­gangs, die regel­mä­ßig mit dem Ent­ste­hen von Ver­bind­lich­kei­ten ver­bun­den sind, nicht ohne Wei­te­res rück­gän­gig gemacht wer­den kön­nen. Die­se Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft, der der feh­ler­haf­te Gesell­schafts­bei­tritt gleich­steht 6, gehört zum "gesi­cher­ten Bestand­teil des Gesell­schafts­rechts" 7. Die gegen­läu­fi­gen Inter­es­sen des Bei­tre­ten­den, der Mit­ge­sell­schaf­ter und der Gläu­bi­ger der Gesell­schaft wer­den gleich­mä­ßig berück­sich­tigt. Dar­in liegt die Eigen­heit der gesell­schafts­recht­li­chen Kon­stel­la­ti­on. Der Kern der Aus­sa­gen der Leh­re von der feh­ler­haf­ten Gesell­schaft und vom feh­ler­haf­ten Bei­tritt besteht nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, der die Lite­ra­tur wei­test­ge­hend folgt, dar­in, dass der Bei­getre­te­ne – bis zum Aus­tritt infol­ge der gel­tend gemach­ten Feh­ler­haf­tig­keit durch Widerruf/​Kün­di­gung – Gesell­schaf­ter mit allen Rech­ten und Pflich­ten bleibt, und zwar sowohl im Innen­ver­hält­nis 8 als auch im Außen­ver­hält­nis 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Juni 2011 – II ZR 186/​08

  1. EuGH, Urteil vom 15.04.2010 – C‑215/​08, ZIP 2010, 772[]
  2. BGH, Beschluss vom 05.05.2008 – II ZR 292/​06, ZIP 2008, 1018 – FRIZ I[]
  3. EuGH, Urteil vom 15.04.2010 – C215/​08, ZIP 2010, 772 Rn. 45[]
  4. EuGH, Urteil vom 15.04.2010 – C215/​08, ZIP 2010, 772 Rn. 48 f.[]
  5. BGH, Urteil vom 12.07.2010 – II ZR 292/​06, BGHZ 186, 167 Rn. 12 – FRIZ II[]
  6. BGH, Urteil vom 06.02.1958 – II ZR 210/​56, BGHZ 26, 330, 334 ff.; Urteil vom 14.10.1991 – II ZR 212/​90, WM 1992, 490, 491; Urteil vom 02.07.2001 – II ZR 304/​00, ZIP 2001, 1364, 1366; Urteil vom 16.12.2002 – II ZR 109/​01, BGHZ 153, 214, 221[]
  7. BGH, Urteil vom 29.06.1970 – II ZR 158/​69, BGHZ 55, 5, 8[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 06.02.1958 – II ZR 210/​56, BGHZ 26, 330, 334 f.[]
  9. so zu §§ 128 ff. HGB: BGH, Urteil vom 08.11.1965 – II ZR 267/​64, BGHZ 44, 235, 236; Urteil vom 12.10.1987 – II ZR 251/​86, ZIP 1988, 512, 513; Urteil vom 17.06.2008 – XI ZR 112/​07, BGHZ 177, 108 Rn. 22; zu § 171 HGB: BGH, Beschluss vom 12.07.2010 – II ZR 269/​07, ZIP 2010, 1689 Rn. 6[]