Bezirks­schutz für einen Han­dels­ver­tre­ter

Wird dem Han­dels­ver­tre­ter in einer Ver­triebs­ver­ein­ba­rung ein bestimm­tes Gebiet „exklu­siv“ zuge­wie­sen, han­delt es sich in der Regel um einen Bezirks­schutz im Sin­ne von § 87 Abs. 2 HGB. Ein Wett­be­werbs­ver­bot für den Unter­neh­mer ist mög­lich, bedarf aber einer ein­deu­ti­gen ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung. Die Inter­es­sen­la­ge des Han­dels­ver­tre­ters mit Bezirks­schutz lässt eine sol­che Ver­ein­ba­rung nicht nahe­lie­gend erschei­nen, anders als bei­spiels­wei­se bei einem Ver­trags­händ­ler, der nicht sel­ten dar­auf ange­wie­sen ist, dass der Unter­neh­mer einen Wett­be­werb durch einen Par­al­lel­ver­trieb unter­lässt.

Bezirks­schutz für einen Han­dels­ver­tre­ter

Aus einem Bezirks­schutz gemäß § 87 Abs. 2 HGB ergibt sich kein „Allein­ver­trieb“ im Sin­ne des juris­ti­schen Sprach­ge­brauchs, der mit einem Wett­be­werbs­ver­bot für die Unter­neh­me­rin als Unter­neh­me­rin ver­bun­den wäre. Viel­mehr wäre ein mit einem Wett­be­werbs­ver­bot ver­bun­de­ner „Allein­ver­trieb“ nur dann anzu­neh­men, wenn dies – über den Bezirks­schutz gemäß § 87 Abs. 2 HGB hin­aus – im Ver­trag aus­drück­lich ver­ein­bart wäre [1]. Da eine Pro­vi­si­ons­ab­re­de gemäß § 87 Abs. 2 HGB (Bezirks­schutz) einem Han­dels­ver­tre­ter bereits einen weit­rei­chen­den Schutz ver­mit­telt, wäre ein dar­über hin­aus­ge­hen­des Wett­be­werbs­ver­bot für den Unter­neh­mer nur dann anzu­neh­men, wenn der Ver­trag eine kla­re und ein­deu­ti­ge Rege­lung dazu ent­hält [2].

Für die Aus­le­gung des Ver­tra­ges kommt es auch nicht dar­auf an, wie die Unter­neh­me­rin ihren Ver­trieb ab Ver­trags­be­ginn zunächst gestal­tet hat. Wenn und soweit die Unter­neh­me­rin zunächst den Ver­trieb aus­schließ­lich der Han­dels­ver­tre­te­rin für ihr Ver­kaufs­ge­biet über­las­sen hat, lässt sich dar­aus nicht schlie­ßen, dass ein Allein­ver­triebs­recht der Han­dels­ver­tre­te­rin von der Unter­neh­me­rin ver­bind­lich zuge­sagt sein soll­te. Denn zum einen konn­te die Unter­neh­me­rin selbst im Hin­blick auf die Pro­vi­si­ons­re­ge­lung gemäß § 87 Abs. 2 HGB (Bezirks­schutz) aus wirt­schaft­li­chen Grün­den nicht ohne Wei­te­res an einem Par­al­lel­ver­trieb inter­es­siert sein. Zum ande­ren muss es dem Unter­neh­mer auch bei einem bestehen­den Han­dels­ver­tre­ter­ver­trag grund­sätz­lich gestat­tet sein, sei­ne Ver­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on nach­träg­lich zu ändern, soweit dies nicht unmit­tel­bar ver­bind­li­chen Ver­ein­ba­run­gen mit dem Han­dels­ver­tre­ter zuwi­der läuft [3]. Soweit die Unter­neh­me­rin nach Abschluss des Ver­tra­ges im Janu­ar 2012 einen Par­al­lel­ver­trieb im Ver­kaufs­ge­biet der Han­dels­ver­tre­te­rin (durch eige­nen Ver­kauf oder durch Händ­ler) unter­ließ – was zwi­schen den Par­tei­en strei­tig ist, ergibt sich aus einer sol­chen Pra­xis kein Rück­schluss auf eine ver­trag­lich bin­den­de Ver­pflich­tung der Unter­neh­me­rin.

Es ist kein durch­grei­fen­des wirt­schaft­li­ches Inter­es­se der Han­dels­ver­tre­te­rin ersicht­lich, wel­ches ein ver­trag­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot der Unter­neh­me­rin nahe­le­gen wür­de. Denn aus der Sicht der Han­dels­ver­tre­te­rin war ent­schei­dend, dass sie für sämt­li­che Ver­kaufs­fäl­le in ihrem Bezirk die im Ver­trag fest­ge­leg­te Pro­vi­si­on bekom­men soll­te, und dass sie zudem von der Unter­neh­me­rin über deren Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Kun­den oder Inter­es­sen­ten voll­stän­dig infor­miert wur­de. Im Hin­blick auf die Ver­ein­ba­rung gemäß § 87 Abs. 2 HGB hät­te ein zusätz­li­ches Wett­be­werbs­ver­bot für die Han­dels­ver­tre­te­rin – wenn über­haupt – allen­falls mar­gi­na­le Bedeu­tung im Hin­blick auf einen mög­li­chen spä­te­ren Aus­gleichs­an­spruch gemäß § 89 b HGB haben kön­nen [4]. Dass die­ser Gesichts­punkt für die Han­dels­ver­tre­te­rin bei Abschluss des Ver­tra­ges von beson­de­rer Bedeu­tung gewe­sen wäre, ist nicht ersicht­lich.

Dem­ge­gen­über hat­te die Unter­neh­me­rin erheb­li­che Inter­es­sen, die gegen ein Wett­be­werbs­ver­bot im Ver­kaufs­ge­biet der Han­dels­ver­tre­te­rin spra­chen, um als Unter­neh­me­rin die Mög­lich­keit von Ände­run­gen der Ver­triebs­struk­tu­ren zu behal­ten. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass die Han­dels­ver­tre­te­rin nach dem Inhalt des mit der Unter­neh­me­rin abge­schlos­se­nen Ver­tra­ges kei­ner­lei Ver­pflich­tun­gen im Hin­blick auf den wirt­schaft­li­chen Erfolg ihrer Tätig­keit (bei­spiels­wei­se im Zusam­men­hang mit Umsatz­zah­len) hat­te. Die Han­dels­ver­tre­te­rin hat­te – wie bei Han­dels­ver­tre­tern üblich – ledig­lich die Ver­pflich­tung, sich um die Ver­mitt­lung von Geschäf­ten zu „bemü­hen“ (§ 86 Abs. 1 Satz 1 1. Halb­satz HGB). Da die Unter­neh­me­rin den Erfolg der Tätig­keit der Han­dels­ver­tre­te­rin im Vor­hin­ein nicht sicher abse­hen konn­te, hät­te sie sich bei der Ver­ein­ba­rung eines Wett­be­werbs­ver­bots in unge­wöhn­li­chem Maß von ihrer Han­dels­ver­tre­te­rin abhän­gig gemacht. Wenn im Lau­fe eines Ver­trags­ver­hält­nis­ses Strei­tig­kei­ten ent­ste­hen (die vor­lie­gend eine gro­ße Zahl ver­schie­de­ner Punk­te betref­fen und über den vor­lie­gen­den Recht­streit hin­aus­ge­hen), könn­te ein Wett­be­werbs­ver­bot für den Unter­neh­mer exis­tenz­ge­fähr­dend wer­den. Die Ver­ein­ba­rung eines Wett­be­werbs­ver­bots für den Unter­neh­mer zuguns­ten des Han­dels­ver­tre­ters ist recht­lich zwar mög­lich, in der Pra­xis aber, wenn gleich­zei­tig ein Bezirks­schutz gemäß § 87 Abs. 2 HGB ver­ein­bart ist, äußerst unge­wöhn­lich.

In ande­ren Fäl­len hat die Recht­spre­chung ein Allein­ver­triebs­recht des Han­dels­ver­tre­ters oder – auch ohne Allein­ver­triebs­recht – ein Wett­be­werbs­ver­bot des Unter­neh­mers ange­nom­men habe [5]. Die­se Ent­schei­dun­gen sind jedoch nicht ver­gleich­bar, da es dort – anders als vor­lie­gend – nicht um Han­dels­ver­tre­ter, son­dern um Ver­trags­händ­ler ging. Bei Ver­trags­händ­ler­fäl­len ist – im Ver­gleich zum Han­dels­ver­tre­ter – eine wesent­lich ande­re wirt­schaft­li­che Inter­es­sen­la­ge gege­ben, die ein Allein­ver­triebs­recht im juris­ti­schen Sin­ne oder die Annah­me eines Wett­be­werbs­ver­bots wesent­lich näher­lie­gend erschei­nen lässt. Denn bei Ver­trags­händ­lern gibt es in der Regel kei­ne § 87 Abs. 2 HGB ent­spre­chen­den Ver­ein­ba­run­gen, die den Ver­trags­händ­ler gegen­über dem Unter­neh­mer beim Auf­bau eines Par­al­lel­ver­triebs schüt­zen wür­den. Die Kom­men­tie­rung bei Baumbach/​Hopt, HGB, 36. Auf­la­ge 2014, § 36 a HGB, RdNr. 17 ist inso­fern unge­nau, als die dort für die Ver­ein­ba­rung von Wett­be­werbs­ver­bo­ten zitier­ten Fäl­le über­wie­gend Ver­trags­händ­ler bzw. Eigen­händ­ler betra­fen und kei­ne Han­dels­ver­tre­ter. Auch die Kom­men­tie­rung von Emde [6] zur Ver­ein­ba­rung eines „Allein­ver­triebs“ für einen Han­dels­ver­tre­ter passt zum gro­ßen Teil nicht auf Han­dels­ver­tre­ter, die einen Bezirks­schutz gemäß § 87 Abs. 2 HGB genie­ßen.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 6. Novem­ber 2014 – 9 U 58/​14

  1. vgl. Baumbach/​Hopt, HGB, 36. Auf­la­ge 2014, § 86 a HGB, RdNr. 17 und § 87 HGB, RdNr. 24[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 21.12.1964 – IVV ZR 31/​63 – zitiert nach Juris; von Hoy­nin­gen-Hue­ne im Münch­Komm., HGB, 3. Auf­la­ge 2010, § 87 HGB, RdNr. 81; Emde in Staub, HGB, 5. Auf­la­ge 2008, § 84 HGB, RdNr. 97, 100; Emde, Par­al­lel­ver­trieb zwi­schen Unter­neh­mer und Ver­triebs­mit­t­ler, VersR 2012, 536, 539[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 21.12.1964 – VII ZR 31/​63, zitiert nach Juris; OLG Düs­sel­dorf, Urteil vom 14.09.2012, zitiert nach Juris; Emde, VersR 2012, 536[]
  4. vgl. zu die­sem Gesichts­punkt Baumbach/​Hopt, HGB, 36. Auf­la­ge 2014, § 86 a HGB, RdNr. 17[]
  5. bei­spiels­wei­se BGHZ 124, 354 sowie OLG Köln, NJW-RR 2001, 1178[]
  6. in Staub, HGB, Band 2, 5. Auf­la­ge 2008, § 84 HGB Rn. 95 ff.[]