Der Rück­griff gegen den Unter­fracht­füh­rer – und der Gerichts­stand

Wird ein Unter­fracht­füh­rer von dem ihn beauf­tra­gen­den Haupt­fracht­füh­rer im Wege eines Rück­griffs aus dem Unter­fracht­ver­trag auf Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men, bestimmt sich der Ort der Über­nah­me des Gutes im Sin­ne von Art. 31 Abs. 1 Satz 1 Buchst. b CMR danach, wo der Unter­fracht­füh­rer das Fracht­gut über­nom­men hat1.

Der Rück­griff gegen den Unter­fracht­füh­rer – und der Gerichts­stand

Nach Art. 31 Abs. 1 Satz 1 Buchst. b CMR kön­nen wegen aller Strei­tig­kei­ten aus einer der CMR unter­lie­gen­den Beför­de­rung die Gerich­te eines Staa­tes ange­ru­fen wer­den, auf des­sen Gebiet der Ort der Über­nah­me des Gutes oder der für die Ablie­fe­rung vor­ge­se­he­ne Ort liegt. Die Zustän­dig­keits­re­ge­lung gemäß Art. 31 Abs. 1 Satz 1 Buchst. b CMR gilt sowohl für ver­trag­li­che als auch für außer­ver­trag­li­che Ansprü­che, etwa aus Delikt, sofern sie mit der Güter­be­för­de­rung in einem sach­li­chen Zusam­men­hang ste­hen2.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kom­men die Zustän­dig­keits­re­ge­lun­gen des Art. 31 Abs. 1 CMR grund­sätz­lich auch dann zur Anwen­dung, wenn ein (wei­te­rer) Unter­fracht­füh­rer als blo­ße Hilfs­per­son (Art. 3 CMR) des Haupt­fracht­füh­rers von des­sen Auf­trag­ge­ber oder vom Rechts­nach­fol­ger des Auf­trag­ge­bers wegen Ver­lusts oder Beschä­di­gung des Trans­port­gu­tes aus Delikt auf Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men wird. Maß­geb­lich ist dann der Gesamt­be­för­de­rungs­ver­trag, da die­ser die Grund­la­ge für die vom Auf­trag­ge­ber oder sei­nem Rechts­nach­fol­ger gel­tend gemach­ten Ersatz­an­sprü­che bil­det. Als Ort der Über­nah­me im Sin­ne von Art. 31 Abs. 1 Satz 1 Buchst. b CMR ist in einem sol­chen Fall in der Regel nicht der Ort der Über­nah­me des Gutes durch den Unter­fracht­füh­rer, son­dern der Abgangs­ort der gesam­ten Beför­de­rung anzu­se­hen3.

Die im hier ent­schie­de­nen Streit­fall gege­be­ne Fall­ge­stal­tung ist nicht mit der­je­ni­gen ver­gleich­bar, über die der Bun­des­ge­richts­hof in der Revi­si­ons­sa­che – I ZR 70/​06 mit Urteil vom 20.11.20084 ent­schie­den hat. Der vor­lie­gen­de Fall unter­schei­det sich in einem maß­geb­li­chen Punkt von der dort zugrun­de­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on.

In jenem Fall wur­de der beklag­te Unter­fracht­füh­rer als Hilfs­per­son (Art. 3 CMR) des Haupt­fracht­füh­rers von dem Rechts­nach­fol­ger, einem Trans­port­ver­si­che­rer, des Ursprungs­ver­sen­ders (= Auf­trag­ge­ber des Haupt­fracht­füh­rers) wegen Beschä­di­gung von Trans­port­gut aus Delikt auf Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men. Grund­la­ge für die direk­te Inan­spruch­nah­me des Unter­fracht­füh­rers durch den Auf­trag­ge­ber des Haupt­fracht­füh­rers oder des­sen Rechts­nach­fol­ger war der Gesamt­be­för­de­rungs­ver­trag, den der Ursprungs­ver­sen­der mit dem Haupt­fracht­füh­rer geschlos­sen hat, und nicht das Ver­trags­ver­hält­nis zwi­schen dem Haupt/​Unterfrachtführer und einem (wei­te­ren) Unter­fracht­füh­rer5.

Da der Gesamt­be­för­de­rungs­ver­trag die Grund­la­ge für die Gel­tend­ma­chung von Ersatz­an­sprü­chen gegen den Unter­fracht­füh­rer bil­det, ist als Ort der Über­nah­me im Sin­ne von Art. 31 Abs. 1 Satz 1 Buchst. b CMR nach ganz über­wie­gen­der Auf­fas­sung in der Recht­spre­chung und im Schrift­tum in der Regel nicht der Ort der Über­nah­me des Gutes durch den Unter­fracht­füh­rer, son­dern der Abgangs­ort der gesam­ten Beför­de­rung anzu­se­hen6. Für die­se Sicht­wei­se spricht vor allem der Umstand, dass sie es den am Fracht­ver­trag betei­lig­ten Per­so­nen ermög­licht, auch meh­re­re aus ein und dem­sel­ben Beför­de­rungs­ver­trag her­rüh­ren­de Rechts­strei­tig­kei­ten vor den Gerich­ten eines Staa­tes abzu­wi­ckeln7. Im Fal­le der Ver­nei­nung eines ein­heit­li­chen Gerichts­stan­des für eine Kla­ge gegen den Haupt­fracht­füh­rer und wei­te­re Unter­fracht­füh­rer, zu denen sei­tens des Absen­ders oder Emp­fän­gers des Gutes kei­ne Ver­trags­be­zie­hun­gen bestehen, müss­te, wie sich aus Art. 28 Abs. 2 CMR ergibt, das nur mit der außer­ver­trag­li­chen Haf­tung des (jewei­li­gen) Unter­fracht­füh­rers befass­te Gericht gege­be­nen­falls auch die Vor­schrif­ten der CMR berück­sich­ti­gen und anwen­den. Denn nach die­ser Vor­schrift kann sich ein Unter­fracht­füh­rer, für den der Haupt­fracht­füh­rer gemäß Art. 3 CMR haf­tet, auf die Bestim­mun­gen des Über­ein­kom­mens beru­fen, die die Haf­tung des Haupt­fracht­füh­rers aus­schlie­ßen oder begren­zen, wenn gegen ihn Ansprü­che aus außer­ver­trag­li­cher Haf­tung für Ver­lust oder Beschä­di­gung des Gutes erho­ben wer­den. Ein der­ar­ti­ges Ergeb­nis lie­fe zum einen dem Sinn und Zweck des Art. 31 Abs. 1 CMR zuwi­der, Strei­tig­kei­ten aus einer der CMR unter­lie­gen­den grenz­über­schrei­ten­den Beför­de­rung auf ganz bestimm­te Gerichts­stän­de zu beschrän­ken, und wür­de zum ande­ren die Gefahr diver­gie­ren­der Gerichts­ent­schei­dun­gen über ein und den­sel­ben Lebens­sach­ver­halt in sich ber­gen8.

Im Streit­fall wird die Beklag­te anders als in den Fäl­len, die Gegen­stand der BGH-Ent­schei­dun­gen vom 31.05.20019 und 20.11.200810 waren von dem Rechts­nach­fol­ger ihres unmit­tel­ba­ren Ver­trags­part­ners im Wege einer Rück­griffs­kla­ge wegen Ver­lus­tes von Trans­port­gut auf Scha­dens­er­satz in Anspruch genom­men. Die Klä­ge­rin macht gegen die Beklag­te aus­schließ­lich fracht­ver­trag­li­che Ansprü­che gel­tend. Der Fracht­ver­trag zwi­schen der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin der Klä­ge­rin und der Beklag­ten weist kei­ne unmit­tel­ba­ren Berüh­rungs­punk­te zum ursprüng­li­chen Über­nah­me­ort des Gutes in Enniger­loh in Deutsch­land auf. Der Fracht­ver­trag, aus dem die Klä­ge­rin die Ansprü­che gegen die Beklag­te her­lei­tet, wur­de von zwei in den Nie­der­lan­den ansäs­si­gen Trans­port­un­ter­neh­men geschlos­sen. Die Beklag­te hat das Gut auch in den Nie­der­lan­den zur Beför­de­rung nach Groß­bri­tan­ni­en über­nom­men. Bei einer der­ar­ti­gen Fall­ge­stal­tung besteht auch unter Berück­sich­ti­gung von Sinn und Zweck des Art. 31 Abs. 1 CMR kein Bedürf­nis, auf den ursprüng­li­chen Abgangs­ort in Enniger­loh als Ort der Über­nah­me des Gutes im Sin­ne von Art. 31 Abs. 1 Satz 1 Buchst. b CMR abzu­stel­len. Über­nah­me­ort ist bei der im Streit­fall gege­be­nen Fall­ge­stal­tung viel­mehr der Ort, an dem die Beklag­te das Gut von ihrem direk­ten Ver­trags­part­ner zur Beför­de­rung über­nom­men hat11.

Hier­für spricht zunächst, dass der Unter­fracht­ver­trag, aus dem die Ansprü­che her­ge­lei­tet wer­den, die größ­te Nähe zu dem in die­sem Ver­trag vor­ge­se­he­nen Über­nah­me­ort und nicht zu dem Abgangs­ort des Haupt­ver­trags auf­weist. Es kommt hin­zu, dass der Haupt­fracht­füh­rer den von ihm unter­zeich­ne­ten Fracht­brief wie auch im Streit­fall oft­mals nicht an den Unter­fracht­füh­rer wei­ter­gibt, son­dern im Zusam­men­hang mit der Über­ga­be des Gutes an den Unter­fracht­füh­rer einen neu­en Fracht­brief aus­stellt, in dem der Haupt­fracht­füh­rer als Absen­der erscheint und als Ort der Über­nah­me der­je­ni­ge Ort aus­ge­wie­sen ist, an dem der Unter­fracht­füh­rer das Gut selbst über­nom­men hat12. Unter­fracht­füh­rer, die im Ver­lau­fe der Beför­de­rung das Gut über­neh­men, wis­sen daher nicht ohne wei­te­res, wo der Trans­port sei­nen Aus­gang genom­men hat. Der Unter­fracht­füh­rer schul­det grund­sätz­lich nur dem­je­ni­gen Unter­neh­men Regress, mit dem er einen Fracht­ver­trag geschlos­sen hat. Dem Auf­trag­ge­ber des Unter­fracht­füh­rers ist aber anders als dem Ursprungs­ver­sen­der in aller Regel bekannt, an wel­chem Ort der Unter­fracht­füh­rer das Gut zur Beför­de­rung über­nom­men hat. Dem kla­gen­den Haupt­fracht­füh­rer berei­tet es dann kei­ne unzu­mut­ba­ren Schwie­rig­kei­ten, den rich­ti­gen Gerichts­ort für eine Regress­kla­ge gegen den Unter­fracht­füh­rer fest­zu­stel­len13. Der Regress neh­men­de Haupt­fracht­füh­rer ist daher nicht in glei­chem Maße schutz­be­dürf­tig wie der Auf­trag­ge­ber des Gesamt­trans­ports, der auf die Ein­schal­tung eines Unter­fracht­füh­rers und den im Unter­fracht­ver­trag vor­ge­se­he­nen Über­nah­me­ort anders als der Haupt­fracht­füh­rer regel­mä­ßig kei­nen Ein­fluss hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 13. März 2014 – I ZR 36/​13

  1. Abgren­zung zu BGH, Urteil vom 20.11.2008 – I ZR 70/​06, TranspR 2009, 26 []
  2. BGH, Beschluss vom 31.05.2001 – I ZR 85/​00, TranspR 2001, 452 = VersR 2002, 213; Urteil vom 20.11.2008 – I ZR 70/​06, TranspR 2009, 26 Rn.19 = VersR 2009, 807 []
  3. BGH, TranspR 2009, 26 Rn.20 []
  4. BGH, Urteil vom 20.11.2008 – I ZR 70/​06, TranspR 2009, 26 []
  5. BGH, TranspR 2001, 452; TranspR 2009, 26 Rn. 18 []
  6. BGH, TranspR 2001, 452; TranspR 2009, 26 Rn.20; OLG Köln, TranspR 2004, 359, 361; österr. OGH, TranspR 2000, 34 f.; MünchKomm-.HGB/Jesser-Huß, 2. Aufl., Art. 31 CMR Rn. 22; Boesche in Ebenroth/​Boujong/​Joost/​Strohn, HGB, 2. Aufl., Art. 31 CMR Rn. 10; Demuth in Thu­me, CMR, 3. Aufl., Art. 31 Rn. 26; Herber/​Piper, CMR, Art. 31 Rn. 4, 6; aA Kol­ler, Trans­port­recht aaO Art. 31 CMR Rn. 4; ders., TranspR 2002, 133, 136 []
  7. BGH, TranspR 2009, 26 Rn. 23 mwN []
  8. BGH, TranspR 2009, 26 Rn. 23 []
  9. BGH, TranspR 2001, 452 []
  10. BGH, TranspR 2009, 26 []
  11. vgl. OLG Ham­burg, Urteil vom 17.07.2008 6 U 226/​07; Münch­Komm-HGB/Jes­ser-Huß aaO Art. 31 CMR Rn. 22; Kol­ler, TranspR 2000, 152; aA österr. OGH, TranspR 2000, 34 []
  12. vgl. Kol­ler, Trans­port­recht aaO vor Art. 34 CMR Rn. 3; Münch­Komm-HGB/Jes­ser-Huß aaO Art. 34 CMR Rn. 7; Schmid in Thu­me aaO vor Art. 34 Rn. 3 []
  13. vgl. OLG Ham­burg, Urteil vom 17.07.2008 6 U 226/​07 []