Han­dels­ver­tre­ter für lang­le­bi­ge Indus­trie­fuß­bö­den

Auch bei beson­ders lang­le­bi­gen Wirt­schafts­gü­tern (im vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall Indus­trie­fuß­bö­den mit einer Halt­bar­keit von 25 Jah­ren) kön­nen dem Unter­neh­mer bei Been­di­gung des Han­dels­ver­tre­ter­ver­tra­ges aus der Geschäfts­ver­bin­dung aus­gleichs­pflich­ti­ge Unter­neh­mer­vor­tei­le inso­weit ver­blei­ben, als mit Fol­ge­auf­trä­gen von expan­die­ren­den Unter­neh­men oder mit Nach­be­stel­lun­gen von Kun­den zu rech­nen ist, die wäh­rend der Lebens­dau­er der bezo­ge­nen Pro­duk­te außer­halb von Gewähr­leis­tungs­ar­bei­ten gleich­ar­ti­ges Mate­ri­al zur Behe­bung von Schä­den benö­ti­gen.

Han­dels­ver­tre­ter für lang­le­bi­ge Indus­trie­fuß­bö­den

Grund­la­ge der Berech­nung des Aus­gleichs­an­spruchs des Han­dels­ver­tre­ters sind die im letz­ten Ver­trags­jahr auf Umsät­ze mit vom Han­dels­ver­tre­ter gewor­be­nen Stamm­kun­den (oder inten­si­vier­ten Alt­kun­den) ent­fal­len­den Pro­vi­sio­nen. Der Aus­gleichs­an­spruch nach § 89b HGB dient dem Zweck, die Unter­neh­mer­vor­tei­le und Pro­vi­si­ons­ver­lus­te aus­zu­glei­chen, die sich dar­aus erge­ben, dass der Unter­neh­mer vor­aus­sicht­lich für eini­ge Zeit noch Fol­ge­ge­schäf­te mit sol­chen Kun­den (Stamm- oder Mehr­fach­kun­den) abschlie­ßen wird, zu denen der inzwi­schen aus­ge­schie­de­ne Han­dels­ver­tre­ter eine Geschäfts­be­zie­hung her­ge­stellt hat, der Han­dels­ver­tre­ter aber an die­ser Spät­wir­kung sei­ner frü­he­ren Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit nicht mehr in Form von Pro­vi­sio­nen par­ti­zi­piert. Als Stamm­kun­den sind dabei die­je­ni­gen Kun­den anzu­se­hen, die in einem über­schau­ba­ren Zeit­raum, in dem übli­cher­wei­se mit Nach­be­stel­lun­gen zu rech­nen ist, mehr als nur ein Geschäft mit dem Unter­neh­mer abge­schlos­sen haben oder vor­aus­sicht­lich abschlie­ßen wer­den 1. Dabei reicht es für die Annah­me einer Geschäfts­ver­bin­dung mit den vom Han­dels­ver­tre­ter gewor­be­nen neu­en Kun­den aus, dass die Wer­be­tä­tig­keit des Han­dels­ver­tre­ters zumin­dest mit­ur­säch­lich gewe­sen ist 2.

Der Han­dels­ver­tre­ter muss daher grund­sätz­lich dar­le­gen, wel­cher Anteil sei­ner Pro­vi­si­ons­ein­nah­men des letz­ten Ver­trags­jah­res auf Fol­ge­ge­schäf­te mit von ihm gewor­be­nen Stamm-/Mehr­fach­kun­den ent­fällt. Eine Par­tei genügt ihrer Dar­le­gungs­last, wenn sie Tat­sa­chen vor­trägt, die in Ver­bin­dung mit einem Rechts­satz geeig­net und erfor­der­lich sind, das gel­tend gemach­te Recht als in ihrer Per­son ent­stan­den erschei­nen zu las­sen. Genügt der Vor­trag die­sen Anfor­de­run­gen, kön­nen wei­ter­ge­hen­de Aus­füh­run­gen, die die behaup­te­ten Tat­sa­chen wahr­schein­lich machen, für die Schlüs­sig­keit nicht ver­langt wer­den; es ist viel­mehr Sache des Tatrich­ters, in die Beweis­auf­nah­me ein­zu­tre­ten, um dort Zeu­gen oder Sach­ver­stän­di­ge nach Ein­zel­hei­ten zu befra­gen 3.

Auch ist der Vor­trag des Han­dels­ver­tre­ters zu Fol­ge­auf­trä­gen nicht des­we­gen "irre­al" und für die Bemes­sung des Aus­gleichs­an­spruchs ohne Bedeu­tung, weil es sich bei dem Gegen­stand des Han­dels­ver­tre­ter­ver­tra­ges um ein beson­ders lang­le­bi­ges Pro­dukt han­delt. Zwar sind ange­sichts der lan­gen Lebens­dau­er der ver­trie­be­nen Indus­trie­fuß­bö­den – der Geschäfts­herr geht von rund 25 Jah­ren aus – Auf­trä­ge zur voll­stän­di­gen Erneue­rung typi­scher­wei­se nur mit gro­ßem zeit­li­chen Abstand zu erwar­ten. Gleich­wohl sind auch bei sehr lang­le­bi­gen Pro­duk­ten Fol­ge­auf­trä­ge zu erwar­ten, zum Bei­spiel von expan­die­ren­den Unter­neh­men, die zusätz­li­chen Bedarf an Indus­trie­fuß­bö­den für Pro­duk­ti­ons- und Lager­flä­chen haben, oder für Repa­ra­tur­auf­trä­ge, die ohne wei­te­res als aus­gleichs­pflich­ti­ge Fol­ge­auf­trä­ge zu berück­sich­ti­gen sind. Dies gilt ins­be­son­de­re auch, wenn nach dem Han­dels­ver­tre­ter­ver­trag auch rei­ne Repa­ra­tur­auf­trä­ge (also nicht blo­ße Gewähr­leis­tungs­ar­bei­ten auf­grund man­gel­haf­ter Lie­fe­rung) pro­vi­si­ons­pflich­tig waren; es han­delt sich dabei um Nach­be­stel­lun­gen von Kun­den, die wäh­rend der Lebens­dau­er der bezo­ge­nen Pro­duk­te zur Behe­bung von Schä­den gleich­ar­ti­ges Mate­ri­al benö­ti­gen. Auch der­ar­ti­ge Repa­ra­tur­auf­trä­ge sind Fol­ge­ge­schäf­te im Sin­ne des § 89b HGB, ohne dass es dar­auf ankommt, ob sie auf einer neu­er­li­chen Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit des Han­dels­ver­tre­ters beru­hen und ob die­se auch mit der Ver­mitt­lung von "Repa­ra­tur­auf­trä­gen" ver­trag­lich aus­drück­lich betraut gewe­sen ist.

Der Aus­gleichs­an­spruch des Han­dels­ver­tre­ters schei­tert auch nicht dar­an, dass die­ser nichts zur Kun­den­ab­wan­de­rung in den letz­ten Ver­trags­jah­ren vor­ge­tra­gen hat und des­halb weder die Abwan­de­rungs­quo­te noch der zugrun­de zu legen­de Pro­gno­se­zeit­raum schlüs­sig dar­ge­legt ist. Die Vor­tei­le, die der Unter­neh­mer durch den Abschluss von Geschäf­ten mit dem vom Han­dels­ver­tre­ter neu gewor­be­nen Kun­den­stamm erlangt, sind durch eine Umsatz­pro­gno­se zu ermit­teln, bei der das Gericht regel­mä­ßig auf eine Schät­zung nach § 287 Abs. 2 ZPO ange­wie­sen ist 4. Dies gilt auch für die dabei zugrun­de zu legen­de Abwan­de­rungs­quo­te, also den Anteil an Stamm­kun­den (Mehr­fach­kun­den), der nach Ver­trags­be­en­di­gung jähr­lich abwan­dert. Maß­geb­lich für die auf den Zeit­punkt der Been­di­gung des Han­dels­ver­tre­ter­ver­tra­ges aus­zu­rich­ten­de Schät­zung der Abwan­de­rungs­quo­te sind vor­ran­gig die kon­kre­ten Ver­hält­nis­se (Kun­den­be­we­gun­gen) wäh­rend der Ver­trags­zeit 5. Lässt sich die Abwan­de­rungs­quo­te man­gels aus­rei­chen­der Anhalts­punk­te für die Kun­den­be­we­gun­gen wäh­rend der Ver­trags­zeit nicht kon­kret ermit­teln, kann auf Erfah­rungs­wer­te zurück­ge­grif­fen wer­den 6.

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat sich der Han­dels­ver­tre­ter für die Berech­nung des von ihm ver­lang­ten Han­dels­ver­tre­ter­aus­gleichs auf eine übli­cher­wei­se zugrun­de geleg­te Abwan­de­rungs­quo­te von 20 % jähr­lich bei einem Pro­gno­se­zeit­raum von 5 Jah­ren beru­fen und fer­ner vor­ge­tra­gen, dass das durch­schnitt­li­che Nach­be­stel­l­in­ter­vall ihrer Stamm­kun­den rund 2 Jah­re betra­gen habe; über­dies hat er für die von ihm gewor­be­nen 56 Stamm­kun­den die jewei­li­gen Umsät­ze wäh­rend der gesam­ten Han­dels­ver­tre­ter­tä­tig­keit vor­ge­tra­gen. Er hat daher alles ihm Mög­li­che zu den kon­kre­ten Ver­hält­nis­sen vor­ge­tra­gen; soweit sich dar­aus kei­ne trag­fä­hi­gen Rück­schlüs­se auf eine kon­kre­te Abwan­de­rungs­quo­te wäh­rend der Ver­trags­zeit erge­ben, ist – wie aus­ge­führt – auf Erfah­rungs­wer­te zurück­zu­grei­fen und gege­be­nen­falls eine Schät­zung zur Fest­stel­lung eines Aus­gleichs­min­dest­be­tra­ges vor­zu­neh­men. Man­gels kon­kre­ter ander­wei­ti­ger Erkennt­nis­se kann als Anhalts­punkt die übli­cher­wei­se zugrun­de geleg­te und hier auch vom Han­dels­ver­tre­ter gel­tend gemach­te Abwan­de­rungs­quo­te von 20 % die­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­ur­teil vom 17. Novem­ber 2010 – VIII ZR 322/​09

  1. BGH, Urtei­le vom 06.08.1997 – VIII ZR 150/​96, NJW 1998, 66; und VIII ZR 92/​96, NJW 1998, 71; vom 12.09.2007 – VIII ZR 194/​06, BB 2007, 2475; sowie vom 17.12.2008 – VIII ZR 159/​07, VersR 2009, 355 Rn. 35[]
  2. BGH, Urtei­le vom 25.10.1984 – I ZR 104/​82, NJW 1985, 859; und vom 06.08.1997 – VIII ZR 92/​96, aaO[]
  3. st. Rspr., z.B. BGH, Beschluss vom 21.05.2007 – II ZR 266/​04, NJW-RR 2007, 1409; Urteil vom 13.07.1998 – II ZR 131/​97, VersR 1999, 1120[]
  4. BGH, Urteil vom 29.03.1990 – I ZR 2/​89, NJW 1990, 2889[]
  5. BGH, Urteil vom 10.07.2002 – VIII ZR 58/​00, NJW-RR 2002, 1548[]
  6. BGH, Urtei­le vom 26.02.1997 – VIII ZR 272/​95, NJW 1997, 1503; sowie vom 10.07.2002 – VIII ZR 58/​00 aaO[]
  7. EuGH, Urteil vom 28.10.2010 – C‑203/​09, DB 2010, 2495[]