Netz­sper­ren gegen Schwarz­ko­pi­en

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in zwei Ver­fah­ren über die Haf­tung von Unter­neh­men, die den Zugang zum Inter­net ver­mit­teln (Access-Pro­vi­der), für Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen Drit­ter ent­schie­den. In bei­den Ver­fah­ren unter­la­gen zwar die GEMA bzw. der kla­gen­den Musik­ver­la­ge mit ihrer For­de­rung nach Netz­sper­ren, aber der Bun­des­ge­richts­hof lie­fer­te auch die Gebrauchs­an­wei­sung, wie sol­che Sperr­an­for­de­run­gen zukünf­tig funk­tio­nie­ren wer­den:

Netz­sper­ren gegen Schwarz­ko­pi­en
  • Die Klä­ge­rin ers­ten Ver­fah­ren 1 ist die Gesell­schaft für musi­ka­li­sche Auf­füh­rungs- und mecha­ni­sche Ver­viel­fäl­ti­gungs­rech­te (GEMA). Sie nimmt für Kom­po­nis­ten, Text­dich­ter und Musik­ver­le­ger urhe­ber­recht­li­che Nut­zungs­rech­te an Musik­wer­ken wahr. Die beklag­te Deut­sche Tele­kom war Betrei­be­rin eines zwi­schen­zeit­lich von einer kon­zern­ver­bun­de­nen Gesell­schaft unter­hal­te­nen Tele­fon­net­zes, über das ihre Kun­den Zugang zum Inter­net erhiel­ten. Als soge­nann­ter Access-Pro­vi­der ver­mit­tel­te die Beklag­te ihren Kun­den auch den Zugang zu der Web­sei­te "3dl.am".

    Nach Dar­stel­lung der GEMA konn­te über die­se Web­sei­te auf eine Samm­lung von Links und URLs zuge­grif­fen wer­den, die das Her­un­ter­la­den urhe­ber­recht­lich geschütz­ter Musik­wer­ke ermög­lich­ten, die bei Shareh­os­tern wie "Rapid­S­ha­re", "Net­load" oder "Uploa­ded" wider­recht­lich hoch­ge­la­den wor­den waren. Die Klä­ge­rin sieht hier­in eine Ver­let­zung der von ihr wahr­ge­nom­me­nen Urhe­ber­rech­te. Sie macht gel­tend, die Beklag­te habe der­ar­ti­ge Rechts­ver­let­zun­gen zu unter­bin­den. Die Klä­ge­rin hat die Beklag­te auf Unter­las­sung in Anspruch genom­men, über von ihr bereit­ge­stell­te Inter­net­zu­gän­ge Drit­ten den Zugriff auf Links zu den streit­be­fan­ge­nen Wer­ken über die Web­sei­te "3dl.am" zu ermög­li­chen.

    Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Ham­burg hat die Kla­ge abge­wie­sen 2, das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg die Beru­fung der GEMA zurück­ge­wie­sen 3.

  • Die Klä­ge­rin­nen im zwei­ten Ver­fah­ren 4 sind Ton­trä­ger­her­stel­ler. Die Beklag­te ist Betrei­be­rin eines regio­na­len Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­zes, über das ihre Kun­den Zugang zum Inter­net erhal­ten. Als Access-Pro­vi­der ver­mit­tel­te sie ihren Kun­den auch den Zugang zu der Web­sei­te "goldesel.to".

    Nach Dar­stel­lung der Musik­ver­la­ge konn­te über die­se Web­sei­te auf eine Samm­lung von zu urhe­ber­recht­lich geschütz­ten Musik­wer­ken hin­füh­ren­den Links und URLs zuge­grif­fen wer­den, die bei dem File­sha­ring-Netz­werk "eDon­key" wider­recht­lich hoch­ge­la­den wor­den waren. Die Musik­ver­la­ge sehen hier­in eine Ver­let­zung ihrer urhe­ber­recht­li­chen Leis­tungs­schutz­rech­te gemäß § 85 UrhG. Die Musik­ver­la­ge haben die Netz­be­trei­be­rin auf Unter­las­sung in Anspruch genom­men, über von ihr bereit­ge­stell­te Inter­net­zu­gän­ge Drit­ten den Zugriff auf Links zu den streit­be­fan­ge­nen Wer­ken über die Web­sei­te "goldesel.to" zu ermög­li­chen.

    Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Köln hat die Kla­ge abge­wie­sen 5, das Ober­lan­des­ge­richt Köln die Beru­fung der Musik­ver­la­ge zurück­ge­wie­sen 6.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun auch die von den bei­den Ober­lan­des­ge­rich­ten in den Beru­fungs­ur­tei­len zuge­las­se­nen Revi­sio­nen der GEMA und der Musik­ver­la­ge zurück­ge­wie­sen:

Ein Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men, das Drit­ten den Zugang zum Inter­net bereit­stellt, kann von einem Rech­te­inha­ber grund­sätz­lich als Stö­rer dar­auf in Anspruch genom­men wer­den, den Zugang zu Inter­net­sei­ten zu unter­bin­den, auf denen urhe­ber­recht­lich geschütz­te Wer­ke rechts­wid­rig öffent­lich zugäng­lich gemacht wer­den. Als Stö­rer haf­tet bei der Ver­let­zung abso­lu­ter Rech­te (etwa des Urhe­ber­rechts oder eines Leis­tungs­schutz­rechts) auf Unter­las­sung, wer – ohne Täter oder Teil­neh­mer zu sein – in irgend­ei­ner Wei­se wil­lent­lich und adäquat-kau­sal zur Ver­let­zung des geschütz­ten Rechts­guts bei­trägt, sofern er zumut­ba­re Prü­fungs­pflich­ten ver­letzt hat. Das deut­sche Recht ist vor dem Hin­ter­grund des Art. 8 Abs. 3 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG über das Urhe­ber­recht in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen und muss des­halb eine Mög­lich­keit vor­se­hen, gegen Ver­mitt­ler von Inter­net­zu­gän­gen Sperr­an­ord­nun­gen zu ver­hän­gen.

In der Ver­mitt­lung des Zugangs zu Inter­net­sei­ten mit urhe­ber­rechts­wid­ri­gen Inhal­ten liegt ein adäquat-kau­sa­ler Tat­bei­trag der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men zu den Rechts­ver­let­zun­gen der Betrei­ber der Inter­net­sei­ten "3dl.am" und "goldesel.to". In die im Rah­men der Zumut­bar­keits­prü­fung vor­zu­neh­men­de Abwä­gung sind die betrof­fe­nen uni­ons­recht­li­chen und natio­na­len Grund­rech­te des Eigen­tums­schut­zes der Urhe­ber­rechts­in­ha­ber, der Berufs­frei­heit der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­men sowie der Infor­ma­ti­ons­frei­heit und der infor­ma­tio­nel­len Selbst­be­stim­mung der Inter­net­nut­zer ein­zu­be­zie­hen. Eine Sper­rung ist nicht nur dann zumut­bar, wenn aus­schließ­lich rechts­ver­let­zen­de Inhal­te auf der Inter­net­sei­te bereit­ge­hal­ten wer­den, son­dern bereits dann, wenn nach dem Gesamt­ver­hält­nis recht­mä­ßi­ge gegen­über rechts­wid­ri­gen Inhal­ten nicht ins Gewicht fal­len. Die auf­grund der tech­ni­schen Struk­tur des Inter­net bestehen­den Umge­hungs­mög­lich­kei­ten ste­hen der Zumut­bar­keit einer Sperr­an­ord­nung nicht ent­ge­gen, sofern die Sper­ren den Zugriff auf rechts­ver­let­zen­de Inhal­te ver­hin­dern oder zumin­dest erschwe­ren.

Eine Stö­rer­haf­tung des Unter­neh­mens, das den Zugang zum Inter­net ver­mit­telt, kommt unter dem Gesichts­punkt der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit aller­dings nur in Betracht, wenn der Rech­te­inha­ber zunächst zumut­ba­re Anstren­gun­gen unter­nom­men hat, gegen die­je­ni­gen Betei­lig­ten vor­zu­ge­hen, die – wie der Betrei­ber der Inter­net­sei­te – die Rechts­ver­let­zung selbst began­gen haben oder – wie der Host-Pro­vi­der – zur Rechts­ver­let­zung durch die Erbrin­gung von Dienst­leis­tun­gen bei­getra­gen haben. Nur wenn die Inan­spruch­nah­me die­ser Betei­lig­ten schei­tert oder ihr jede Erfolgs­aus­sicht fehlt und des­halb andern­falls eine Rechts­schutz­lü­cke ent­stün­de, ist die Inan­spruch­nah­me des Access-Pro­vi­ders als Stö­rer zumut­bar. Betrei­ber und Host-Pro­vi­der sind wesent­lich näher an der Rechts­ver­let­zung als der­je­ni­ge, der nur all­ge­mein den Zugang zum Inter­net ver­mit­telt. Bei der Ermitt­lung der vor­ran­gig in Anspruch zu neh­men­den Betei­lig­ten hat der Rechts­in­ha­ber in zumut­ba­rem Umfang – etwa durch Beauf­tra­gung einer Detek­tei, eines Unter­neh­mens, das Ermitt­lun­gen im Zusam­men­hang mit rechts­wid­ri­gen Ange­bo­ten im Inter­net durch­führt, oder Ein­schal­tung der staat­li­chen Ermitt­lungs­be­hör­den – Nach­for­schun­gen vor­zu­neh­men. An die­ser Vor­aus­set­zung fehlt es in bei­den heu­te ent­schie­de­nen Fäl­len.

  • Im ers­ten Ver­fah­ren 1 hat die GEMA gegen den Betrei­ber der Web­sei­te "3dl.am" eine einst­wei­li­ge Ver­fü­gung erwirkt, die unter der bei der Domain-Regis­trie­rung ange­ge­be­nen Adres­se nicht zuge­stellt wer­den konn­te. Den gegen den Host-Pro­vi­der gerich­te­ten Ver­fü­gungs­an­trag hat die GEMA zurück­ge­nom­men, da sich auch sei­ne Adres­se als falsch erwies. Mit der Fest­stel­lung, dass die Adres­sen des Betrei­bers der Inter­net­sei­te und des Host-Pro­vi­ders falsch waren, durf­te sich die GEMA nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs jedoch nicht zufrie­den­ge­ben, son­dern hät­te wei­te­re zumut­ba­re Nach­for­schun­gen unter­neh­men müs­sen.
  • Im zwei­ten Ver­fah­ren 4 ist die Kla­ge abge­wie­sen wor­den, weil die Musik­ver­la­ge nicht gegen den Betrei­ber der Web­sei­ten mit der Bezeich­nung "gold­esel" vor­ge­gan­gen sind. Des­sen Inan­spruch­nah­me ist unter­blie­ben, weil dem Vor­trag der Musik­ver­la­ge zufol­ge dem Web­auf­tritt die Iden­ti­tät des Betrei­bers nicht ent­nom­men wer­den konn­te. Die Musik­ver­la­ge haben nicht vor­ge­tra­gen, wei­te­re zumut­ba­re Maß­nah­men zur Auf­de­ckung der Iden­ti­tät des Betrei­bers der Inter­net­sei­ten unter­nom­men zu haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 26. Novem­ber 2015 – I ZR 3/​14 und I ZR 174/​14

  1. BGH – I ZR 3/​14[][]
  2. LG Ham­burg, Urteil vom 12.03.2010 – 308 O 640/​08[]
  3. OLG Ham­burg, Urteil vom 21.11.2013 – 5 U 68/​10[]
  4. BGH – I ZR 174/​14[][]
  5. LG Köln, Urteil vom 31.08.2011 – 28 O 362/​10[]
  6. OLG Köln, Urteil vom 18.07.2014 – 6 U 192/​11[]