Schum­me­lei­en bei der Not­ar­be­wer­bung und die per­sön­li­che Eig­nung

Die per­sön­li­che Eig­nung für das Amt des Notars stellt einen unbe­stimm­ten Rechts­be­griff dar, des­sen Inter­pre­ta­ti­on durch die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung gericht­lich voll über­prüf­bar ist. Die­ser ver­bleibt bei der Pro­gno­se, ob der Bewer­ber auf­grund sei­ner rich­tig fest­ge­stell­ten und recht­lich zutref­fend bewer­te­ten per­sön­li­chen Umstän­de für das Amt geeig­net ist, ein Beur­tei­lungs­spiel­raum 1. Der vol­len gericht­li­chen Über­prü­fung unter­liegt aller­dings die Fra­ge, ob ein Umstand über­haupt für die Eig­nung von Bedeu­tung ist und wel­ches Gewicht ihm im Ein­zel­fall zukommt.

Schum­me­lei­en bei der Not­ar­be­wer­bung und die per­sön­li­che Eig­nung

Die per­sön­li­che Eig­nung ist zu beja­hen, wenn die Eigen­schaf­ten des Bewer­bers, wie sie sich ins­be­son­de­re in sei­nem äuße­ren Ver­hal­ten offen­ba­ren, kei­ne begrün­de­ten Zwei­fel dar­an auf­kom­men las­sen, dass er die Auf­ga­ben und Pflich­ten eines Notars gewis­sen­haft erfül­len wer­de. Mit Rück­sicht auf die Bedeu­tung und Schwie­rig­kei­ten der Auf­ga­ben, die der Notar als unab­hän­gi­ger Trä­ger eines öffent­li­chen Amtes auf dem Gebiet der vor­sor­gen­den Rechts­pfle­ge zu erfül­len hat (§ 1 BNo­tO), darf der an die per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten des Bewer­bers anzu­le­gen­de Maß­stab nicht zu mil­de sein 2. Als Trä­ger eines öffent­li­chen Amtes, der auf dem Gebiet der vor­sor­gen­den Rechts­pfle­ge wich­ti­ge Funk­tio­nen wahr­nimmt, ist der Notar in beson­de­rem Maße zur Inte­gri­tät ver­pflich­tet. Die erhöh­ten Anfor­de­run­gen recht­fer­ti­gen sich dar­aus, dass die Leis­tungs­fä­hig­keit der vor­sor­gen­den Rechts­pfle­ge wesent­lich vom Ver­trau­en der Recht­su­chen­den in die Rechts­pfle­ge­or­ga­ne abhängt und dafür unbe­ding­te Inte­gri­tät der Amts­per­so­nen gefor­dert ist. Dem­entspre­chend ist durch § 14 Abs. 3 Satz 1 BNo­tO fest­ge­legt, dass sich der Notar durch sein Ver­hal­ten inner­halb und außer­halb sei­nes Beru­fes der Ach­tung und des Ver­trau­ens, die sei­nem Beruf ent­ge­gen­ge­bracht wer­den, wür­dig zu zei­gen hat. Wesent­li­che Vor­aus­set­zun­gen dafür, dass der recht­su­chen­de Bür­ger dem Notar Ach­tung und Ver­trau­en ent­ge­gen­brin­gen kann, sind nicht nur Fähig­kei­ten wie Urteils­ver­mö­gen, Ent­schluss­kraft, Stand­fes­tig­keit, Ver­hand­lungs­ge­schick und wirt­schaft­li­ches Ver­ständ­nis, son­dern vor allem unein­ge­schränk­te Wahr­haf­tig­keit und Red­lich­keit. Auch im Ver­hält­nis zu den Auf­sichts­be­hör­den kommt es auf die letzt­ge­nann­ten Eigen­schaf­ten an. Denn zur Wahr­neh­mung ihrer für die Gewähr­leis­tung einer funk­ti­ons­tüch­ti­gen vor­sor­gen­den Rechts­pfle­ge wesent­li­chen Auf­sichts­be­fug­nis­se müs­sen sich die Auf­sichts­be­hör­den dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass der Notar ihnen voll­stän­di­ge und wahr­heits­ge­mä­ße Aus­künf­te erteilt 3. Die per­sön­li­che Eig­nung ist des­halb zu ver­nei­nen, wenn der Bewer­ber durch fal­sche Anga­ben ver­sucht hat, die Auf­sichts­be­hör­de im Bewer­bungs­ver­fah­ren zu täu­schen, um sei­ne Bewer­bungs­chan­cen zu ver­bes­sern 4. Zwar dür­fen nicht zuletzt wegen des Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­grund­sat­zes die Anfor­de­run­gen nicht über­spannt wer­den. Sie sind nicht Selbst­zweck, son­dern müs­sen stets in Bezie­hung zu den Bedürf­nis­sen einer leis­tungs­fä­hi­gen vor­sor­gen­den Rechts­pfle­ge gesetzt wer­den. Gefor­dert ist eine Gesamt­be­wer­tung aller, gemes­sen an den per­sön­li­chen Anfor­de­run­gen an einen Notar, aus­sa­ge­kräf­ti­gen Umstän­de, die in der Per­sön­lich­keit und in dem frü­he­ren Ver­hal­ten des Bewer­bers zuta­ge getre­ten sind. Dabei kön­nen Ver­hal­tens­wei­sen und Auf­fäl­lig­kei­ten, die jeweils für sich betrach­tet eine nega­ti­ve Bewer­tung nicht tra­gen wür­den, in ihrem Zusam­men­tref­fen aus­rei­chen, um nicht aus­räum­ba­re Zwei­fel an der per­sön­li­chen Eig­nung zu begrün­den. Bei der Gesamt­be­ur­tei­lung darf und muss auch ein frü­he­res Fehl­ver­hal­ten als Rechts­an­walt oder Notar­ver­tre­ter ein­be­zo­gen wer­den 5. Der Ver­wert­bar­keit sol­chen Ver­hal­tens steht nicht ent­ge­gen, dass ein­schlä­gi­ge staats­an­walt­schaft­li­che Ermitt­lungs­ver­fah­ren, Straf­ver­fah­ren oder anwalts­ge­richt­li­che Ver­fah­ren man­gels hin­rei­chen­den Tat­ver­dachts, wegen gering­fü­gi­gen Ver­schul­dens, nach Erfül­lung von Auf­la­gen oder aus ande­ren Grün­den ein­ge­stellt wor­den sind 6. Denn wesent­lich ist nicht so sehr die straf­recht­li­che Bewer­tung und/​oder die Beur­tei­lung nach dem Stan­des­recht der Rechts­an­wäl­te, als viel­mehr die im Bewer­bungs­ver­fah­ren selb­stän­dig zu prü­fen­de Fra­ge, ob aus dem zugrun­de lie­gen­den Ver­hal­ten nega­ti­ve Fol­ge­run­gen im Hin­blick auf die wegen des öffent­li­chen Amts erhöh­ten per­sön­li­chen Anfor­de­run­gen an einen Notar zu zie­hen sind.

Unver­zicht­ba­re Grund­la­ge für die Prü­fung der cha­rak­ter­li­chen Eig­nung für das Amt des Notars ist die voll­stän­di­ge und sorg­fäl­ti­ge Beant­wor­tung der Fra­gen an den Bewer­ber. Sie ver­langt die Anga­be von anhän­gi­gen und anhän­gig gewe­se­nen straf, dis­zi­pli­nar- oder stan­des­recht­li­chen Ermitt­lungs­ver­fah­ren, sons­ti­gen berufs­recht­li­chen Ver­fah­ren, auch bei der Recht­an­walts­kam­mer in den letz­ten fünf Jah­ren geführ­te Beschwer­de- bzw. Gebüh­ren­be­schwer­de­ver­fah­ren. Dem­entspre­chend wird in Nr. 4 der betref­fen­den Anla­ge zu dem von der Beklag­ten ver­wen­de­ten Bewer­bungs­bo­gen aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, dass nicht nur Ver­fah­ren, die zu einer Bestra­fung oder Ahn­dung geführt haben, anzu­ge­ben sind. Macht der Bewer­ber unvoll­stän­di­ge Anga­ben, ver­fügt er eigen­mäch­tig über die tat­säch­li­che Beur­tei­lungs­grund­la­ge der Auf­sichts­be­hör­de. Die Ver­si­che­rung der Voll­stän­dig­keit ist dann jeden­falls objek­tiv unwahr. Ver­schweigt der Bewer­ber nach sei­ner eige­nen Ein­schät­zung irrele­van­te gegen ihn ein­ge­lei­te­te Ver­fah­ren, selek­tiert er eigen­mäch­tig in nicht hin­nehm­ba­rer Wei­se die im Aus­wahl­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen­den Tat­sa­chen. Ob die den Ver­fah­ren zugrun­de lie­gen­den Sach­ver­hal­te sei­ne per­sön­li­che Eig­nung in Fra­ge stel­len könn­ten, kann jeden­falls nicht der Bewer­ber beur­tei­len. Die Rele­vanz der Ver­fah­ren für die Beur­tei­lung der per­sön­li­chen Eig­nung bestimmt aus­schließ­lich die Auf­sichts­be­hör­de. Im Inter­es­se einer mög­lichst umfas­sen­den voll­stän­di­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge für die Beur­tei­lung des Bewer­bers muss die Aus­kunfts­pflicht pein­lich genau erfüllt wer­den.

Wahr­heits­wid­rig unvoll­stän­di­ge Anga­ben im Bewer­bungs­ver­fah­ren begrün­den im All­ge­mei­nen Zwei­fel an der per­sön­li­chen Eig­nung des Bewer­bers zum Notar. Auf die Ver­hal­tens­wei­sen, die den nicht genann­ten Ver­fah­ren zugrun­de lie­gen, kommt es dabei nicht zuvör­derst an. Unvoll­stän­di­ge Anga­ben spre­chen auch regel­mä­ßig für eine Täu­schungs­ab­sicht des Bewer­bers. Er ver­sucht auf die­se Wei­se, Sach­ver­hal­te nach sei­ner Aus­wahl der Beur­tei­lung durch die für die Beset­zung zustän­di­ge Jus­tiz­ver­wal­tungs­be­hör­de zu ent­zie­hen.

Auch wenn bei objek­ti­ver Betrach­tung mit einer nega­ti­ven Aus­wir­kung durch das ver­schwie­ge­ne Ver­fah­ren nicht zu rech­nen ist, hat die­ser Umstand kei­nen Ein­fluss auf die Ver­pflich­tung zur Voll­stän­dig­keit und Wahr­haf­tig­keit der Anga­ben.

Ob schon die hohe Anzahl berufs­recht­li­cher Ver­fah­ren (hier: 14 Ver­fah­ren in 5 Jah­ren) unter Berück­sich­ti­gung der zugrun­de lie­gen­den Umstän­de die per­sön­li­che Eig­nung von Rechts­an­walt Sch. für das Amt des Notars in Zwei­fel zie­hen könn­ten, bedarf kei­ner Klä­rung. Jeden­falls kann sich ein Bewer­ber nicht der Ver­pflich­tung zu wahr­heits­ge­mä­ßen und voll­stän­di­gen Anga­ben durch den Hin­weis "jeweils soweit ersicht­lich" ent­le­di­gen. Eine ande­re, dem ver­schwei­gen­den Bewer­ber ent­ge­gen­kom­men­de Auf­fas­sung ist mit den Sorg­falts­an­for­de­run­gen an einen künf­ti­gen Notar nicht ver­ein­bar. Der Bewer­ber hat sich erfor­der­li­chen­falls kun­dig zu machen, soll­te er nicht auf einen gesi­cher­ten Wis­sens­stand zurück­grei­fen kön­nen.

Der Bewer­ber kann auch nicht ein Ver­fah­ren vor der Rechts­an­walts­kam­mer unter Hin­weis dar­auf ver­schwie­gen, dass man­gels eines berufs­rechts­wid­ri­gen Ver­hal­tens ein Rüge­ver­fah­ren von der Rechts­an­walts­kam­mer nicht ein­ge­lei­tet wor­den sei. Hier­auf kommt es für die Fra­ge der Ver­let­zung der Wahr­heits­pflicht nicht an.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juli 2012 – NotZ (Brfg) 7/​11

  1. BGH, Beschluss vom 25.11.1996 – NotZ 48/​95, BGHZ 134, 137, 139 ff.[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 31.07.2000 – NotZ 5/​00, DNotZ 2000, 943; vom 17.11.2008 – NotZ 10/​08, NJW-RR 2009, 350, 251; vom 22.03.2010 – NotZ 21/​09, ZNotP 2010, 314 Rn. 6 und NotZ 10/​09, ZNotP 2010, 232 Rn. 22 und vom 15.11.2010 – NotZ 1/​10, ZNotP 2011, 36[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 22.03.2010 – NotZ 10/​09, aaO, Rn. 23 und vom 15.11.2010 – NotZ 1/​10, aaO[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 08.05.1995 – NotZ 12/​94, DNotZ 96, 210, 211; vom 20.04.2009 – NotZ 20/​08, ZNotP 2009, 282 Rn. 25; vom 22.03.2010 – NotZ 10/​09, aaO Rn. 25 f. und vom 15.11.2010 – NotZ 1/​10, aaO[]
  5. BGH, Beschlüs­se vom 13.12.1993 – NotZ 33/​92, BGHR BNo­tO § 6 Eig­nung 4; vom 02.07.1984 – NotZ 1/​84, DNotZ 1985, 500, 502 und vom 12.11.1984 – NotZ 9/​84, DNotZ 1985, 502, 503 jeweils mwN[]
  6. BGH, Beschluss vom 13.12.1993 – NotZ 33/​92, BGHR BNo­tO § 6 Eig­nung 4[]