Teil­nah­me an Inter­net-Tausch­bör­sen – und der Streit­wert

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te sich aktu­ell in sechs Ver­fah­ren erneut mit Fra­gen der Haf­tung wegen der Teil­nah­me an Inter­net-Tausch­bör­sen befasst und dabei ins­be­son­de­re hin­sicht­lich der Bemes­sung der Abmahn­kos­ten zuguns­ten der Urhe­ber­rechts­in­ha­ber ent­schie­den:

Teil­nah­me an Inter­net-Tausch­bör­sen – und der Streit­wert

In drei jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Ver­fah­ren 1 haben die Klä­ge­rin­nen in den Ver­fah­ren haben die Ver­wer­tungs­rech­te an ver­schie­de­nen Film­wer­ken inne. Sie neh­men die jewei­li­gen Beklag­ten wegen der öffent­li­chen Zugäng­lich­ma­chung der jewei­li­gen Film­wer­ke im Wege des "File­sha­ring" über ihren Inter­net­an­schluss teils auf Scha­dens­er­satz (600 € je Film­ti­tel) sowie auf Ersatz von Abmahn­kos­ten in Anspruch, die sie in zwei der drei Ver­fah­ren 2 nach einem Gegen­stands­wert der Abmah­nung in Höhe von 10.000 € auf 506 € sowie im drit­ten Ver­fah­ren 3 nach einem Gegen­stands­wert der Abmah­nung in Höhe von 30.000 € auf 1.005,40 € ver­an­schla­gen. Das Land­ge­richt Bochum hat in sei­nen Beru­fungs­ur­tei­len die Kla­gen wegen des begehr­ten Scha­dens­er­sat­zes in Höhe von 600 € für begrün­det erach­tet und die Beklag­ten zudem in allen drei Ver­fah­ren zur Zah­lung von Abmahn­kos­ten in Höhe von 130,50 € ver­ur­teilt 4. Das Land­ge­richt Bochum hat dabei ange­nom­men, der Gegen­stands­wert der vor­ge­richt­li­chen Abmah­nung belau­fe sich stets auf das Dop­pel­te des erstat­tungs­fä­hi­gen Lizenz­scha­dens­er­sat­zes, mit­hin vor­lie­gend auf 1.200 €.

Auf die Revi­si­on der Klä­ge­rin­nen hat der Bun­des­ge­richts­hof die­se Urtei­le des Land­ge­richts Bochum auf­ge­ho­ben und die Sachen zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Land­ge­richt zurück­ver­wie­sen. Das Land­ge­richt Bochum ist nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs zu Unrecht davon aus­ge­gan­gen, der Gegen­stands­wert der anwalt­li­chen Abmah­nung belau­fe sich stets auf das Dop­pel­te des anzu­neh­men­den Lizenz­scha­dens.

Viel­mehr ist der Gegen­stands­wert der Abmah­nung in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art nach dem Inter­es­se der Klä­ge­rin­nen an der Unter­bin­dung künf­ti­ger Rechts­ver­let­zun­gen unter Berück­sich­ti­gung aller rele­van­ten Umstän­de des Ein­zel­falls zu bestim­men. Die vom Land­ge­richt vor­ge­nom­me­ne sche­ma­ti­sche Bemes­sung des Gegen­stands­werts wird dem Umstand nicht gerecht, dass die zukünf­ti­ge Bereit­stel­lung eines Werks in einer Inter­net-Tausch­bör­se nicht nur die Lizen­zie­rung des Werks, son­dern sei­ne kom­mer­zi­el­le Aus­wer­tung ins­ge­samt zu beein­träch­ti­gen droht. Die hier­nach für die Bemes­sung des Gegen­stands­werts erfor­der­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen – etwa zum wirt­schaft­li­chen Wert des ver­letz­ten Rechts, zur Aktua­li­tät und Popu­la­ri­tät des Werks, zur Inten­si­tät und Dau­er der Rechts­ver­let­zung sowie zu sub­jek­ti­ven Umstän­den auf Sei­ten des Ver­let­zers – hat das Land­ge­richt bis­lang nicht getrof­fen.

Die Klä­ge­rin im vier­ten jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Ver­fah­ren 5 macht gel­tend, Inha­be­rin der Rech­te an einem Com­pu­ter­spiel zu sein. Sie nimmt den Beklag­ten wegen der öffent­li­chen Zugäng­lich­ma­chung des Com­pu­ter­spiels über sei­nen Inter­net­an­schluss auf Ersatz von Abmahn­kos­ten in Anspruch, die sie nach einem Gegen­stands­wert von 30.000 € auf 1.005,40 € ver­an­schlagt. Vor dem Amts­ge­richt Bochum hat­te die Kla­ge in Höhe eines Betra­ges von 39 € Erfolg 6. Das Land­ge­richt Bochum hat auf die Beru­fung der Klä­ge­rin den Beklag­ten zur Zah­lung von Abmahn­kos­ten in Höhe von ins­ge­samt 192,90 € ver­ur­teilt 7. Auch hier hat das Land­ge­richt Bochum ange­nom­men, der Gegen­stand­wert der vor­ge­richt­li­chen Abmah­nung belau­fe sich stets auf das Dop­pel­te des erstat­tungs­fä­hi­gen Lizenz­scha­dens­er­sat­zes, mit­hin vor­lie­gend auf 2.000 €.

Auf die Revi­si­on der Klä­ge­rin hat der Bun­des­ge­richts­hof aus den vor­ge­nann­ten Grün­den die­ses Urteil des Land­ge­richts Bochum eben­falls auf­ge­ho­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Land­ge­richt zurück­ver­wie­sen.

Die Klä­ge­rin­nen im fünf­ten Ver­fah­ren 8 sind füh­ren­de deut­sche Ton­trä­ger­her­stel­le­rin­nen. Sie neh­men den Beklag­ten als Inha­ber eines Inter­net­an­schlus­ses wegen der angeb­li­chen öffent­li­chen Zugäng­lich­ma­chung von 809 Audio­da­tei­en auf Scha­dens­er­satz sowie auf Ersatz von Abmahn­kos­ten in Anspruch. Der Beklag­te hat die Aktiv­le­gi­ti­ma­ti­on der Klä­ge­rin­nen, die Rich­tig­keit der Ermitt­lun­gen sowie sei­ne Täter­schaft bestrit­ten. Er hat dar­auf ver­wie­sen, dass auch sei­ne Ehe­frau und sei­ne damals 15 und 17 Jah­re alten Kin­der Zugriff auf die bei­den im Haus­halt genutz­ten Com­pu­ter mit Inter­net­zu­gang gehabt hät­ten. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Köln hat die Kla­ge abge­wie­sen 9. Auf die Beru­fung der Klä­ge­rin­nen hat dage­gen das Ober­lan­des­ge­richt Köln den Beklag­ten bis auf einen Teil der Abmahn­kos­ten antrags­ge­mäß ver­ur­teilt 10.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat die hier­ge­gen gerich­te­te Revi­si­on des Beklag­ten im Wesent­li­chen zurück­ge­wie­sen: Das Ober­lan­des­ge­richt Köln habe zu Recht ange­nom­men, dass der Beklag­te für die öffent­li­che Zugäng­lich­ma­chung der Musik­auf­nah­men über sei­nen Inter­net­an­schluss haf­tet. Das Beru­fungs­ge­richt hat nach Durch­füh­rung der Beweis­auf­nah­me zu Recht ange­nom­men, die Ehe­frau des Beklag­ten schei­de als Täte­rin aus. Der Beklag­te hat wei­ter nicht hin­rei­chend kon­kret dazu vor­ge­tra­gen, dass sei­ne Kin­der ernst­haft als Täter der Rechts­ver­let­zung in Betracht kom­men.

Die Klä­ge­rin im sechs­ten Ver­fah­ren 11 ist Inha­be­rin der aus­schließ­li­chen Ver­wer­tungs­rech­te an dem Film "Sil­ver Linings Play­book". Sie hat von der Beklag­ten als Inha­be­rin eines Inter­net­an­schlus­ses wegen der uner­laub­ten öffent­li­chen Zugäng­lich­ma­chung des Werks den Ersatz von Abmahn­kos­ten in Höhe von 755,80 € ver­langt. Die Beklag­te hat ein­ge­wandt, ihre in Aus­tra­li­en leben­de Nich­te und deren Lebens­ge­fähr­te hät­ten anläss­lich eines Besuchs mit­hil­fe des ihnen über­las­se­nen Pass­worts für den WLAN-Rou­ter die Ver­let­zungs­hand­lung began­gen. Das Amts­ge­richt Ham­burg hat die Kla­ge abge­wie­sen 12, auf die Beru­fung der Klä­ge­rin hat dage­gen das Land­ge­richt Ham­burg die Beklag­te antrags­ge­mäß ver­ur­teilt 13.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat das die Kla­ge abwei­sen­de Urteil des Amts­ge­richts wie­der­her­ge­stellt. Ent­ge­gen der Ansicht des Land­ge­richts Ham­burg haf­tet die Beklag­te nicht als Stö­rer wegen von ihrer Nich­te und deren Lebens­ge­fähr­ten began­ge­ner Urhe­ber­rechts­ver­let­zun­gen auf Unter­las­sung. Als Grund für die Haf­tung kam vor­lie­gend nur in Betracht, dass die Beklag­te ihre Nich­te und deren Lebens­ge­fähr­ten nicht über die Rechts­wid­rig­keit der Teil­nah­me an Inter­net-Tausch­bör­sen belehrt hat. Der Beklag­ten war eine ent­spre­chen­de Beleh­rung ohne kon­kre­te Anhalts­punk­te für eine rechts­wid­ri­ge Nut­zung des Inter­net­an­schlus­ses nicht zumut­bar. Den Inha­ber eines Inter­net­an­schlus­ses, der voll­jäh­ri­gen Mit­glie­dern sei­ner Wohn­ge­mein­schaft, sei­nen voll­jäh­ri­gen Besu­chern oder Gäs­ten einen Zugang zu sei­nem Inter­net­an­schluss ermög­licht, trifft kei­ne anlass­lo­se Beleh­rungs- und Über­wa­chungs­pflicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 12. Mai 2016 – I ZR 272/​14I ZR 1/​15I ZR 43/​15I ZR 44/​15I ZR 48/​15 und I ZR 86/​15

  1. BGH – I ZR 272/​14, I ZR 1/​15 und I ZR 44/​15[]
  2. BGH – I ZR 272/​14 und I ZR 1/​15[]
  3. BGH – I ZR 44/​15[]
  4. LG Bochum, Urtei­le vom 27.11.2014 – I-8 S 9/​14; vom 27.11.2014 – I-8 S 7/​14; und vom 05.02.2015 – I-8 S 11/​14[]
  5. BGH – I ZR 43/​15[]
  6. AG Bochum, urteil vom 08.07.2014 – 65 C 81/​14[]
  7. LG Bochum, Urteil vom 05.02.2105 – I-8 S 17/​14[]
  8. BGH – I ZR 48/​15[]
  9. LG Köln, Urteil vom 20.11.2013 – 28 O 467/​12[]
  10. OLG Köln, Urteil vom 06.02.2015 – 6 U 209/​13[]
  11. BGH – I ZR 86/​15[]
  12. AG Ham­burg, Urteil vom 08.07.2014 – 25b 887/​13[]
  13. LG Ham­burg, Urteil vom 20.03.2015 – 310 S 23/​14[]