Tele­fon­wer­bung für DSL-Pro­duk­te – und der Unter­las­sungs­an­spruch des Mit­be­wer­bers

Auch Mit­be­wer­ber und Ver­bän­de kön­nen Ver­stö­ße gegen § 7 Abs. 2 Nr. 2 bis 4 und Abs. 3 UWG ver­fol­gen.

Tele­fon­wer­bung für DSL-Pro­duk­te – und der Unter­las­sungs­an­spruch des Mit­be­wer­bers

Eine Mit­be­wer­be­rin ist für den von ihr gel­tend gemach­ten Unter­las­sungs­an­spruch nach § 8 Abs. 1, § 7 Abs. 2 Nr. 2 UWG gemäß § 8 Abs. 3 Nr. 1 UWG anspruchs­be­rech­tigt.

Im Schrift­tum wird aller­dings die Ansicht ver­tre­ten, aus der Rege­lung in Art. 13 Abs. 6 Satz 1 und Art. 15, 15a der Daten­schutz­richt­li­nie 2002/​58/​EG für elek­tro­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on [1] fol­ge, dass Ver­stö­ße gegen § 7 Abs. 2 Nr. 2 bis 4 und Abs. 3 UWG von Mit­be­wer­bern und Ver­bän­den allen­falls in Ver­tre­tung oder Pro­zess­stand­schaft für den von der unzu­läs­si­gen Wer­bung betrof­fe­nen Ver­brau­cher oder sons­ti­gen Markt­teil­neh­mer ver­folgt wer­den könn­ten. Aus einer Zusam­men­schau der genann­ten Bestim­mun­gen erge­be sich eine Anwei­sung an die Mit­glied­staa­ten sicher­zu­stel­len, dass zum einen die von Ver­stö­ßen betrof­fe­nen natür­li­chen und juris­ti­schen Per­so­nen dage­gen gericht­lich vor­ge­hen könn­ten und zum ande­ren die natio­na­len Behör­den die Ein­stel­lung eines Ver­sto­ßes anord­nen und gege­be­nen­falls auch straf­recht­li­che Sank­tio­nen ver­hän­gen könn­ten. Dage­gen sei kei­ne Rede davon, dass Mit­be­wer­ber und Ver­bän­de eben­falls gegen Ver­stö­ße vor­ge­hen könn­ten. Dass inso­weit kei­ne Rege­lungs­lü­cke, son­dern eine abschlie­ßen­de Rege­lung vor­lie­ge, fol­ge zwin­gend aus der Unter­las­sungs­kla­gen­richt­li­nie 2009/​22/​EG [2]. Die­se Richt­li­nie bezwe­cke eine Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Unter­las­sungs­kla­gen zum Schutz der Kol­lek­ti­v­in­ter­es­sen der Ver­brau­cher, die unter die im Anhang I die­ser Richt­li­nie auf­ge­führ­ten Richt­li­ni­en fie­len. In die­sem Anhang I sei zwar die Richt­li­nie 2005/​29/​EG über unlau­te­re Geschäfts­prak­ti­ken, nicht jedoch die Richt­li­nie 2002/​58/​EG auf­ge­führt. Gegen die (zusätz­li­che) Aner­ken­nung einer Kla­ge­be­fug­nis von Mit­be­wer­bern und Ver­bän­den spre­che zudem, dass es der Ent­schei­dung der betrof­fe­nen natür­li­chen oder juris­ti­schen Per­so­nen über­las­sen blei­ben sol­le, ob die Beein­träch­ti­gung ihrer Indi­vi­dual­in­ter­es­sen gericht­lich ver­bo­ten wer­den sol­le oder nicht [3]. Dem kann nicht zuge­stimmt wer­den.

Die Art. 13 Abs. 6 Satz 1, Art. 15 und 15a der Richt­li­nie 2002/​58/​EG ent­hal­ten inso­weit kei­ne abschlie­ßen­de Rege­lung.

Dies folgt aller­dings nicht bereits aus Art. 169 Abs. 4 Satz 1 AEUV.

Nach die­ser Bestim­mung hin­dern Maß­nah­men, die das Euro­päi­sche Par­la­ment und der Rat nach Art. 169 Abs. 3 AEUV gemäß dem ordent­li­chen Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren und nach Anhö­rung des Wirt­schafts- und Sozi­al­aus­schus­ses zur Unter­stüt­zung, Ergän­zung und Über­wa­chung der Ver­brau­cher­schutz­po­li­tik der Mit­glied­staa­ten nach Art. 169 Abs. 2 Buchst. b AEUV beschlos­sen haben, die ein­zel­nen Mit­glied­staa­ten nicht dar­an, stren­ge­re Schutz­maß­nah­men bei­zu­be­hal­ten oder zu ergrei­fen. Ein auf die­se Norm gestütz­ter Sekun­där­rechts­akt bedarf kei­ner eige­nen Min­dest­stan­dard­klau­sel, weil der Min­dest­stan­dard bereits kraft Pri­mär­rechts gilt [4].

Die Rege­lung des Art. 169 Abs. 4 Satz 1 AEUV gilt jedoch nicht für Maß­nah­men, die die Uni­on gemäß Art. 169 Abs. 2 Buchst. a AEUV im Rah­men der Ver­wirk­li­chung des Bin­nen­markts nach Art. 114 AEUV erlässt. Die Bestim­mung des Art. 169 Abs. 4 Satz 1 AEUV ist über Art. 169 Abs. 3 AEUV auf Art. 169 Abs. 2 Buchst. b AEUV, nicht dage­gen auch auf Art. 169 Abs. 2 Buchst. a AEUV rück­be­zo­gen. Die in die­ser Bestim­mung ange­spro­che­ne Bin­nen­markt­kom­pe­tenz kennt daher kei­ne Min­dest­stan­dard­klau­sel [5]. Die Rege­lung des Art. 169 Abs. 4 Satz 1 AEUV gilt mit­hin nicht für die Richt­li­ni­en 2002/​58/​EG und 2009/​22/​EG, die bei­de ins­be­son­de­re auf Art. 95 EG (jetzt: Art. 114 AEUV) gestützt und damit im Rah­men der Ver­wirk­li­chung des Bin­nen­markts erlas­sen wor­den sind.

Die Richt­li­nie 2009/​22/​EG, auf die sich die von der Revi­si­ons­er­wi­de­rung für ihren Stand­punkt her­an­ge­zo­ge­ne Ansicht im Schrift­tum maß­geb­lich stützt, gibt – anders als ihr Titel ver­mu­ten lässt – schon kein geschlos­se­nes Sys­tem zur Rege­lung von Unter­las­sungs­kla­gen vor, son­dern will ledig­lich ein grenz­über­schrei­ten­des Vor­ge­hen von Ver­brau­cher­schutz­ver­bän­den bei inner­ge­mein­schaft­li­chen Ver­stö­ßen ermög­li­chen. Hier­zu sieht Art. 4 der Richt­li­nie 2009/​22/​EG vor, dass die Mit­glied­staa­ten Vor­keh­run­gen dafür tref­fen, dass bei einem gegen Ver­brau­cher­schutz­be­stim­mun­gen ver­sto­ßen­den Ver­hal­ten, das in einem Mit­glied­staat sei­nen Ursprung hat, die Ver­brau­cher­inter­es­sen jedoch in einem ande­ren Mit­glied­staat beein­träch­tigt, jede qua­li­fi­zier­te Ein­rich­tung die­ses ande­ren Mit­glied­staats das zustän­di­ge natio­na­le Gericht oder die zustän­di­ge natio­na­le Behör­de im Aus­gangs­staat anru­fen kann [6]. Schon aus die­sem Grund las­sen sich aus der Richt­li­nie 2009/​22/​EG kei­ne Schlüs­se auf die Anspruchs­be­rech­ti­gung von Mit­be­wer­bern und Ver­bän­den bei einem rei­nen Inlands­sach­ver­halt wie dem im Streit­fall gege­be­nen zie­hen.

Über­dies hin­dert die Richt­li­nie 2009/​22/​EG nach ihrem Art. 7 die Mit­glied­staa­ten nicht dar­an, Bestim­mun­gen zu erlas­sen oder bei­zu­be­hal­ten, die den qua­li­fi­zier­ten Ein­rich­tun­gen sowie sons­ti­gen betrof­fe­nen Per­so­nen auf natio­na­ler Ebe­ne wei­ter­ge­hen­de Rech­te zur Kla­ge­er­he­bung ein­räu­men. Auch aus die­sem Grund lässt sich aus dem Umstand, dass die Richt­li­nie 2002/​58/​EG im Anhang I der Richt­li­nie 2009/​22/​EG nicht auf­ge­führt ist, nicht ablei­ten, dass der Beklag­ten die nach § 8 Abs. 3 Nr. 1 UWG erfor­der­li­che Kla­ge- und Anspruchs­be­fug­nis für den mit der Wider­kla­ge gel­tend gemach­ten Unter­las­sungs­an­spruch gemäß § 8 Abs. 1, § 7 Abs. 2 Nr. 2 UWG fehlt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 20. März 2013 – I ZR 209/​11

  1. Richt­li­nie 2002/​58/​EG über die Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten und den Schutz der Pri­vat­sphä­re in der elek­tro­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on in der durch die Richt­li­nie 2009/​136/​EG geän­der­ten Fas­sung[]
  2. Richt­li­nie 2009/​22/​EG über Unter­las­sungs­kla­gen zum Schutz der Ver­brau­cher­inter­es­sen[]
  3. Köh­ler, GRUR 2012, 1073, 1080 f.; ders., WRP 2012, 1329, 1332 bis 1334[]
  4. Ton­ner in Tamm/​Tonner, Ver­brau­cher­recht, 2012, § 4 Rn. 28[]
  5. Ton­ner aaO § 4 Rn. 29[]
  6. Witt in Ulmer/​Brandner/​Hensen, AGB-Recht, 11. Aufl., Vor § 1 UKlaG Rn. 6[]