Urhe­ber­recht – und die Wer­bung

Die Wer­bung eines Drit­ten für den Erwerb eines Wer­kes greift in das Urhe­ber­recht ein. Das urhe­ber­recht­li­che Ver­brei­tungs­recht umfasst auch das Recht, das Ori­gi­nal oder Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke eines Wer­kes der Öffent­lich­keit zum Erwerb anzu­bie­ten.

Urhe­ber­recht – und die Wer­bung

Dies hat der Bun­des­ge­richts­hof jetzt in drei bei ihm anhän­gi­gen Fäl­len aus Ham­burg ent­schie­den:

  1. Die Klä­ge­rin im ers­ten Ver­fah­ren 1 ist Inha­be­rin der aus­schließ­li­chen urhe­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rech­te an Möbeln nach Ent­wür­fen von Mar­cel Breu­er und Lud­wig Mies van der Rohe. Die Beklag­te ist eine in Ita­li­en ansäs­si­ge Gesell­schaft, die euro­pa­weit Design­mö­bel im Direkt­ver­trieb ver­mark­tet. Sie wirbt auf ihrer in deut­scher Spra­che abruf­ba­ren Inter­net­sei­te und in Deutsch­land erschei­nen­den Tages­zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten und Wer­be­pro­spek­ten für den Kauf ihrer Möbel mit dem Hin­weis: Sie erwer­ben Ihre Möbel bereits in Ita­li­en, bezah­len aber erst bei Abho­lung oder Anlie­fe­rung durch eine inkas­s­obe­rech­tig­te Spe­di­ti­on (wird auf Wunsch von uns ver­mit­telt). Zu den Möbeln gehö­ren auch Nach­bil­dun­gen der von Mar­cel Breu­er ent­wor­fe­nen Möbel.

    Die Klä­ge­rin ist der Ansicht, die Beklag­te ver­let­ze mit ihrer Wer­bung das Recht des Urhe­bers nach § 17 Abs. 1 Fall 1 UrhG, Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke des Wer­kes der Öffent­lich­keit anzu­bie­ten. Sie nimmt die Beklag­te auf Unter­las­sung und Scha­dens­er­satz in Anspruch. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Ham­burg hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben 2, die Beru­fung der Beklag­ten blieb vor dem Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg eben­falls ohne Erfolg 3. Der Bun­des­ge­richts­hof hat zunächst die Revi­si­on zuge­las­se­nen und ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gerich­tet 4. Nach­dem der Uni­ons­ge­richts­hof die­ses Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren ent­schie­den hat 5, hat der Bun­des­ge­richts­hof nun die Revi­si­on zurück­ge­wie­sen.

  2. Die Klä­ge­rin im zwei­ten Ver­fah­ren 6 ist Inha­be­rin der aus­schließ­li­chen urhe­ber­recht­li­chen Nut­zungs­rech­te an Leuch­ten nach Ent­wür­fen von Prof. Wil­helm Wagen­feld. Sie pro­du­ziert und ver­treibt die soge­nann­te Wagen­feld-Leuch­te. Bei der Beklag­ten han­delt es sich um das auch im Ver­fah­ren – I ZR 91/​11 beklag­te Unter­neh­men. Sie bringt Nach­bil­dun­gen der Wagen­feld-Leuch­te auf den Markt. Sie wirbt deutsch­spra­chig im Inter­net und in Print­me­di­en unter wört­li­cher oder bild­li­cher Bezug­nah­me auf die Wagen­feld-Leuch­te mit der Mög­lich­keit des Bezugs einer der­ar­ti­gen Leuch­te in Ita­li­en. Die Wer­bung ent­hält den Hin­weis, dass deut­sche Kun­den die Leuch­te unmit­tel­bar oder zu Hän­den eines Spe­di­teurs zur Mit­nah­me nach Deutsch­land über­eig­net erhal­ten kön­nen.

    Die Klä­ge­rin ist der Ansicht, die Wer­bung der Beklag­ten grei­fe in das Recht des Urhe­bers zum öffent­li­chen Anbie­ten im Sin­ne von § 17 Abs. 1 Fall 1 UrhG ein. Sie nimmt die Beklag­te auf Unter­las­sung und Scha­dens­er­satz in Anspruch. Auch hier hat das erst­in­stanz­lich mit der Sache befass­te Land­ge­richt Ham­burg der Kla­ge statt­ge­ge­ben 7 und das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung der Beklag­ten zurück­ge­wie­sen 8. Nun­mehr hat der Bun­des­ge­richts­hof auch hier die von ihm zunächst zuge­las­se­ne Revi­si­on zurück­ge­wie­sen.

  3. Die Beklag­te im drit­ten Ver­fah­ren 9 betreibt im Inter­net einen Ton­trä­ger­han­del. Am 30.11.2011 war auf der Inter­net­ver­kaufs­sei­te der Beklag­ten die DVD "Al Di Meo­la – In Tokio (Live)" ein­ge­stellt. Die auf der DVD befind­li­che Auf­nah­me war eine vom auf­füh­ren­den Künst­ler Al Di Meo­la nicht auto­ri­sier­te Schwarz­pres­sung. Die Klä­ge­rin, eine Rechts­an­walts­kanz­lei, mahn­te die Beklag­te im Auf­trag des Künst­lers ab. Sie ist der Ansicht, das Anbie­ten der DVD ver­let­ze das Ver­brei­tungs­recht des aus­üben­den Künst­lers aus § 77 Abs. 2 Satz 1 Fall 2 UrhG. Die Beklag­te ent­fern­te zwar das Ange­bot von ihrer Inter­net­sei­te und gab eine straf­be­wehr­te Unter­las­sungs­er­klä­rung ab; sie wei­ger­te sich jedoch, die Kos­ten der Abmah­nung zu erstat­ten. Die Klä­ge­rin nimmt die Beklag­te auf Erstat­tung der Abmahn­kos­ten in Anspruch.

    Das zunächst hier­mit befass­te Amts­ge­richt Ham­burg hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben 10, das Land­ge­richt Ham­burg die Beru­fung der Beklag­ten zurück­ge­wie­sen 11. Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun auch in die­ser Sache die Ham­bur­ger Ent­schei­dung bestä­tigt und die Revi­si­on der Beklag­ten zurück­ge­wie­sen.

Die Begrün­dung des Bun­des­ge­richts­hofs war in allen drei Fäl­len gleich: Da es sich bei dem Ver­brei­tungs­recht des Urhe­bers um nach Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG har­mo­ni­sier­tes Recht han­delt, ist die Bestim­mun­gen der § 17 Abs. 1 UrhG richt­li­ni­en­kon­form aus­zu­le­gen. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat auf die im ers­ten Ver­fah­ren erfolg­te Vor­la­ge des Bun­des­ge­richts­hofs ent­schie­den, Art. 4 Abs. 1 der Richt­li­nie 2001/​29/​EG sei dahin aus­zu­le­gen, dass der Inha­ber des aus­schließ­li­chen Ver­brei­tungs­rechts an einem geschütz­ten Werk Ange­bo­te zum Erwerb oder geziel­te Wer­bung in Bezug auf das Ori­gi­nal oder auf Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke des Wer­kes auch dann ver­bie­ten kön­ne, wenn nicht erwie­sen sein soll­te, dass es auf­grund die­ser Wer­bung zu einem Erwerb des Schutz­ge­gen­stands durch einen Käu­fer aus der Uni­on gekom­men sei, sofern die Wer­bung die Ver­brau­cher des Mit­glied­staats, in dem das Werk urhe­ber­recht­lich geschützt sei, zu des­sen Erwerb anre­ge 5. Ent­spre­chen­des gilt für den Inha­ber des aus­schließ­li­chen Rechts des aus­üben­den Künst­lers nach § 77 Abs. 2 Satz 1 UrhG (Art. 9 Abs. 1 Buchst. a Richt­li­nie 2006/​115/​EG), den Bild- oder Ton­trä­ger, auf den die Dar­bie­tung des aus­üben­den Künst­lers auf­ge­nom­men wor­den ist, zu ver­brei­ten.

Danach ver­letzt die bean­stan­de­te Wer­bung in den ers­ten bei­den Ver­fah­ren 12 das aus­schließ­li­che Recht zur Ver­brei­tung von Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken der in Deutsch­land als Wer­ke der ange­wand­ten Kunst geschütz­ten Model­le der Möbel von Mar­cel Breu­er, Lud­wig Mies van der Rohe und der Wagen­feld-Leuch­te. Bei der Wer­bung han­delt es sich um eine geziel­te Wer­bung in Bezug auf Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke der Möbel­mo­del­le und des Leuch­ten­mo­dells, die die Ver­brau­cher in Deutsch­land zu deren Erwerb anregt. Sie kann daher auch dann ver­bo­ten wer­den, wenn es auf­grund die­ser Wer­bung nicht zu einem Erwerb sol­cher Möbel durch Käu­fer aus der Uni­on gekom­men sein soll­te. Des­glei­chen stellt im drit­ten Ver­fah­ren 9 das Ein­stel­len der DVD auf einer Inter­net­ver­kaufs­platt­form, durch das zum Erwerb des Ver­viel­fäl­ti­gungs­stücks eines Bild­ton­trä­gers auf­ge­for­dert wird, auf den die Dar­bie­tung des aus­üben­den Künst­lers Al Di Meo­la auf­ge­nom­men wor­den ist, ein das Ver­brei­tungs­recht des aus­üben­den Künst­lers ver­let­zen­des Ange­bot an die Öffent­lich­keit dar.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 5. Novem­ber 2015 – – I ZR 91/​11I ZR 76/​11I ZR 88/​13

  1. BGH – I ZR 91/​11[]
  2. LG Ham­burg, Urteil vom 02.01.2009 – 308 O 255/​07[]
  3. OLG Ham­burg, Urteil vom 27.04.2011 – 5 U 26/​09[]
  4. BGH, Beschluss vom 01.04.2013 – I ZR 91/​11 – Mar­cel-Breu­er-Möbel I[]
  5. EuGH, Urteil vom 13.05.2015 – C‑516/​13 – Dimen­sio­ne und Labianca/​Knoll[][]
  6. BGH – I ZR 76/​11[]
  7. LG Ham­burg, Urteil vom 12.09.2008 – 308 O 506/​05[]
  8. OLG Ham­burg, Urteil vom 30.03.2011 – 5 U 207/​08[]
  9. BGH – I ZR 88/​13[][]
  10. AG Ham­burg, Urteil vom 13.09.2012 – 35a C 159/​12[]
  11. LG Ham­burg, Urteil vom 26.04.2013 – 308 S 11/​12[]
  12. BGH – I ZR 91/​11 und – I ZR 76/​11[]