Die Ver­si­che­rung in der Insol­venz des Geld­trans­port­un­ter­neh­mens

Der Bun­des­ge­richts­hof hat ers­te Ent­schei­dun­gen zu den ver­si­che­rungs­recht­li­chen Fol­gen des Zusam­men­bruchs der HEROS-Grup­pe getrof­fen und dabei auch Gren­zen für eine "All­ge­fah­ren­de­ckung im Rah­men der Geld- und Wert­trans­port­ver­si­che­rung gezo­gen.

Die Ver­si­che­rung in der Insol­venz des Geld­trans­port­un­ter­neh­mens

Füh­ren­de Mit­ar­bei­ter die­ser ehe­mals größ­ten deut­schen Fir­men­grup­pe von Geld- und Wert­trans­port­un­ter­neh­men waren im Febru­ar 2006 ver­haf­tet und in der Fol­ge­zeit zu mehr­jäh­ri­gen Frei­heits­stra­fen ver­ur­teilt wor­den 1. Dabei wur­de fest­ge­stellt, dass die HEROS-Grup­pe spä­tes­tens seit Mit­te der 1990er Jah­re in finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten gera­ten war. Unter ande­rem um Liqui­di­täts­eng­päs­se aus­zu­glei­chen, waren lau­fend die im Zuge von Trans­port­auf­trä­gen ent­ge­gen­ge­nom­me­nen Gel­der nicht sogleich den Kon­ten der jewei­li­gen Auf­trag­ge­ber gut­ge­bracht, son­dern zu Tei­len zur Befrie­di­gung ander­wei­tig offe­ner For­de­run­gen ver­wen­det wor­den. Der Aus­gleich war zeit­ver­zö­gert durch einen ent­spre­chen­den Zugriff auf Gel­der aus spä­te­ren Trans­por­ten erfolgt, so dass die Aus­keh­rung der Gel­der der Vor­ta­ge sich zwar ver­zö­gert hat­te, die Fehl­be­trä­ge aber lan­ge Zeit nicht auf­ge­fal­len waren.

Zahl­rei­chen Auf­trag­ge­bern war Mit­te Febru­ar 2006 der HEROS-Grup­pe zum Trans­port über­las­se­nes Bar­geld nicht mehr (voll­stän­dig) auf ihren Kon­ten gut­ge­schrie­ben wor­den. Die Unter­neh­men der HEROS-Grup­pe wur­den nach­fol­gend insol­vent.

Die Klä­ge­rin des mit dem heu­ti­gen Urteil ent­schie­de­nen Rechts­streits, ein gro­ßes Ein­zel­han­dels­un­ter­neh­men, zähl­te zu den frü­he­ren Auf­trag­ge­bern der HEROS-Grup­pe. Nach ihrer Behaup­tung hat auch sie einen Scha­den erlit­ten. Sie hat von der Beklag­ten als füh­ren­dem Ver­si­che­rer antei­li­ge Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen aus einer von den Unter­neh­men der HEROS-Grup­pe abge­schlos­se­nen Trans­port­ver­si­che­rung gefor­dert. Deren Ver­si­che­rungs­schutz erstreckt sich auf "jeg­li­che Ver­lus­te und/​oder Schä­den gleich­viel aus wel­cher Ursa­che ein­schließ­lich Ver­un­treu­ung und/​oder Unter­schla­gung" und beginnt "mit Über­ga­be der ver­si­cher­ten Güter" an das Trans­port­un­ter­neh­men und "endet, wenn die ver­si­cher­ten Güter bei der vom Auf­trag­ge­ber vor­her bezeich­ne­ten Stel­le einer auto­ri­sier­ten Per­son über­ge­ben wur­den".

Die Par­tei­en haben ins­be­son­de­re dar­über gestrit­ten, ob die beklag­te Ver­si­che­rung den Ver­si­che­rungs­ver­trag wirk­sam wegen arg­lis­ti­ger Täu­schung anfech­ten konn­te und schon des­halb leis­tungs­frei ist, fer­ner dar­über, ob Mit­ar­bei­ter des Trans­port­un­ter­neh­mens im Umgang mit anver­trau­tem Bar­geld gegen ver­trag­li­che Ver­pflich­tun­gen ver­sto­ßen und dadurch einen Ver­si­che­rungs­fall aus­ge­löst haben. In der Vor­in­stanz hat­te das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le die Kla­ge abge­wie­sen 2. Dage­gen rich­te­te sich die Revi­si­on der Klä­ge­rin, die nun aber vom Bun­des­ge­richts­hof eben­falls zurück­ge­wie­sen wur­de.

Bei der Aus­le­gung der maß­geb­li­chen Ver­trags­be­din­gun­gen hat die Zusam­men­schau der Bedin­gun­gen der Geld- und Wert­trans­port­ver­si­che­rung nach Über­zeu­gung des Bun­des­ge­richts­hofs erge­ben, dass eine All­ge­fah­ren­de­ckung (ledig­lich) für den Ver­lust oder die Beschä­di­gung von Sachen (ins­be­son­de­re Hart­geld, Bank­no­ten, Schecks und Wert­pa­pie­ren) in der Obhut der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin bis zur Über­ga­be an die von der Trans­port-Auf­trag­ge­be­rin bezeich­ne­te Stel­le (hier: Filia­len der Deut­schen Bun­des­bank) besteht. Wei­ter haben die Bedin­gun­gen des zwi­schen der Klä­ge­rin und HEROS geschlos­se­nen Trans­port­ver­tra­ges es nicht aus­ge­schlos­sen, dass trans­por­tier­tes Bar­geld von HEROS-Unter­neh­men bei Ablie­fe­rung zunächst einem auf ihren Namen lau­ten­den Kon­to gut­ge­bracht wur­de. Danach war das Trans­port­un­ter­neh­men hier nicht ver­pflich­tet, das Geld unmit­tel­bar und in bar auf ein Kon­to der Klä­ge­rin ein­zu­zah­len.

Bei die­ser Bedin­gungs­la­ge liegt nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs selbst dann kein Ver­si­che­rungs­fall vor, wenn die Ein­zah­lung auf das Eigen­kon­to der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin mit dem Vor­satz erfolgt war, das ent­spre­chen­de Gut­ha­ben zunächst für eige­ne Zwe­cke zu ver­wen­den und der Auf­trag­ge­be­rin abre­de­wid­rig erst mit­tels einer zeit­lich ver­zö­ger­ten Über­wei­sung zu erstat­ten. Es fehlt in einem sol­chen Fall an einem – allein vom Ver­si­che­rungs­schutz umfass­ten – stoff­li­chen Zugriff auf das Trans­port­gut. Der von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­te Ver­lust ist viel­mehr erst dadurch ein­ge­tre­ten, dass die Wei­ter­über­wei­sung des Geld­wer­tes auf ihr Kon­to pflicht­wid­rig unter­blie­ben ist. Dar­in liegt aber kein stoff­li­cher Zugriff auf das Trans­port­gut, die ver­si­cher­ten – kör­per­li­chen – Sachen, son­dern ledig­lich ein treu­wid­ri­ger Umgang mit nicht mehr ver­si­cher­tem Buch­geld.

In zwei wei­te­ren Ver­fah­ren hat der Bun­des­ge­richts­hof aus im Wesent­li­chen glei­chen Erwä­gun­gen Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­den gegen kla­ge­ab­wei­sen­de Urtei­le des Ober­lan­des­ge­richts Cel­le 3 mit Beschlüs­sen vom heu­ti­gen Tage zurück­ge­wie­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Mai 2011 – IV ZR 117/​09; sowie Beschlüs­se vom 25. Mai 2011 – IV ZR 156/​09 und IV ZR 247/​09

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 01.04.2008 – 3 StR 493/​07[]
  2. OLG Cel­le – Urteil vom 27.05.2009 – 8 U 192/​08[]
  3. OLG Cel­le, Urtei­le vom 19. Juni 2009 – 8 U 213/​08 und 8 U 24/​09[]