Gefah­rerhö­hung und Leis­tungs­aus­schluss im Ver­si­che­rungs­recht

Eine Leis­tungs­frei­heit des Ver­si­che­rers nach § 26 Abs. 1 Satz 1 VVG wegen vor­sätz­li­cher Gefah­rerhö­hung gemäß § 23 Abs. 1 VVG setzt das Bewusst­sein des Ver­si­che­rungs­neh­mers von der gefah­rer­hö­hen­den Eigen­schaft der von ihm vor­ge­nom­me­nen Hand­lung vor­aus. Ein zum Leis­tungs­aus­schluss füh­ren­der Vor­satz des Ver­si­che­rungs­neh­mers ergibt sich nicht allein aus der Kennt­nis der gefah­rer­hö­hen­den Umstän­de

Gefah­rerhö­hung und Leis­tungs­aus­schluss im Ver­si­che­rungs­recht

Gemäß § 23 Abs. 1 VVG darf der Ver­si­che­rungs­neh­mer nach Abga­be sei­ner Ver­trags­er­klä­rung ohne Ein­wil­li­gung des Ver­si­che­rers kei­ne Gefah­rerhö­hung vor­neh­men oder deren Vor­nah­me durch einen Drit­ten gestat­ten.

Die Annah­me einer Gefah­rerhö­hung setzt unter ande­rem vor­aus, dass der neue Zustand erhöh­ter Gefahr min­des­tens von einer sol­chen Dau­er sein muss, dass er die Grund­la­ge eines neu­en natür­li­chen Gefah­ren­ab­laufs bil­den kann, und so den Ein­tritt des Ver­si­che­rungs­fal­les zu för­dern geeig­net ist 1. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist es daher erfor­der­lich, dass die Gefah­rerhö­hung einen gewis­sen Dau­er­zu­stand errei­chen muss 2.

Für eine wil­lent­li­che Gefah­rerhö­hung gemäß § 23 Abs. 1 VVG muss der Ver­si­che­rungs­neh­mer Kennt­nis der gefah­rer­hö­hen­den Umstän­de haben, wäh­rend eine Kennt­nis des gefah­rer­hö­hen­den Cha­rak­ters oder gar eine zutref­fen­de recht­li­che Ein­ord­nung nicht erfor­der­lich ist 3.

Auf­grund die­ser Kennt­nis kann nicht in jedem Fall von einer vor­sätz­li­chen will­kür­li­chen Gefah­rerhö­hung gemäß § 23 Abs. 1 VVG mit der Fol­ge der voll­stän­di­gen Leis­tungs­frei­heit der Ver­si­che­rung gemäß § 26 Abs. 1 Satz 1 VVG aus­ge­gan­gen wer­den. Einer sol­chen Auf­fas­sung läge ein grund­sätz­li­ches Miss­ver­ständ­nis des Ver­hält­nis­ses von § 23 Abs. 1 und § 26 Abs. 1 VVG zugrun­de.

Wäh­rend es im Rah­men des § 23 Abs. 1 VVG allein dar­auf ankommt, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer Kennt­nis von den gefah­rer­hö­hen­den Umstän­den hat, ohne dass ihm die gefah­rer­hö­hen­de Eigen­schaft der Hand­lung zum Bewusst­sein gekom­men sein muss, erstreckt sich gera­de auf die­sen Umstand die Fra­ge, ob der Ver­si­che­rungs­neh­mer i.S. von § 26 Abs. 1 VVG schuld­haft gehan­delt hat und wel­che Schuld­form vor­liegt.

Im Fal­le des § 23 Abs. 1 VVG wird zwar viel­fach Vor­satz des Ver­si­che­rungs­neh­mers i.S. von § 26 Abs. 1 Satz 1 VVG zu beja­hen sein, da bereits die sub­jek­ti­ve Gefah­rerhö­hung nach § 23 Abs. 1 VVG eine Kennt­nis des Ver­si­che­rungs­neh­mers von den risi­kore­le­van­ten Umstän­den vor­aus­setzt. Ein durch­schnitt­li­cher Ver­si­che­rungs­neh­mer wird hier­aus zumin­dest auch bedingt vor­sätz­lich auf eine Gefah­rerhö­hung schlie­ßen 4. So wird der­je­ni­ge, der regel­mä­ßig mit abge­fah­re­nen Rei­fen fährt, von deren Zustand er weiß, sich in der Regel auch einer ent­spre­chen­den Gefah­rerhö­hung bewusst sein. Es genügt, wenn der Ver­si­che­rungs­neh­mer rea­li­siert, dass sich durch sein Han­deln oder Unter­las­sen die tat­säch­li­chen Umstän­de so geän­dert haben, dass der Ein­tritt des Ver­si­che­rungs­fal­les wahr­schein­li­cher wird.

Kei­nes­falls kann aber gene­rell die Kennt­nis der gefah­rer­hö­hen­den Umstän­de i.S. von § 23 Abs. 1 VVG mit der Schuld­form des Vor­sat­zes in § 26 Abs. 1 Satz 1 VVG gleich­ge­setzt wer­den. Das ent­spricht auch der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs. Die­ser hat neben dem Vor­lie­gen der Gefah­rerhö­hung immer auch das Ver­schul­den i.S. von § 25 Abs. 2 Satz 1 VVG a.F. geprüft 5. So hat er aus­ge­führt, es kön­ne zur Ent­las­tung des Ver­si­che­rungs­neh­mers aus­rei­chen, wenn er unver­schul­det nicht erken­ne, dass eine von ihm bewirk­te Ver­än­de­rung der gefah­rer­heb­li­chen Umstän­de die Gefahr des Scha­den­ein­tritts gene­rell wahr­schein­li­cher mache 6. Die Fra­ge des Ver­schul­dens und der Schuld­form war in den Ent­schei­dun­gen zum frü­he­ren Recht aller­dings nur von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung, weil gemäß § 25 Abs. 2 Satz 1 VVG a.F. die Ver­pflich­tung des Ver­si­che­rers ledig­lich in dem Fall bestehen blieb, in dem die Ver­let­zung nicht auf einem Ver­schul­den des Ver­si­che­rungs­neh­mers beruh­te. Dem Ver­si­che­rungs­neh­mer scha­de­te mit­hin bereits leich­te Fahr­läs­sig­keit. Der seit dem 1.01.2008 gel­ten­de § 26 Abs. 1 VVG ent­hält dem­ge­gen­über ein abge­stuf­tes Sys­tem. Bei unver­schul­de­ter oder ledig­lich leicht fahr­läs­si­ger Gefah­rerhö­hung bleibt der Ver­si­che­rer in vol­lem Umfang ein­stands­pflich­tig. Im Fal­le gro­ber Fahr­läs­sig­keit ist der Ver­si­che­rer berech­tigt, sei­ne Leis­tun­gen in einem der Schwe­re des Ver­schul­dens des Ver­si­che­rungs­neh­mers ent­spre­chen­den Ver­hält­nis zu kür­zen, wobei die Beweis­last für das Nicht­vor­lie­gen gro­ber Fahr­läs­sig­keit den Ver­si­che­rungs­neh­mer trifft. Ledig­lich in den Fäl­len der vor­sätz­li­chen Ver­let­zung der Ver­pflich­tung aus § 23 Abs. 1 VVG ist der Ver­si­che­rer voll­stän­dig von der Leis­tung frei, wobei ihn für das Vor­lie­gen von Vor­satz die Beweis­last trifft 7.

An einem vor­sätz­li­chen Ver­hal­ten kann es etwa feh­len, wenn dem Ver­si­che­rungs­neh­mer Beur­tei­lungs­feh­ler im Hin­blick auf den gefah­rer­hö­hen­den Cha­rak­ter der in Fra­ge ste­hen­den Umstän­de oder der Rele­vanz der Gefah­rerhö­hung i.S. von § 27 VVG unter­lau­fen sind, wenn er irrig davon aus­ging, dass die erhöh­te Gefah­ren­la­ge durch ande­re Maß­nah­men kom­pen­siert wird, auf das Urteil eines Sach­ver­stän­di­gen über das Feh­len einer Gefah­rerhö­hung ver­traut hat oder irrig eine Ein­wil­li­gung des Ver­si­che­rers in die Gefah­rerhö­hung annahm 8.

Lie­ße man es für Vor­satz ohne wei­te­res aus­rei­chen, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer wis­sent­lich und wil­lent­lich in Kennt­nis der maß­ge­ben­den Umstän­de eine Gefah­rerhö­hung vor­ge­nom­men hat, so wären kaum noch Fäl­le denk­bar, in denen ledig­lich grob fahr­läs­si­ges, leicht fahr­läs­si­ges oder gar schuld­lo­ses Ver­hal­ten des Ver­si­che­rungs­neh­mers in Betracht kommt. Damit wäre jeden­falls in den Fäl­len der will­kür­li­chen Gefah­rerhö­hung nach § 23 Abs. 1 VVG das auch vom Gesetz­ge­ber vor­ge­se­he­ne abge­stuf­te Modell des § 26 Abs. 1 VVG mit der Abschaf­fung des Alle­s­o­der-Nichts-Prin­zips für die­se Fall­grup­pe weit­ge­hend obso­let.

Außer­dem trä­te ein Wer­tungs­wi­der­spruch zu § 23 Abs. 2 und Abs. 3 VVG ein. Die­se sehen Anzei­ge­pflich­ten bei der nach­träg­lich erkann­ten sub­jek­ti­ven Gefah­rerhö­hung in § 23 Abs. 2 VVG sowie bei der objek­ti­ven Gefah­rerhö­hung in § 23 Abs. 3 VVG vor. Dem­entspre­chend hat der Bun­des­ge­richts­hof schon zu § 23 Abs. 2, § 27 Abs. 2 VVG a.F. ent­schie­den, eine posi­ti­ve Kennt­nis im Sin­ne die­ser Bestim­mun­gen habe der Ver­si­che­rungs­neh­mer nur, wenn er gewusst habe, dass die gefah­rer­hö­hen­den Umstän­de den Cha­rak­ter einer Gefah­rerhö­hung in sich trü­gen 9. Es ist indes­sen kein Grund ersicht­lich, war­um es im Fal­le der vom Ver­si­che­rungs­neh­mer wil­lent­lich vor­ge­nom­me­nen Gefah­rerhö­hung nach § 23 Abs. 1 VVG nicht jeden­falls beim Ver­schul­den dar­auf ankom­men soll, ob er erkannt hat, dass sein Han­deln gefah­rer­hö­hen­den Cha­rak­ter hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Sep­tem­ber 2014 – IV ZR 322/​13

  1. BGH, Urtei­le vom 16.06.2010 – IV ZR 229/​09, BGHZ 186, 42 Rn. 16; vom 23.06.2004 – IV ZR 219/​03, VersR 2005, 218 unter 1 b (1); vom 27.01.1999 – IV ZR 315/​97, VersR 1999, 484 unter 2 a; BGH, Beschluss vom 20.06.2012 – IV ZR 150/​11, VersR 2012, 1300 Rn. 11;[]
  2. BGH, Urtei­le vom 16.06.2010 und 27.01.1999 je aaO[]
  3. BGH, Urtei­le vom 26.05.1982 IVa ZR 76/​80, VersR 1982, 793, 794; vom 25.09.1968 – IV ZR 514/​68, BGHZ 50, 385, 387 f.; OLG Nürn­berg VersR 2000, 46; Münch­Komm-VVG/Wra­bet­z/­Reusch, § 23 Rn. 50; Lang­heid in Römer/​Langheid, VVG 4. Aufl. § 23 Rn. 39; Prölss in Prölss/​Martin, VVG 28. Aufl. § 23 Rn. 45; Matu­sche-Beck­mann in Bruck/​Möller, VVG 9. Aufl. § 23 Rn. 25; Loo­schel­ders in Looschelders/​Pohlmann, VVG 2. Aufl. § 23 Rn. 28; HK-VVG/K­ar­c­zew­ski, 2. Aufl. § 23 Rn. 8[]
  4. Prölss in Prölss/​Martin, VVG 28. Aufl. § 26 Rn. 3; Loo­schel­ders in Looschelders/​Pohlmann, VVG 2. Aufl. § 26 Rn. 4; Matu­sche-Beck­mann in Bruck/​Möller, VVG 9. Aufl. § 26 Rn. 10; HK-VVG/K­ar­c­zew­ski, 2. Aufl.; § 26 Rn. 2; Rix­e­cker, ZfS 2007, 136; Marlow/​Spuhl, Das neue VVG kom­pakt 4. Aufl. Rn. 266; ein­schrän­kend Münch­Komm-VVG/Wra­bet­z/­Reusch, § 26 Rn. 6, 9[]
  5. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 20.12 1974 – IV ZR 171/​73, VersR 1975, 366 unter – II 3; vom 18.12 1968 – IV ZR 523/​68, NJW 1969, 464, 465[]
  6. BGH, Urteil vom 18.12 1968 aaO[]
  7. Lang­heid in Römer/​Langheid, VVG 4. Aufl. § 26 Rn. 6[]
  8. vgl. Bei­spiels­fäl­le bei Loo­schel­ders in Looschelders/​Pohlmann, VVG 2. Aufl. § 26 Rn. 4; Prölss in Prölss/​Martin, VVG 28. Aufl. § 26 Rn. 3[]
  9. BGH, Urtei­le vom 18.12 1968 – IV ZR 523/​68, NJW 1969, 464, 465; vom 27.01.1999 – IV ZR 315/​97, VersR 1999, 484 unter 2 b[]