Kau­sa­li­tät in der pri­va­ten Unfall­ver­si­che­rung – und das mit­wir­ken­de Gebre­chen

In der pri­va­ten Unfall­ver­si­che­rung genügt es für einen adäqua­ten Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen Unfall­ereig­nis und Gesund­heits­be­ein­träch­ti­gung, dass das Unfall­ereig­nis an der ein­ge­tre­te­nen Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gung mit­ge­wirkt hat, wenn die­se Mit­wir­kung nicht gänz­lich außer­halb aller Wahr­schein­lich­keit liegt.

Kau­sa­li­tät in der pri­va­ten Unfall­ver­si­che­rung – und das mit­wir­ken­de Gebre­chen

Eine wesent­li­che oder rich­tungs­ge­ben­de Mit­wir­kung ist anders als im Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht nicht zu ver­lan­gen. Daher schließt das Vor­han­den­sein von Vor­schä­den für sich genom­men die Kau­sa­li­tät nicht aus.

Der erfor­der­li­che Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen Unfall­ereig­nis und Gesund­heits­be­ein­träch­ti­gung besteht nach der Äqui­va­lenz­theo­rie, wenn der Unfall im Sin­ne einer con­di­tio sine qua non nicht hin­weg­ge­dacht wer­den kann, ohne dass der Gesund­heits­scha­den ent­fie­le 1. Dabei ist Mit­ur­säch­lich­keit aus­rei­chend, was schon aus der Tat­sa­che folgt, dass in Nr. 3 AUB 2000 bei der Mit­wir­kung von Krank­hei­ten und Gebre­chen, also unfall­frem­den Fak­to­ren, kein Aus­schluss, son­dern nur eine Anspruchs­min­de­rung ent­spre­chend dem Mit­wir­kungs­an­teil vor­ge­se­hen ist 2.

Wei­ter­hin muss nach der Adäquanz­theo­rie das Ereig­nis im All­ge­mei­nen und nicht nur unter beson­ders eigen­ar­ti­gen, ganz unwahr­schein­li­chen und nach dem regel­mä­ßi­gen Ver­lauf der Din­ge außer Betracht zu las­sen­den Umstän­den zur Her­bei­füh­rung eines Erfol­ges der ein­ge­tre­te­nen Art geeig­net sein 3.

Aller­dings nimmt ein Teil der Recht­spre­chung und des Schrift­tums an, dass ein adäqua­ter Kau­sal­zu­sam­men­hang ent­fällt, wenn die Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gung auch auf dege­ne­ra­ti­ven oder anla­ge­be­ding­ten Vor­schä­den beruht, die bis zum Unfall noch kei­ne Beschwer­den aus­ge­löst hat­ten, so dass jede ande­re Ursa­che die Gesund­heits­schä­di­gung eben­so gut hät­te her­bei­füh­ren kön­nen und der Unfall, der in die­sen Fäl­len häu­fig auch als "Gele­gen­heits­ur­sa­che" bezeich­net wird, nur einen unmaß­geb­li­chen Anlass für die Beschwer­den setzt 4. Zur Begrün­dung wird ange­führt, der Unfall­ver­si­che­rer gewäh­re Schutz davor, dass sich die gesund­heit­li­che Kon­sti­tu­ti­on der ver­si­cher­ten Per­son durch das Unfall­ereig­nis rich­tungs­wei­send ver­än­de­re, wor­an es feh­le, wenn die Schä­di­gung durch inner­kör­per­li­che Vor­gän­ge bereits der­art vor­pro­gram­miert sei, dass sie bei jedem gering­fü­gi­gen und belie­big aus­tausch­ba­ren Anlass nach außen tre­ten kön­ne 5.

Die­se Auf­fas­sung ist jedoch unzu­tref­fend. In der pri­va­ten unfall­ver­si­che­rung ist nicht von einem eigen­stän­di­gen unfall­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Kau­sal­be­griff aus­zu­ge­hen.

Der Begriff der Gele­gen­heits­ur­sa­che stammt aus dem Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht, das nicht jede Mit­wir­kung genü­gen lässt, son­dern für die Kau­sa­li­tät eine wesent­li­che oder rich­tungs­ge­ben­de Mit­wir­kung ver­langt. Danach ist eine blo­ße Gele­gen­heits­ur­sa­che gege­ben, wenn der Scha­den auch ohne äuße­re Ein­wir­kung hät­te ent­ste­hen kön­nen und im unge­fähr glei­chen Aus­maß und etwa dem­sel­ben Zeit­punkt auch ein­ge­tre­ten wäre, wenn es zur Aus­lö­sung aku­ter Erschei­nun­gen nicht beson­de­rer, in ihrer Eigen­art uner­setz­li­cher äuße­rer Ein­wir­kun­gen bedür­fe, son­dern jedes ande­re all­täg­lich vor­kom­men­de ähn­lich gela­ger­te Ereig­nis zu der­sel­ben Zeit die Schä­di­gung aus­lös­te 6.

Hin­ge­gen ist die im pri­va­ten Unfall­ver­si­che­rungs­recht aus­rei­chen­de Adäquanz schon bei einer nicht gänz­lich außer­halb aller Wahr­schein­lich­keit lie­gen­den Mit­wir­kung gege­ben 7. Daher schließt das Vor­han­den­sein von Vor­schä­den für sich genom­men die Kau­sa­li­tät nicht aus. Das Adäquan­zer­for­der­nis bezweckt nicht, die Fol­gen von Gesund­heits­schä­di­gun­gen, die nahe­zu aus­schließ­lich durch ihre gesund­heit­li­che Ver­fas­sung geprägt sind, von vorn­her­ein vom Ver­si­che­rungs­schutz aus­zu­schlie­ßen. Dies wird der durch­schnitt­li­che Ver­si­che­rungs­neh­mer ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­ons­er­wi­de­rung auch dem Klau­sel­werk nicht ent­neh­men. Er wird viel­mehr gera­de aus der Rege­lung über die Mit­wir­kung von Krank­hei­ten und Gebre­chen an der durch den Unfall ver­ur­sach­ten Gesund­heits­schä­di­gung schlie­ßen, dass er im Grund­satz auch dann Ver­si­che­rungs­schutz genießt, wenn Unfall­fol­gen durch eine bereits vor dem Unfall vor­han­de­ne beson­de­re gesund­heit­li­che Dis­po­si­ti­on ver­schlim­mert wer­den 8. Zudem wür­de ein Aus­schluss der Kau­sa­li­tät über die Figur der "Gele­gen­heits­ur­sa­che" die Beweis­last des Ver­si­che­rers für die Mit­wir­kung von Vor­er­kran­kun­gen 9 unzu­läs­sig auf den Ver­si­che­rungs­neh­mer ver­la­gern 10.

Inso­weit sind Fest­stel­lun­gen zu tref­fen, ob und mit wel­chem Grad eine Inva­li­di­tät der Ver­si­che­rungs­neh­me­rin tat­säch­lich ein­ge­tre­ten ist, und beja­hen­den­falls, mit wel­chem Mit­wir­kungs­an­teil das Unfall­ge­sche­hen einer­seits und die dege­ne­ra­ti­ve Vor­schä­di­gung ande­rer­seits zu dem Dau­er­scha­den bei­getra­gen haben, so dass eine Min­de­rung der Leis­tung nach Nr. 3 AUB 2000 statt­zu­fin­den hät­te. Die Sache ist des­halb auch inso­weit zur Nach­ho­lung die­ser Fest­stel­lun­gen an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.

Dabei ist zugrun­de zu legen, dass eine Krank­heit im Sin­ne von Nr. 3 Satz 2 AUB 2000 dann vor­liegt, wenn ein regel­wid­ri­ger Kör­per­zu­stand besteht, der ärzt­li­cher Behand­lung bedarf, wäh­rend unter einem Gebre­chen ein dau­ern­der abnor­mer Gesund­heits­zu­stand zu ver­ste­hen ist, der eine ein­wand­freie Aus­übung nor­ma­ler Kör­per­funk­tio­nen (teil­wei­se) nicht mehr zulässt. Dem­ge­gen­über sind Zustän­de, die noch im Rah­men der medi­zi­ni­schen Norm lie­gen, selbst dann kei­ne Gebre­chen, wenn sie eine gewis­se Dis­po­si­ti­on für Gesund­heits­stö­run­gen bedeu­ten 11.

Ein mit­wir­ken­des Gebre­chen liegt aller­dings unab­hän­gig davon, ob der Ver­si­cher­te zuvor schon an Beschwer­den gelit­ten hat, auch dann vor, wenn eine vor­be­stehen­de Schä­di­gung nicht ledig­lich zu einer erhöh­ten Scha­den­an­fäl­lig­keit geführt, son­dern zur Ver­stär­kung der Fol­gen des spä­te­ren Unfalls bei­getra­gen hat 12. Unter die­ser Vor­aus­set­zung genü­gen dem­nach auch bis­lang kli­nisch stumm ver­lau­fe­ne dege­ne­ra­ti­ve Ver­än­de­run­gen den Anfor­de­run­gen an das Vor­lie­gen eines Gebre­chens.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Okto­ber 2016 – IV ZR 521/​

  1. Schwintowski/​Brömmelmeyer/​Brömmelmeyer, PK-VersR 2. Aufl. § 178 VVG Rn. 26[]
  2. BGH, Urteil vom 23.10.2013 – IV ZR 98/​12, VersR 2013, 1570 Rn. 24; vom 23.11.2011 – IV ZR 70/​11, VersR 2012, 92 Rn. 13 ff.; Knapp­mann, NVer­sZ 2002, 1, 2; Grimm, Unfall­ver­si­che­rung 5. Aufl. Ziff. 1 AUB Rn. 52[]
  3. BGH, Urteil vom 23.10.2013 – IV ZR 98/​12, VersR 2013, 1570 Rn. 21; BGH, Urteil vom 14.03.1985 – IX ZR 26/​84, NJW 1986, 1329 unter – II 4 b[]
  4. OLG Köln r+s 2013, 619; OLG Köln VersR 2007, 1689; OLG Cel­le VersR 2010, 205; KG r+s 2002, 525; OLG Schles­wig VersR 1995, 825; Schwintowski/​Brömmelmeyer/​Brömmelmeyer, PK-VersR 2. Aufl. § 178 VVG Rn. 26, aber gegen Ver­wen­dung des Begriffs der Gele­gen­heits­ur­sa­che; Grimm, Unfall­ver­si­che­rung 5. Aufl. Ziff. 1 AUB Rn. 52 m.w.N.; Kloth, Pri­va­te Unfall­ver­si­che­rung 2. Aufl. Kap. E Rn. 80; Man­gen in Ver­si­che­rungs­rechts-Hand­buch 3. Aufl. § 47 Rn. 29; HK-VVG/­Rüf­fer, 3. Aufl. § 178 VVG Rn. 18[]
  5. Man­gen aaO[]
  6. BSG VersR 2000, 789, 790; BSGE 62, 220, 223; Knapp­mann, NVer­sZ 2002, 1, 2 f.; ders. r+s 2007, 45, 49; Lücke, VK 2008, 39, 40; Hoe­ni­cke, r+s 2009, 206, 207[]
  7. BGH, Urteil vom 23.10.2013 – IV ZR 98/​12, VersR 2013, 1570 Rn. 21; OLG Hamm VersR 2013, 573, 575; Marlow/​Tschersich, r+s 2009, 441, 444 f.[]
  8. BGH, Urteil vom 23.10.2013 aaO Rn. 24[]
  9. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 23.11.2011 – IV ZR 70/​11, VersR 2012, 92 Rn. 16[]
  10. vgl. OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 16.03.2011 5 U 464/​08 39[]
  11. BGH, Beschluss vom 08.07.2009 – IV ZR 216/​07, VersR 2009, 1525 Rn. 14[]
  12. BGH, Beschluss vom 08.07.2009 aaO Rn. 15; OLG Schles­wig VersR 2014, 1074, 1075[]