Kran­ken­ta­ge­geld­ver­si­che­rung – und der zuletzt aus­ge­üb­te Beruf

In der Kran­ken­ta­ge­geld­ver­si­che­rung ist bei der Prü­fung der Berufs­un­fä­hig­keit im Sin­ne von § 15 Abs. 1 Buchst. b MB/​KT 2008 die zuletzt aus­ge­üb­te beruf­li­che Tätig­keit der ver­si­cher­ten Per­son in ihrer kon­kre­ten Aus­prä­gung maß­geb­lich. Die Mög­lich­keit einer Umor­ga­ni­sa­ti­on ist dabei nicht zu berücksichtigen.

Kran­ken­ta­ge­geld­ver­si­che­rung – und der zuletzt aus­ge­üb­te Beruf

Ohne Erfolg blieb inso­weit vor dem Bun­des­ge­richts­hof das Argu­ment, dar­auf, dass im Rah­men der Berufs­un­fä­hig­keits­ver­si­che­rung ein mit­ar­bei­ten­der Betriebs­in­ha­ber auf eine zumut­ba­re Umor­ga­ni­sa­ti­on sei­nes Betrie­bes ver­wie­sen wer­den kann [1]. Der Kran­ken­ta­ge­geld­ver­si­che­rung ist eine Ver­wei­sung auf eine Umor­ga­ni­sa­ti­on der Arbeits­ab­läu­fe fremd. Der Kran­ken­ta­ge­geld­ver­si­che­rer kann den Ver­si­cher­ten nicht dar­auf ver­wei­sen, durch Umor­ga­ni­sa­ti­on sei­ner Arbeits­ab­läu­fe die Vor­aus­set­zun­gen für die Wie­der­aus­übung sei­nes Berufs zu schaf­fen [2].

Inso­weit lässt der Wort­laut des § 15 Abs. 1 Buchst. b Satz 2 MB/​KT 2008, der auf den „bis­her aus­ge­üb­ten Beruf“ abstellt, nicht offen, ob dar­un­ter der bis­he­ri­ge Beruf in sei­ner kon­kre­ten Aus­prä­gung oder nur ein all­ge­mei­nes Berufs­bild zu ver­ste­hen ist. Der durch­schnitt­li­che, um Ver­ständ­nis bemüh­te Ver­si­che­rungs­neh­mer ver­steht unter dem „bis­her aus­ge­üb­ten Beruf“ das­sel­be wie unter dem Begriff der „beruf­li­chen Tätig­keit“ im Sin­ne des § 1 Abs. 3 MB/​KT, d.h. den Beruf in sei­ner kon­kre­ten Aus­prä­gung, so wie die ver­si­cher­te Per­son ihn zuletzt aus­ge­übt hat [3].

Etwas ande­res ergibt sich nicht aus dem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs vom 09.03.2011 [4]. In die­ser Ent­schei­dung hat der Bun­des­ge­richts­hof betont, dass Maß­stab für die Prü­fung der Arbeits­un­fä­hig­keit der bis­he­ri­ge Beruf in sei­ner kon­kre­ten Aus­prä­gung ist. Ent­schei­dend ist, dass der Ver­si­cher­te auf­grund sei­ner Erkran­kung sei­ner bis­her aus­ge­üb­ten beruf­li­chen Tätig­keit in der kon­kre­ten Aus­ge­stal­tung nicht nach­ge­hen kann [5]. Bei der Bewer­tung, ob Tätig­kei­ten zur Berufs­aus­übung gehö­ren oder nicht, kommt es auf das Berufs­bild an, das sich aus der bis zum Ein­tritt des Ver­si­che­rungs­fal­les kon­kret aus­ge­üb­ten Tätig­keit der ver­si­cher­ten Per­son ergibt. Das bedeu­tet nicht, dass sich die beruf­li­che Tätig­keit als sol­che nach dem all­ge­mei­nen Berufs­bild bestimmt [6].

Die­sem Ver­ständ­nis ste­hen nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht die Rege­lun­gen über die Anzei­ge­pflicht in § 9 Abs. 5 MB/​KT 94 und den bis­her aus­ge­üb­ten Beruf in § 15 Buchst. b MB/​KT 94 ent­ge­gen. Dies hat der Bun­des­ge­richts­hof damit begrün­det, dass die­se Bestim­mun­gen aus der Sicht eines durch­schnitt­li­chen Ver­si­che­rungs­neh­mers auf das all­ge­mei­ne Berufs­bild und nicht auf die zuletzt aus­ge­üb­te Tätig­keit abstell­ten und der Ver­si­che­rungs­neh­mer daher nicht anneh­men wer­de, dem Ver­si­che­rer jeden Arbeits­platz­wech­sel auch dann anzei­gen zu müs­sen, wenn sich nichts am Berufs­bild ändert. Die­se Aus­füh­run­gen hat das Beru­fungs­ge­richt rich­tig so ver­stan­den, dass erläu­tert wer­den soll­te, war­um das dar­ge­leg­te Ver­ständ­nis des Ver­si­che­rungs­falls in der Kran­ken­ta­ge­geld­ver­si­che­rung kei­ne (unge­recht­fer­tig­te) Gleich­set­zung des Begriffs der beruf­li­chen Tätig­keit mit dem des Arbeits­plat­zes bedeu­tet. Eine abwei­chen­de Defi­ni­ti­on der Berufs­un­fä­hig­keit im Sin­ne des § 15 Buchst. b MB/​KT 94 war damit nicht ver­bun­den. Dies ist auch dar­aus ersicht­lich, dass der Bun­des­ge­richts­hof ein Ruhen des Ver­si­che­rungs­ver­hält­nis­ses wegen Berufs­un­fä­hig­keit des­halb ver­neint hat, weil dem Vor­brin­gen des Ver­si­che­rungs­neh­mers, das sich der Ver­si­che­rer hilfs­wei­se zu eigen gemacht hat­te, nicht zu ent­neh­men war, dass der Ver­si­che­rungs­neh­mer im Sin­ne von § 15 Buchst. b Satz 2 MB/​KT 94 nach medi­zi­ni­schem Befund „im bis­her aus­ge­üb­ten Beruf“ auf nicht abseh­ba­re Zeit zu mehr als 50% erwerbs­un­fä­hig gewe­sen sei [7].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Dezem­ber 2016 – IV ZR 422/​15

  1. BGH, Urtei­le vom 26.02.2003 – IV ZR 238/​01, VersR 2003, 631 unter II; vom 12.06.1996 – IV ZR 118/​95, VersR 1996, 1090 unter – II 3 a m.w.N.[]
  2. BGH, Urteil vom 20.05.2009 – IV ZR 274/​06, VersR 2009, 1063 Rn. 10 f.[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 27.03.2013 – IV ZR 256/​12, VersR 2013, 848 Rn. 7[]
  4. BGH, Urteil vom 09.03.2011 – IV ZR 137/​10, VersR 2011, 518 Rn. 13 ff. = r+s 2011, 256[]
  5. BGH, Urteil vom 09.03.2011 aaO Rn. 14[]
  6. BGH, Urteil vom 09.03.2011 aaO Rn. 18[]
  7. BGH, Urteil vom 09.03.2011 aaO Rn. 24[]