Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke – und die Urhe­ber­ver­mu­tung

Eine Per­son ist nur dann im Sin­ne von § 10 Abs. 1 UrhG in der übli­chen Wei­se auf dem Ver­viel­fäl­ti­gungs­stück eines Wer­kes als Urhe­ber bezeich­net, wenn die Anga­be an einer Stel­le ange­bracht ist, wo bei der­ar­ti­gen Wer­ken übli­cher­wei­se der Urhe­ber benannt wird, und die Bezeich­nung inhalt­lich erken­nen lässt, dass sie den Urhe­ber die­ses Wer­kes wie­der­gibt.

Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke – und die Urhe­ber­ver­mu­tung

Eine Anga­be ver­mag nur dann die Ver­mu­tung der Urhe­ber­schaft (§ 10 Abs. 1 UrhG) zu begrün­den, wenn der Ver­kehr dar­in die Bezeich­nung einer natür­li­chen Per­son erkennt.

Wer auf den Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken eines erschie­ne­nen Wer­kes oder auf dem Ori­gi­nal eines Wer­kes der bil­den­den Küns­te in der übli­chen Wei­se als Urhe­ber bezeich­net ist, wird bis zum Beweis des Gegen­teils als Urhe­ber des Wer­kes ange­se­hen (§ 10 Abs. 1 Halb­satz 1 UrhG); dies gilt auch für eine Bezeich­nung, die als Deck­na­me oder Künst­ler­zei­chen des Urhe­bers bekannt ist (§ 10 Abs. 1 Halb­satz 2 UrhG). Die Rege­lung ist gemäß § 72 Abs. 1 UrhG bei Licht­bil­dern ent­spre­chend anwend­bar. Dem­nach wird der­je­ni­ge, der auf den Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken eines erschie­ne­nen Licht­bil­des in der übli­chen Wei­se als Licht­bild­ner ange­ge­ben ist, bis zum Beweis des Gegen­teils als des­sen Licht­bild­ner ange­se­hen; dies gilt auch für eine Bezeich­nung, die als Deck­na­me oder Künst­ler­zei­chen des Licht­bild­ners bekannt ist.

Bei den auf der Inter­net­sei­te des Klä­gers ein­ge­stell­ten Foto­gra­fi­en han­delt es sich um Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cke von Lichtbildern.Bei einem Ver­viel­fäl­ti­gungs­stück (Werk­stück) han­delt es sich begriffs­not­wen­dig um die kör­per­li­che Fest­le­gung eines Wer­kes 1. Das Ein­grei­fen der Urhe­ber­ver­mu­tung setzt daher vor­aus, dass die Urhe­ber­be­zeich­nung auf einem kör­per­li­chen Werk­ex­em­plar ange­bracht wor­den ist. Sie ist dage­gen nicht anwend­bar, wenn ein Werk ledig­lich in unkör­per­li­cher Form wie­der­ge­ge­ben wird 2. Bei einer unkör­per­li­chen Wie­der­ga­be des Wer­kes – wie etwa einem öffent­li­chen Vor­trag oder einer öffent­li­chen Auf­füh­rung – kann der Urhe­ber die Rich­tig­keit der Namens­an­ga­be nicht in glei­chem Maße über­wa­chen, wie es bei der Anbrin­gung der Urhe­ber­be­zeich­nung auf dem Ori­gi­nal oder auf Ver­viel­fäl­ti­gungs­stü­cken des Wer­kes mög­lich ist 3.

Ein kör­per­li­ches Werk­ex­em­plar und damit ein Ver­viel­fäl­ti­gungs­stück im Sin­ne von § 10 Abs. 1 UrhG liegt – ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts – aller­dings auch dann vor, wenn ein Werk in das Inter­net gestellt wor­den ist. Das Ein­stel­len eines Wer­kes in das Inter­net setzt eine Über­tra­gung des Wer­kes auf eine Vor­rich­tung zur wie­der­hol­ba­ren Wie­der­ga­be von Bild- und Ton­fol­gen und damit eine Ver­viel­fäl­ti­gung (§ 16 Abs. 2 UrhG) – also die Her­stel­lung eines Ver­viel­fäl­ti­gungs­stücks (§ 16 Abs. 1 UrhG) – des Wer­kes vor­aus. Wird etwa die elek­tro­ni­sche Datei eines Licht­bil­des auf die Fest­plat­te eines Ser­vers hoch­ge­la­den, um sie auf die­se Wei­se in das Inter­net ein­zu­stel­len, wird damit ein Ver­viel­fäl­ti­gungs­stück des Licht­bil­des her­ge­stellt. Danach kann es die Ver­mu­tung der Urhe­ber­schaft begrün­den, wenn eine Per­son auf einer Inter­net­sei­te als Urhe­ber bezeich­net wird 4. Der Umstand, dass in das Inter­net ein­ge­stell­te Wer­ke dar­über hin­aus in unkör­per­li­cher Form öffent­lich zugäng­lich gemacht wer­den und eine sol­che unkör­per­li­che öffent­li­che Wie­der­ga­be die Vor­aus­set­zun­gen des § 10 Abs. 1 UrhG nicht erfüllt, steht einer Anwen­dung die­ser Vor­schrift nicht ent­ge­gen.

Der Klä­ger ist auf den auf sei­ner Inter­net­sei­te ein­ge­stell­ten Foto­gra­fi­en jedoch nicht in der übli­chen Wei­se als Licht­bild­ner bezeich­net.

Eine Per­son ist nur dann in der übli­chen Wei­se auf dem Ver­viel­fäl­ti­gungs­stück eines Wer­kes als Urhe­ber bezeich­net, wenn die Bezeich­nung zum einen an einer Stel­le ange­bracht ist, wo bei der­ar­ti­gen Wer­ken übli­cher­wei­se der Urhe­ber ange­ge­ben wird 5, und die Bezeich­nung zum ande­ren inhalt­lich erken­nen lässt, dass sie den Urhe­ber die­ses Wer­kes benennt 6. Für die Bezeich­nung einer Per­son als Licht­bild­ner gel­ten die­se Vor­aus­set­zun­gen ent­spre­chend.

Vor­lie­gend sind die auf der Inter­net­sei­te ein­ge­stell­ten Licht­bil­der mit der Anga­be "CT-Para­dies" bezeich­net gewe­sen. Die Anga­be "CT-Para­dies" lässt jedoch inhalt­lich nicht erken­nen, dass sie den Klä­ger als Licht­bild­ner der Foto­gra­fi­en bezeich­net.

Das ergibt sich aller­dings nicht schon dar­aus, dass es sich bei die­ser Bezeich­nung nicht um den (bür­ger­li­chen) Namen, einen Deck­na­men oder ein Künst­ler­zei­chen des Klä­gers han­delt. Auch ande­re Anga­ben kön­nen inhalt­lich erken­nen las­sen, dass sie den Urhe­ber eines Wer­kes oder den Licht­bild­ner eines Licht­bil­des bezeich­nen 7.

Die Anga­be "CT-Para­dies" bezeich­net den Klä­ger jedoch des­halb nicht in der übli­chen Wei­se als Licht­bild­ner der Foto­gra­fi­en, weil der Ver­kehr dar­in nicht die Anga­be einer natür­li­chen Per­son sieht. Vor­aus­set­zung einer Urhe­ber­be­zeich­nung ist nicht nur, dass die frag­li­che Bezeich­nung tat­säch­lich einer natür­li­chen Per­son zuzu­ord­nen ist, son­dern auch, dass sie vom Ver­kehr als Hin­weis auf eine natür­li­che Per­son ver­stan­den wird. Nach dem Schöp­fer­prin­zip (§ 7 UrhG) kann nur eine natür­li­che Per­son Urhe­ber oder Licht­bild­ner sein 8. Eine Anga­be ver­mag daher nur dann die Ver­mu­tung der Urhe­ber­schaft oder der Licht­bild­ner­schaft (§ 10 Abs. 1 UrhG) zu begrün­den, wenn der Ver­kehr dar­in die Bezeich­nung einer natür­li­chen Per­son erkennt. Weist die Anga­be dage­gen auf eine juris­ti­sche Per­son hin, kommt für die­se nur die Ver­mu­tung der Ermäch­ti­gung (§ 10 Abs. 2 UrhG) oder der Rechts­in­ha­ber­schaft (§ 10 Abs. 3 UrhG) in Betracht 9.

Der Klä­ger ver­kauft unter der Bezeich­nung "CT-Para­dies" soge­nann­te "Che­ris­hed Ted­dies". Er benutzt die­se Anga­be damit im geschäft­li­chen Ver­kehr als Name, als Fir­ma oder als beson­de­re Bezeich­nung sei­nes Geschäfts­be­triebs oder sei­nes Unter­neh­mens (§ 5 Abs. 2 Satz 1 Mar­kenG). Zwar sind auch die Fir­ma eines Ein­zel­kauf­manns oder die Geschäfts­be­zeich­nung eines Ein­zel­un­ter­neh­mers einer natür­li­chen Per­son zuzu­ord­nen und daher grund­sätz­lich geeig­net, den Urhe­ber eines Wer­kes zu bezeich­nen. Vor­aus­set­zung für die Annah­me einer Urhe­ber­be­zeich­nung ist jedoch, dass der Ver­kehr in einer sol­chen Bezeich­nung einen Hin­weis auf eine natür­li­che Per­son sieht 10. Die Bezeich­nung "CT-Para­dies" erfüllt die­se Vor­aus­set­zung nicht. Ihr ist nicht zu ent­neh­men, dass es sich dabei um die Bezeich­nung einer natür­li­chen Per­son han­delt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Sep­tem­ber 2014 – I ZR 76/​13

  1. vgl. BGH, Urteil vom 18.05.1955 – I ZR 8/​54, BGHZ 17, 267, 269 f. Grun­dig-Repor­ter; Urteil vom 22.01.2009 – I ZR 19/​07, GRUR 2009, 942 Rn. 25 = WRP 2009, 1274 Mote­zu­ma[]
  2. Thum in Wandtke/​Bullinger, Urhe­ber­recht, 4. Aufl., § 10 Rn.19; Wie­be in Spindler/​Schuster, Recht der Elek­tro­ni­schen Medi­en, 2. Aufl.2011, § 10 UrhG Rn. 5[]
  3. vgl. Begrün­dung des Regie­rungs­ent­wurfs zum Urhe­ber­rechts­ge­setz, BT-Drs. IV/​270, S. 42[]
  4. vgl. OLG Köln, WRP 2014, 977 Rn. 17; LG Ber­lin, ZUM-RD 2011, 416, 417; aA LG Mün­chen I, ZUM-RD 2009, 615, 618; vgl. auch LG Frank­furt a.M., ZUM-RD 2009, 22, 23; Schul­ze in Dreier/​Schulze, UrhG, 4. Aufl., § 10 Rn. 6a[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 26.02.2009 – I ZR 142/​06, GRUR 2009, 1046 Rn. 28 = WRP 2009, 1404 Kran­häu­ser, mwN[]
  6. vgl. Loewen­heim in Schricker/​Loewenheim, Urhe­ber­recht, 4. Aufl., § 10 Rn. 8 f.; Drey­er in Dreyer/​Kotthoff/​Meckel, Urhe­ber­recht, 3. Aufl., § 10 UrhG § 10 Rn. 16; Ahl­berg in Ahlberg/​Götting, Beck­OK UrhR, Stand: 1.07.2014, § 10 UrhG Rn. 26[]
  7. vgl. zu Initia­len BGH, Urteil vom 14.07.1993 – I ZR 47/​91, BGHZ 123, 208, 213 f. Buch­hal­tungs­pro­gramm[]
  8. vgl. zum Licht­bild­ner Vogel in Schricker/​Loewenheim aaO § 72 UrhG Rn. 35; Schul­ze in Dreier/​Schulze aaO § 72 Rn. 32 f., jeweils mwN[]
  9. vgl. Schul­ze in Dreier/​Schulze aaO § 10 Rn. 8[]
  10. vgl. LG Frank­furt a.M., ZUM-RD 2009, 22, 23[]