Baye­ri­sches Lan­des­recht – und der Bundesgerichtshof

Kom­men im Wesent­li­chen Rechts­nor­men zur Anwen­dung, die im Lan­des­recht Bay­erns ent­hal­ten sind, und wird gemäß § 7 Abs. 2 Satz 1 EGZPO eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de beim Bun­des­ge­richts­hof ein­ge­reicht, erklärt sich der Bun­des­ge­richts­hof durch Beschluss zur Ent­schei­dung über die Beschwer­de für unzu­stän­dig und über­sen­det dem Baye­ri­schen Obers­ten Lan­des­ge­richt die Pro­zess­ak­ten (§ 7 Abs. 2 Satz 2 EGZPO, § 8 EGGVG, Art. 11 Abs. 1 BayAGGVG)1.

Baye­ri­sches Lan­des­recht – und der Bundesgerichtshof

Gemäß Art. 11 Abs. 1 BayAGGVG tritt das Baye­ri­sche Obers­te Lan­des­ge­richt in dem durch § 8 Abs. 2 EGGVG abge­steck­ten Rah­men als Revi­si­ons- und Rechts­be­schwer­de­ge­richt an die Stel­le des Bun­des­ge­richts­hofs, wenn im Wesent­li­chen Rechts­nor­men zur Anwen­dung kom­men, die im Lan­des­recht Bay­erns ent­hal­ten sind2.

Ist dies der Fall und wird gemäß § 7 Abs. 2 Satz 1 EGZPO eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de beim Bun­des­ge­richts­hof ein­ge­reicht, erklärt sich der Bun­des­ge­richts­hof nach Satz 2 die­ser Vor­schrift durch Beschluss zur Ent­schei­dung über die Beschwer­de für unzu­stän­dig und über­sen­det dem Baye­ri­schen Obers­ten Lan­des­ge­richt die Prozessakten.

Für den vor­lie­gen­den Rechts­streit ent­schei­den­de Norm ist Art. 29 Bay­FiG, der Rege­lun­gen für die Aus­stel­lung von Erlaub­nis­schei­nen zur Aus­übung des Fisch­fangs trifft. Auch die­se Vor­schrift gehört zum baye­ri­schen Lan­des­recht. Das Fische­rei­recht Bay­erns blieb beim Inkraft­tre­ten des Grund­ge­set­zes Lan­des­recht. Die Fische­rei in Bin­nen­ge­wäs­sern ist auch wei­ter­hin lan­des­recht­li­cher Rege­lung vor­be­hal­ten3. Dar­an, dass baye­ri­sches Fische­rei­recht und damit baye­ri­sches Lan­des­recht den Prü­fungs­maß­stab bil­det, ändert sich durch die Her­an­zie­hung der im Gedan­ken von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) wur­zeln­den Rechts­fi­gur der Erwir­kung nichts. Denn der all­ge­mei­ne Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) ist, wenn Lan­des­recht in Rede steht, im Rah­men des Lan­des­rechts anzu­wen­den4. Auch die Beschwer­de macht mit Hil­fe der „Rechts­fi­gur der Erwir­kung“ gel­tend, dass das Beru­fungs­ge­richt einen Anspruch auf wei­te­re Ertei­lung eines Hoch­see­pa­tents „gemäß Art. 29 Abs. 1 Bay­FiG“ – also nach baye­ri­schem Lan­des­recht – hät­te beja­hen müssen.

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Soweit die Beschwer­de Ver­let­zun­gen des Anspruchs des Klä­gers auf recht­li­ches Gehör rügt, gelangt sie im Wei­te­ren eben­falls zu dem Ergeb­nis, dass das Beru­fungs­ge­richt den Beklag­ten in die­ser spe­zi­el­len Aus­nah­me­si­tua­ti­on aus Grün­den des Ver­trau­ens­schut­zes hät­te ver­ur­tei­len müs­sen, dem Klä­ger den Erlaub­nis­schein „gemäß Art. 29 Bay­FiG“ zu ertei­len – mit­hin eine Ver­ur­tei­lung auf der Grund­la­ge baye­ri­schen Lan­des­rechts hät­te aus­spre­chen müs­sen. Im Übri­gen gel­ten nach Art. 91 Abs. 1 BV und Art. 103 Abs. 1 GG die glei­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be5.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht im Hin­blick auf die gel­tend gemach­ten Ver­stö­ße gegen das Will­kür­ver­bot. Art. 118 Abs. 1 Satz 1 BV, den das Beru­fungs­ge­richt gleich­falls zu beach­ten hat­te, und Art. 3 Abs. 1 GG sind im Übri­gen in ihrem Wort­laut nahe­zu identisch.

Auch soweit die Beschwer­de bean­stan­det, dass das Beru­fungs­ge­richt der Bedeu­tung und Trag­wei­te des Grund­rechts des Klä­gers aus Art. 12 Abs. 1 GG nicht hin­rei­chend Rech­nung getra­gen habe, liegt der Schwer­punkt im baye­ri­schen Lan­des­recht. Art. 12 Abs. 1 GG gewährt das Recht, eine Tätig­keit als Beruf zu ergrei­fen und frei aus­zu­üben. Unter Beruf ist dabei jede auf Dau­er ange­leg­te Tätig­keit zur Schaf­fung und Erhal­tung einer Lebens­grund­la­ge zu ver­ste­hen, ohne dass der Schutz der Berufs­frei­heit auf erlaub­te Tätig­kei­ten beschränkt wäre6. Soweit es gesetz­li­cher Rege­lun­gen bedarf, die Pri­vat­per­so­nen das Feld recht­lich erlaub­ter beruf­li­cher Tätig­keit über­haupt erst eröff­nen7, sind sol­che bezüg­lich der Aus­übung der Berufs­fi­sche­rei auf dem Boden­see – ins­be­son­de­re durch Art. 29 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1, Art. 30 Nr. 3 Bay­FiG und die Boden­see­fi­sche­rei­ver­ord­nung vom 01.12.19958 – bereits geschaf­fen wor­den, so dass die Tätig­keit des Klä­gers ohne Wei­te­res in den Schutz­be­reich des Art. 12 Abs. 1 GG fällt. In Bezug auf die­ses bun­des­recht­lich gere­gel­te Grund­recht wirft der Fall kei­ne klä­rungs­be­dürf­ti­gen Fra­gen auf.

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Dass Höchst­al­ters­gren­zen in die Frei­heit der Berufs­wahl ein­grei­fen9, als Grund­la­ge von Beschrän­kun­gen der Berufs­wahl­frei­heit norm­kon­kre­ti­sie­ren­de Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten oder eine ent­spre­chen­de Ver­wal­tungs­pra­xis nicht aus­rei­chen10, son­dern gesetz­li­che (Übergangs-)Regelungen erfor­der­lich sind11, ist eben­so stän­di­ge höchst­rich­ter­li­che Recht­spre­chung wie der Rechts­satz, dass es zu einer Ver­let­zung von Art. 12 Abs. 1 GG auch dann kommt, wenn ein Gericht – wie hier von der Beschwer­de gel­tend gemacht – Bedeu­tung und Trag­wei­te des Grund­rechts nicht hin­rei­chend berück­sich­tigt, ins­be­son­de­re bei der Aus­le­gung und Anwen­dung ein­fa­chen Rechts die typi­schen Merk­ma­le einer Berufs­tä­tig­keit nicht wür­digt oder grund­recht­li­che Belan­ge mit ent­ge­gen­ste­hen­den Gemein­wohl­in­ter­es­sen nicht in ein ange­mes­se­nes Ver­hält­nis bringt12.

Vor­lie­gend sind hin­ge­gen die Fra­gen auf­ge­wor­fen, wie das baye­ri­sche Fische­rei­recht – in Son­der­heit Art. 29 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1, Art. 30 Nr. 3 Bay­FiG unter Ein­be­zie­hung der Bre­gen­zer Über­ein­kunft vom 05.07.1893 – aus­zu­le­gen ist und ob und gege­be­nen­falls in wel­chen Hin­sich­ten es in Umset­zung von Beschlüs­sen der IBKF gegen die auf­ge­zeig­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen verstößt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Juli 2021 – III ZR 163/​20

  1. Fort­füh­rung von BGH, Beschluss vom 18.02.2021 – III ZR 79/​20, NJW-RR 2021, 507 Rn. 5[]
  2. BGH, Beschluss vom 18.02.2021 – III ZR 79/​20, NJW-RR 2021, 507 Rn. 5[]
  3. vgl. BVerfGE 70, 191, 199; Bay­VerfGHE 30 nF, 167, 170; Zöller/​Lückemann, ZPO, 33. Aufl., § 8 EGGVG Rn. 2[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.01.1981 – V ZR 58/​79, BGHZ 79, 201, 207, 210; und vom 13.07.2018 – V ZR 308/​17, NJW-RR 2019, 78 Rn. 11[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 24.01.1992 – 2 BvR 1122/​90, Rn. 9[]
  6. BVerfGE 155, 238 Rn. 92[]
  7. BVerfG aaO Rn. 93[]
  8. GVBl S. 825[]
  9. zB BVerfGE 9, 338, 344 f[]
  10. zB BVerfG, NVwZ 2007, 804 mwN[]
  11. zB BVerfGE 155, 238 Rn. 108[]
  12. zB BVerfG, NJW 2002, 3531, 3532 mwN[]