Der Dräng­ler beim Stau im Kreu­zungs­be­reich

Die aus §§ 11 Abs. 1 und 3 StVO abzu­lei­ten­den beson­de­ren Sorg­falts­an­for­de­run­gen bei Stau­un­gen im Kreu­zungs­be­reich kön­nen zu einer deut­lich über­wie­gen­den Haf­tung eines PKW-Hal­ters und ‑Fah­rers füh­ren, der in eine stau­be­dingt blo­ckier­te ampel­ge­re­gel­te Kreu­zung bei eige­nem Grün­licht ein­fährt, sich vor ein hän­gen­ge­blie­be­nes Fahr­zeug hin­ein­drückt und von des­sen Fah­rer beim Anfah­ren über­se­hen wird 1.

Der Dräng­ler beim Stau im Kreu­zungs­be­reich

In Kon­kre­ti­sie­rung der all­ge­mei­nen Sorg­falts­an­for­de­run­gen des § 1 StVO, beru­hend auf dem Gedan­ken stän­di­ger Vor­sicht und gegen­sei­ti­ger Rück­sicht­nah­me gebie­ten § 11 Abs. 1 und 3 StVO im Fal­le von Ver­kehrs­stau­un­gen dem – an sich – Vor­rang­be­rech­tig­ten durch – aus­nahms­wei­sen – Vor­rang­ver­zicht zur Ent­wir­rung ver­wi­ckel­ter Ver­kehrs­la­gen bei­zu­tra­gen 2. Sie sind damit Aus­fluss der über­ge­ord­ne­ten Grund­re­gel, dass Ver­kehrs­re­geln nicht ins Gegen­teil des Bezweck­ten umschla­gen dür­fen und stel­len dem­entspre­chend auch kei­ne Aus­nah­me­vor­schrif­ten dar 3.

Dar­aus folgt im Inter­es­se der Ver­kehrs­si­cher­heit die all­ge­mein aner­kann­te, kla­re und ein­deu­ti­ge Regel, dass ein Kraft­fah­rer, der bei Grün­licht in eine Kreu­zung ein­fah­ren will, zunächst dem in der Kreu­zung "hän­gen­ge­blie­be­nen" Quer­ver­kehr die Mög­lich­keit geben muss, die Kreu­zung zu ver­las­sen. Mit ande­ren Wor­ten: Nach­züg­lern muss, um Stau­un­gen zu ver­mei­den, die Mög­lich­keit gege­ben wer­den, die Kreu­zung als­bald zu ver­las­sen (so genann­tes Vor­recht des Kreu­zungs­räu­mers 4).

Infol­ge­des­sen ist bei einem Unfall auf einer Kreu­zung, auf wel­cher der Fahr­zeug­ver­kehr durch eine Licht­zei­chen­si­gnal­an­la­ge gere­gelt ist, und bei dem es zu einem Zusam­men­stoß zwi­schen einem Fahr­zeug, das bei dem Umschal­ten der Ampel auf "grün" anfährt, und einem Fahr­zeug des Quer­ver­kehrs, das die Kreu­zung räu­men will, in der Regel von einer über­wie­gen­den Ver­ur­sa­chung des in die Kreu­zung ein­fah­ren­den Quer­ver­kehrs aus­zu­ge­hen bzw. sogar von der Allein­schuld von des­sen Fah­rer, wenn die­ser den Kreu­zungs­räu­mer recht­zei­tig erken­nen konn­te oder aus dem Ver­hal­ten der ande­ren Ver­kehrs­teil­neh­mer mit Kreu­zungs­räu­mern rech­nen muss­te 5. Das gilt erst recht, wenn der Ein­fah­ren­de den Kreu­zungs­räu­mer sogar posi­tiv wahr­ge­nom­men hat 6. Räumt der Nach­züg­ler die Kreu­zung aller­dings nicht mit der gebo­te­nen Sorg­falt, so haf­tet er mit 7.

Nach die­sen Maß­stä­ben ist im Rah­men der gemäß § 17 Abs. 2, Abs. 1 StVG vor­zu­neh­men­den Abwä­gung anzu­neh­men, dass der sich in die Kreu­zung hin­ein­drän­geln­de Fah­rer den streit­ge­gen­ständ­li­chen Unfall über­wie­gend ver­schul­det hat.

Zudem ist zu berück­sich­ti­gen, dass – situa­ti­ons­be­dingt – schon an sich eine erhöh­te Betriebs­ge­fahr von Fahr­zeu­gen aus­geht, die – wie hier der Pkw des Dräng­lers – bei Grün in eine Kreu­zung ein­ge­fah­ren wer­den, bevor der Kreu­zungs­be­reich vom abflie­ßen­den Quer­ver­kehr geräumt ist 8.

Gegen all dies kann der Dräng­ler nicht mit Erfolg ein­wen­den, man­gels (bei­der­sei­ti­ger) Bewe­gung der Fahr­zeu­ge, ins­be­son­de­re aber eines Ste­hens sei­nes Pkw bei der Kol­li­si­on, sei schon im Aus­gangs­punkt nicht von einer "Kreu­zungs­räu­mungs-Kon­stel­la­ti­on" aus­zu­ge­hen und infol­ge jeweils abwei­chen­der Sach­ver­hal­te en détail auch die dies­be­züg­lich im Hin­weis­be­schluss des erken­nen­den Gerichts zitier­ten Ent­schei­dun­gen unver­gleich­bar, jeden­falls aber sei nicht von einer erhöh­ten Betriebs­ge­fahr des klä­ge­ri­schen Pkw aus­zu­ge­hen.

Auch wenn selbst­ver­ständ­lich kei­ner der zitier­ten Ent­schei­dun­gen exakt den streit­ge­gen­ständ­li­chen Sach­ver­halt erfasst und Abwei­chun­gen en détail nicht zu ver­ken­nen sind, ändert dies nichts an der grund­sätz­li­chen Anwend­bar­keit von § 11 Abs. 1, Abs. 3 StVO und den hier­aus aner­kann­ter­ma­ßen ent­wi­ckel­ten Rechts­grund­sät­zen. Schließ­lich dient § 11 StVO – wie gese­hen – ledig­lich der Kon­kre­ti­sie­rung der all­ge­mei­nen Sorg­falts- und Rück­sicht­nah­me­pflich­ten im Fal­le von Ver­kehrs­stau­un­gen im Kreu­zungs­be­reich; und zwar durch Rege­lung der Rang­fol­ge der Inter­es­sen der betei­lig­ten Ver­kehrs­teil­neh­mer im – wohl­ver­stan­de­nen – All­ge­mein­in­ter­es­se an einer Ent­wir­rung der Situa­ti­on. Inso­weit kann indes­sen kei­nem Zwei­fel unter­lie­gen, dass die­se Rechts­grund­sät­ze auch auf den vor­lie­gend zu beur­tei­len­den Sach­ver­halt Anwen­dung fin­den müs­sen; unge­ach­tet der Fra­ge, ob das Fahr­zeug des Dräng­lers zum Zeit­punkt der Kol­li­si­on (schon) zum Still­stand gekom­men war oder sich (noch) in Bewe­gung befand. Denn es steht jeden­falls fest, dass der Dräng­ler nicht nur das Vor­recht des in der Kreu­zung befind­li­chen LKW-Fah­rers auf Kreu­zungs­räu­mung miss­ach­tet, son­dern außer­dem in (ego­is­ti­scher) Ver­fol­gung sei­ner indi­vi­du­el­len Fort­be­we­gungs­in­ter­es­sen durch Hin­ein­drän­gen in eine unzu­rei­chen­de Lücke vor dem Lkw des­sen Kreu­zungs­räu­mung nicht nur wei­ter ver­zö­gert und damit statt zu einer "Ent­wir­rung" viel­mehr zu einer wei­te­ren "Ver­wir­rung" bzw. Ver­län­ge­rung der Ver­kehrs­sto­ckung bei­getra­gen hat. Er hat dar­über hin­aus auch durch die Art und Wei­se sei­nes Vor­ge­hens, näm­lich das – ohne Blick­kon­takt erfol­gen­de – nur teil­wei­se Hin­ein­drän­gen in eine Lücke vor den Lkw – für jeder­mann vor­aus­seh­bar – gera­de auch die kon­kre­te Gefahr geschaf­fen, die sich letzt­lich im streit­ge­gen­ständ­li­chen Unfall rea­li­siert hat, näm­lich, dass im Rah­men einer wei­te­ren Ver­dich­tung des Ver­kehrs, ins­be­son­de­re unmit­tel­bar schräg vor einem bau­art­be­dingt unüber­sicht­li­chen (Groß-) Lkw, – wie hier vom Dräng­ler dem LKW-Fah­rer allei­ne vor­ge­wor­fen – Umstän­de über­se­hen wer­den und es infol­ge­des­sen zu Fahr­zeug-Berüh­run­gen kommt. Gera­de auch die zu Recht befür­wor­te­te erhöh­te Betriebs­ge­fahr des Ein­fah­ren­den resul­tiert – wie im Beru­fungs­ter­min näher erör­tert – schon allein aus der nach­träg­li­chen, wei­te­ren Ver­dich­tung bzw. "Ver­wir­rung" des Kreuzungsverkehrs(-raums) durch den Ein­fah­ren­den, wie hier gesche­hen, und setzt dem­zu­fol­ge kei­ne (zwin­gend zum Zeit­punkt der Kol­li­si­on noch fort­dau­ern­de) Bewe­gung des Ein­fah­ren­den vor­aus.

Selbst wenn man davon aus­gin­ge, § 11 Abs. 1, Abs. 3 StVO erfass­ten den streit­ge­gen­ständ­li­chen Sach­ver­halt nicht unmit­tel­bar, so ergä­be sich kein abwei­chen­der Befund. Denn auch aus einer ent­spre­chen­den Anwen­dung oder einem Rekurs auf die all­ge­mei­nen Sorg­falts­re­geln, deren Kon­kre­ti­sie­rung § 11 StVO – wie aus­ge­führt – allei­ne dient, folg­te bei wer­ten­der Betrach­tung das glei­che Ergeb­nis.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 15. Okto­ber 2012 – 1 U 66/​12

  1. vgl. BGH VersR 1961, 524; VRS 34, 358; BGHZ 56, 146; Ver­k­Mitt 1993, Nr. 27; NZV 2004, 547[]
  2. so die Geset­zes-Begrün­dung, zit. nach König in: Hentschel/​Dau­er/​König, Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 41. Aufl. 2011, § 11 StVO, Rn. 5[]
  3. König a.a.O.[]
  4. st. Rspr., vgl. BGH VersR 1961, 524; VRS 34, 358; BGHZ 56, 146[]
  5. vgl. KG Ver­k­Mitt 1993, Nr. 27; König, in: Hentschel/​König/​Dauer, Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 41. Aufl. 2011, § 37 StVO, Rn. 61 m.w.N.[]
  6. vgl. KG NZV 2004, 574[]
  7. König, a.a.O., m.w.N.[]
  8. vgl. OLG Düs­sel­dorf, VersR 1977, 841[]