Der nicht ange­leg­te Sicher­heits­gurt

Mit der Fra­ge einer Haf­tungs­kür­zung wegen Mit­ver­schul­dens bei Nicht­an­le­gen des Sicher­heits­gurts hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen.

Der nicht ange­leg­te Sicher­heits­gurt

Anlass hier­zu bot ein Fall aus Baden-Baden: Die Klä­ge­rin befuhr mit ihrem Pkw nachts gegen 3:10 Uhr eine Bun­des­au­to­bahn und ver­lor aus unge­klär­ten Grün­den die Kon­trol­le über ihr Fahr­zeug. Die­ses geriet ins Schleu­dern, stieß gegen die Mit­tel­plan­ke und kam auf der lin­ken Fahr­spur unbe­leuch­tet zum Ste­hen. Kurz dar­auf prall­te der Beklag­te zu 1, der mit einer Geschwin­dig­keit von 130 km/​h und ein­ge­schal­te­tem Abblend­licht gefah­ren war, mit sei­nem bei der Beklag­ten zu 2 haft­pflicht­ver­si­cher­ten Pkw auf das Fahr­zeug der Klä­ge­rin. Die­se wur­de schwer ver­letzt. Sie hat Scha­dens­er­satz unter Berück­sich­ti­gung einer Mit­ver­schul­dens­quo­te von 1/​3 begehrt. Das erst­in­stanz­lich mit dem Rechts­streit befass­te Land­ge­richt Baden-Baden hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben [1]. Auf die Beru­fung der Beklag­ten hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he die Haf­tungs­quo­te grund­sätz­lich auf 60 % abge­senkt [2]. Da die Klä­ge­rin bei dem Zweit­un­fall nicht ange­schnallt war, hat es hin­sicht­lich des der Klä­ge­rin infol­ge ihrer Kör­per­ver­let­zung ent­stan­de­nen Scha­dens einen höhe­ren Mit­ver­ur­sa­chungs­an­teil ange­nom­men und inso­weit eine Haf­tungs­quo­te von nur 40 % ange­ord­net.

Auf die Revi­si­on der Klä­ge­rin änder­te der Bun­des­ge­richts­hof die­ses Urteil und ging für die Haf­tung der Beklag­ten hin­sicht­lich sämt­li­cher Schä­den von einer ein­heit­li­chen Quo­te von 60 % aus:

Nach § 21a Abs. 1 StVO müs­sen vor­ge­schrie­be­ne Sicher­heits­gur­te wäh­rend der Fahrt grund­sätz­lich ange­legt sein. Ein Ver­stoß gegen die­se Vor­schrift kann hin­sicht­lich unfall­be­ding­ter Kör­per­schä­den zu einer Haf­tungs­kür­zung wegen Mit­ver­ur­sa­chung füh­ren. Da die Beklag­ten hier nur für die Fol­gen des Zweit­un­falls haf­ten, ist für die Fra­ge der Mit­ver­ur­sa­chung durch die Klä­ge­rin allein von Bedeu­tung, ob zum Zeit­punkt des Zweit­un­falls noch eine Anschnall­pflicht bestand. Das war nicht der Fall, denn der Auf­prall des von dem Beklag­ten zu 1 gelenk­ten Pkw ereig­ne­te sich nicht „wäh­rend der Fahrt“ ihres eige­nen Pkw. Des­sen Fahrt war viel­mehr dadurch been­det wor­den, dass der Pkw unfall­be­dingt an der Leit­plan­ke zum Ste­hen gekom­men war. Nach­dem es zu die­sem Unfall gekom­men war, war die Klä­ge­rin mit­hin nicht nur berech­tigt, den Gurt zu lösen, um ihr Fahr­zeug ver­las­sen und sich in Sicher­heit brin­gen zu kön­nen, son­dern gemäß § 34 Abs. 1 Nr. 2 StVO sogar dazu ver­pflich­tet, näm­lich um die Unfall­stel­le sichern zu kön­nen. Ihr kann des­halb nicht ange­las­tet wer­den, unan­ge­schnallt gewe­sen zu sein, als sich der Zweit­un­fall ereig­ne­te.

Die Ent­schei­dung über eine Haf­tungs­ver­tei­lung im Rah­men des § 254 BGB oder des § 17 StVG ist grund­sätz­lich Sache des Tatrich­ters und im Revi­si­ons­ver­fah­ren nur dar­auf zu über­prü­fen, ob der Tatrich­ter alle in Betracht kom­men­den Umstän­de voll­stän­dig und rich­tig berück­sich­tigt und der Abwä­gung recht­lich zuläs­si­ge Erwä­gun­gen zugrun­de gelegt hat [3]. In ers­ter Linie ist hier­bei nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs das Maß der Ver­ur­sa­chung von Belang, in dem die Betei­lig­ten zur Scha­dens­ent­ste­hung bei­getra­gen haben [4]. Dar­aus folgt, dass den Insas­sen eines Pkw, der ent­ge­gen § 21a Abs. 1 Satz 1 StVO wäh­rend der Fahrt den Sicher­heits­gurt nicht ange­legt hat­te, im Fal­le einer Ver­let­zung infol­ge eines Ver­kehrs­un­falls nur dann eine anspruchs­min­dern­de Mit­haf­tung trifft, wenn im Ein­zel­fall fest­ge­stellt ist, dass nach der Art des Unfalls die erlit­te­nen Ver­let­zun­gen tat­säch­lich ver­hin­dert wor­den oder zumin­dest weni­ger schwer­wie­gend gewe­sen wären, wenn der Ver­letz­te zum Zeit­punkt des Unfalls ange­schnallt gewe­sen wäre [5].

Die danach gebo­te­ne Prü­fung der Ursäch­lich­keit des Zweit­un­falls für die von der Klä­ge­rin erlit­te­nen Ver­let­zun­gen hat das Beru­fungs­ge­richt ver­säumt. Es hat näm­lich weder fest­ge­stellt, wel­che Ver­let­zun­gen die Klä­ge­rin erst durch den Auf­prall des von dem Beklag­ten zu 1 gelenk­ten Pkw auf ihren Pkw erlit­ten hat, noch wel­che die­ser Ver­let­zun­gen dar­auf zurück­zu­füh­ren sind, dass sie nicht ange­schnallt war. Es führt dazu ledig­lich aus, die Klä­ge­rin habe durch das Nicht­an­le­gen des Sicher­heits­gurts zur Ent­ste­hung der weit­rei­chen­den kör­per­li­chen und dar­auf basie­ren­den finan­zi­el­len Unfall­fol­gen maß­geb­lich bei­getra­gen. Eine Begrün­dung dafür fin­det sich in den Grün­den des ange­foch­te­nen Urteils nicht. Es heißt dort ledig­lich, die Klä­ge­rin sei durch den Auf­prall aus dem Sitz geris­sen und im Fahr­zeug umher­ge­schleu­dert wor­den, was ohne Zwei­fel zumin­dest für gewis­se wei­te­re Ver­let­zun­gen der Klä­ge­rin mit­ur­säch­lich gewe­sen sei. Wel­che Ver­let­zun­gen tat­säch­lich hät­ten ver­hin­dert wer­den kön­nen, wenn die Klä­ge­rin bei dem Zweit­un­fall ange­schnallt gewe­sen wäre, ist nicht fest­ge­stellt.

Das wäre zur Begrün­dung einer dar­auf gestütz­ten Mit­haf­tung jedoch erfor­der­lich gewe­sen, zumal vor­lie­gend gera­de auch ange­sichts der hohen Auf­prall­ge­schwin­dig­keit zwei­fel­haft sein könn­te, inwie­weit das Nicht­an­le­gen des Sicher­heits­gurts für die ein­ge­tre­te­nen Ver­let­zun­gen ursäch­lich war [6].

Die Revi­si­on bean­stan­det zudem mit Recht, dass das Beru­fungs­ge­richt der Klä­ge­rin auf der Grund­la­ge der getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen über­haupt ein Mit­ver­schul­den wegen des Nicht­an­le­gens des Sicher­heits­gurts ange­las­tet hat.

Da die Beklag­ten, wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend erkennt, für die Fol­gen des Erst­un­falls nicht ein­zu­ste­hen haben, kommt es vor­lie­gend nicht dar­auf an, ob und gege­be­nen­falls wel­che der dabei ent­stan­de­nen Ver­let­zun­gen durch das Anle­gen eines Sicher­heits­gurts hät­ten ver­mie­den wer­den kön­nen. Für die Haf­tung der Beklag­ten ist es des­halb uner­heb­lich, ob die Klä­ge­rin ange­schnallt war, als sich der Erst­un­fall ereig­ne­te.

Zum Zeit­punkt des Zweit­un­falls bestand für die Klä­ge­rin, wie die Revi­si­on mit Recht gel­tend macht, kei­ne Anschnall­pflicht mehr, denn der Auf­prall des von dem Beklag­ten zu 1 gelenk­ten Pkw ereig­ne­te sich nicht „wäh­rend der Fahrt“ ihres eige­nen Pkw. Wie der erken­nen­de Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den hat, dau­ert die gemäß § 21a Abs. 1 Satz 1 StVO „wäh­rend der Fahrt“ bestehen­de Anschnall­pflicht zwar auch bei kurz­zei­ti­gem ver­kehrs­be­ding­ten Anhal­ten fort [7], doch war nach den vom Beru­fungs­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen die Fahrt vor­lie­gend dadurch been­det wor­den, dass der Pkw der Klä­ge­rin unfall­be­dingt an der Leit­plan­ke zum Ste­hen gekom­men war. Nach­dem es zu die­sem Unfall gekom­men war, war die Klä­ge­rin mit­hin nicht nur berech­tigt, den Gurt zu lösen, um ihr Fahr­zeug ver­las­sen und sich in Sicher­heit brin­gen zu kön­nen, son­dern gemäß § 34 Abs. 1 Nr. 2 StVO sogar dazu ver­pflich­tet, näm­lich um die Unfall­stel­le sichern zu kön­nen. Bei die­ser Sach­la­ge kann ihr nicht ange­las­tet wer­den, unan­ge­schnallt gewe­sen zu sein, als sich der Zweit­un­fall ereig­ne­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Febru­ar 2012 – VI ZR 10/​11

  1. LG Baden-Baden, Urteil vom 20.05.2010 – 3 O 565/​09[]
  2. OLG Karls­ru­he, Urteil vom 15.12.2010 – 1 U 108/​10[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.07.1988 – VI ZR 283/​87, VersR 1988, 1238, 1239; vom 05.03.2002 – VI ZR 398/​00, VersR 2002, 613, 615 f.; und vom 25.03.2003 – VI ZR 161/​02, VersR 2003, 783, 785, jeweils mwN; BGH, Urtei­le vom 20.07.1999 – X ZR 139/​96, NJW 2000, 217, 219; und vom 14.09.1999 – X ZR 89/​97, NJW 2000, 280, 281 f.[]
  4. BGH, Urteil vom 20.09.2011 – VI ZR 282/​10, VersR 2011, 1540 Rn.14 mwN[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.03.1979 – VI ZR 152/​78, BGHZ 74, 25, 33; und vom 01.04.1980 – VI ZR 40/​79, VersR 1980, 824 f.[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 20.03.1979 – VI ZR 152/​78, aaO[]
  7. BGH, Urteil vom 12.12.2000 – VI ZR 411/​99, VersR 2001, 524[]