"Der Pro­zess wäre sowie­so ver­lo­ren gewe­sen"

Geht ein Rechts­streit wegen eines Anwalts­feh­lers ver­lo­ren, ist ein Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen den Rechts­an­walt nicht gege­ben, wenn das Ergeb­nis des Vor­pro­zes­ses dem mate­ri­el­len Recht ent­spricht.

<span class="Der Pro­zess wäre sowie­so ver­lo­ren gewe­sen"" title=""Der Prozess wäre sowieso verloren gewesen"" srcset="" data-srcset="https://www.rechtslupe.de/wp-content/uploads/2019/01/pen-3006462_1920.jpg 1920w, https://www.rechtslupe.de/wp-content/uploads/2019/01/pen-3006462_1920-300x200.jpg 300w, https://www.rechtslupe.de/wp-content/uploads/2019/01/pen-3006462_1920-768x512.jpg 768w, https://www.rechtslupe.de/wp-content/uploads/2019/01/pen-3006462_1920-1024x683.jpg 1024w" sizes="(max-width: 880px) 100vw, 880px">

Hängt die Haf­tung des Anwalts vom Aus­gang eines Vor­pro­zes­ses ab, hat das Regress­ge­richt nicht dar­auf abzu­stel­len, wie jener vor­aus­sicht­lich geen­det hät­te, son­dern selbst zu ent­schei­den, wel­ches Urteil rich­ti­ger­wei­se hät­te erge­hen müs­sen. Dabei ist grund­sätz­lich von dem Sach­ver­halt aus­zu­ge­hen, der dem Gericht des Inzi­dent­pro­zes­ses bei pflicht­ge­mä­ßem Ver­hal­ten des Rechts­an­walts unter­brei­tet und von ihm auf­ge­klärt wor­den wäre 1.

Um die Ursäch­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung eines Rechts­an­walts für den gel­tend gemach­ten Scha­den fest­zu­stel­len, ist zu prü­fen, wel­chen Ver­lauf die Din­ge bei pflicht­ge­mä­ßem Ver­hal­ten genom­men hät­ten. Ist im Haft­pflicht­pro­zess die Fra­ge, ob dem Man­dan­ten durch eine schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung des Rechts­an­walts ein Scha­den ent­stan­den ist, vom Aus­gang eines ande­ren Ver­fah­rens abhän­gig, muss das Regress­ge­richt selbst prü­fen, wie jenes Ver­fah­ren rich­ti­ger­wei­se zu ent­schei­den gewe­sen wäre 2.

Dabei ist von dem nor­ma­ti­ven Scha­dens­be­griff aus­zu­ge­hen.

Ein Geschä­dig­ter soll grund­sätz­lich im Wege des Scha­dens­er­sat­zes nicht mehr erhal­ten als das­je­ni­ge, was er nach der mate­ri­el­len Rechts­la­ge hät­te ver­lan­gen kön­nen. Der Ver­lust einer tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Posi­ti­on, auf die er kei­nen Anspruch hat, ist grund­sätz­lich kein erstat­tungs­fä­hi­ger Nach­teil. Durch eine fik­ti­ve Ent­schei­dung, die gera­de mit die­sem Inhalt nicht hät­te erge­hen dür­fen, wird kein schutz­wür­di­ger Besitz­stand begrün­det 3. Bei wer­ten­der Betrach­tung kann näm­lich der Ver­lust eines Rechts­streits nicht als Scha­den im Rechts­sin­ne ange­se­hen wer­den, wenn sich im Anwalts­haf­tungs­pro­zess her­aus­stellt, dass die unter­le­ge­ne Par­tei den Vor­pro­zess mate­ri­ell­recht­lich zu Recht ver­lo­ren hat, die­ser also nach Auf­fas­sung des mit dem Anwalts­haf­tungs­pro­zess befass­ten Gerichts im Ergeb­nis rich­tig ent­schie­den wor­den ist. Der Umstand, dass die Par­tei bei sach­ge­rech­ter Ver­tre­tung durch ihren Anwalt den Vor­pro­zess gewon­nen hät­te, recht­fer­tigt es nicht, der Par­tei im Regress­pro­zess gegen ihren Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten einen Ver­mö­gens­vor­teil zu ver­schaf­fen, auf den sie nach mate­ri­el­lem Recht kei­nen Anspruch hat­te. Auf die­sen Fall trifft die Regel nicht zu, dass ein Scha­den bereits dann bejaht wer­den kann, wenn die Par­tei einen Pro­zess ver­lo­ren hat, den sie bei sach­ge­mä­ßer Ver­tre­tung gewon­nen hät­te 4.

Nach die­sen Maß­stä­ben muss­te das Gericht in eine umfas­sen­de Prü­fung ein­tre­ten, ob der Klä­ger in dem Vor­pro­zess aus von den ange­ru­fe­nen Gerich­ten nicht erör­ter­ten recht­li­chen Grün­den unter­le­gen wäre.

Der nor­ma­ti­ve Scha­dens­be­griff, der eine recht­li­che End­ergeb­nis­be­trach­tung ver­langt, gebie­tet, den in dem Vor­pro­zess unter­brei­te­ten Sach­ver­halt einer umfas­sen­den recht­li­chen Prü­fung nach allen denk­ba­ren Rich­tun­gen zu unter­zie­hen. Erhebt der in einem Vor­pro­zess ver­ur­teil­te Beklag­te gegen sei­nen Anwalt Ersatz­an­sprü­che, hat das Regress­ge­richt zu unter­su­chen, ob die in dem Vor­pro­zess aus einem bei zutref­fen­der recht­li­cher Wür­di­gung nicht durch­grei­fen­den recht­li­chen Gesichts­punkt zuge­spro­che­ne Kla­ge­for­de­rung gleich­wohl aus einem ande­ren Rechts­grund begrün­det war. Wur­de zu Unrecht ein ver­trag­li­cher Anspruch zuer­kannt, muss das Regress­ge­richt also prü­fen, ob im Fal­le der Unwirk­sam­keit des Ver­tra­ges etwa ins­be­son­de­re Ansprü­che aus Delikt oder unge­recht­fer­tig­ter Berei­che­rung das Kla­ge­be­geh­ren tru­gen. Macht dem­ge­gen­über der in dem Vor­pro­zess unter­le­ge­ne Klä­ger unter Beru­fung auf eine feh­ler­haf­te Pro­zess­füh­rung Ersatz­an­sprü­che gegen sei­nen Anwalt gel­tend, ist zu unter­su­chen, ob die Kla­ge trotz der Pflicht­wid­rig­keit des Anwalts ohne­hin unbe­grün­det war. Die­se Prü­fung kann erge­ben, dass ein zu Unrecht man­gels Nach­weis einer Eini­gung ver­sag­ter Ver­trags­an­spruch tat­säch­lich an einem Form­man­gel oder der Aus­übung eines Gestal­tungs­rechts schei­ter­te oder einer rechts­ir­rig bereits dem Grun­de nach abge­lehn­ten Scha­dens­er­satz­for­de­rung ein Haf­tungs­aus­schluss oder ein ganz über­wie­gen­des Mit­ver­schul­den des Klä­gers (§ 254 Abs. 1 BGB) ent­ge­gen­stand.

Die in dem Vor­pro­zess obsie­gen­de Par­tei hat­te wegen der ihr güns­ti­gen Rechts­auf­fas­sung des ent­schei­den­den Gerichts regel­mä­ßig kei­nen Anlass, ihrer­seits je nach ihrer Pro­zess­rol­le zu etwai­gen wei­te­ren Anspruchs­grund­la­gen oder Gegen­rech­ten vor­zu­tra­gen. Auf der Grund­la­ge des § 287 ZPO, der für die Beur­tei­lung gilt, wie der Vor­pro­zess rich­ti­ger­wei­se ent­schie­den wor­den wäre 5, ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Geg­ner des Vor­pro­zes­ses nach Unter­rich­tung über einen nicht durch­grei­fen­den ihm güns­ti­gen recht­li­chen Gesichts­punkt nach ord­nungs­ge­mä­ßer Bera­tung durch sei­nen Bevoll­mäch­tig­ten sämt­li­che wei­te­ren ihm eröff­ne­ten recht­li­chen und tat­säch­li­chen Mög­lich­kei­ten zur Durch­set­zung sei­ner Rechts­po­si­ti­on genutzt hät­te. Des­halb kann sich der Anwalt, der in dem Regress­ver­fah­ren an die Stel­le des Pro­zess­geg­ners sei­ner Par­tei rückt 6, zur Ver­mei­dung sei­ner Haf­tung auch auf recht­li­che Gesichts­punk­te stüt­zen, die in dem Vor­pro­zess über­haupt nicht ange­spro­chen wur­den. Glei­ches folgt aus der Erwä­gung, dass ein Scha­den im Rechts­sin­ne selbst dann aus­schei­det, wenn der Regress­klä­ger bei zutref­fen­der Bera­tung den Vor­pro­zess gewon­nen hät­te, sich aber nach­träg­lich her­aus­stellt, dass er den Pro­zess mate­ri­ell­recht­lich zu Recht ver­lo­ren hat 7. Dar­um kann dem in Rück­griff genom­me­nen Rechts­an­walt aus Grün­den mate­ri­el­ler Gerech­tig­keit nicht ver­wehrt wer­den, sich dar­auf zu beru­fen, dass das gel­tend gemach­te, von ihm anwalt­lich ver­tre­te­ne Kla­ge­be­geh­ren wegen einer etwa erst nach­träg­lich ent­deck­ten Täu­schung unbe­grün­det war. Bei die­ser Sach­la­ge besteht im Streit­fall kein Hin­de­rungs­grund, in eine Prü­fung ein­zu­tre­ten, ob der Klä­ger in dem Vor­pro­zess nach Maß­ga­be von § 823 Abs. 2 BGB, § 32 KWG aF oder eines Auf­klä­rungs­man­gels ohne­hin unter­le­gen wäre.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. Okto­ber 2012 – IX ZR 207/​11

  1. BGH, Urteil vom 13.06.1996 – IX ZR 233/​95, BGHZ 133, 110, 111 f; vom 16.06.2005 – IX ZR 27/​04, BGHZ 163, 223, 227 jeweils mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 18.12.2008 – IX ZR 179/​07, WM 2009, 324 Rn. 16[]
  3. BGH, Urteil vom 15.11.2007 – IX ZR 34/​04, WM 2008, 41 Rn. 21[]
  4. BGH, Urteil vom 02.07.1987 – IX ZR 94/​86, ZIP 1987, 1393, 1395 f[]
  5. BGH, Urteil vom 16.06.2005 – IX ZR 27/​04, BGHZ 163, 223, 227[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 15.11.2007 – IX ZR 232/​03, Rn. 7[]
  7. BGH, Urteil vom 02.07.1987, aaO[]