Der Streit um den Gegen­stands­wert im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren

Weder die Rechts­pfle­ge­rin beim Aus­gangs­ge­richt noch das Beschwer­de­ge­richt sind im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren zu einer Ent­schei­dung über die Höhe des Gegen­stands­werts (Streit­werts) beru­fen 1.

Der Streit um den Gegen­stands­wert im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren

Der vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richt ent­schie­de­ne Fall betraf eine Kos­ten­fest­set­zung nach zurück­ge­nom­me­nen Insol­venz­an­trag. Eine gesetz­li­che Kran­ken­kas­se hat­te mit der Begrün­dung, die Schuld­ne­rin habe Gesamt­so­zi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge in Höhe von 6.293, 35 € über einen Zeit­raum von acht Mona­ten nicht ent­rich­tet und die Zwangs­voll­stre­ckung sei erfolg­los ver­sucht wor­den, bean­tragt, das Insol­venz­ver­fah­ren über deren Ver­mö­gen zu eröff­nen. Die anwalt­lich ver­tre­te­ne Schuld­ne­rin bestritt die behaup­te­ten For­de­run­gen. Dar­auf­hin nahm die Kran­ken­kas­se den Insol­venz­an­trag zurück. Auf Antrag der Schuld­ne­rin erleg­te das Insol­venz­ge­richt der Kran­ken­kas­se die Kos­ten des Ver­fah­rens auf.

Nun­mehr hat die Schuld­ne­rin bean­tragt, die ihr ent­stan­de­nen Rechts­an­walts­kos­ten – berech­net aus einem Gegen­stands­wert von 25.000 € – in Höhe von 706 € fest­zu­set­zen (1,0 Ver­fah­rens­ge­bühr für das Eröff­nungs­ver­fah­ren Nr. 3313 VV RVG zuzüg­lich Pau­scha­le für Post- und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on Nr. 7002 VV RVG). Die Rechts­pfle­ge­rin des Amts­ge­richts Neu­bran­den­burg 2 hat die von der Kran­ken­kas­se an die Schuld­ne­rin zu erstat­ten­den Kos­ten auf 395 € nebst Zin­sen fest­ge­setzt, wobei sie einen Gegen­stands­wert von 6.293, 35 € zugrun­de gelegt hat. Auf die form- und frist­ge­rech­te Beschwer­de der Schuld­ne­rin hat das Land­ge­richt Neu­bran­den­burg 3 – nach Über­tra­gung der Sache durch den Ein­zel­rich­ter auf die Kam­mer (§ 568 Satz 2 ZPO) – die der Schuld­ne­rin zu erstat­ten­den Kos­ten auf wei­te­re 311 €, ins­ge­samt auf 706 €, nebst Zin­sen fest­ge­setzt. Mit der vom Land­ge­richt Neu­bran­den­burg zuge­las­se­nen Rechts­be­schwer­de möch­te die Kran­ken­kas­se die Wie­der­her­stel­lung der amts­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung errei­chen.

Der Bun­des­ge­richts­hof hielt die statt­haf­te (§ 104 Abs. 3 Satz 1, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO, § 4 InsO) und auch im Übri­gen zuläs­si­ge (§ 575 ZPO, § 4 InsO) Beschwer­de in der Sache für begrün­det, hob die ange­foch­te­nen Beschlüs­se auf und ver­wies die Sache zurück an die Rechts­pfle­ge­rin des Insol­venz­ge­richts (§ 577 Abs. 4 Satz 1, § 572 Abs. 3 ZPO, § 4 InsO). Weder die Rechts­pfle­ge­rin beim Insol­venz­ge­richt noch das Beschwer­de­ge­richt waren zu einer Ent­schei­dung der streit­ent­schei­den­den Rechts­fra­ge beru­fen 1.

Die Schuld­ne­rin hat sich näm­lich gegen den ange­foch­te­nen Kos­ten­fest­set­zungs­be­schluss aus­schließ­lich mit der Begrün­dung gewandt, die Rechts­pfle­ge­rin habe ihrer Ent­schei­dung zu den Anwalts­ge­büh­ren einen unzu­tref­fen­den Gegen­stands­wert zugrun­de gelegt. Sie hat die­sen Ein­wand bereits in ihrer Stel­lung­nah­me zu dem Hin­weis der Rechts­pfle­ge­rin erho­ben, die den Gegen­stands­wert gemäß § 28 Abs. 1 RVG in Ver­bin­dung mit § 58 Abs. 2 GKG 4 nach dem Betrag der For­de­rung und nicht, wie von der Schuld­ne­rin bean­tragt, nach dem Wert der Mas­se zur Zeit der Been­di­gung des Ver­fah­rens gemäß § 28 Abs. 1 RVG in Ver­bin­dung mit § 58 Abs. 1 GKG 5 berech­net hat. Hier­in liegt ein kon­klu­den­ter Antrag auf förm­li­che Wert­fest­set­zung für die Rechts­an­walts­ge­büh­ren gemäß § 33 Abs. 1 Alt. 1 RVG 6. Über die­sen Antrag hät­te die Rechts­pfle­ge­rin man­gels eige­ner Zustän­dig­keit nicht im Rah­men des Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­rens selbst ent­schei­den dür­fen, son­dern sie hät­te die­ses ent­spre­chend § 11 Abs. 4 RVG, § 148 ZPO aus­set­zen und eine rich­ter­li­che Ent­schei­dung des Insol­venz­rich­ters über den Antrag auf Wert­fest­set­zung für die Rechts­an­walts­ge­büh­ren anre­gen müs­sen. Erst auf der Grund­la­ge eines der­art fest­ge­setz­ten Gegen­stands­werts hät­te über den Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag der Schuld­ne­rin ent­schie­den wer­den kön­nen 7.

Im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nach den §§ 104 ff ZPO wird ledig­lich geprüft, ob die gel­tend gemach­ten Kos­ten das die­sem zugrun­de­lie­gen­de Ver­fah­ren betref­fen, ent­stan­den sind und not­wen­dig waren 8. Der Rechts­pfle­ger ist in die­sem Ver­fah­ren zu einer selb­stän­di­gen Wert­fest­set­zung nicht befugt, viel­mehr hat die Fest­set­zung des Gegen­stands­werts durch ver­bind­li­che Ent­schei­dung im Ver­fah­ren nach § 63 GKG, § 33 RVG zu erfol­gen 9. Zumin­dest wenn ein Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter gegen den dem Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag zugrun­de­lie­gen­den oder gegen den vom Rechts­pfle­ger in den Raum gestell­ten Gegen­stands­wert Bean­stan­dun­gen erhebt, muss die­ser sei­ne Ent­schei­dung über den Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag bis zu einer Fest­set­zung des Gebüh­ren­streit­werts zurück­stel­len, gege­be­nen­falls muss er das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren ent­spre­chend § 148 ZPO, § 11 Abs. 4 RVG aus­set­zen 10. Ent­ge­gen einer in der Lite­ra­tur ver­tre­te­nen Ansicht darf der Rechts­pfle­ger zumin­dest in den Fäl­len, in denen zwi­schen den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten unter­schied­li­che Auf­fas­sun­gen über die Höhe des Gegen­stands­werts bestehen, den Gebüh­ren­streit­wert nicht selbst ermit­teln 11 und kann der vom Rechts­pfle­ger ange­nom­me­ne Gegen­stands­wert im Beschwer­de­rechts­zug gegen den Kos­ten­fest­set­zungs­be­schluss nicht über­prüft wer­den 12.

Der Gesetz­ge­ber hat den Betei­lig­ten Ver­fah­ren zur ver­bind­li­chen Fest­set­zung des Gebüh­ren­streit­werts zur Ver­fü­gung gestellt mit einem Beschwer­de­ver­fah­ren, das jeden­falls nicht zu einem obers­ten Gerichts­hof des Bun­des führt (§ 33 Abs. 4 Satz 3, Abs. 6 Satz 3 RVG; § 68 Abs. 1 Satz 5 iVm § 66 Abs. 3 Satz 3, Abs. 4 Satz 3 GKG). Die­sem gesetz­ge­be­ri­schen Wil­len wür­de es wider­spre­chen, den Gebüh­ren­streit­wert im Rah­men eines Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­rens mit einem Beschwer­de­rechts­zug bis zum Bun­des­ge­richts­hof (§ 104 Abs. 3 Satz 1, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO) über­prü­fen zu las­sen. Wei­ter spricht gegen die Zulas­sung der Prü­fung des Gegen­stands­werts im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren, dass die Wert­fest­set­zung ohne­hin nicht bin­dend wäre. Das nach § 63 GKG, § 33 RVG zustän­di­ge Gericht könn­te gege­be­nen­falls auf ent­spre­chen­den Antrag den Streit­wert ohne Bin­dung an die Annah­men des Rechts­pfle­gers und der hier­zu ergan­ge­nen Beschwer­de­ent­schei­dun­gen fest­set­zen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. März 2014 – IX ZB 52/​13

  1. BGH, Beschluss vom 20.03.2014 – IX ZB 288/​11 zVb[][]
  2. AG Neu­bran­den­burg, Beschluss vom 08.04.2013 – 701 IN 316/​12[]
  3. LG Neu­bran­den­burg, Beschluss vom 06.06.2013 – 4 T 87/​13[]
  4. so auch OLG Dres­den, MDR 1994, 1253 für § 77 BRAGO; May­er in Gerol­d/­Schmid­t/­Mül­ler-Rabe/­May­er/Bur­hoff, RVG, 21. Aufl., § 28 Rn. 4[]
  5. Römer­mann in Hartung/​Römermann/​Schons, Pra­xis­kom­men­tar zum RVG, 2. Aufl., § 28 Rn. 15; Sabel, Mün­che­ner Anwalts­hand­buch Ver­gü­tungs­recht, 2. Aufl., § 35 Rn. 75 f; Riedel/​Sußbauer/​Kel­ler, RVG, 9. Aufl., § 28 Rn. 4; so wohl auch Mayer/​Kroiß/​Gierl, RVG, 6. Aufl., § 28 Rn. 8, 10; Wolf in Schneider/​Wolf, AnwK RVG, 6. Aufl., § 28 Rn. 5; v. Seltmann/​Sommerfeldt/​Sommerfeldt, Beck­OK, RVG, 2012, § 28 Rn. 3; Herget/​Schneider/​Onderka, Streit­wert­kom­men­tar, 13. Aufl. Rn. 3186; Wolf/​Mock in Schneider/​Wolf, RVG, 7. Aufl., § 28 Rn. 4; Her­gen­rö­der in Baumgärtel/​Hergenröder/​Houben, RVG, 16. Aufl., § 28 Rn. 5[]
  6. vgl. KG, KGR Ber­lin 2009, 799, 800[]
  7. vgl. OLG Düs­sel­dorf, AGS 2010, 568, 569[]
  8. vgl. Münch­Komm-ZPO/­Schulz, 4. Aufl., § 104 Rn. 24; Musielak/​Lackmann, ZPO, 10. Aufl., § 104 Rn. 5; Vorwerk/​Wolf/​Jaspersen, Beck­OK-ZPO, 2014, § 104 Rn. 15[]
  9. Münch­Komm-ZPO/­Schulz, aaO Rn. 33; Zöller/​Herget, ZPO, 30. Aufl., § 104 Rn. 21 unter dem Stich­wort Streit­wert[]
  10. OLG Koblenz, Beschluss vom 05.06.2001 – 14 W 384/​01 7 ff; OLG Düs­sel­dorf, AGS 2010, 568, 569; Vorwerk/​Wolf/​Jaspersen, Beck­OK, ZPO, 2014, § 104 Rn. 26; Lap­pe in v. Eicken/​Hellstab/​Lappe/​Madert/​Dörndorfer, Die Kos­ten­fest­set­zung, 21. Aufl. Rn. A 32[]
  11. Prütting/​Gehrlein/​Schmidt, ZPO, 5. Aufl., § 104 Rn. 14; Stein/​Jonas/​Bork, ZPO, 22. Aufl., § 104 Rn. 13[]
  12. so aber Stein/​Jonas/​Bork, aaO[]