Der von den Nach­barn seit 45 Jah­ren genutz­te Pri­vat­weg

Ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer kann von sei­nem Nach­barn nach § 1004 Abs. 1 Satz 2 BGB die Unter­las­sung der Nut­zung des über ihre Grund­stü­cke ver­lau­fen­den Pri­vat­wegs ver­lan­gen, wenn eine Dul­dungs­pflicht (§ 1004 Abs. 2 BGB) nicht besteht und der Anspruch nicht ver­wirkt ist.

Der von den Nach­barn seit 45 Jah­ren genutz­te Pri­vat­weg

Eine Dul­dungs­pflicht kann sich nicht aus einer von der Vor­ei­gen­tü­me­rin des Pri­vat­wegs erteil­ten Erlaub­nis, den Weg zu nut­zen, erge­ben. Gestat­tet ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer sei­nem Nach­barn eine Nut­zung, bin­det dies sei­nen Ein­zel­rechts­nach­fol­ger nicht 1.

Ein Unter­las­sungs­an­spruch ist, wie jedes Recht, nur ver­wirkt, wenn sich der Schuld­ner wegen der Untä­tig­keit des Gläu­bi­gers über einen gewis­sen Zeit­raum hin bei objek­ti­ver Beur­tei­lung dar­auf ein­rich­ten darf und ein­ge­rich­tet hat, die­ser wer­de sein Recht nicht mehr gel­tend machen, und des­we­gen die ver­spä­te­te Gel­tend­ma­chung gegen Treu und Glau­ben ver­stößt 2.

Der Eigen­tü­mer ver­wirkt sei­ne Ansprü­che aus dem Eigen­tum nicht, wenn er Stö­run­gen gegen­über so lan­ge untä­tig bleibt, wie sie sich ihm gegen­über als recht­mä­ßig dar­stel­len. So ver­hält es sich im hier ent­schie­de­nen Fall einer bereits 45jährigen Nut­zung des Pri­vat­wegs, weil die Nut­zung des Pri­vat­wegs mit Zustim­mung der frü­he­ren Eigen­tü­me­rin erfolg­te. Hier­durch ver­lor die­se nicht das Recht, die Gestat­tung zu wider­ru­fen und anschlie­ßend Ansprü­che aus § 1004 BGB gel­tend zu machen 3. Zugleich darf sich der­je­ni­ge, der ein Nach­bar­grund­stück nutzt, nicht dar­auf ein­rich­ten, dass der Eigen­tü­mer, der die­se Nut­zung über einen lan­gen Zeit­raum gestat­tet hat, auch künf­tig auf die Gel­tend­ma­chung sei­ner Eigen­tums­rech­te ver­zich­tet. Viel­mehr muss er damit rech­nen, dass sei­ne (bloß schuld­recht­li­che) Nut­zungs­be­fug­nis enden kann und der Eigen­tü­mer dann die Unter­las­sung der Beein­träch­ti­gung ver­lan­gen wird 4.

Soweit die Grund­stücks­ei­gen­tü­mer nun­mehr den Unter­las­sungs­an­spruch gel­tend machen, lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen einer Ver­wir­kung nicht vor. Dabei kann dahin­ste­hen, ob im Hin­blick auf das Vor­lie­gen wie­der­hol­ter gleich­ar­ti­ger Stö­run­gen schon das erfor­der­li­che Zeit­mo­ment fehlt 5. Denn das dar­über hin­aus not­wen­di­ge Umstands­mo­ment ist nicht gege­ben. Der Ein­wand, die Nach­barn hät­ten wegen der jah­re­lang gedul­de­ten Mit­be­nut­zung des Pri­vat­wegs dar­auf ver­zich­tet, ihr Recht aus der Bau­last gel­tend zu machen und eine tech­nisch sehr schwie­ri­ge und finan­zi­ell nicht trag­ba­re Zufahrt her­zu­stel­len, stellt die­se Wür­di­gung nicht in Fra­ge. Zwar kann es für das Umstands­mo­ment von Bedeu­tung sein, wenn der Ver­pflich­te­te im Hin­blick auf die Nicht­gel­tend­ma­chung des Rechts Ver­mö­gens­dis­po­si­tio­nen getrof­fen hat. Hier haben die Nach­barn aber kei­ne Ver­mö­gens­dis­po­si­ti­on vor­ge­nom­men, son­dern ledig­lich Maß­nah­men, deren Vor­nah­me ihnen noch immer mög­lich ist, zurück­ge­stellt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. April 2015 – V ZR 138/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 16.05.2014 – V ZR 181/​13, NJW-RR 2014, 1043 Rn. 12 f.; Urteil vom 29.02.2008 – V ZR 31/​07, NJW-RR 2008, 827 Rn. 7; Urteil vom 05.05.2006 – V ZR 139/​05, NJW-RR 2006, 1160 Rn. 13[]
  2. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urteil vom 21.10.2005 – V ZR 169/​04, NJW-RR 2006, 235 Rn. 10[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 16.05.2014 – V ZR 181/​13, NJW-RR 2014, 1043 Rn.20 f.[]
  4. BGH, Urteil vom 16.05.2014 – V ZR 181/​13, aaO, Rn. 21[]
  5. vgl. dazu BGH, Urteil vom 21.10.2005 – V ZR 169/​04, NJW-RR 2006, 235 Rn. 11[]