Die Akten­ber­ge auf dem Schreib­tisch – und die Pflicht zu ihrer Kon­trol­le

Den Rechts­an­walt, dem auf­grund eines Büro­ver­se­hens eine Frist­sa­che als nicht frist­ge­bun­den vor­ge­legt wird, trifft ein eige­nes Ver­schul­den an der Ver­säu­mung der Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist, wenn er sich nicht in ange­mes­se­ner Zeit durch einen Blick in die Akten wenigs­tens davon über­zeugt, was zu tun ist und wie lan­ge er sich mit der Bear­bei­tung Zeit las­sen kann.

Die Akten­ber­ge auf dem Schreib­tisch – und die Pflicht zu ihrer Kon­trol­le

Erfolgt eine sol­che Kon­trol­le nicht, ist die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nicht unver­schul­det ver­säumt (§ 233 ZPO). Dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ist zwar in einem sol­chen kein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den anzu­las­ten, und den Feh­ler der Anwalts­ge­hil­fin muss sich die Par­tei des­halb nicht zurech­nen las­sen. Aller­dings sieht der Bun­des­ge­richts­hof ein eige­nes Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten hin­sicht­lich der Frist­ver­säu­mung, wel­ches sich die Klä­ge­rin nach § 85 Abs. 2 ZPO zurech­nen las­sen muss.

Die Frist­ver­säu­mung beruht nicht allein dar­auf, dass die Anwalts­ge­hil­fin für die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist nur die Vor­frist im Fris­ten­ka­len­der ver­merkt und die­se Frist als eine ledig­lich gewöhn­li­che Frist behan­delt hat, was zur Fol­ge hat­te, dass die Akten dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ohne äuße­re Kennt­lich­ma­chung als Frist­sa­che vor­ge­legt wur­den und die­ser nicht ohne Wei­te­res erken­nen konn­te, dass die Bear­bei­tung frist­ge­bun­den war.

Den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten trifft dar­an viel­mehr auch ein eige­nes Ver­schul­den. Die­ser hat­te zwar kei­nen Anlass, sich noch am sel­ben Tage der – wie es schien nicht frist­ge­bun­de­nen – Bear­bei­tung der ihm vor­ge­leg­ten Akten zu wid­men. Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, trifft den Rechts­an­walt, dem auf­grund eines Büro­ver­se­hens eine Frist­sa­che als nicht frist­ge­bun­den vor­ge­legt wird, jedoch dann ein eige­nes Ver­schul­den an der Ver­säu­mung der Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist, wenn er sich nicht in ange­mes­se­ner Zeit durch einen Blick in die Akten wenigs­tens davon über­zeugt, was zu tun ist und wie lan­ge er sich mit der Bear­bei­tung Zeit las­sen kann 1. An die­ser Recht­spre­chung ist fest­zu­hal­ten. Hät­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin, wie es gebo­ten war, inner­halb einer Woche einen Blick in die Akten gewor­fen, hät­te er unschwer fest­stel­len kön­nen, dass bis zum 25. März 2010 eine Beru­fungs­be­grün­dung ein­zu­rei­chen war. Es geht daher hier nicht um die Fra­ge, ob der Rechts­an­walt bei jeder Vor­la­ge der Akten eigen­ver­ant­wort­lich prü­fen muss, ob das Büro­per­so­nal die Rechts­mit­tel­fris­ten zutref­fend notiert hat 2.

Dass er im Hin­blick auf sei­ne Arbeits­be­las­tung im Fal­le ord­nungs­ge­mä­ßer Vor­la­ge der Akte als Frist­sa­che sofort die Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist bean­tragt hät­te und die­sem Antrag gege­be­nen­falls statt­ge­ge­ben wor­den wäre, kann ihn des­halb nicht ent­las­ten, weil er die Erfor­der­lich­keit die­ses Antrags auf­grund sei­nes Ver­säum­nis­ses, nicht recht­zei­tig einen kur­zen Blick in die Akten zu wer­fen, schuld­haft nicht erkannt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. März 2011 – VI ZB 25/​10

  1. BGH, Beschluss vom 03.11.1997 – VI ZB 47/​97, VersR 1998, 342[]
  2. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 11.02.1992 – VI ZB 2/​92, NJW 1992, 1632; BGH, Beschluss vom 11.12. 1991 – VIII ZB 38/​91, NJW 1992, 841; BAG, Beschluss vom 20.06.1995 – 3 AZN 261/​95, NJW 1995, 3339, 3340[]