Die bean­trag­te Ladung eines Sach­ver­stän­di­gen

Hat das Beru­fungs­ge­richt einen ande­ren Sach­ver­stän­di­gen als das erst­in­stanz­li­che Gericht ein­ge­schal­tet und beur­teilt die­ser die Beweis­fra­ge anders als der frü­he­re Gut­ach­ter, hat es zumin­dest dem Antrag einer Par­tei auf Ladung die­ses (neu­en) Sach­ver­stän­di­gen zur Erläu­te­rung sei­nes schrift­li­chen Gut­ach­tens zu ent­spre­chen. Dies gilt auch dann, wenn es das zuletzt ein­ge­hol­te Gut­ach­ten für über­zeu­gend hält und selbst kei­nen wei­te­ren Erläu­te­rungs­be­darf sieht. Ein Ver­stoß gegen die­se Pflicht ver­letzt den Anspruch der Par­tei auf recht­li­ches Gehör und führt im Rah­men des § 544 Abs. 7 ZPO zur Auf­he­bung des Urteils und zur Zurück­ver­wei­sung des Rechts­streits an das Beru­fungs­ge­richt [1].

Die bean­trag­te Ladung eines Sach­ver­stän­di­gen

Die von einer Par­tei bean­trag­te Ladung eines Sach­ver­stän­di­gen ist grund­sätz­lich auch dann erfor­der­lich, wenn das Gericht – wie hier – das schrift­li­che Gut­ach­ten für über­zeu­gend hält und kei­nen wei­te­ren Erläu­te­rungs­be­darf sieht. Zur Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs nach §§ 397, 402 ZPO hat die Par­tei einen Anspruch dar­auf, dass sie dem Sach­ver­stän­di­gen die Fra­gen, die sie zur Auf­klä­rung der Sache für erfor­der­lich hält, zur münd­li­chen Beant­wor­tung vor­le­gen kann [2]. Die­ses Antrags­recht besteht unab­hän­gig von der nach § 411 Abs. 3 ZPO im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Gerichts ste­hen­den Mög­lich­keit, von Amts wegen das Erschei­nen eines Sach­ver­stän­di­gen zum Ter­min anzu­ord­nen [3]. Beschrän­kun­gen des Antrags­rechts kön­nen sich allen­falls aus dem – im ent­schie­de­nen Fall nicht vor­lie­gen­den – Gesichts­punkt des Rechts­miss­brauchs oder der Pro­zess­ver­schlep­pung erge­ben [4].

Von der Par­tei, die einen Antrag auf Ladung eines Sach­ver­stän­di­gen stellt, kann nicht ver­langt wer­den, dass sie die Fra­gen, die sie an den Gut­ach­ter zu rich­ten beab­sich­tigt, im Vor­aus kon­kret for­mu­liert [5]. Es ist auch nicht erfor­der­lich, dass ein Erläu­te­rungs­be­darf von der Par­tei kon­kret dar­ge­tan wird. Viel­mehr genügt es, wenn sie all­ge­mein angibt, in wel­cher Rich­tung sie durch ihre Fra­gen eine wei­te­re Auf­klä­rung her­bei­zu­füh­ren wünscht [6]. Dies gilt grund­sätz­lich auch dann, wenn ein Sach­ver­stän­di­ger nicht als Erst­gut­ach­ter ein­ge­schal­tet wur­de, son­dern ein wei­te­res Gut­ach­ten erstat­tet hat [7].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Dezem­ber 2010 – VIII ZR 96/​10

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 22.05.2007 – VI ZR 233/​06, NJW-RR 2007, 1294; und vom 14.070.2009 – VIII ZR 295/​08, NJW-RR 2009, 1361[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. etwa BGH, Urteil vom 07.10.1997 – VI ZR 252/​96, NJW 1998, 162; Beschluss vom 22.05.2007 – VI ZR 233/​06, NJW-RR 2007, 1294 Rn. 3; Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 295/​08, NJW-RR 2009, 1361 Rn. 10[]
  3. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 10.07.1952 – IV ZR 15/​52, BGHZ 6, 398, 400, 401; vom 27.02.1957 – IV ZR 290/​56, BGHZ 24, 9, 14; vom 07.10.1997 – VI ZR 252/​96, aaO; vom 29.10.2002 – VI ZR 353/​01, NJW-RR 2003, 208; Beschluss vom 05.09.2006 – VI ZR 176/​05, WuM 2006, 634 Rn. 3; Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 295/​08, aaO[]
  4. BGH, Urtei­le vom 27.02.1957 – IV ZR 290/​56, aaO; vom 29.10.2002 – VI ZR 353/​01, aaO; Beschluss vom 22.05.2007 – VI ZR 233/​07, aaO; Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 295/​08, aaO[]
  5. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 05.09.2006 – VI ZR 176/​05, aaO; und vom 22.05.2007 – VI ZR 233/​06, aaO[]
  6. BGH, Urteil vom 27.02.1957 – IV ZR 290/​56, aaO S. 15; Beschlüs­se vom 05.09.2006 – VI ZR 176/​05, aaO; und vom 22.05.2007 – VI ZR 233/​06, aaO[]
  7. vgl. zum Fall eines Ergän­zungs­gut­ach­tens BGH, Beschluss vom 22.05.2007 – VI ZR 233/​06, aaO[]