Die beantragte Ladung eines Sachverständigen

Hat das Berufungsgericht einen anderen Sachverständigen als das erstinstanzliche Gericht eingeschaltet und beurteilt dieser die Beweisfrage anders als der frühere Gutachter, hat es zumindest dem Antrag einer Partei auf Ladung dieses (neuen) Sachverständigen zur Erläuterung seines schriftlichen Gutachtens zu entsprechen. Dies gilt auch dann, wenn es das zuletzt eingeholte Gutachten für überzeugend hält und selbst keinen weiteren Erläuterungsbedarf sieht. Ein Verstoß gegen diese Pflicht verletzt den Anspruch der Partei auf rechtliches Gehör und führt im Rahmen des § 544 Abs. 7 ZPO zur Aufhebung des Urteils und zur Zurückverweisung des Rechtsstreits an das Berufungsgericht1.

Die beantragte Ladung eines Sachverständigen

Die von einer Partei beantragte Ladung eines Sachverständigen ist grundsätzlich auch dann erforderlich, wenn das Gericht – wie hier – das schriftliche Gutachten für überzeugend hält und keinen weiteren Erläuterungsbedarf sieht. Zur Gewährleistung des rechtlichen Gehörs nach §§ 397, 402 ZPO hat die Partei einen Anspruch darauf, dass sie dem Sachverständigen die Fragen, die sie zur Aufklärung der Sache für erforderlich hält, zur mündlichen Beantwortung vorlegen kann2. Dieses Antragsrecht besteht unabhängig von der nach § 411 Abs. 3 ZPO im pflichtgemäßen Ermessen des Gerichts stehenden Möglichkeit, von Amts wegen das Erscheinen eines Sachverständigen zum Termin anzuordnen3. Beschränkungen des Antragsrechts können sich allenfalls aus dem – im entschiedenen Fall nicht vorliegenden – Gesichtspunkt des Rechtsmissbrauchs oder der Prozessverschleppung ergeben4.

Von der Partei, die einen Antrag auf Ladung eines Sachverständigen stellt, kann nicht verlangt werden, dass sie die Fragen, die sie an den Gutachter zu richten beabsichtigt, im Voraus konkret formuliert5. Es ist auch nicht erforderlich, dass ein Erläuterungsbedarf von der Partei konkret dargetan wird. Vielmehr genügt es, wenn sie allgemein angibt, in welcher Richtung sie durch ihre Fragen eine weitere Aufklärung herbeizuführen wünscht6. Dies gilt grundsätzlich auch dann, wenn ein Sachverständiger nicht als Erstgutachter eingeschaltet wurde, sondern ein weiteres Gutachten erstattet hat7.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 7. Dezember 2010 – VIII ZR 96/10

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüsse vom 22.05.2007 – VI ZR 233/06, NJW-RR 2007, 1294; und vom 14.070.2009 – VIII ZR 295/08, NJW-RR 2009, 1361[]
  2. ständige Rechtsprechung, vgl. etwa BGH, Urteil vom 07.10.1997 – VI ZR 252/96, NJW 1998, 162; Beschluss vom 22.05.2007 – VI ZR 233/06, NJW-RR 2007, 1294 Rn. 3; Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 295/08, NJW-RR 2009, 1361 Rn. 10[]
  3. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urteile vom 10.07.1952 – IV ZR 15/52, BGHZ 6, 398, 400, 401; vom 27.02.1957 – IV ZR 290/56, BGHZ 24, 9, 14; vom 07.10.1997 – VI ZR 252/96, aaO; vom 29.10.2002 – VI ZR 353/01, NJW-RR 2003, 208; Beschluss vom 05.09.2006 – VI ZR 176/05, WuM 2006, 634 Rn. 3; Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 295/08, aaO[]
  4. BGH, Urteile vom 27.02.1957 – IV ZR 290/56, aaO; vom 29.10.2002 – VI ZR 353/01, aaO; Beschluss vom 22.05.2007 – VI ZR 233/07, aaO; Beschluss vom 14.07.2009 – VIII ZR 295/08, aaO[]
  5. vgl. etwa BGH, Beschlüsse vom 05.09.2006 – VI ZR 176/05, aaO; und vom 22.05.2007 – VI ZR 233/06, aaO[]
  6. BGH, Urteil vom 27.02.1957 – IV ZR 290/56, aaO S. 15; Beschlüsse vom 05.09.2006 – VI ZR 176/05, aaO; und vom 22.05.2007 – VI ZR 233/06, aaO[]
  7. vgl. zum Fall eines Ergänzungsgutachtens BGH, Beschluss vom 22.05.2007 – VI ZR 233/06, aaO[]