Die Beru­fungs­schrift – und die auf­ge­kleb­te Unter­schrift

Die aus einem Blan­ko­ex­em­plar aus­ge­schnit­te­ne und auf die Tele­fax- Vor­la­ge eines bestim­men­den Schrift­sat­zes (hier: Beru­fungs­schrift und Beru­fungs­be­grün­dung) gekleb­te Unter­schrift des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten einer Par­tei erfüllt nicht die an eine eigen­hän­di­ge Unter­schrift nach § 130 Nr. 6 i.V.m. § 519 Abs. 4, § 520 Abs. 5 ZPO zu stel­len­den Anfor­de­run­gen.

Die Beru­fungs­schrift – und die auf­ge­kleb­te Unter­schrift

Gemäß § 130 Nr. 6 ZPO i.V.m. § 519 Abs. 4, § 520 Abs. 5 ZPO müs­sen die Beru­fungs­schrift und die Beru­fungs­be­grün­dung als bestim­men­de Schrift­sät­ze grund­sätz­lich von einem zur Ver­tre­tung bei dem Beru­fungs­ge­richt berech­tig­ten Rechts­an­walt eigen­hän­dig unter­schrie­ben sein. Die Unter­schrift soll die Iden­ti­fi­zie­rung des Urhe­bers der schrift­li­chen Pro­zess­hand­lung ermög­li­chen und des­sen unbe­ding­ten Wil­len zum Aus­druck brin­gen, die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes zu über­neh­men und die­sen bei Gericht ein­zu­rei­chen. Zugleich soll sicher­ge­stellt wer­den, dass es sich bei dem Schrift­stück nicht nur um einen Ent­wurf han­delt, son­dern dass es mit Wis­sen und Wil­len des Berech­tig­ten dem Gericht zuge­lei­tet wird. Für den Anwalts­pro­zess bedeu­tet dies, dass die Beru­fungs­schrift und die Beru­fungs­be­grün­dung von einem dazu bevoll­mäch­tig­ten und bei dem Pro­zess­ge­richt zuge­las­se­nen Rechts­an­walt zwar nicht selbst ver­fasst, aber nach eigen­ver­ant­wort­li­cher Prü­fung geneh­migt und unter­schrie­ben sein müs­sen [1].

Das Erfor­der­nis der eigen­hän­di­gen Unter­schrift ent­fällt nicht dadurch, dass die Beru­fung – was zuläs­sig ist – per Tele­fax ein­ge­legt und begrün­det wird. In die­sem Fall genügt zwar die Wie­der­ga­be der Unter­schrift in Kopie, jedoch muss es sich bei der Kopier­vor­la­ge um den eigen­hän­dig unter­schrie­be­nen Ori­gi­nal­schrift­satz han­deln [2]. Die Wirk­sam­keit der Pro­zess­hand­lung setzt somit vor­aus, dass die Kopier­vor­la­ge von einem pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­gen Rechts­an­walt unter­schrie­ben wor­den ist und des­sen Unter­schrift auf der Kopie wie­der­ge­ge­ben wird.

Mit dem äuße­ren Merk­mal der Unter­schrift ist aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit auch ohne einen dar­über hin­aus­ge­hen­den Nach­weis davon aus­zu­ge­hen, dass der Anwalt den Pro­zess­stoff eigen­ver­ant­wort­lich durch­ge­ar­bei­tet hat und die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes tra­gen will. Für ein Rechts­mit­tel­ge­richt besteht des­halb in aller Regel kein Anlass, den Inhalt einer anwalt­lich unter­schrie­be­nen Beru­fungs­be­grün­dung dar­auf zu über­prü­fen, in wel­chem Umfang und wie gründ­lich der Anwalt den Pro­zess­stoff tat­säch­lich selbst durch­ge­ar­bei­tet hat [3]. Dem­entspre­chend ist eine Blan­ko­un­ter­schrift grund­sätz­lich geeig­net, die Form zu wah­ren. Dabei muss aller­dings gewähr­leis­tet sein, dass der Rechts­an­walt den Inhalt des noch zu erstel­len­den Schrift­sat­zes so genau fest­ge­legt hat, dass er des­sen eigen­ver­ant­wort­li­che Prü­fung bereits vor­ab bestä­ti­gen konn­te [4]. So kann ein Schrift­satz zum Bei­spiel vom orts­ab­we­sen­den Rechts­an­walt tele­fo­nisch dik­tiert und anschlie­ßend – etwa anhand der Text­da­tei oder durch Über­sen­dung per Tele­fax – über­prüft wor­den sein [5].

Nach die­sen Maß­stä­ben waren die von dem bei dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ange­stell­ten Rechts­an­walt G aus dem jewei­li­gen Blan­ko­ex­em­plar aus­ge­schnit­te­nen und auf die Tele­fax-Vor­la­ge gekleb­ten Unter­schrif­ten des dama­li­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, Rechts­an­walts S, nicht geeig­net, die an eine eigen­hän­di­ge Unter­schrift nach § 130 Nr. 6 i.V.m. § 519 Abs. 4, § 520 Abs. 5 ZPO zu stel­len­den Anfor­de­run­gen zu erfül­len.

Durch die hier gewähl­te Ver­fah­rens­wei­se war nicht gewähr­leis­tet, dass Rechts­an­walt S. als sei­ner­zei­ti­ger Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter durch sei­ne Blan­ko­un­ter­schrift die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt der Beru­fungs­schrift und der Beru­fungs­be­grün­dung vor­ab über­nahm. Das blan­ko unter­zeich­ne­te Schrift­stück zur Erstel­lung der Schrift­sät­ze wur­de nicht ver­wen­det. Weder wur­de der Text in das Blan­ko­ex­em­plar ein­ge­fügt noch mit die­sem ver­bun­den [6]. Viel­mehr hat Rechts­an­walt G. die Unter­schrift aus dem Blan­ko­ex­em­plar aus­ge­schnit­ten und auf einen Schrift­satz geklebt, des­sen Inhalt dem dama­li­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten nur als hand­schrift­li­cher Ent­wurf bekannt war. Auf die­se Wei­se ist eine Col­la­ge ent­stan­den, die auch mit­tels einer frü­he­ren, in ganz ande­rem Zusam­men­hang geleis­te­ten Unter­schrift hät­te erstellt wer­den kön­nen und die es ermög­lich­te, die aus­ge­schnit­te­ne Unter­schrift – je nach Fes­tig­keit der Kle­be­ver­bin­dung – gege­be­nen­falls mehr­fach zu ver­wen­den. Inso­weit ist der vor­lie­gen­de Fall recht­lich nicht anders zu beur­tei­len als die Fäl­le, in denen ein mit­tels eines nor­ma­len Tele­fax­ge­räts über­mit­tel­ter bestim­men­der Schrift­satz ledig­lich eine ein­ge­scann­te Unter­schrift auf­weist, die nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs den Form­erfor­der­nis­sen des § 130 Nr. 6 ZPO nicht genügt [7]. Es war eben­so wie bei einer ein­ge­scann­ten Unter­schrift nicht gewähr­leis­tet, dass Rechts­an­walt S. die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt der Rechts­mit­tel­schrift­sät­ze über­nom­men hat­te und es sich nicht ledig­lich um unge­prüf­te Ent­wür­fe han­del­te. Im vor­lie­gen­den Fall war es auch tat­säch­lich so, dass Rechts­an­walt S. zum Zeit­punkt der Leis­tung der Blan­ko­un­ter­schrif­ten nur hand­schrift­li­che Ent­wür­fe von Schrift­sät­zen vor­la­gen, die Rechts­an­walt G. anschlie­ßend am PC fer­tig stel­len soll­te. Ohne Kennt­nis des end­gül­ti­gen Tex­tes war Rechts­an­walt S. nicht in der Lage, des­sen eigen­ver­ant­wort­li­che Prü­fung vor­ab zu bestä­ti­gen.

Auch eine Wie­der­ein­set­zung in die dadurch ver­säum­te Beru­fungs- und Beru­fungs­be­grün­dungs­frist lehnt der Bun­des­ge­richts­hof ab, der Wie­der­ein­set­zungs­an­trag ist unbe­grün­det. Denn es fehlt an einem Wie­der­ein­set­zungs­grund. Nach § 233 ZPO ist Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren, wenn eine Par­tei ohne ihr Ver­schul­den ver­hin­dert war, die Beru­fungs­frist (§ 517 ZPO) oder die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist (§ 520 Abs. 2 ZPO) ein­zu­hal­ten. Das Ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ist einer Par­tei zuzu­rech­nen (§ 85 Abs. 2 ZPO). So liegt der Fall hier. Die Form­un­wirk­sam­keit sowohl der Beru­fungs­ein­le­gung als auch der Beru­fungs­be­grün­dung beruht dar­auf, dass der dama­li­ge Beru­fungs­an­walt eine mit § 130 Nr. 6 ZPO unver­ein­ba­re Ver­fah­rens­wei­se gewählt hat. Sei­ne im Wider­spruch zur höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung ste­hen­de Auf­fas­sung, dass das Kri­te­ri­um der Eigen­hän­dig­keit der Unter­schrift auch bei einer aus dem Blan­ko­ex­em­plar aus­ge­schnit­te­nen und auf ein ande­res Schrift­stück gekleb­ten Unter­schrift gege­ben sei, beruh­te auf einem ver­meid­ba­ren Rechts­irr­tum und damit auf einem Ver­schul­den, wel­ches sich die Beklag­te gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zurech­nen las­sen muss [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. August 2015 – III ZB 60/​14

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschluss vom 26.07.2012 – III ZB 70/​11, NJW-RR 2012, 1142 Rn. 6; BGH, Urteil vom 29.10.1997 – VIII ZR 141/​97, NJW-RR 1998, 574; Beschlüs­se vom 23.06.2005 – V ZB 45/​04, NJW 2005, 2709; vom 10.10.2006 – XI ZB 40/​05, NJW 2006, 3784 Rn. 7; vom 26.10.2011 – IV ZB 9/​11, Beck­RS 2011, 26453 Rn. 6; und vom 12.09.2012 – XII ZB 642/​11, NJW 2012, 3378 Rn. 16[]
  2. BGH, Beschluss vom 26.07.2012 aaO Rn. 6; BGH, Beschluss vom 23.06.2005 aaO[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 23.06.2005 aaO; und vom 12.09.2012 aaO Rn.16[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 23.06.2005 aaO S. 2710; und vom 12.09.2012 aaO Rn. 17 f[]
  5. BGH, Beschluss vom 12.09.2012 aaO Rn. 18[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 20.12 1965 – VIII ZB 33/​65, NJW 1966, 351; und vom 12.09.2012 aaO Rn. 2; sie­he auch Münch­Komm-BGB/Ein­se­le, 7. Aufl., § 126 Rn. 11[]
  7. BGH, Beschluss vom 10.10.2006 – XI ZB 40/​05, NJW 2006, 3784 Rn. 11[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 23.06.2005 aaO[]