Die Insol­venz des Pfand­schuld­ners

Ist die ver­pfän­de­te For­de­rung fäl­lig, die durch das Pfand­recht gesi­cher­te Haupt­for­de­rung jedoch nicht, steht dem Ver­wal­ter im Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Pfand­schuld­ners das allei­ni­ge Ein­zugs­recht zu. Zieht der wegen des feh­len­den Ein­zugs­rechts des Pfand­gläu­bi­gers ein­zie­hungs­be­fug­te Ver­wal­ter im Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Pfand­schuld­ners die ver­pfän­de­te For­de­rung ein, kann er die Kos­ten der Fest­stel­lung und der Ver­wer­tung der For­de­rung vor­ab für die Mas­se ent­neh­men.

Die Insol­venz des Pfand­schuld­ners

Der Insol­venz­ver­wal­ter ist in einem sol­chen Fall nicht nach § 166 Abs. 2 InsO ein­zie­hungs­be­fugt. Die­se Vor­schrift erlaubt dem Ver­wal­ter die Ein­zie­hung oder ander­wei­ti­ge Ver­wer­tung einer For­de­rung, wel­che der Schuld­ner zur Siche­rung eines Anspruchs abge­tre­ten hat­te. Auf ver­pfän­de­te For­de­run­gen ist sie nicht, auch nicht ent­spre­chend, anwend­bar 1.

Der Insol­venz­ver­wal­ter ist jedoch des­halb zur Ein­zie­hung der Ver­si­che­rungs­sum­me befugt, weil der Pfand­gläu­bi­ger der ver­pfän­de­ten Lebens­ver­si­che­rung als der ein­zi­ge ande­re in Betracht kom­men­de Berech­tig­te nach den inso­weit maß­ge­ben­den Vor­schrif­ten des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs nicht zur Ein­zie­hung der Ver­si­che­rungs­leis­tung berech­tigt war.

Gemäß § 1282 Abs. 1 BGB ist der Pfand­gläu­bi­ger erst dann zur Ein­zie­hung der gepfän­de­ten For­de­rung berech­tigt, wenn Pfand­rei­fe gemäß § 1228 Abs. 2 BGB ein­ge­tre­ten ist. Nach die­ser Vor­schrift tritt Pfand­rei­fe bereits dann ein, wenn die gesi­cher­te For­de­rung nur teil­wei­se fäl­lig gewor­den ist. Die gesi­cher­te For­de­rung aus der Pen­si­ons­zu­sa­ge vom 04.08.1993 ent­stand jedoch nicht ins­ge­samt mit Ablauf des Monats, in wel­chem der Pfand­gläu­bi­ger sein 60. Lebens­jahr voll­ende­te, son­dern von die­sem Zeit­punkt an Monat für Monat neu, jeweils auf­schie­bend bedingt durch den Erle­bens­fall 2. Am 2.04.2008 waren über­haupt erst Pen­si­ons­an­sprü­che für die Mona­te Novem­ber 2006 bis ein­schließ­lich März 2008 – also nur in Höhe eines Bruch­teils der aus­ge­zahl­ten Ver­si­che­rungs­sum­me – ange­fal­len.

§ 1282 Abs. 1 Satz 2 BGB erlaubt dem Pfand­gläu­bi­ger die Ein­zie­hung der For­de­rung nur inso­weit, als sie zu sei­ner Befrie­di­gung erfor­der­lich ist. Han­delt es sich bei der gesi­cher­ten For­de­rung um eine Ren­te, ist eine Ein­zie­hung nur ent­spre­chend den ver­ein­bar­ten Ren­ten­zah­lun­gen mög­lich 3. Auch aus die­sem Grun­de war der Pfand­gläu­bi­ger nicht befugt, die Ver­si­che­rungs­sum­me ein­zu­zie­hen, soweit sie den fäl­li­gen Betrag über­stieg. Ist der Pfän­dungs­gläu­bi­ger nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten man­gels Fäl­lig­keit der Haupt­for­de­rung nicht zur Ein­zie­hung der ver­pfän­de­ten For­de­rung berech­tigt, kann im Insol­venz­ver­fah­ren nichts ande­res gel­ten. Der Abson­de­rungs­be­rech­tig­te hat auch hier kei­nen Anspruch dar­auf, dass noch nicht ent­stan­de­ne und nicht fäl­li­ge For­de­run­gen befrie­digt wer­den. Auf der ande­ren Sei­te ist der Ver­si­che­rer weder ver­trag­lich noch gesetz­lich ver­pflich­tet, die Ver­si­che­rungs­sum­me ratier­lich an den Pfän­dungs­gläu­bi­ger aus­zu­zah­len; er hat Anspruch dar­auf, die von ihm geschul­de­te Ein­mal­zah­lung als sol­che erbrin­gen zu dür­fen. Damit ist der Ver­wal­ter nicht nur berech­tigt, son­dern auch ver­pflich­tet, die Ver­si­che­rungs­sum­me ent­ge­gen zu neh­men.

Es kann sich damit nur noch die Fra­ge stel­len, ob die Ver­si­che­rungs­sum­me gemäß oder ent­spre­chend § 1281 BGB an den Pfand­gläu­bi­ger und den Ver­wal­ter im Insol­venz­ver­fah­ren über das Ver­mö­gen des Gläu­bi­gers gemein­sam zu leis­ten ist. Die­se Fra­ge ist zu ver­nei­nen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat in dem ver­gleich­ba­ren Fall der vor­zei­ti­gen Been­di­gung der ver­pfän­de­ten Rück­de­ckungs­ver­si­che­rung ein allei­ni­ges Ein­zugs­recht des Ver­wal­ters ent­spre­chend § 173 Abs. 2 Satz 2 InsO ange­nom­men 4. Ein sol­ches ent­spricht auch in ande­ren Fäl­len der feh­len­den Pfand­rei­fe dem wohl­ver­stan­de­nen Inter­es­se der Insol­venz­gläu­bi­ger an der zügi­gen Ver­wer­tung des zur Mas­se gehö­ren­den Ver­mö­gens einer­seits und des auch nach § 1281 BGB nicht allein ein­zugs­be­rech­tig­ten Pfand­gläu­bi­gers ande­rer­seits. Ein nur gemein­sam aus­zu­üben­des Ein­zugs­recht wür­de die Ver­wer­tung der ver­pfän­de­ten For­de­rung erschwe­ren.

Außer­halb des Insol­venz­ver­fah­rens dient die Vor­schrift des § 1281 BGB dem Schutz des noch nicht ein­zie­hungs­be­rech­tig­ten Pfand­gläu­bi­gers davor, dass der Pfand­schuld­ner die ver­pfän­de­te For­de­rung ein­zieht und den Erlös ver­braucht. Im Insol­venz­ver­fah­ren bedarf der Pfand­gläu­bi­ger die­ses Schut­zes nicht in glei­cher Wei­se. Zu den Amts­pflich­ten des Insol­venz­ver­wal­ters gehört auch, die Rech­te des Abson­de­rungs­be­rech­tig­ten zu wah­ren und den aus der Ver­wer­tung eines belas­te­ten Mas­se­ge­gen­stan­des erziel­ten Erlös nach Maß­ga­be der §§ 165 ff InsO an den Berech­tig­ten aus­zu­keh­ren. Bei schuld­haf­ter Ver­let­zung die­ser Pflich­ten haf­tet er gemäß § 60 InsO. Die dem Ver­wal­ter in Bezug auf die ver­pfän­de­te For­de­rung oblie­gen­den Pflich­ten, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Sepa­rie­rung und die raten­wei­se Aus­zah­lung des ein­ge­zo­ge­nen Betrags nach Fäl­lig­keit des Ver­sor­gungs­an­spruchs, änder­ten sich bei Anwen­dung des § 1281 BGB im Übri­gen nicht. Auch die prak­ti­schen Schwie­rig­kei­ten, die sich aus der Pflicht zur Ein­zie­hung und Ver­wah­rung der fäl­li­gen Ver­si­che­rungs­sum­me und zur monat­li­chen Bedie­nung des Ver­sor­gungs­an­spruchs erge­ben mögen 5, wür­den nicht gelöst.

Nach Ein­tritt der Pfand­rei­fe ist der Ver­wal­ter ver­pflich­tet, den abson­de­rungs­be­rech­tig­ten Pfand­gläu­bi­ger aus dem durch die Ein­zie­hung der ver­pfän­de­ten For­de­rung erziel­ten Erlös zu befrie­di­gen. Die­se Pflicht folgt wie in den gesetz­lich gere­gel­ten Fäl­len eines Ver­wer­tungs­rechts des Ver­wal­ters aus § 170 Abs. 1 Satz 2 InsO (ana­log). Das Ein­zie­hungs­recht des Ver­wal­ters ändert nichts am Recht des Abson­de­rungs­be­rech­tig­ten auf abge­son­der­te Befrie­di­gung, also auch nichts dar­an, dass dem abson­de­rungs­be­rech­tig­ten Gläu­bi­ger der Ver­wer­tungs­er­lös zusteht.

Da der Ver­wal­ter mit der Fest­stel­lung und Ein­zie­hung der ver­pfän­de­ten For­de­rung sowie mit der Aus­keh­rung des Erlö­ses an den Pfand­gläu­bi­ger befasst ist, hat er zuvor ent­spre­chend § 170 Abs. 1 Satz 1 InsO die Kos­ten der Fest­stel­lung und der Ver­wer­tung (§ 171 InsO) abzu­rech­nen. Die Vor­schrift des § 170 Abs. 1 Satz 1 InsO gilt unmit­tel­bar nur für die Fäl­le des § 166 Abs. 1 und 2 InsO, in wel­chem das Gesetz dem Insol­venz­ver­wal­ter aus­drück­lich das Recht zuweist, mit Abson­de­rungs­rech­ten belas­te­te beweg­li­che Sachen und For­de­run­gen zu ver­wer­ten. Ob sie auch im Fall des § 173 Abs. 2 Satz 2 InsO gilt, ob der Ver­wal­ter also auch dann die Kos­ten der Fest­stel­lung und der Ver­wer­tung bean­spru­chen kann, wenn er den belas­te­ten Ver­mö­gens­ge­gen­stand nach ergeb­nis­lo­ser Frist­set­zung ver­wer­tet, ist strei­tig 6. Zieht der Ver­wal­ter eine ver­pfän­de­te For­de­rung ein, weil man­gels Fäl­lig­keit der Haupt­for­de­rung kein Ein­zie­hungs­recht des Pfand­gläu­bi­gers besteht, und sepa­riert oder hin­ter­legt er den Erlös zur Aus­keh­rung an den Pfand­gläu­bi­ger nach Ein­tritt der Pfand­rei­fe, wird der damit ver­bun­de­ne Auf­wand regel­mä­ßig dem­je­ni­gen ent­spre­chen, der für eine Ver­wer­tung nach § 166 Abs. 1 und 2 InsO erfor­der­lich ist; dies recht­fer­tigt eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 171 InsO.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. April 2013 – IX ZR 176/​11

  1. BGH, Urteil vom 11.07.2002 – IX ZR 262/​01, NZI 2002, 599 f; vom 07.04.2005 – IX ZR 138/​04, NZI 2005, 384, 385; vgl. auch Ber­ger, Fest­schrift für Gero Fischer, 2008, S. 1, 4[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 07.04.2005, aaO; vom 10.07.1997 – IX ZR 161/​96, BGHZ 136, 220, 223[]
  3. Leh­lei­ter, EWiR 1996, 7, 8; Blo­mey­er, VersR 1999, 653, 659[]
  4. BGH, Urteil vom 07.04.2005 – IX ZR 138/​04, NZI 2005, 384 f[]
  5. vgl. hier­zu etwa Rhein/​Lasser, NZI 2007, 153 f[]
  6. vgl. etwa Uhlenbruck/​Brinkmann, InsO, 13. Aufl., § 173 Rn. 14: Ver­wer­tungs, nicht aber Fest­stel­lungs­kos­ten; Flö­ther in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2009, § 173 Rn. 9: kei­ne Kos­ten­bei­trä­ge; HK-InsO/­Land­fer­mann, InsO, 6. Aufl., § 173 Rn. 6: §§ 171, 170 Abs. 1 InsO gel­ten ent­spre­chend[]