Die Kla­ge des aus­län­di­schen Kon­suls vor deut­schen Gerich­ten gegen sei­nen Hei­mat­staat

Die deut­sche Gerichts­bar­keit kann nicht von einem aus­län­di­schen, hoheit­lich täti­gen Arbeit­neh­mer für einen Rechts­streit gegen sei­nen der Staa­ten­im­mu­ni­tät unter­lie­gen­den, aus­län­di­schen Arbeit­ge­ber in Anspruch genom­men wer­den. Die Kla­ge eines aus­län­di­schen Kon­suls Ers­ter Klas­se wegen Ver­let­zung eines inter­na­tio­na­len Sozi­al­ab­kom­mens gegen sei­nen Hei­mat­staat ist daher vor deut­schen Gerich­ten unzu­läs­sig.

Die Kla­ge des aus­län­di­schen Kon­suls vor deut­schen Gerich­ten gegen sei­nen Hei­mat­staat

Prü­fung – und Klag­ab­wei­sung als unzu­läs­sig – hat durch das als ers­tes mit der Sache befass­te deut­sche Gericht zu erfol­gen, auch wenn die­ses zur Ent­schei­dung des Rechts­streits in der Sache nicht beru­fen wäre. Eine Ver­wei­sung an das inso­weit ggfs. rich­ti­ge Gericht schei­det daher aus.

Die Fra­ge, ob die deut­sche Gerichts­bar­keit über­haupt aus­ge­übt wer­den darf, ist vor­ran­gig vor ande­ren Pro­zess­vor­aus­set­zun­gen – auch der des Rechts­wegs – in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen. Sie ist also vor­ran­gig vor der Fra­ge zu prü­fen, ob für den vor­lie­gen­den Rechts­streit statt der ordent­li­chen Gerich­te die Arbeits­ge­rich­te zustän­dig sind [1].

Wenn die deut­sche Gerichts­bar­keit wegen ent­ge­gen­ste­hen­der Staa­ten­im­mu­ni­tät nicht aus­ge­übt wer­den darf, dann kann ein deut­sches Gericht kei­ne gericht­li­che Tätig­keit ent­fal­ten. Andern­falls wür­de es die Gren­zen der für sei­ne Tätig­keit vor­aus­ge­setz­ten Staats­ge­walt über­schrei­ten und in die Sou­ve­rä­ni­tät des ande­ren Staa­tes völ­ker­rechts­wid­rig ein­grei­fen. Mög­lich ist aller­dings die Abwei­sung einer Kla­ge durch Pro­zes­s­ur­teil [2].

Gemäß § 20 Abs. 2 GVG erstreckt sich die deut­sche Gerichts­bar­keit nicht auf aus­län­di­sche Staa­ten, soweit sie auf­grund von völ­ker­recht­li­chen Ver­ein­ba­run­gen Immu­ni­tät bean­spru­chen kön­nen.

Eine sol­che völ­ker­recht­li­che Ver­ein­ba­rung ist das von der Repu­blik Kroa­ti­en genann­te Euro­päi­sche Über­ein­kom­men über Staa­ten­im­mu­ni­tät vom 16.05.1972 [3]. Die­ses Über­ein­kom­men regelt für die Mit­glied­staa­ten des Euro­pa­rats, die das Über­ein­kom­men rati­fi­ziert haben, die Staa­ten­im­mu­ni­tät abschlie­ßend [4].

In Deutsch­land ist das Über­ein­kom­men am 16.08.1990 in Kraft getre­ten, wäh­rend Kroa­ti­en es weder unter­zeich­net noch rati­fi­ziert hat. Kroa­ti­en ist damit kein Ver­trag­staat im Sin­ne die­ses Über­ein­kom­mens. Art. 5 Abs. 2 Buch­sta­be a des Über­ein­kom­mens, auf den sich die Repu­blik Kroa­ti­en beruft, ist aber nur dann anwend­bar, wenn der Staat, der vor einem deut­schen Gericht ver­klagt wird, Ver­trags­staat ist. Damit kann die Repu­blik Kroa­ti­en kei­ne Staa­ten­im­mu­ni­tät nach die­sem Über­ein­kom­men in Anspruch neh­men.

Gemäß § 20 Abs. 2 GVG erstreckt sich die deut­sche Gerichts­bar­keit aller­dings auch nicht auf aus­län­di­sche Staa­ten, soweit sie nach den all­ge­mei­nen Regeln des Völ­ker­rechts von ihr befreit sind. Nach all­ge­mei­nem Völ­ker­ge­wohn­heits­recht, bei dem es sich nach Art. 25 GG um Bun­des­recht han­delt, sind Staa­ten der Gerichts­bar­keit ande­rer Staa­ten nicht unter­wor­fen, soweit ihre hoheit­li­che Tätig­keit von einem Rechts­streit betrof­fen ist. Dage­gen besteht kei­ne Regel des Völ­ker­rechts, die die inlän­di­sche Gerichts­bar­keit für Kla­gen in Bezug auf die nicht­ho­heit­li­che Tätig­keit von Staa­ten aus­schließt [5]. Für die Abgren­zung maß­ge­bend ist die Natur der staat­li­chen Hand­lung oder des ent­stan­de­nen Rechts­ver­hält­nis­ses. Die Qua­li­fi­ka­ti­on als hoheit­li­che oder nicht­ho­heit­li­che Staats­tä­tig­keit ist nach deut­schem Recht zu beur­tei­len [6].

Aus Art. 18 EuGVO, auf den die Klä­ge­rin ver­weist, ergibt sich nicht, ob ein Staat Immu­ni­tät genießt oder nicht. Art. 18 EuGVO ist eine blo­ße Zustän­dig­keits­re­ge­lung und setzt die gem. § 20 Abs. 2 GVG, Art. 25 GG zu beach­ten­den all­ge­mei­nen Regeln des Völ­ker­rechts nicht außer Kraft. Der von der Klä­ger­ver­tre­te­rin zitier­ten Ent­schei­dung des EuGH vom 19.07.2012 [7] ist nichts ande­res zu ent­neh­men. Die­ser Ent­schei­dung lag die Kla­ge eines nicht­ho­heit­lich täti­gen Ange­stell­ten einer Bot­schaft zugrun­de.

Bei Rechts­strei­tig­kei­ten über den Bestand eines Arbeits­rechts­ver­hält­nis­ses, das zur Erfül­lung ori­gi­när kon­su­la­risch-hoheit­li­cher Auf­ga­ben ver­pflich­tet, ist die Immu­ni­tät des aus­län­di­schen Staa­tes gege­ben, denn die Ent­schei­dung betrifft die diplo­ma­ti­sche und kon­su­la­ri­sche Tätig­keit des aus­län­di­schen Staa­tes unmit­tel­bar [8]. Im vor­lie­gen­den Rechts­streit geht es jedoch nicht um den Bestand des Arbeits­rechts­ver­hält­nis­ses mit der Klä­ge­rin. Das Arbeits­ver­hält­nis ist been­det. Die Klä­ge­rin ver­langt Scha­dens­er­satz wegen der Ver­let­zung von Art. 10 des deutsch-kroa­ti­schen Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­mens im Zusam­men­hang mit dem been­de­ten Arbeits­ver­hält­nis.

Die arbeits­ge­richt­li­che Recht­spre­chung nimmt die Abgren­zung zwi­schen hoheit­li­cher und nicht­ho­heit­li­cher Tätig­keit nach der Art des strei­ti­gen Rechts­ver­hält­nis­ses vor. Danach unter­lie­gen arbeits­recht­li­che Ange­le­gen­hei­ten zwi­schen einem ande­ren Staat und einem sei­ner Arbeit­neh­mer dann nicht der deut­schen Gerichts­bar­keit, wenn der Arbeit­neh­mer für die­sen Staat hoheit­lich tätig gewe­sen ist. Maß­ge­bend ist also der Inhalt der aus­ge­üb­ten Tätig­keit, auch wenn Gegen­stand des Rechts­streits nicht der Bestand des Arbeits­rechts­ver­hält­nis­ses an sich ist, son­dern Scha­dens­er­satz­pflich­ten oder ande­re Zah­lungs­pflich­ten im Zusam­men­hang mit die­sem Arbeits­rechts­ver­hält­nis in Streit ste­hen [9]. Die Klä­ge­rin, die in Kroa­ti­en zunächst Leh­re­rin war, nahm zuletzt als Kon­su­lin Ers­ter Klas­se und Lei­te­rin für Kul­tur unstrei­tig hoheit­li­che Auf­ga­ben für die Repu­blik Kroa­ti­en wahr.

Eine ande­re Ansicht stellt nicht auf den Gegen­stand des Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­ses, son­dern auf die Natur des gel­tend gemach­ten pro­zes­sua­len Anspruchs ab [10]. Auch wenn man die­ser enge­ren Ansicht folgt, wäre hier von einem hoheit­li­chen Cha­rak­ter des strei­ti­gen Rechts­ver­hält­nis­ses aus­zu­ge­hen.

Denn die Klä­ge­rin begrün­det ihren Scha­dens­er­satz­an­spruch mit der Ver­let­zung von Art. 10 des Abkom­mens zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Repu­blik Kroa­ti­en.

Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­men sind völ­ker­recht­li­che Abkom­men, die unmit­tel­bar zwi­schen den Ver­trags­staa­ten gel­ten. In Deutsch­land müs­sen sie nach Art. 59 Abs. 2 GG vom Gesetz­ge­ber in inner­staat­li­ches Recht umge­setzt wer­den, um inner­staat­li­che Gel­tung zu erlan­gen [11].

Die Klä­ge­rin geht hier jedoch nicht gegen eine deut­sche Behör­de wegen Nicht­ein­hal­tens des inner­staat­li­chen Rechts vor, son­dern gegen die Repu­blik Kroa­ti­en. Sie wirft der Repu­blik Kroa­ti­en letzt­lich vor, gegen ihren eige­nen völ­ker­recht­li­chen Ver­trag ver­sto­ßen zu haben. Sie will damit die Repu­blik Kroa­ti­en als Ver­trags­part­ne­rin eines völ­ker­recht­li­chen Ver­trags, als Hoheits­trä­ge­rin, in Anspruch neh­men. Art. 10 des Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­mens rich­tet sich zudem schon sei­nem Wort­laut nach nicht an jeden – auch pri­va­ten – Arbeit­ge­ber, son­dern an die Repu­blik Kroa­ti­en, die als Hoheits­trä­ge­rin diplo­ma­ti­sche oder kon­su­la­ri­sche Ver­tre­tun­gen unter­hält.

Grund­la­ge für den Scha­dens­er­satz­an­spruch der Klä­ge­rin kann auch nicht § 28a SGB IV sein. Denn die­se Vor­schrift regelt, in wel­chem Umfang ein Mel­de­pflich­ti­ger sei­ner Mel­de­pflicht für kraft Geset­zes ver­si­cher­te Per­so­nen nach­kom­men muss. Dass die Repu­blik Kroa­ti­en mel­de­pflich­tig für die Klä­ge­rin gewe­sen wäre, ergibt sich jedoch nicht aus § 28a SGB IV. Die Ver­si­che­rungs­pflicht von Beschäf­tig­ten bei diplo­ma­ti­schen und kon­su­la­ri­schen Ver­tre­tun­gen ist im Ver­hält­nis zwi­schen Deutsch­land und Kroa­ti­en in Art. 10 des Sozi­al­ver­si­che­rungs­ab­kom­mens vom 24.11.1997 gere­gelt.

Damit ist hier auch dann von der Immu­ni­tät der Repu­blik Kroa­ti­en aus­zu­ge­hen, wenn man der enge­ren Auf­fas­sung zu der Fra­ge, wann hoheit­li­ches Han­deln vor­liegt, folgt.

Da die Repu­blik Kroa­ti­en Staa­ten­im­mu­ni­tät genießt, ist der Rechts­streit nicht an die Arbeits­ge­richts­bar­keit zu ver­wei­sen. Das Land­ge­richt hat die Kla­ge als unzu­läs­sig abzu­wei­sen.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 6. Juni 2013 – 5 W 17/​13

  1. vgl. BGH NJW 1979, 1101; BAG NZA 2005, 1117; Zöller/​Lückemann, ZPO, 29. Auf­la­ge, Vor §§ 18 – 20 GVG, Rn. 3[]
  2. vgl. BGH NJW 1979, 1101; Zöller/​Lückemann, ZPO, 29. Auf­la­ge, Vor §§ 18 – 20 GVG, Rn. 3; Stein/­Jo­nas-Jacobs, ZPO, 22. Auf­la­ge, § 18 GVG, Rn. 4[]
  3. BGBl.1990 II S. 34[]
  4. Kissel/​Mayer, GVG, 7. Auf­la­ge, § 20, Rn. 18[]
  5. BVerfGE 46, 342, 364 ff.; BAG NZA 2001, 683 m.w.N.[]
  6. vgl. Kissel/​Mayer, GVG, 7. Auf­la­ge, § 20, Rn. 3; BVerfGE 16, 27[]
  7. EuGH NZA 2012, 935[]
  8. vgl. nur BAG NZA 1996, 1229; BAG NZA 2012, 760[]
  9. vgl. nur LAG Mün­chen, Beschluss vom 20.12.2011 – 8 Ta 393/​11; nach­fol­gend: BAG NZA 2013, 468; BAG NZA 2005, 1117; LAG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 27.02.2009 – 7 Sa 87/​08; so auch: Her­de­gen, Völ­ker­recht, § 37, Rn. 6[]
  10. vgl. LAG Mün­chen, Urtei­le vom 27.11.2009 – 3 Sa 581/​09 und 3 Sa 572/​09, zustim­mend: Majer NZA 2010, 1395[]
  11. vgl. Schulin/​v. May­dell, Hand­buch des Sozi­al­ver­si­che­rungs­rechts, Bd. 1: Kran­ken­ver­si­che­rungs­recht, § 64, Rn. 51 f.; Eichen­ho­fer/­Ri­sche/­Schmähl-Grot­zer, Hand­buch der gesetz­li­chen Ren­ten­ver­si­che­rung SGB VI, Kap.19, Rn. 84[]