Die über­gan­ge­ne Sach­ver­stän­di­gen­an­hö­rung – und das recht­li­che Gehör

Die Nicht­be­rück­sich­ti­gung eines erheb­li­chen Beweis­an­ge­bots, die im Pro­zess­recht kei­ne Stüt­ze hat, ver­stößt gegen Art. 103 Abs. 1 GG 1. Geht es um den Geis­tes­zu­stand einer Per­son in der Ver­gan­gen­heit, so ist die Ver­wer­tung eines ärzt­li­chen Attests im Wege des Urkun­den­be­wei­ses anstel­le der bean­trag­ten unmit­tel­ba­ren Anhö­rung des (sach­ver­stän­di­gen) Zeu­gen unzu­läs­sig, wenn sich der Beweis­an­tritt auf die dem Attest zugrun­de lie­gen­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen bezieht 2.

Die über­gan­ge­ne Sach­ver­stän­di­gen­an­hö­rung – und das recht­li­che Gehör

Eine Ein­füh­rung der Nie­der­schrift über eine Zeu­gen­ver­neh­mung aus einem ande­ren gericht­li­chen Ver­fah­ren im Wege des Urkunds­be­wei­ses kommt nicht in Betracht, wenn die Par­tei von ihrem Recht Gebrauch macht, die unmit­tel­ba­re Ver­neh­mung des Zeu­gen zu bean­tra­gen 3. Erst recht wird eine Zeu­gen­ver­neh­mung durch das Gericht nicht dadurch ent­behr­lich, dass wie hier ein Pri­vat­gut­ach­ter Äuße­run­gen wie­der­gibt, die der Zeu­ge ihm gegen­über getä­tigt haben soll. Denn ein Pri­vat­gut­ach­ten ent­hält qua­li­fi­zier­ten Par­tei­vor­trag, bei dem es sich grund­sätz­lich nicht um ein Beweis­mit­tel im Sin­ne der §§ 355 ff. ZPO han­delt 4.

Der Beweis­an­tritt ist ent­schei­dungs­er­heb­lich, wenn es nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass das Beru­fungs­ge­richt zu einem ande­ren Ergeb­nis gelangt, wenn es ihm – zweck­mä­ßi­ger­wei­se im Bei­sein des Sach­ver­stän­di­gen 5 – nach­geht. Bei­de Zeu­gin­nen haben im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall den Zustand des Klä­gers in dem maß­geb­li­chen Zeit­punkt erlebt. Ihre tat­säch­li­chen Wahr­neh­mun­gen bil­den – wie auch das Beru­fungs­ge­richt erkennt – eine wesent­li­che Grund­la­ge für die sach­ver­stän­di­ge Begut­ach­tung. Der Sach­ver­stän­di­ge hat völ­lig zu Recht dar­auf hin­ge­wie­sen, dass er nicht beur­tei­len kann, wel­che Fra­gen den Zeu­gin­nen gestellt wor­den sind, und nicht aus­schlie­ßen kann, dass sie gegen­über dem Gericht noch wei­te­re Anga­ben machen kön­nen. Der Beweis­an­tritt des Klä­gers ist aus­rei­chend. Er kann und muss mög­li­che Bekun­dun­gen der Zeu­gin­nen nicht im Ein­zel­nen vor­weg­neh­men.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2013 – V ZR 286/​12

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschluss vom 19.01.2012 – V ZR 141/​11, WuM 2012, 164 Rn. 8 mwN[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 10.07.1997 – III ZR 69/​96, NJW 1997, 3096, 3097[]
  3. näher BGH, Urteil vom 12.07.2013 – V ZR 85/​12, mwN[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.10.2000 – VI ZR 10/​00, NJW 2001, 77, 78; und vom 11.05.1993 – VI ZR 243/​92, NJW 1993, 2382, 2383 jeweils mwN[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 10.07.1997 – III ZR 69/​96, NJW 1997, 3096, 3097 mwN[]