Die ver­kann­te grund­sätz­li­che Bedeu­tung

Die Ver­ken­nung der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung einer Rechts­fra­ge im Zivil­pro­zess (hier: wann Rück­for­de­rungs­an­sprü­che wegen beim Abschluss von Ver­brau­cher­dar­le­hen zu Unrecht gezahl­ter Bear­bei­tungs­ent­gel­te ver­jäh­ren) durch das Beru­fungs­ge­richt – und die infol­ge­des­sen ver­sag­te Zulas­sung der Revi­si­on – stellt zumin­dest dann eine Ver­let­zung der Rechts­schutz­ga­ran­tie dar, wenn die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de wegen Nicht­er­rei­chens der erfor­der­li­chen Beschwer von 20.000 € (vgl. § 26 Nr. 8 EGZPO) nicht eröff­net ist.

Die ver­kann­te grund­sätz­li­che Bedeu­tung

Der die Beru­fung zurück­wei­sen­de Beschluss des Land­ge­richts ver­stößt in einem sol­chen Fall gegen die Rechts­schutz­ga­ran­tie aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG. Dem Beschluss lie­gen eine Aus­le­gung und Anwen­dung des § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO zugrun­de, die den Beschwer­de­füh­rer in sei­nem Anspruch auf Jus­tiz­ge­wäh­rung ver­let­zen. Die Annah­me des Land­ge­richts, eine Ent­schei­dung durch Urteil sei nicht erfor­der­lich, weil der Sache kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung (§ 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO) zukom­me, ist nicht nach­voll­zieh­bar.

Der aus dem Rechts­staats­prin­zip in Ver­bin­dung mit den Grund­rech­ten, ins­be­son­de­re Art. 2 Abs. 1 GG, abzu­lei­ten­de Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch gewähr­leis­tet nicht nur den Zugang zu den Gerich­ten sowie eine ver­bind­li­che Ent­schei­dung durch den Rich­ter auf­grund einer grund­sätz­lich umfas­sen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Prü­fung des Streit­ge­gen­stands 1. Das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes beein­flusst auch die Aus­le­gung und Anwen­dung der Bestim­mun­gen, die für die Eröff­nung eines Rechts­wegs und die Beschrei­tung eines Instan­zen­zugs von Bedeu­tung sind. Es begrün­det zwar kei­nen Anspruch auf eine wei­te­re Instanz; die Ent­schei­dung über den Umfang des Rechts­mit­tel­zugs bleibt viel­mehr dem Gesetz­ge­ber über­las­sen 2. Hat der Gesetz­ge­ber sich jedoch für die Eröff­nung einer wei­te­ren Instanz ent­schie­den und sieht die betref­fen­de Pro­zess­ord­nung dem­entspre­chend ein Rechts­mit­tel vor, so darf der Zugang dazu nicht in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wer­den 3. Das Rechts­mit­tel­ge­richt darf ein von der jewei­li­gen Pro­zess­ord­nung eröff­ne­tes Rechts­mit­tel daher nicht inef­fek­tiv machen und für den Beschwer­de­füh­rer leer­lau­fen las­sen 4.

Aus­le­gung und Anwen­dung des § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO haben im Zivil­pro­zess Ein­fluss auf die Anfecht­bar­keit der Ent­schei­dung über die Beru­fung, wenn der ein­stim­mi­ge Beschluss über die Zurück­wei­sung der Beru­fung den Instan­zen­zug abschließt 5.

Das ist hier der Fall, weil der Zurück­wei­sungs­be­schluss nicht anfecht­bar war und damit den Weg zur Revi­si­on ver­sperrt hat. Nach der – gemäß § 38a Abs. 1 EGZPO vor­lie­gend maß­geb­li­chen – Neu­fas­sung des § 522 Abs. 3 ZPO ist ein Zurück­wei­sungs­be­schluss in glei­cher Wei­se anfecht­bar wie ein die Beru­fung zurück­wei­sen­des Urteil, in dem die Revi­si­on nicht zuge­las­sen wur­de. Statt­haf­tes Rechts­mit­tel gegen den – hier am 25.07.2014 ergan­ge­nen – Zurück­wei­sungs­be­schluss ist danach die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de nach § 544 ZPO, die hier jedoch nicht eröff­net war, weil der Wert der mit der Revi­si­on gel­tend zu machen­den Beschwer 20.000 € nicht über­stieg (vgl. § 26 Nr. 8 EGZPO). Hin­ge­gen hät­te eine Ent­schei­dung in Form eines Urteils die Zulas­sung der Revi­si­on ermög­licht; die­se hät­te vor­lie­gend auch erfol­gen müs­sen (§ 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO).

Mit dem Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes unver­ein­bar ist eine den Zugang zur Revi­si­on erschwe­ren­de Aus­le­gung und Anwen­dung des § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO dann, wenn sie sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen ist, sich mit­hin als objek­tiv will­kür­lich erweist und dadurch den Zugang zur nächs­ten Instanz unzu­mut­bar ein­schränkt 6.

Nach die­sem Maß­stab hat das Beru­fungs­ge­richt durch sei­ne in sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se fal­sche Anwen­dung von § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes ver­letzt. Die Begrün­dung des Beru­fungs­ge­richts für sei­ne Annah­me, eine Ent­schei­dung durch Urteil – unter Zulas­sung der Revi­si­on – sei nicht erfor­der­lich, weil der Sache kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung (§ 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO) zukom­me, ist nicht nach­voll­zieh­bar und nicht halt­bar.

Nach § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO soll das Beru­fungs­ge­richt die Beru­fung durch Beschluss unver­züg­lich zurück­wei­sen, wenn es unter ande­rem ein­stim­mig davon über­zeugt ist, dass die Rechts­sa­che kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung (Nr. 2) hat.

Grund­sätz­li­che Bedeu­tung, die gege­be­nen­falls gemäß § 522 Abs. 2 Satz 1 Nr. 2 ZPO einer Ent­schei­dung des Beru­fungs­ge­richts im Beschluss­we­ge ent­ge­gen­steht, kommt einer Sache zu, wenn sie eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che, klä­rungs­fä­hi­ge und klä­rungs­be­dürf­ti­ge Rechts­fra­ge auf­wirft, die sich in einer unbe­stimm­ten Viel­zahl wei­te­rer Fäl­le stel­len kann und des­halb das abs­trak­te Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der ein­heit­li­chen Ent­wick­lung und Hand­ha­bung des Rechts berührt 7.

Die Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me grund­sätz­li­cher Bedeu­tung der Rechts­sa­che lagen zum Zeit­punkt des ange­grif­fe­nen Zurück­wei­sungs­be­schlus­ses Ende Juli 2014 ersicht­lich vor.

Die sich in einer Viel­zahl von gleich gela­ger­ten Fäl­len stel­len­de Rechts­fra­ge, wann Rück­for­de­rungs­an­sprü­che wegen zu Unrecht gezahl­ter Bear­bei­tungs­ent­gel­te ver­jäh­ren, war schon zu dem vor­ge­nann­ten Zeit­punkt in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur umstrit­ten 8. Dies doku­men­tiert auch die Pres­se­mit­tei­lung (Nr. 89/​2014) des Bun­des­ge­richts­hofs, die am 4.06.2014 – mit­hin zeit­lich vor dem Zurück­wei­sungs­be­schluss des Beru­fungs­ge­richts – ver­öf­fent­licht wur­de und die für den 28.10.2014 eine Ver­hand­lung über zwei diver­gie­ren­de land­ge­richt­li­che Urtei­le ankün­dig­te, die unter ande­rem wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung der Ver­jäh­rungs­fra­ge die Revi­si­on zuge­las­sen hat­ten 9 und die erkenn­bar stell­ver­tre­tend für eine Viel­zahl wei­te­rer in den Instan­zen und beim Bun­des­ge­richts­hof anhän­gi­ger Gerichts­ver­fah­ren stan­den.

Unter die­sen Umstän­den hat das Beru­fungs­ge­richt das Vor­lie­gen der Anwen­dungs­vor­aus­set­zun­gen des § 522 Abs. 2 Satz 1 ZPO mit einer ver­fas­sungs­recht­lich nicht trag­fä­hi­gen Begrün­dung ange­nom­men. Eine Ent­schei­dung durch Beschluss kam daher schlech­ter­dings nicht in Betracht. Das Beru­fungs­ge­richt hät­te viel­mehr durch Urteil unter Zulas­sung der Revi­si­on (gemäß § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO) ent­schei­den müs­sen.

Der ange­grif­fe­ne Beschluss des Beru­fungs­ge­richts über die Zurück­wei­sung der Beru­fung beruht auf dem fest­ge­stell­ten Ver­stoß gegen Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG, weil das Gericht sei­ne Ent­schei­dung in der Sache allein auf sei­ne oben dar­ge­stell­te Rechts­auf­fas­sung zu der den Revi­si­ons­zu­las­sungs­grund im Sin­ne des § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO begrün­den­den Fra­ge der Ver­jäh­rung gestützt hat. Beim der­zei­ti­gen Ver­fah­rens­stand kann im Hin­blick auf die Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hofs vom 28.10.2014 10 auch nicht ange­nom­men wer­den, dass bei Auf­he­bung der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung und Zurück­ver­wei­sung der Sache an das Beru­fungs­ge­richt kein ande­res, für den Beschwer­de­füh­rer güns­ti­ge­res Ergeb­nis in Betracht kommt 11.

Vor die­sem Hin­ter­grund lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de zur Ent­schei­dung vor; die Annah­me ist zur Durch­set­zung der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te des Beschwer­de­füh­rers ange­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buch­sta­be b, § 93b Satz 1, § 93c Abs. 1 Satz 1 BVerfGG).

Der ange­grif­fe­ne Zurück­wei­sungs­be­schluss des Land­ge­richts ist danach auf­zu­he­ben und die Sache an das Gericht zurück­zu­ver­wei­sen (§ 95 Abs. 2 BVerfGG); damit wird der zuge­hö­ri­ge Beschluss des Land­ge­richts über die Anhö­rungs­rü­ge gegen­stands­los.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschlüss vom 25. März 2015 – 1 BvR 2120/​14 und 1 BvR 2811/​14

  1. vgl. BVerfGE 97, 169, 185; 107, 395, 401; 108, 341, 347[]
  2. vgl. BVerfGE 54, 277, 291; 89, 381, 390; 107, 395, 401 f.[]
  3. vgl. BVerfGE 77, 275, 284; 78, 88, 99; 88, 118, 124[]
  4. vgl. BVerfGE 78, 88, 98 f.; 96, 27, 39[]
  5. vgl. zu § 522 ZPO a.F.: BVerfGK 5, 189, 190; 12, 341, 343; BVerfG, Beschluss vom 03.03.2014 – 1 BvR 2534/​10, VersR 2014, S. 609, 611[]
  6. vgl. BVerfGK 15, 127, 131; 17, 196, 199 f.; BVerfG, Beschluss vom 03.03.2014 – 1 BvR 2534/​10, VersR 2014, S. 609, 611 m.w.N.[]
  7. vgl. zu § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO: BGHZ 151, 221, 223; 152, 181, 190 ff.; 154, 288, 291; BGH, Hin­weis­be­schluss vom 08.02.2010 – II ZR 54/​09, WM 2010, S. 936, 937 Rn. 3; BVerfGK 17, 196, 200; BVerfG, Beschluss vom 03.03.2014 – 1 BvR 2534/​10, VersR 2014, S. 609, 611[]
  8. vgl. die Nach­wei­se zum Streit­stand bei BGH, Urtei­le vom 28.10.2014 – XI ZR 348/​13, WM 2014, S. 2261, 2265 Rn. 39 ff. sowie – XI ZR 17/​14, BKR 2015, S. 26, 29 f. Rn. 37 ff.; zuvor schon bei Göhr­mann, BKR 2013, S. 275, 276 ff.; Becher/​Krepold, BKR 2014, S. 45, 57 mit Fn. 111; Mai­er, VuR 2013, S. 397; Strube/​Fandel, BKR 2014, S. 133, 142 ff.[]
  9. vgl. LG Mön­chen­glad­bach, Urteil vom 04.09.2013 – 2 S 48/​13 29; LG Stutt­gart, Urteil vom 18.12 2013 – 13 S 127/​13, BeckRS 2014, 11270[]
  10. BGH, Urtei­le vom 28.10.2014 – XI ZR 348/​13, WM 2014, S. 2261 sowie – XI ZR 17/​14, BKR 2015, S. 26[]
  11. vgl. dazu BVerfGE 90, 22, 25 f.[]