Ein­heit­li­cher Streit­ge­gen­stand – und der erfor­der­li­che Umfang der Beru­fungs­be­grün­dung

Liegt dem Rechts­streit ein ein­heit­li­cher Streit­ge­gen­stand zugrun­de, muss der Beru­fungs­klä­ger nicht zu allen für ihn nach­tei­lig beur­teil­ten Streit­punk­ten in der Beru­fungs­be­grün­dung Stel­lung neh­men, wenn schon der allein vor­ge­brach­te – unter­stellt erfolg­rei­che – Beru­fungs­an­griff gegen einen Punkt geeig­net ist, der Begrün­dung des ange­foch­te­nen Urteils ins­ge­samt die Trag­fä­hig­keit zu neh­men.

Ein­heit­li­cher Streit­ge­gen­stand – und der erfor­der­li­che Umfang der Beru­fungs­be­grün­dung

Zwar hät­te der Beru­fungs­klä­ger sei­ne Beru­fung auch auf die ein­zel­nen Ansprü­che beschrän­ken kön­nen, soweit es sich dabei um jeweils tat­säch­lich und recht­lich selbst­stän­di­ge und abtrenn­ba­re Tei­le des Gesamt­streit­stoffs han­delt 1. Die Annah­me, eine Par­tei wol­le erheb­li­ches Vor­brin­gen nicht mehr auf­recht­erhal­ten, setzt jedoch ein­deu­ti­ge Anhalts­punk­te vor­aus 2.

Nach § 520 Abs. 3 Satz 2 Nr. 2 bis 4 ZPO muss die Beru­fungs­be­grün­dung die bestimm­te Bezeich­nung der im Ein­zel­nen anzu­füh­ren­den Grün­de der Anfech­tung (Beru­fungs­grün­de) ent­hal­ten. Die gesetz­li­che Rege­lung bezweckt, for­ma­le und nicht auf den kon­kre­ten Streit­fall bezo­ge­ne Beru­fungs­be­grün­dun­gen aus­zu­schlie­ßen, um dadurch auf die Zusam­men­fas­sung und Beschleu­ni­gung des Ver­fah­rens im zwei­ten Rechts­zug hin­zu­wir­ken 3. Die Rechts­mit­tel­be­grün­dung muss zudem geeig­net sein, das gesam­te ange­foch­te­ne Urteil in Fra­ge zu stel­len. Bei meh­re­ren Streit­ge­gen­stän­den oder einem teil­ba­ren Streit­ge­gen­stand muss sie sich grund­sätz­lich auf alle Tei­le des Urteils erstre­cken, hin­sicht­lich deren eine Abän­de­rung bean­tragt ist; andern­falls ist das Rechts­mit­tel für den nicht begrün­de­ten Teil unzu­läs­sig 4.

Liegt dem Rechts­streit dage­gen ein ein­heit­li­cher Streit­ge­gen­stand zugrun­de, muss der Beru­fungs­klä­ger nicht zu allen für ihn nach­tei­lig beur­teil­ten Streit­punk­ten in der Beru­fungs­be­grün­dung Stel­lung neh­men, wenn schon der allein vor­ge­brach­te – unter­stellt erfolg­rei­che – Beru­fungs­an­griff gegen einen Punkt geeig­net ist, der Begrün­dung des ange­foch­te­nen Urteils ins­ge­samt die Trag­fä­hig­keit zu neh­men 5. Anders liegt es dann, wenn das Gericht sei­ne Ent­schei­dung auf meh­re­re von­ein­an­der unab­hän­gi­ge, selbst­stän­dig tra­gen­de recht­li­che Erwä­gun­gen stützt. In die­sem Fall muss der Beru­fungs­klä­ger in der Beru­fungs­be­grün­dung für jede die­ser Erwä­gun­gen dar­le­gen, war­um sie nach sei­ner Auf­fas­sung die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung nicht tra­gen; andern­falls ist das Rechts­mit­tel ins­ge­samt unzu­läs­sig 6.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall bezie­hen sich die – hier zu unter­stel­len­den – Ansprü­che wegen man­gel­haf­ter Auf­klä­rung des Klä­gers über die mit der ange­bo­te­nen Kapi­tal­an­la­ge ver­bun­de­nen Risi­ken und Nach­tei­le auf einen alle Pro­spekt­feh­ler umfas­sen­den ein­heit­li­chen Streit­ge­gen­stand.

Der Streit­ge­gen­stand im Sin­ne des § 253 Abs. 2 Nr. 2 ZPO wird durch den Kla­ge­an­trag, in dem sich die vom Klä­ger in Anspruch genom­me­ne Rechts­fol­ge kon­kre­ti­siert, und den Lebens­sach­ver­halt (Anspruchs­grund), aus dem der Klä­ger die begehr­te Rechts­fol­ge her­lei­tet, bestimmt. Zum Anspruchs­grund sind alle Tat­sa­chen zu rech­nen, die bei einer natür­li­chen; vom Stand­punkt der Par­tei­en aus­ge­hen­den und den Sach­ver­halt sei­nem Wesen nach erfas­sen­den Betrach­tung zu dem zur Ent­schei­dung gestell­ten Tat­sa­chen­kom­plex gehö­ren 7. Das gilt unab­hän­gig davon, ob die ein­zel­nen Tat­sa­chen des Lebens­sach­ver­halts von den Par­tei­en vor­ge­tra­gen wor­den sind oder nicht, und auch unab­hän­gig davon, ob die Par­tei­en die zunächst nicht vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen des Lebens­vor­gangs damals bereits kann­ten und hät­ten vor­tra­gen kön­nen 8.

Danach bil­det der Anspruch, wegen Pro­spekt­män­geln Scha­dens­er­satz zu erhal­ten, einen ein­heit­li­chen, alle Pro­spekt­män­gel umfas­sen­den Streit­ge­gen­stand. Denn bei natür­li­cher Betrach­tung sind die ein­zel­nen Pro­spekt­män­gel nicht jeweils iso­liert zu beur­tei­len. Es ist viel­mehr – jeden­falls bei der hier gel­tend gemach­ten Pro­spekt­haf­tung im wei­te­ren Sin­ne – der Pro­spekt als Gan­zes in den Blick zu neh­men und zu prü­fen, ob der Anle­ger ins­ge­samt ord­nungs­ge­mäß über die Risi­ken und Nach­tei­le der Anla­ge auf­ge­klärt wor­den ist 9. Dar­aus fol­gen unter­schied­li­che mate­ri­ell­recht­li­che Ansprü­che, je nach­dem, um wel­chen Pro­spekt­man­gel es geht. Des­halb nimmt der Bun­des­ge­richts­hof auch an, dass die­se Ein­zel­an­sprü­che unter­schied­li­chen Ver­jäh­run­gen unter­lie­gen kön­nen 10. Pro­zes­su­al geht es aber nur um einen ein­heit­li­chen Anspruch, mit­hin um einen Streit­ge­gen­stand.

Damit ist die Beru­fung des Klä­gers ins­ge­samt zuläs­sig.

Der Klä­ger hat eine Anla­ge gezeich­net. Er fühlt sich über die Nach­tei­le und Risi­ken der Anla­ge nur unzu­rei­chend auf­ge­klärt. Mit­hin stellt sein auf die­se man­gel­haf­te Auf­klä­rung gestütz­tes Kla­ge­be­geh­ren einen ein­heit­li­chen Streit­ge­gen­stand dar. Das Land­ge­richt hat die Kla­ge hin­sicht­lich der mate­ri­ell­recht­li­chen Ansprü­che des Klä­gers wegen der von ihm gel­tend gemach­ten fünf Pro­spekt­män­gel abge­wie­sen. Dabei hat es die Ver­jäh­rung des jewei­li­gen Ein­zel­an­spruchs nicht als selbst­stän­dig tra­gend für den gesam­ten (pro­zes­sua­len) Kla­ge­an­spruch, son­dern nur in der Gesamt­schau als zur Kla­ge­ab­wei­sung füh­rend ange­se­hen. Nur wenn hin­sicht­lich der Scha­dens­er­satz­an­sprü­che aus allen Pro­spekt­män­geln Ver­jäh­rung ein­ge­tre­ten ist oder die­se Ansprü­che aus ande­ren Grün­den nicht fest­ge­stellt wer­den, kann die Kla­ge abge­wie­sen wer­den. Die Beru­fung des Klä­gers hat des­halb schon dann Erfolg, wenn sich die Begrün­dung des Land­ge­richts nur hin­sicht­lich eines der Pro­spekt­feh­ler als unzu­tref­fend erweist – die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs wie Kau­sa­li­tät und Ver­schul­den vor­aus­ge­setzt. Denn schon bei nur einem (erheb­li­chen) Pro­spekt­man­gel kann der Anle­ger vom Grün­dungs­ge­sell­schaf­ter den gel­tend gemach­ten Scha­dens­er­satz ver­lan­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Juni 2015 – II ZR 166/​14

  1. vgl. für die Revi­si­ons­zu­las­sung BGH, Beschluss vom 16.12 2010 – III ZR 127/​10, WM 2011, 526[]
  2. BGH, Urteil vom 28.05.1998 – VII ZR 160/​97, NJW 1998, 2977, 2978[]
  3. BGH, Urteil vom 05.10.1983 – VIII ZR 224/​82, ZIP 1983, 1510; Urteil vom 06.05.1999 – III ZR 265/​98, NJW 1999, 3126[]
  4. BGH, Urteil vom 29.11.1956 – III ZR 4/​56, BGHZ 22, 272, 278; Urteil vom 13.11.1997 – VII ZR 199/​96, NJW 1998, 1081, 1082; Urteil vom 26.01.2006 – I ZR 121/​03, NJW-RR 2006, 1044 Rn.20 ff. – Schlank-Kap­seln; Urteil vom 05.12 2006 – VI ZR 228/​05, NJW-RR 2007, 414 Rn. 10[]
  5. BGH, Beschluss vom 25.01.1990 – IX ZB 89/​89, NJW 1990, 1184; Urteil vom 05.10.1983 – VIII ZR 224/​82, ZIP 1983, 1510 f.[]
  6. BGH, Urteil vom 05.12 2006 – VI ZR 228/​05, NJW-RR 2007, 414 Rn. 10; Beschluss vom 15.06.2011 – XII ZB 572/​10, NJW 2011, 2367 Rn. 10; BVerwG NJW 1980, 2268 f.; Alt­ham­mer in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl. § 520 Rn. 44; Ball in Musielak/​Voit, ZPO, 12. Aufl., § 520 Rn. 40; Lem­ke in Prütting/​Gehrlein, ZPO, 7. Aufl., § 520 Rn. 32; Zöller/​Heßler, ZPO, 30. Aufl., § 520 Rn. 37[]
  7. BGH, Beschluss vom 21.10.2014 – XI ZB 12/​12, ZIP 2015, 25 Rn. 145; Urteil vom 06.05.1999 – III ZR 265/​98, NJW 1999, 3126, 3127[]
  8. BGH, Urteil vom 22.10.2013 – XI ZR 42/​12, BGHZ 198, 294 Rn. 15 mwN[]
  9. eben­so für eine Kapi­tal­an­la­ge­be­ra­tung BGH, Urteil vom 22.10.2013 – XI ZR 42/​12, BGHZ 198, 294 Rn. 14 ff.[]
  10. BGH, Urteil vom 19.11.2009 – III ZR 169/​08, BKR 2010, 118 Rn. 14 f.; Beschluss vom 21.10.2014 – XI ZB 12/​12, ZIP 2015, 25 Rn. 145; Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 189/​14 14; Urteil vom 18.06.2015 – III ZR 303/​14, WM 2015, 1322 Rn. 11[]