Ent­schä­di­gungs­kla­gen wegen über­lan­ger Gerichts­ver­fah­ren – und die Wert­gren­ze für die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de

§ 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO ist auf Beschwer­den gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on in erst­in­stanz­li­chen Urtei­len der Ober­lan­des­ge­rich­te über Ent­schä­di­gungs­kla­gen nach §§ 198 ff GVG ent­spre­chend anwend­bar. Sol­che Urtei­le unter­lie­gen daher nur dann der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de, wenn der Wert der mit der Revi­si­on gel­tend zu machen­den Beschwer 20.000 € über­steigt 1. Die Ober­lan­des­ge­rich­te dürf­ten damit die meis­ten die­ser Ent­schä­di­gungs­kla­gen erst- und letzt­in­stanz­lich ent­schei­den.

Ent­schä­di­gungs­kla­gen wegen über­lan­ger Gerichts­ver­fah­ren – und die Wert­gren­ze für die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de

§ 201 Abs. 2 Satz 3 GVG bestimmt, dass gegen die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts die Revi­si­on nach Maß­ga­be des § 543 ZPO statt­fin­det, wobei § 544 ZPO ent­spre­chend anzu­wen­den ist. Die Revi­si­on ist damit nur statt­haft, wenn die­ses Rechts­mit­tel durch das Ober­lan­des­ge­richt in sei­nem Urteil oder auf Beschwer­de durch den Bun­des­ge­richts­hof zuge­las­sen wor­den ist. § 544 ZPO, der die Ein­zel­hei­ten der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de regelt, ist aller­dings nach der Über­gangs­vor­schrift des § 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO bis ein­schließ­lich 31.12 2014 nur mit der Maß­ga­be anzu­wen­den, dass die Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on durch das Beru­fungs­ge­richt nur zuläs­sig ist, wenn der Wert der mit der Revi­si­on gel­tend zu machen­den Beschwer­de 20.000 € über­steigt. § 26 Nr. 8 Satz 2 EGZPO nimmt ledig­lich das die Beru­fung als unzu­läs­sig ver­wer­fen­de Urteil vom Anwen­dungs­be­reich der Über­gangs­re­ge­lung aus.

Auch soweit eine unmit­tel­ba­re Anwen­dung von § 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO aus­schei­det, weil das Ober­lan­des­ge­richt im Streit­fall erst­in­stanz­lich tätig gewor­den ist und die Vor­schrift – wie § 544 ZPO – die Tätig­keit eines "Beru­fungs­ge­richts" vor­aus­setzt, steht dies der Anwen­dung des § 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO nicht ent­ge­gen. Denn § 201 Abs. 2 Satz 3 Halb­satz 2 ZPO ord­net gera­de für die erst­in­stanz­li­chen Urtei­le der Ober­lan­des­ge­rich­te im Ent­schä­di­gungs­ver­fah­ren eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Bestim­mun­gen über die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gegen Beru­fungs­ur­tei­le an.

Dass § 201 Abs. 2 Satz 3 Halb­satz 2 GVG die Über­gangs­re­ge­lung des § 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO nicht aus­drück­lich erwähnt, ist ohne Bedeu­tung. Die Bestim­mung ver­weist auf § 544 ZPO, der nach § 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO für eine Über­gangs­zeit bis Ende 2014 nur mit der dort gesetz­lich fest­ge­leg­ten Min­dest­be­schwer anzu­wen­den ist. Der bis zu die­sem Zeit­punkt maß­geb­li­che Inhalt des § 544 ZPO erschließt sich des­halb erst, wenn die Vor­schrift im Zusam­men­hang mit § 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO gele­sen wird 2.

Für die Auf­fas­sung, der Gesetz­ge­ber habe die Mög­lich­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de beim Rechts­schutz in Ent­schä­di­gungs­sa­chen nach §§ 198 ff GVG unab­hän­gig vom Errei­chen einer Min­dest­be­schwer zulas­sen wol­len, erge­ben sich im Übri­gen auch aus der Geset­zes­be­grün­dung 3 kei­ner­lei Anhalts­punk­te. Viel­mehr belegt die Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te, dass eine Aus­wei­tung der Rechts­schutz­mög­lich­kei­ten gera­de nicht ange­strebt wur­de. Vor­ge­se­hen war zunächst ein völ­li­ger Rechts­mit­tel­aus­schluss, weil man in der Ver­kür­zung des Instan­zen­zu­ges eine Stei­ge­rung der Effek­ti­vi­tät der neu­en Ent­schä­di­gungs­re­ge­lung sah 4. Nach dem Refe­ren­ten­ent­wurf vom 15.03.2010 5 soll­te die Revi­si­on nur nach Maß­ga­be des § 543 Abs. 1 Nr. 1, Abs. 2 ZPO statt­haft sein. Um die Effek­ti­vi­tät des Ent­schä­di­gungs­pro­zes­ses nicht zu beein­träch­ti­gen, soll­te eine Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on nicht mög­lich sein (§ 201 Abs. 1 Satz 4 GVG-RefE), da bei Durch­füh­rung die­ses Rechts­mit­tels erheb­li­che Ver­fah­rens­ver­zö­ge­run­gen ohne einen Ertrag für die Rechts­si­cher­heit befürch­tet wur­den 6. Im wei­te­ren Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren wur­de der von Län­der- und Anwalts­sei­te geäu­ßer­ten Kri­tik am völ­li­gen Aus­schluss der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de dadurch Rech­nung getra­gen, dass § 201 Abs. 2 Satz 3 Halb­satz 2 ZPO nun­mehr die ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 544 ZPO anord­ne­te, um auf die­se Wei­se das Urteil des Ober­lan­des­ge­richts im Ent­schä­di­gungs­pro­zess und das Beru­fungs­ur­teil hin­sicht­lich der Rechts­mit­tel gleich­zu­stel­len 7. Dass dabei die im Zivil­pro­zess für die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de gel­ten­de Wert­schwel­le (§ 26 Nr. 8 Satz 1 EGZPO) nicht zur Anwen­dung kom­men soll­te, wur­de zu kei­nem Zeit­punkt erwo­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 27. Febru­ar 2014 – III ZR 161/​13 -

  1. BGH, Beschlüs­se vom 25.07.2013 – III ZR 400/​12 und – III ZR 413/​12, BeckRS 2013, 14571 und NJW 2013, 2762 jeweils Rn. 3 ff; vgl. in die­sem Sinn auch Kissel/​Mayer, GVG, 7. Aufl., § 201 Rn. 11 i.V.m. § 133 Rn. 11; Marx in Marx/​Roderfeld, Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts- und Ermitt­lungs­ver­fah­ren, § 201 GVG Rn. 34; Münch­Komm-ZPO/Zim­mer­mann, 4. Aufl., § 201 GVG Rn.19; Ott in Stein­beiß-Win­kel­man­n/Ott, Rechts­schutz bei über­lan­gen Gerichts­ver­fah­ren, § 201 GVG Rn. 24; Thomas/​Putzo/​Hüßtege, ZPO, 34. Aufl., § 198 GVG Rn. 12[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 27.07.2013 aaO Rn. 7[]
  3. BT-Drs. 17/​3802 S. 25[]
  4. Stein­beiß-Win­kel­mann aaO Ein­füh­rung Rn. 286[]
  5. abge­druckt bei Stein­beiß-Win­kel­man­n/Ott aaO Anhang 5 S. 410 ff[]
  6. Stein­beiß-Win­kel­man­n/Ott aaO Anhang 5 S. 445[]
  7. vgl. Stein­beiß-Win­kel­mann aaO Ein­füh­rung 324 und Ott aaO § 201 GVG Rn. 22 ff[]