Das Heim als Erbe

Das Tes­ta­ment des Ange­hö­ri­gen eines Heim­be­woh­ners, mit dem der Heim­trä­ger zum Nach­er­ben ein­ge­setzt wird und von dem die­ser erst nach dem Tode des Erb­las­sers erfährt, ist nicht nach § 14 Abs. 1 HeimG i.V.m. § 134 BGB unwirk­sam.

Das Heim als Erbe

Aller­dings kön­nen auch tes­ta­men­ta­ri­sche Ver­fü­gun­gen wegen eines Ver­sto­ßes gegen ein gesetz­li­ches Ver­bot nich­tig sein; des­halb gilt § 14 HeimG nicht nur für Ver­trä­ge, son­dern auch für letzt­wil­li­ge Ver­fü­gun­gen durch Tes­ta­ment 1. Dabei zieht ein Ver­stoß gegen § 14 HeimG gemäß § 134 BGB die Nich­tig­keit nach sich, obwohl sich das Ver­bot nur gegen den Heim­trä­ger rich­tet 2.

Ein Ein­grei­fen des an den Heim­trä­ger gerich­te­ten Ver­bots setzt vor­aus, dass die­ser sich etwas "ver­spre­chen oder gewäh­ren" lässt. Eine ein­sei­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung oder Betä­ti­gung des Gebers genügt mit­hin nicht; es muss eine Annah­me­er­klä­rung des Emp­fän­gers oder ein ent­spre­chen­des vor­an­ge­gan­ge­nes Ver­lan­gen hin­zu­kom­men. Am not­wen­di­gen Merk­mal des "sich gewäh­ren las­sen" fehlt es des­halb nach all­ge­mei­ner Auf­fas­sung beim "stil­len" Tes­ta­ment eines Heim­be­woh­ners, von dem der Heim­trä­ger bis zum Ein­tritt des Erb­fal­les kei­ne Kennt­nis erlangt hat 3. Auch der Bun­des­ge­richts­hof hat die Nich­tig­keit des Tes­ta­ments in einem frü­her ent­schie­de­nen Fall dem­zu­fol­ge allein mit der Kennt­nis der dort Bedach­ten bzw. ihrer Wis­sens­ver­tre­ter begrün­det 4.

Des Wei­te­ren hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die in § 14 HeimG ent­hal­te­ne Ein­schrän­kung der Tes­tier­frei­heit des Heim­be­woh­ners als ver­fas­sungs­kon­form unter ande­rem mit der Erwä­gung gebil­ligt, eine Unver­hält­nis­mä­ßig­keit der Rege­lung zur Errei­chung der mit ihr ver­folg­ten Zwe­cke lie­ge nicht vor, weil tes­ta­men­ta­ri­sche Ver­fü­gun­gen, die dem Betrof­fe­nen nicht mit­ge­teilt und im Stil­len ange­ord­net wer­den, stets zuläs­sig sei­en; bei feh­len­der Kennt­nis des Begüns­tig­ten sei das Tes­ta­ment stets wirk­sam 5.

Dies ist jeden­falls nicht dann anders zu beur­tei­len, wenn das den Heim­trä­ger begüns­ti­gen­de Tes­ta­ment nicht vom Heim­be­woh­ner, son­dern von einem sei­ner Ange­hö­ri­gen stammt und der Heim­be­woh­ner nach dem Tode des Erb­las­sers wei­ter­hin im Heim des Trä­gers lebt.

Von den mit § 14 HeimG ver­folg­ten Zwe­cken 6 kann in die­ser Kon­stel­la­ti­on allein der Schutz des Heim­frie­dens betrof­fen sein. Weder die Tes­tier­frei­heit der Heim­be­woh­ner noch deren Schutz vor einer Aus­nut­zung hilf­lo­ser Lage wer­den von der Fra­ge berührt, ob der letzt­wil­li­gen Ver­fü­gung eines Drit­ten Wirk­sam­keit zuer­kannt wer­den kann. Die­sen bei­den Zwe­cken ist jedoch bei der Fest­stel­lung, dass die Ein­schrän­kung der Tes­tier­frei­heit durch § 14 HeimG noch ver­hält­nis­mä­ßig und damit ver­fas­sungs­ge­mäß ist 7, deut­lich höhe­res Gewicht bei­zu­mes­sen als dem Schutz des Heim­frie­dens, da sie ihre Grund­la­ge eben­falls in Grund­rech­ten des Heim­be­woh­ners fin­den.

Hin­zu kommt, dass selbst der Heim­frie­den in dem Fall, dass der Heim­trä­ger von einem ihn begüns­ti­gen­den Tes­ta­ment eines Drit­ten nach des­sen Able­ben erfährt, allen­falls in gerin­ge­rem Maße betrof­fen sein kann als bei Tes­ta­men­ten des Heim­be­woh­ners, die ihm zu des­sen Leb­zei­ten bekannt wer­den. Schutz des Heim­frie­dens bedeu­tet in die­sem Zusam­men­hang, dass der Trä­ger nicht durch die mit­tels Tes­ta­ment in Aus­sicht gestell­te Zuwen­dung in sei­nem Ver­hal­ten gegen­über dem Heim­be­woh­ner beein­flusst wer­den soll, was im Fal­le pri­vi­le­gie­ren­der Maß­nah­men zu Neid, Miss­gunst und Ver­är­ge­rung bei ande­ren Heim­be­woh­nern füh­ren kann. Die­se abs­trak­te Gefahr der Bevor­zu­gung der Per­son wegen eines den Trä­ger begüns­ti­gen­den Tes­ta­ments des Heim­be­woh­ners grün­det sich aber unter ande­rem dar­auf, dass der Trä­ger sich mit einer aus­ge­spro­che­nen, unaus­ge­spro­che­nen oder gar nur ver­mu­te­ten Erwar­tungs­hal­tung des Heim­be­woh­ners zu pri­vi­le­gier­ter Behand­lung kon­fron­tiert sehen kann, wid­ri­gen­falls das Tes­ta­ment wie­der geän­dert wür­de. Er könn­te sich des­halb zu zusätz­li­chen Leis­tun­gen gegen­über dem Erb­las­ser ver­an­lasst sehen, damit sich die in Aus­sicht gestell­te Erwerbs­chan­ce ver­wirk­licht 8.

Die­se Gefahr besteht indes­sen nicht, wenn es sich bei dem Erb­las­ser um einen Drit­ten han­delt und der Heim­trä­ger erst nach des­sen Tod vom Tes­ta­ment erfährt. Die letzt­wil­li­ge Ver­fü­gung ist dann nicht mehr änder­bar und der Heim­trä­ger hat unter die­sem Gesichts­punkt kei­ne Ver­an­las­sung zu einer Vor­zugs­be­hand­lung des Heim­be­woh­ners. Nur der Gesichts­punkt der Dank­bar­keit ist dann noch ein Umstand, der das Ver­hal­ten des Heim­trä­gers zu beein­flus­sen geeig­net ist.

Aller­dings ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Heim­trä­ger, zu des­sen Guns­ten eine Nach­erb­schaft nach dem Heim­be­woh­ner ange­ord­net ist, auf­grund der Tes­ta­ments­er­öff­nung auch beim so genann­ten "stil­len" Tes­ta­ment des Erb­las­sers not­wen­di­ger­wei­se vor dem Nach­erb­fall Kennt­nis von sei­ner Ein­set­zung erhält und er zu Leb­zei­ten des als Vor­er­be ein­ge­setz­ten Heim­be­woh­ners auch nur ein Anwart­schafts­recht erlangt 9. Dem Heim­be­woh­ner ver­bleibt zudem, im Rah­men sei­ner Befug­nis­se als nicht befrei­ter Vor­er­be über den Umgang mit dem Nach­lass auf des­sen Bestand Ein­fluss zu neh­men.

Die­se Umstän­de ver­mö­gen indes eine weit­ge­hen­de Ein­schrän­kung der Tes­tier­frei­heit eines außen­ste­hen­den Drit­ten, die ihm nicht die Mög­lich­keit lässt, den Heim­trä­ger im Wege des "stil­len" Tes­tie­rens zum Nach­er­ben zu bestim­men, nicht zu recht­fer­ti­gen. Bei der von Ver­fas­sungs wegen gebo­te­nen Abwä­gung zwi­schen der ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­ten Tes­tier­frei­heit 10 und dem wie dar­ge­stellt in die­ser Kon­stel­la­ti­on allen­falls noch in gerin­gem Maße gefähr­de­ten Heim­frie­den ist auch zu berück­sich­ti­gen, dass sich eine abso­lut glei­che Behand­lung und Betreu­ung sämt­li­cher Heim­be­woh­ner durch das Per­so­nal in der Rea­li­tät ohne­hin nie errei­chen las­sen wird, weil sie unver­meid­lich auch durch Gege­ben­hei­ten auf zwi­schen­mensch­li­cher Ebe­ne wie Sym­pa­thie und Anti­pa­thie beein­flusst wird, die ihrer­seits auf unter­schied­lichs­ten Umstän­den beru­hen kön­nen 11.

Zum Schut­ze der Tes­tier­frei­heit ist § 14 Abs. 1 HeimG nach alle­dem ver­fas­sungs­kon­form dahin aus­zu­le­gen, dass er dem Ange­hö­ri­gen eines Heim­be­woh­ners die Ein­set­zung des Heim­trä­gers als Nach­er­be in einem "stil­len" Tes­ta­ment, von dem der Heim­trä­ger erst nach dem Tode des Erb­las­sers erfährt, nicht ver­bie­tet.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Okto­ber 2011 – IV ZB 33/​10

  1. BayO­bLG NJW 1992, 55 unter II 3 a bb m.w.N.[]
  2. BGH, Urteil vom 09.02.1990 V ZR 139/​88, BGHZ 110, 235, 240[]
  3. BayO­bLG aaO; Dahlem/​Giese/​Igl/​Klie, Heim­recht des Bun­des und der Län­der, Stand August 2008 § 14 HeimG Rn. 12; Kunz/​Butz/​Wiedemann, Heim­ge­setz 10. Aufl. § 14 Rn. 8; Plant­holz in LPK­HeimG, 2. Aufl. § 14 Rn. 8; Staudinger/​Otte, BGB [2003] Vor­bem. zu §§ 2064 ff. Rn. 145; Rastät­ter, Der Ein­fluss des § 14 HeimG auf Ver­fü­gun­gen von Todes wegen 2004 S. 63 ff.; noch wei­ter­ge­hend Hollstein, Die Nich­tig­keit letzt­wil­li­ger Ver­fü­gun­gen wegen Ver­sto­ßes gegen das gesetz­li­che Ver­bot aus § 14 Abs. 1, 5 HeimG vor und nach der Föde­ra­li­sie­rung des Heim­rechts 2010 S. 82, die tes­ta­men­ta­ri­sche Zuwen­dun­gen ins­ge­samt aus dem Anwen­dungs­be­reich von § 14 HeimG her­aus­neh­men will[]
  4. BGH, Beschluss vom 24.01.1996 – IV ZR 84/​95, ZEV 1996, 147 f.[]
  5. BVerfG NJW 1998, 2964 unter II 1[]
  6. vgl. dazu BVerfG aaO[]
  7. vgl. BVerfG aaO[]
  8. eben­so Hollstein aaO S. 76[]
  9. vgl. Münch­Komm-BGB/Grun­sky, 5. Aufl. § 2100 Rn. 34 m.w.N.[]
  10. vgl. BVerfGE 67, 329, 341[]
  11. vgl. Hollstein aaO S. 76 f.; Rastät­ter aaO S. 66[]