Erst­in­stanz­li­che Hin­weis­pflich­ten und neu­es Vor­brin­gen in der Beru­fungs­be­grün­dung

Die Vor­schrift des Art. 103 Abs. 1 GG garan­tiert den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, dass sie Gele­gen­heit erhal­ten, sich vor Erlass einer gericht­li­chen Ent­schei­dung zu dem zur Ent­schei­dung ste­hen­den Sach­ver­halt zu äußern.

Erst­in­stanz­li­che Hin­weis­pflich­ten und neu­es Vor­brin­gen in der Beru­fungs­be­grün­dung

Die­ses Recht ist ver­letzt, wenn ein Gericht ohne vor­he­ri­gen Hin­weis Anfor­de­run­gen an den Sach­vor­trag stellt oder auf recht­li­che Gesichts­punk­te abstellt, mit denen auch ein gewis­sen­haf­ter und kun­di­ger Pro­zess­be­tei­lig­ter nach dem bis­he­ri­gen Pro­zess­ver­lauf nicht zu rech­nen braucht 1.

Inso­weit hat das Gericht gemäß § 139 Abs. 1 Satz 2 ZPO dar­auf hin­zu­wir­ken, dass sich die Par­tei­en recht­zei­tig und voll­stän­dig über alle erheb­li­chen Tat­sa­chen erklä­ren, ins­be­son­de­re auch Anga­ben zu vor­ge­tra­ge­nen Tat­sa­chen ergän­zen und die anzu­bie­ten­den. Das Gebot, recht­li­ches Gehör zu gewäh­ren, ver­pflich­tet des­halb das Beru­fungs­ge­richt dazu, neu­es Vor­brin­gen dann zuzu­las­sen, wenn eine unzu­läng­li­che Ver­fah­rens­lei­tung oder eine Ver­let­zung der rich­ter­li­chen Hin­weis­pflicht das Aus­blei­ben des Vor­brin­gens oder von Beweis­an­trä­gen in der ers­ten Instanz mit­ver­ur­sacht hat.

Ist im Urteil des erst­in­stanz­li­chen Gerichts Vor­trag zu einem ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Punkt man­gels hin­rei­chen­der Sub­stan­ti­ie­rung zurück­ge­wie­sen oder eine Par­tei als beweis­fäl­lig ange­se­hen wor­den, ohne dass ihr durch einen nach der Pro­zess­la­ge gebo­te­nen Hin­weis Gele­gen­heit zur Ergän­zung gege­ben war, stellt sich die Zurück­wei­sung des neu­en, nun­mehr sub­stan­ti­ier­ten Vor­trags oder neu­er Beweis­mit­tel im Beru­fungs­rechts­zug als eine offen­kun­dig unrich­ti­ge Anwen­dung des § 531 Abs. 2 Nr. 2 ZPO dar. Ein sol­ches Vor­ge­hen des Gerichts kommt einer Ver­hin­de­rung des Vor­trags zu ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Punk­ten gleich 2.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. März 2013 – I ZR 43/​12

  1. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 12.06.2003 – 1 BvR 2285/​02, NJW 2003, 2524 m.w.N.[]
  2. BGH, Beschluss vom 09.06.2005 – V ZR 271/​04, NJW 2005, 2624; Beschluss vom 22.04.2009 – IV ZR 328/​07, NJW-RR 2009, 1112 Rn. 11[]