Laten­ter Pfer­de­man­gel

Mit der Beweis­last­um­kehr hin­sicht­lich eines laten­ten Man­gels beim Ver­brauchs­gü­ter­kauf hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen. Kon­kret ging es hier­bei um eine Vor­schä­di­gung der Seh­nen eines Pfer­des als Ursa­che einer aku­ten Ver­let­zung:

Laten­ter Pfer­de­man­gel

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs muss der Käu­fer beim Ver­brauchs­gü­ter­kauf bewei­sen, dass bin­nen sechs Mona­ten seit Gefahr­über­gang ein Sach­man­gel auf­ge­tre­ten ist; gelingt ihm der Beweis, greift die Ver­mu­tung des § 476 BGB ein, dass die­ser Man­gel im Zeit­punkt des Gefahr­über­gangs bereits vor­lag 1. Die­se Ver­mu­tung kann der Ver­käu­fer wider­le­gen. Dies ist der Klä­ge­rin nach den rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts hin­sicht­lich des im April 2007 akut auf­ge­tre­te­nen Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­dens gelun­gen.

Beruft sich der Käu­fer – wie hier der Beklag­te – in einem sol­chen Fall dar­auf, dass der nach Gefahr­über­gang sicht­bar gewor­de­ne – aku­te – Man­gel auf einer Ursa­che beru­he, die ihrer­seits einen ver­trags­wid­ri­gen Zustand dar­stel­le, so muss er dies bewei­sen. Denn die in § 476 BGB vor­ge­se­he­ne Beweis­last­um­kehr zuguns­ten des Käu­fers gilt nicht dafür, dass der sicht­bar gewor­de­ne Sach­man­gel auf einer Ursa­che beruht, die ihrer­seits eine ver­trags­wid­ri­ge Beschaf­fen­heit dar­stellt; ob hin­sicht­lich einer sol­chen Ursa­che ein Sach­man­gel vor­liegt, hat viel­mehr der Käu­fer dar­zu­le­gen und zu bewei­sen 2. Beweist der Käu­fer, dass der sicht­bar gewor­de­ne Man­gel auf einem – laten­ten – Man­gel beruht, so greift zu Guns­ten des Käu­fers auch inso­weit die Ver­mu­tung des § 476 BGB ein, dass die­ser – laten­te – Man­gel bereits bei Gefahr­über­gang bestand 3.

Wenn dage­gen meh­re­re Ursa­chen für den akut auf­ge­tre­te­nen Man­gel in Betracht kom­men, von denen die eine eine ver­trags­wid­ri­ge Beschaf­fen­heit begrün­det, die ande­re dage­gen nicht, und nicht auf­klär­bar ist, wor­auf der auf­ge­tre­te­ne Man­gel beruht, so geht dies zu Las­ten des Käu­fers 4. Nur wenn bei­de mög­li­chen Ursa­chen eine ver­trags­wid­ri­ge Beschaf­fen­heit dar­stel­len wür­den, wäre jeweils davon aus­zu­ge­hen, dass der betref­fen­de Man­gel bereits bei Gefahr­über­gang bestan­den hät­te, und käme es des­halb auf eine Unauf­klär­bar­keit, wor­auf der sicht­bar gewor­de­ne Man­gel beruh­te, nicht an 5.

Danach obliegt dem Beklag­ten der Beweis für sei­ne Behaup­tung, dass für den im April 2007 auf­ge­tre­te­nen, aku­ten Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den eine zu die­sem Zeit­punkt bereits vor­han­de­ne Vor­schä­di­gung des Fes­sel­trä­ger­schen­kels ursäch­lich war, die ihrer­seits einen ver­trags­wid­ri­gen Zustand und damit einen (laten­ten) Man­gel dar­stell­te. Kann der Beklag­te die­sen Beweis erbrin­gen, so ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts zu Guns­ten des Beklag­ten gemäß § 476 BGB zu ver­mu­ten, dass der laten­te Man­gel – die ver­trags­wid­ri­ge Vor­schä­di­gung des Fes­sel­trä­ger­schen­kels – bereits bei Gefahr­über­gang vor­han­den war 6.

Im vor­lie­gen­den Fall kann nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen, die das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de gelegt hat, eine Fes­sel­trä­ger­ver­let­zung wie die vor­lie­gen­de durch ein aku­tes Unfall­ge­sche­hen her­vor­ge­ru­fen wer­den, indem das Pferd etwa in ein Loch im Boden tritt. Häu­fi­ger ist jedoch bei Sport­pfer­den eine chro­ni­sche Über­be­an­spru­chung mit all­mäh­li­cher Schä­di­gung der Seh­nen­fa­sern mit der Fol­ge, dass das Seh­nen­ge­we­be irgend­wann so geschwächt ist, dass schon bei ver­hält­nis­mä­ßig nor­ma­ler Belas­tung eine Ver­let­zung ent­ste­hen kann, wie sie im April 2007 auf­ge­tre­ten ist.

Ein sol­ches Vor­schä­di­gungs­mus­ter, wie es der Sach­ver­stän­di­ge beschrie­ben hat, das schon bei ver­hält­nis­mä­ßig nor­ma­ler Belas­tung mit stän­di­ger Ver­let­zungs­ge­fahr ein­her­geht, stellt, wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend ange­nom­men hat, einen Sach­man­gel dar. Das Beru­fungs­ge­richt hat aber – von sei­nem Stand­punkt aus fol­ge­rich­tig – kei­ne Fest­stel­lung dazu getrof­fen, ob der Fes­sel­trä­ger des Pfer­des im April 2007 tat­säch­lich bereits in einer sol­chen Wei­se vor­ge­schä­digt war, die einen Man­gel begrün­de­te. Es hat dies auf­grund der Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen zwar für mög­lich und auch wahr­schein­lich gehal­ten, jedoch nicht fest­ge­stellt, dass dies bewie­sen wäre.

Revi­si­ons­recht­lich ist des­halb zu Guns­ten des Beklag­ten zu unter­stel­len, dass eine ent­spre­chen­de Vor­schä­di­gung im April 2007 bereits vor­lag und ursäch­lich für den aku­ten Fes­sel­trä­ger­scha­den war, nicht dage­gen ein trau­ma­ti­sches Unfall­ge­sche­hen, das eben­falls – auch ohne Vor­schä­di­gung des Fes­sel­trä­ger­schen­kels – zu einem der­ar­ti­gen Fes­sel­trä­ger­schen­kel­scha­den füh­ren kann. Auf die­ser Grund­la­ge greift die Ver­mu­tung des § 476 BGB ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts zu Guns­ten des Beklag­ten ein.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Janu­ar 2014 – VIII ZR 70/​13

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 02.06.2004 – VIII ZR 329/​03, BGHZ 159, 215, 217 f.; vom 23.11.2005 – VIII ZR 43/​05, aaO Rn. 21; vom 29.03.2006 – VIII ZR 173/​05, BGHZ 167, 40 Rn. 21[]
  2. BGH, Urteil vom 29.03.2006 – VIII ZR 173/​05, aaO Rn. 35 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 23.11.2005 – VIII ZR 43/​05, aaO Rn.19[]
  4. BGH, Urteil vom 23.11.2005 – VIII ZR 43/​05, aaO Rn.20[]
  5. BGH, Urteil vom 23.11.2005 – VIII ZR 43/​05, aaO Rn.19[]
  6. BGH, Beschluss vom 05.02.2008 – VIII ZR 94/​07, RdL 2009, 118 Rn. 3 f.[]