Mer­ce­des im Abgas­skan­dal – und die ver­brau­cher­freund­li­chen Urteile

Die Daim­ler AG ist wie auch die Volks­wa­gen AG in den Abgas­skan­dal um mani­pu­lier­te Die­sel­mo­to­ren in PKW ver­strickt. Mil­lio­nen Mer­ce­des-Fahr­zeu­ge sind von amt­li­chen Rück­ru­fen betrof­fen, weil geset­zes­wid­ri­ge Abschalt­ein­rich­tun­gen ent­deckt wur­den. Kurz dar­auf gin­gen die ers­ten Kla­gen von Ver­brau­chern bei Gericht ein. Mitt­ler­wei­le haben sich sogar der Bun­des­ge­richts­hof und der Euro­päi­sche Gerichts­hof mit dem Daim­ler-Die­sel­skan­dal befasst – und ver­brau­cher­freund­li­che Ent­schei­dun­gen getroffen.

Mer­ce­des im Abgas­skan­dal – und die ver­brau­cher­freund­li­chen Urteile

Nach­dem sich in Deutsch­land über­wie­gend Land­ge­rich­te mit dem Mer­ce­des-Abgas­skan­dal und den mani­pu­lier­ten Die­sel­mo­to­ren beschäf­tigt hat­ten, gibt es jetzt auch ers­te höchst­rich­ter­li­che Urtei­le zum Die­sel­be­trug bei Daim­ler. Das Ober­lan­des­ge­richt Naum­burg, der BGH und der EuGH stärk­ten nach­ein­an­der die Ver­brau­cher­rech­te im Dieselskandal.

Als ers­tes Ober­lan­des­ge­richt ver­ur­tei­le das OLG Naum­burg die Daim­ler AG nach § 826 BGB wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung1. Der Ver­brau­cher durf­te sei­nen mani­pu­lier­ten Mer­ce­des Benz GLK 220 CDI 4MATIC mit Abschalt­ein­rich­tung an den Auto­her­stel­ler zurück­ge­ben und erhielt im Gegen­zug knapp 26.000 Euro Scha­dens­er­satz von der Daim­ler AG. Die Ent­schei­dung der Naum­bur­ger Rich­ter besitzt eine Strahl­kraft für wei­te­re Pro­zes­se gegen den Stutt­gar­ter Auto­bau­er. Denn: In der Regel ori­en­tie­ren sich Land­ge­rich­te an den Urtei­len höhe­rer Gerich­te – wie dem des OLG Naumburg.

Eine noch grö­ße­re Signal­wir­kung haben jedoch Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs – Deutsch­lands höchs­tem Zivil­ge­richt. Auch der BGH beschäf­tig­te sich kürz­lich mit dem Mer­ce­des-Die­sel­be­trug. Im Janu­ar 2021 äußer­ten sich die Rich­ter erst­mals zum Ther­mofens­ter in Mer­ce­des-Moto­ren2. In einem Beschluss erklär­ten sie, dass deut­sche Gerich­te die Aus­füh­run­gen der Klä­ger zu Abschalt­ein­rich­tun­gen in Die­sel­mo­to­ren genau­er anhö­ren und stär­ker berück­sich­ti­gen müs­sen. Die­ser Beschluss stärkt das Recht der Ver­brau­cher auf gesetz­li­ches Gehör. Land­ge­rich­te und Ober­lan­des­ge­rich­te wer­den damit auf­ge­for­dert, dem Ver­dacht nach­zu­ge­hen, dass die Daim­ler AG gegen­über dem Kraft­fahrt-Bun­des­amt wich­ti­ge Details zum Ther­mofens­ter vor­ent­hal­ten hat – was sich auf die Unter­su­chung und Zulas­sung der Die­sel­fahr­zeu­ge aus­ge­wirkt haben könnte.

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Ein wei­te­res ver­brau­cher­freund­li­ches Urteil von sehr hoher Bedeu­tung ist die jüngs­te Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs von Dezem­ber 2020 zum Abgas­skan­dal3. Die Rich­ter des EuGH stell­ten fest, dass es sich beim Ther­mofens­ter um eine ille­ga­le Abschalt­ein­rich­tung han­delt, wenn es sich nega­tiv auf die Rei­ni­gung der Abga­se im Motor aus­wirkt – was in der Regel der Fall ist. Mit der nega­ti­ven Beein­flus­sung der Abgas­rei­ni­gung ver­stößt das Ther­mofens­ter gegen die EU-Ver­ord­nung EG 715/​2007. Die­se Ver­ord­nung ver­lang, dass die Grenz­wer­te für Stick­oxi­de unter nor­ma­len Betriebs­be­din­gun­gen nicht über­schrit­ten wer­den. Dies tun Mer­ce­des-Die­sel mit Ther­mofens­ter aller­dings sehr häu­fig. Die Auto­bau­er füh­ren oft das Argu­ment des Motor­schut­zes an, der das Ther­mofens­ter recht­fer­ti­gen soll. Die Rich­ter in Luxem­burg las­sen die­se Recht­fer­ti­gung jedoch nicht gel­ten, da ande­re Maß­nah­men als das Ther­mofens­ter genutzt wer­den kön­nen, um Motor und wei­te­re Bau­tei­le vor Ver­schleiß und Schä­den zu schützen.

Die­se ver­brau­cher­freund­li­chen Ent­schei­dun­gen hoher Gerich­te bestä­ti­gen Kun­den und Ver­brau­cher­schüt­zer, die sich gegen den Die­sel­be­trug weh­ren. „Die höchst­rich­ter­li­chen Urtei­le aus den letz­ten Mona­ten set­zen Daim­ler mas­siv unter Druck. Die Erfolgs­aus­sich­ten auf eine ange­mes­se­ne Ent­schä­di­gung für einen mani­pu­lier­ten Mer­ce­des ste­hen nun bes­ser denn je, weil sich alle ande­ren deut­schen Gerich­te bei ähn­li­chen Fäl­len an die­sen weg­wei­sen­den Ent­schei­dun­gen ori­en­tie­ren“, erklärt Johan­nes von Rüden, Rechts­an­walt und Part­ner der Ver­brau­cher­rechts­kanz­lei VON RUEDEN, die Fahr­zeug­hal­ter im Abgas­skan­dal berät und vertritt.

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Zum Hin­ter­grund: In Autos zahl­rei­cher Mar­ken sind ille­ga­le Abschalt­ein­rich­tun­gen – wie das Ther­mofens­ter oder die Kühl­mit­tel-Soll­tem­pe­ra­tur-Rege­lung – zu fin­den, so auch in Mer­ce­des-Autos. Sie sor­gen dafür, dass das Die­sel­fahr­zeug erkennt, ob es sich auf dem Prüf­stand oder im Nor­mal­be­trieb auf der Stra­ße befin­det. Dank die­ser Prüf­stands­er­ken­nung rei­nigt das Auto die ent­ste­hen­den Abga­se in Test­si­tua­tio­nen umfäng­lich und geset­zes­kon­form – und erhält so die Zulas­sung. Auf der Stra­ße sto­ßen die­se Model­le aller­dings weit mehr gesund­heits- und umwelt­schäd­li­che Stick­oxi­de (NOx) aus als gesetz­lich zuläs­sig und über­schrei­ten die gel­ten­den Grenz­wer­te. Der Käu­fer eines betrof­fe­nen Die­sels hat also ein Fahr­zeug bekom­men, dass dre­cki­ger ist als in der Wer­bung vom Her­stel­ler ange­ge­ben und dass er im Wis­sen um den zu hohen Schad­stoff­aus­stoß mit­un­ter nicht gekauft hät­te. Ver­brau­chern steht daher Scha­dens­er­satz nach § 826 BGB zu.

  1. OLG Naum­burg, Urteil vom 18.09.2020 – 8 U 8/​20[]
  2. BGH, Beschluss vom 19.01.2021 – VI ZR 433/​19[]
  3. EuGH, Urteil vom 17.12.2020 – C‑693/​18[]

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