Mut­ter-Kind-Kur – und ihre jeder­zei­ti­ge Künd­bar­keit

Eine Klau­sel in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen einer Kur­kli­nik, die einen Scha­dens­er­satz­an­spruch für den Fall vor­sieht, dass die Pati­en­tin einer Mut­ter-Kind-Kur die­se vor­zei­tig abbricht, ist unwirk­sam.

Mut­ter-Kind-Kur – und ihre jeder­zei­ti­ge Künd­bar­keit

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war einer Mut­ter von vier min­der­jäh­ri­gen Kin­dern von ihrer gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung eine drei­wö­chi­ge medi­zi­ni­sche Vor­sor­ge­maß­nah­me in Form einer Mut­ter-Kind-Kur bewil­ligt wor­den. Die Mut­ter erhielt ein Ein­la­dungs­schrei­ben der Kli­nik, dem die All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen bei­gefügt waren. Deren Num­mer 5.4 lau­tet wie folgt: 

Vor­zei­ti­ge Abrei­se (Kün­di­gung), Scha­dens­er­satz

5.4.1 Tritt die Pati­en­tin, ohne medi­zi­nisch nach­ge­wie­se­ne Not­wen­dig­keit, die Abrei­se vor Been­di­gung der Maß­nah­me an, so kann der Ein­rich­tungs­trä­ger Ersatz für den erlit­te­nen Scha­den ver­lan­gen. Der Ersatz­an­spruch ist unter Berück­sich­ti­gung der gewöhn­lich erspar­ten Auf­wen­dun­gen und mög­li­chen ander­wei­ti­gen Ver­wen­dun­gen pau­scha­liert und beträgt 80 % des Tages­sat­zes für jeden vor­zei­tig abge­reis­ten Tag. Es bleibt der Pati­en­tin unbe­nom­men, den Nach­weis zu füh­ren, dass kein oder ein gerin­ge­rer Scha­den ent­stan­den ist.

5.4.2 Das Recht zur frist­lo­sen Kün­di­gung aus wich­ti­gem Grund gem. § 626 BGB bleibt hier­von unbe­rührt.“

Die Mut­ter bestä­tig­te durch ihre Unter­schrift, die All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Kli­nik erhal­ten zu haben und die­se anzu­er­ken­nen. Bei­gefüg­te Fra­ge­bö­gen zur Vor­be­rei­tung der The­ra­pie füll­te sie aus und sand­te sie – zusam­men mit dem unter­schrie­be­nen Exem­plar der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen – an die Kli­nik zurück. Die Mut­ter trat die bis zum 21. März 2018 vor­ge­se­he­ne Kur am 28. Febru­ar 2018 zusam­men mit ihren vier Kin­dern an, brach sie jedoch zehn Tage vor dem regu­lä­ren Ende aus Grün­den, die zwi­schen den Par­tei­en strei­tig sind, vor­zei­tig ab. Die Kli­nik nahm die Mut­ter dar­auf­hin auf Scha­dens­er­satz in Höhe von 3.011,20 € in Anspruch.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Straus­berg hat die auf Zah­lung des vor­ge­nann­ten Betrags nebst Zin­sen gerich­te­te Kla­ge abge­wie­sen [1]. Die Beru­fung der Kli­nik hat vor dem Land­ge­richt Frankfurt(Oder) eben­falls kei­nen Erfolg gehabt [2]. Mit ihrer vom Land­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt sie ihre Kla­ge­an­trä­ge wei­ter, hat­te aber auch vor dem Bun­des­ge­richts­hof kei­nen Erfolg; der Bun­des­ge­richts­hof hat die nun auch die Revi­si­on der Kli­nik zurück­ge­wie­sen:

Die Kli­nik hat kei­nen Anspruch gegen die Mut­ter auf die ver­lang­te Zah­lung. Die Mut­ter konn­te die Kur durch kon­klu­den­te Kün­di­gung gemäß § 627 Abs. 1 BGB auch ohne beson­de­ren Grund vor­zei­tig been­den, so dass die Kli­nik nach § 628 Abs. 1 Satz 1 BGB nur Anspruch auf Ver­gü­tung der bis zum Abbruch erbrach­ten Leis­tun­gen hat.

Zwi­schen der Kli­nik und der Mut­ter war ein Ver­trag über die Durch­füh­rung einer Mut­ter-Kind-Kur (§ 24 Abs. 1 SGB V) zustan­de gekom­men, der jeden­falls nach sei­nem inhalt­li­chen Schwer­punkt als Behand­lungs­ver­trag im Sin­ne des § 630a BGB und damit als beson­de­res Dienst­ver­hält­nis zu qua­li­fi­zie­ren ist. Die­ses unter­liegt dem jeder­zei­ti­gen Kün­di­gungs­recht der Pati­en­tin, da die von der Kli­nik geschul­de­ten Leis­tun­gen im Sin­ne des § 627 Abs. 1 BGB Diens­te höhe­rer Art sind, die auf Grund beson­de­ren Ver­trau­ens über­tra­gen zu wer­den pfle­gen.

Die von § 627 Abs. 1, § 628 Abs. 1 BGB abwei­chen­de Num­mer 5.4.1 der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen der Kli­nik ist unwirk­sam, weil sie gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Nr. 1 BGB mit den wesent­li­chen Grund­ge­dan­ken der gesetz­li­chen Rege­lung – dem „frei­en“ und sank­ti­ons­lo­sen Kün­di­gungs­recht bei Diens­ten höhe­rer Art, die auf beson­de­rem Ver­trau­en beru­hen – nicht zu ver­ein­ba­ren ist. Über­dies ist sie mit dem Grund­ge­dan­ken des § 280 Abs. 1 BGB unver­ein­bar, nach dem ver­trag­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che eine zu ver­tre­ten­de Pflicht­ver­let­zung des Schuld­ners – hier der Pati­en­tin – vor­aus­set­zen. Eine Ein­schrän­kung auf die­se Fäl­le sieht die Klau­sel aber nicht vor.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Okto­ber 2020 – III ZR 80/​20

Mutter-Kind-Kur  - und ihre jederzeitige Kündbarkeit
  1. AG Straus­berg, Urteil vom 16.04.2019 – 10 C 17/​19 []
  2. LG Frank­furt (Oder), Urteil vom 01.04. 2020 – 16 S 249/​19[]