Neu­er Vor­trag in der Beru­fungs­in­stanz – und sei­ne Berück­sich­ti­gungs­fä­hig­keit

Art. 103 Abs. 1 GG ist dann ver­letzt, wenn der Tatrich­ter Angriffs- oder Ver­tei­di­gungs­mit­tel einer Par­tei in offen­kun­dig feh­ler­haf­ter Anwen­dung einer Prä­k­lu­si­ons­vor­schrift zu Unrecht für aus­ge­schlos­sen erach­tet 1.

Neu­er Vor­trag in der Beru­fungs­in­stanz – und sei­ne Berück­sich­ti­gungs­fä­hig­keit

Die Berück­sich­ti­gungs­fä­hig­keit neu­en Vor­trags in der Beru­fungs­in­stanz nach § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO setzt vor­aus, dass die nach Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts feh­ler­haf­te Rechts­auf­fas­sung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts zumin­dest mit­ur­säch­lich dafür gewor­den ist, dass sich Par­tei­vor­brin­gen in die Beru­fungs­in­stanz ver­la­gert hat. Dies kommt schon dann in Betracht, wenn das Gericht des ers­ten Rechts­zugs, hät­te es die spä­ter vom Beru­fungs­ge­richt für zutref­fend erach­te­te Rechts­auf­fas­sung geteilt, zu einem Hin­weis nach § 139 Abs. 2 ZPO ver­pflich­tet gewe­sen wäre.

Der Anwen­dung des § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO steht nicht ent­ge­gen, dass die erst­in­stanz­li­che Gel­tend­ma­chung des neu­en Angriffs- oder Ver­tei­di­gungs­mit­tels auch aus Grün­den unter­blie­ben ist, die eine Nach­läs­sig­keit der Par­tei im Sin­ne des § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 ZPO tra­gen.

§ 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO ver­langt, dass die nach Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts feh­ler­haf­te Rechts­auf­fas­sung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts zumin­dest mit­ur­säch­lich dafür gewor­den ist, dass sich Par­tei­vor­brin­gen in die Beru­fungs­in­stanz ver­la­gert hat 2, was schon dann in Betracht kommt, wenn das Gericht des ers­ten Rechts­zugs, hät­te es die spä­ter vom Beru­fungs­ge­richt für zutref­fend erach­te­te Rechts­auf­fas­sung geteilt, zu einem Hin­weis nach § 139 Abs. 2 ZPO ver­pflich­tet gewe­sen wäre 3.

Eine ande­re Bewer­tung folgt auch nicht aus der Über­le­gung des Beru­fungs­ge­richts, der Beklag­te bzw. sein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter, des­sen Ver­schul­den er sich gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zurech­nen las­sen müs­se, hät­te allen Anlass gehabt, den nahe­lie­gen­den Ein­wand bereits im ers­ten Rechts­zug zu erhe­ben. Die­se Ansicht ver­kennt inso­weit bereits, dass die Nach­läs­sig­keit der Par­tei – anders als im Fal­le des § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 ZPO – die Anwen­dung des § 531 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 ZPO nicht aus­schließt 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. März 2015 – VI ZR 490/​13

  1. BGH, Beschlüs­se vom 01.10.2014 – VII ZR 28/​13, NJW-RR 2014, 1431 Rn. 10; vom 21.03.2013 – VII ZR 58/​12, NJW-RR 2013, 655 Rn. 10; vom 17.07.2012 – VIII ZR 273/​11, NJW 2012, 3787 Rn. 9; jeweils mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 21.12 2011 – VIII ZR 166/​11, NJW-RR 2012, 341 Rn.19; Zöller/​Heßler, 30. Aufl., § 531 Rn. 27; Hk-ZPO/Wöst­mann, 6. Aufl., § 531 Rn. 7; jeweils mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 21.12 2011 – VIII ZR 166/​11, aaO Rn.20; Zöller/​Heßler aaO; Hk-ZPO/Wöst­mann aaO[]
  4. BGH, Urteil vom 21.12 2011 – VIII ZR 166/​11, NJW-RR 2012, 341 Rn. 17 f.[]