Ordent­li­che Kün­di­gung wegen Zah­lungs­ver­zugs

Eine ordent­li­che Kün­di­gung wegen Zah­lungs­ver­zugs ist auch unter­halb der für die frist­lo­se Kün­di­gung gel­ten­den Gren­ze des § 543 Abs. 2 Nr. 3 BGB mög­lich. Eine nicht uner­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung des Mie­ters liegt jedoch nicht vor, wenn der Miet­rück­stand eine Monats­mie­te nicht über­steigt und die Ver­zugs­dau­er weni­ger als einen Monat beträgt. Die Sperr­frist des § 569 Abs. 3 Nr. 3 BGB fin­det kei­ne ent­spre­chen­de Anwen­dung auf die ordent­li­che Kün­di­gung.

Ordent­li­che Kün­di­gung wegen Zah­lungs­ver­zugs

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall ist der Beklag­te seit 1972 Mie­ter einer Woh­nung in Ber­lin. Die Klä­ge­rin ist durch Eigen­tums­er­werb im Jahr 2003 in die Ver­mie­ter­stel­lung ein­ge­tre­ten.

Nach dem Anschluss der Woh­nung an die Fern­wär­me ver­lang­te die Klä­ge­rin ab März 2008 neben der Grund­mie­te von 252,81 € Heiz­kos­ten­vor­schüs­se in Höhe von monat­lich 70 €. Dem Beklag­ten waren zu die­sem Zeit­punkt vom Job­cen­ter Leis­tun­gen für Hei­zung und Unter­kunft bewil­ligt, wobei das Job­cen­ter monat­lich 252,81 € direkt an die Klä­ge­rin und 50 € auf ein vom Beklag­ten benann­tes Kon­to über­wies. Der Beklag­te zahl­te die Heiz­kos­ten­vor­schüs­se zunächst nicht. Für Mai und Juni 2009 zahl­te er am 1. Juli 2009 100 € und danach monat­lich 50 €. Mit Anwalts­schrei­ben vom 5. Okto­ber 2009 kün­dig­te die Klä­ge­rin das Miet­ver­hält­nis frist­ge­mäß zum 31. Juli 2010, weil der Beklag­te die Heiz­kos­ten­vor­aus­zah­lun­gen für die Mona­te März 2008 bis April 2009 nicht gezahlt hat­te. Der Beklag­te wur­de in einem Zah­lungs­pro­zess am 12. Novem­ber 2009 zur Beglei­chung die­ses Rück­stands ver­ur­teilt. Er erbrach­te die aus­ste­hen­den Zah­lun­gen am 30. Juli 2010. Das Zah­lungs­ur­teil wur­de am 15. Novem­ber 2010 rechts­kräf­tig.

Mit Schrei­ben vom 12. Novem­ber 2010 kün­dig­te die Klä­ge­rin erneut frist­ge­mäß, weil der Beklag­te zu die­sem Zeit­punkt die Mie­te für den lau­fen­den Monat – die gemäß Miet­ver­trag monat­lich im Vor­aus, spä­tes­tens am drit­ten Werk­tag zu ent­rich­ten ist – noch nicht gezahlt hat­te.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Amts­ge­richt Tem­pel­hof-Kreuz­berg hat der Räu­mungs­kla­ge statt­ge­ge­ben, das Land­ge­richt Ber­lin hat die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung des beklag­ten Mie­ters zurück­ge­wie­sen 1.

Die vom Beru­fungs­ge­richt zuge­las­se­ne Revi­si­on des Beklag­ten blieb vor dem Bun­des­ge­richts­hof eben­falls ohne Erfolg. Der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied, dass eine ordent­li­che Kün­di­gung nach § 573 Abs. 2 Nr. 1 BGB wegen Zah­lungs­ver­zugs des Mie­ters erfol­gen darf, ohne dass die für eine frist­lo­se Kün­di­gung nach § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 BGB erfor­der­li­chen Miet­rück­stän­de erreicht sein müs­sen. Da die ordent­li­che Kün­di­gung im Gegen­satz zur frist­lo­sen Kün­di­gung dem Ver­mie­ter die Lösung vom Ver­trag nur unter Beach­tung der gesetz­li­chen oder der ver­ein­bar­ten Kün­di­gungs­frist erlaubt, besteht kein Grund, die für die frist­lo­se Kün­di­gung fest­ge­setz­ten Gren­zen auf die ordent­li­che Kün­di­gung zu über­tra­gen. Eine zur ordent­li­chen Kün­di­gung berech­ti­gen­de nicht uner­heb­li­che Ver­let­zung der Zah­lungs­pflicht liegt jedoch noch nicht vor, wenn der Rück­stand eine Monats­mie­te nicht über­steigt und die Ver­zugs­dau­er weni­ger als einen Monat beträgt.

Die Kün­di­gung der Klä­ge­rin vom 12. Novem­ber 2010 war daher ent­ge­gen der Ansicht des Land­ge­richts Ber­lin unwirk­sam. Das Urteil des Beru­fungs­ge­richts erweist sich jedoch aus ande­ren Grün­den als rich­tig, weil die Kün­di­gung vom 5. Okto­ber 2009 das Miet­ver­hält­nis wirk­sam been­det hat.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat wei­ter ent­schie­den, dass die für frist­lo­se Kün­di­gun­gen gel­ten­de Vor­schrift des § 569 Abs. 3 Nr. 3 BGB, die im Fal­le einer rechts­kräf­ti­gen Ver­ur­tei­lung des Mie­ters zur Zah­lung einer erhöh­ten Mie­te eine Kün­di­gung wegen Zah­lungs­ver­zugs nicht vor Ablauf von zwei Mona­ten nach rechts­kräf­ti­ger Ver­ur­tei­lung erlaubt, nicht auf ordent­li­che Kün­di­gun­gen ange­wen­det wer­den kann. Der Zweck der Vor­schrift besteht dar­in, in bestimm­ten Fäl­len eine Obdach­lo­sig­keit des Mie­ters infol­ge einer frist­lo­sen Kün­di­gung zu ver­mei­den. Wegen der bei einer ordent­li­chen Kün­di­gung ein­zu­hal­ten­den Kün­di­gungs­frist besteht die­se Gefahr jeden­falls nicht in glei­chem Maße. Zudem hat der Gesetz­ge­ber im Miet­rechts­re­form­ge­setz vom 19. Juni 2001 kei­ne ander­wei­ti­ge Rege­lung getrof­fen, obwohl ihm die Pro­ble­ma­tik bekannt sein muss­te.

Höhe und Dau­er des Miet­rück­stands

Die Kün­di­gung der Klä­ge­rin vom 12.11.2010 ist unwirk­sam, weil die Pflicht­ver­let­zung des Beklag­ten, auf die sie gestützt ist – die Nicht­zah­lung der neun Tage zuvor fäl­li­gen Mie­te – kei­ne "nicht uner­heb­li­che Pflicht­ver­let­zung" im Sin­ne des § 573 Abs. 2 Nr. 1 BGB dar­stellt.

Zutref­fend ist das Land­ge­richt Ber­lin aller­dings davon aus­ge­gan­gen, dass die Mie­te für den Monat Novem­ber 2010 gemäß § 4 des Miet­ver­trags am 3.11.2010 fäl­lig wur­de. Zwar wur­de der Miet­ver­trag noch unter Gel­tung von § 551 BGB aF abge­schlos­sen, wonach die Mie­te jeweils am Monats­en­de zu zah­len war. Eine For­mu­lar­klau­sel, die hier­von abwei­chend eine Zah­lung jeweils bis zum drit­ten Werk­tag eines Monats im Vor­aus ver­langt, ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs gleich­wohl wirk­sam 2. Dies gilt auch dann, wenn die Fäl­lig­keits­klau­sel – wie hier – mit einer soge­nann­ten Ankün­di­gungs­klau­sel kom­bi­niert ist 3.

In der Recht­spre­chung der Instanz­ge­rich­te und in der miet­recht­li­chen Lite­ra­tur ist strei­tig, wie hoch ein vom Mie­ter ver­schul­de­ter Zah­lungs­rück­stand sein und wie lan­ge er ange­dau­ert haben muss, um die ordent­li­che Kün­di­gung zu recht­fer­ti­gen.

Nach einer teil­wei­se ver­tre­te­nen Auf­fas­sung soll den in § 543 Abs. 2 Nr. 3 BGB für die frist­lo­se Kün­di­gung fest­ge­leg­ten Vor­aus­set­zun­gen eine all­ge­mein­gül­ti­ge Bedeu­tung zukom­men. Des­halb set­ze auch eine auf Zah­lungs­ver­zug gestütz­te ordent­li­che Kün­di­gung vor­aus, dass sich der Mie­ter mit einem Betrag in Höhe von zwei vol­len Monats­mie­ten oder für zwei auf­ein­an­der­fol­gen­de Mona­te mit einem nicht uner­heb­li­chen Teil der Mie­te in Ver­zug befin­de 4.

Nach der Gegen­auf­fas­sung kommt auch bei einem Zah­lungs­ver­zug unter­halb der Schwel­le des § 543 Abs. 2 Nr. 3 BGB eine ordent­li­che Kün­di­gung in Betracht. Dabei wer­den an die Höhe des Rück­stands und die Dau­er des Ver­zugs unter­schied­li­che Anfor­de­run­gen gestellt. Teil­wei­se soll jeder Zah­lungs­ver­zug zur Kün­di­gung berech­ti­gen, soweit es sich nicht um einen sol­chen han­de­le, der auch bei jedem gut­wil­li­gen Ver­trags­part­ner ein­mal auf­tre­ten kön­ne und nur zu einer kurz­fris­ti­gen Stö­rung des Ver­trags­ver­hält­nis­ses füh­re 5; auch Rück­stän­de unter­halb einer Monats­mie­te und einer Ver­zugs­dau­er unter­halb eines Monats wer­den gele­gent­lich als aus­rei­chend ange­se­hen 6.

Über­wie­gend wird jedoch eine erheb­li­che Pflicht­ver­let­zung erst bei einem Rück­stand von einer Monats­mie­te und einer Ver­zugs­dau­er von min­des­tens einem Monat ange­nom­men 7.

Der Auf­fas­sung, dass auch unter­halb der in § 543 Abs. 3 Nr. 2 BGB fest­ge­leg­ten Gren­zen eine ordent­li­che Kün­di­gung wegen Zah­lungs­ver­zugs mög­lich ist, gebührt der Vor­zug. Die frist­lo­se Kün­di­gung setzt vor­aus, dass dem Ver­mie­ter unter Abwä­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls die Fort­set­zung des Ver­trags nicht bis zum Ablauf einer Kün­di­gungs­frist zuge­mu­tet wer­den kann. Dem­ge­gen­über knüpft die ordent­li­che Kün­di­gung an eine nicht uner­heb­li­che Ver­trags­ver­let­zung des Mie­ters an, die dem Ver­mie­ter die Lösung vom Ver­trag nur unter Beach­tung gesetz­li­cher oder ver­ein­bar­ter Kün­di­gungs­fris­ten erlaubt. Ange­sichts die­ser unter­schied­li­chen Anfor­de­run­gen an die frist­lo­se und die ordent­li­che Kün­di­gung besteht kein Grund, die vom Gesetz­ge­ber für die frist­lo­se Kün­di­gung wegen Zah­lungs­ver­zugs fest­ge­leg­ten Gren­zen auf die ordent­li­che Kün­di­gung zu über­tra­gen.

Hier­von geht auch das Land­ge­richt Ber­lin im Ansatz­punkt zutref­fend aus. Aller­dings muss bei der Bewer­tung einer Pflicht­ver­let­zung als "nicht uner­heb­lich" die Dau­er und die Höhe des Zah­lungs­ver­zugs berück­sich­tigt wer­den. Nicht jeder gering­fü­gi­ge oder nur kurz­fris­ti­ge Zah­lungs­ver­zug recht­fer­tigt die Annah­me einer nicht uner­heb­li­chen Pflicht­ver­let­zung. In Anleh­nung an die über­wie­gend ver­tre­te­nen Auf­fas­sun­gen erscheint dem Bun­des­ge­richts­hof die Erheb­lich­keits­gren­ze nicht über­schrit­ten, wenn der Rück­stand eine Monats­mie­te nicht über­steigt und zudem die Ver­zugs­dau­er weni­ger als einen Monat beträgt. Hier befand sich der Beklag­te im Zeit­punkt der Kün­di­gung vom 12.11.2010 mit der Mie­te für Novem­ber neun Tage in Ver­zug, so dass die Gren­ze zur "nicht uner­heb­li­chen" Pflicht­ver­let­zung noch nicht über­schrit­ten war.

Kün­di­gung im Namen der Gesell­schaf­ter einer Eigen­tü­mer-GbR

Das Urteil des Beru­fungs­ge­richts erweist sich jedoch aus ande­ren Grün­den als rich­tig, denn das Miet­ver­hält­nis der Par­tei­en ist bereits durch die Kün­di­gung der Klä­ge­rin vom 05.10.2009 been­det wor­den.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on ist die Kün­di­gung vom 05.10.2009 nicht des­we­gen unwirk­sam, weil sie nicht im Namen der Ver­mie­te­rin erklärt wor­den wäre. Auf die – nach Ansicht der Revi­si­on zu ver­nei­nen­de – Fra­ge, ob die Gesell­schaf­ter einer Gesell­schaft bür­ger­li­chen Rechts ein von der Gesell­schaft ein­ge­gan­ge­nes Miet­ver­hält­nis per­sön­lich kün­di­gen kön­nen, kommt es nicht an, weil die anwalt­li­che Kün­di­gung vom 05.10.2009 im Namen der Gesell­schaft aus­ge­spro­chen wor­den ist. Denn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin hat dar­in auf eine von bei­den Gesell­schaf­tern erteil­te Voll­macht und das mit dem Beklag­ten bestehen­de Miet­ver­hält­nis Bezug genom­men. Hier­aus ergibt sich hin­rei­chend, dass die Kün­di­gung im Namen der Gesell­schaft als Ver­mie­te­rin erfolg­te.

Die Klä­ge­rin hat ein berech­tig­tes Inter­es­se an der Been­di­gung des Miet­ver­hält­nis­ses (§ 573 Abs. 1 BGB), weil der Beklag­te sei­ne Pflich­ten aus dem Miet­ver­trag schuld­haft nicht uner­heb­lich ver­letzt hat (§ 573 Abs. 2 Nr. 1 BGB), indem er in der Zeit von März 2008 bis April 2009 kei­ne Zah­lun­gen auf die in Höhe von 70 € monat­lich geschul­de­ten Heiz­kos­ten­vor­aus­zah­lun­gen leis­te­te.

Dass er die­se Pflicht­ver­let­zung man­gels Ver­schul­den nicht zu ver­tre­ten hät­te (§ 280 Abs. 1 Satz 2 BGB), lässt sich dem Vor­brin­gen des Beklag­ten ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on nicht ent­neh­men. Zu Recht hat das Beru­fungs­ge­richt dar­auf abge­stellt, dass eine unver­schul­de­te wirt­schaft­li­che Not­la­ge, die den Bekla­gen an der Zah­lung der Vor­schüs­se gehin­dert hät­te, schon des­halb nicht vor­lag, weil er im frag­li­chen Zeit­raum monat­lich 50 € für Heiz­kos­ten­vor­aus­zah­lun­gen vom Job­cen­ter erhielt. Dass er die­se Beträ­ge "ver­se­hent­lich" zur Til­gung ande­rer Ver­bind­lich­kei­ten ver­wen­de­te, ändert nichts dar­an, dass dem Bekla­gen zumin­dest Fahr­läs­sig­keit zur Last fiel. Selbst wenn nur monat­li­che Vor­aus­zah­lun­gen von 50 € berück­sich­tigt wür­den, wäre in dem Zeit­raum von März 2008 bis April 2009 ein erheb­li­cher, zwei Monats­mie­ten über­stei­gen­der und vom Beklag­ten auch zu ver­tre­ten­der Rück­stand auf­ge­lau­fen.

Soweit der Beklag­te gel­tend macht, er sei irrig davon aus­ge­gan­gen, dass er die Vor­aus­zah­lun­gen nicht leis­ten müs­se, könn­te ihn dies nur unter den Vor­aus­set­zun­gen eines unver­meid­ba­ren Rechts­irr­tums ent­las­ten 8. Für das Vor­lie­gen eines unver­meid­ba­ren Rechts­irr­tums bestehen nach dem Sach­vor­trag des Beklag­ten jedoch kei­ne Anhalts­punk­te. Der Umstand, dass der Beklag­te nach eige­nen Anga­ben davon aus­ging, dass die Zah­lun­gen in Höhe von monat­lich 50 € für ihn vom Job­cen­ter erbracht wor­den sei­en, und er Zah­lun­gen in die­ser Höhe ab Mai 2009 tat­säch­lich auch leis­te­te, spricht im Gegen­teil dafür, dass er sich dar­über im Kla­ren war, nach dem Anschluss sei­ner Woh­nung an die Fern­wär­me­ver­sor­gung Heiz­kos­ten­vor­aus­zah­lun­gen ent­rich­ten zu müs­sen. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on recht­fer­tigt der Umstand, dass dem Beklag­ten im Zah­lungs­pro­zess in der ers­ten Instanz Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt wor­den war, kei­ne ande­re Beur­tei­lung.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts und der Revi­si­on steht der Kün­di­gung vom 05.10.2009 auch nicht die "Sperr­wir­kung" des § 569 Abs. 3 Nr. 3 BGB ent­ge­gen. Die­se Vor­schrift bestimmt für die frist­lo­se Kün­di­gung nach § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 BGB, dass im Fal­le einer rechts­kräf­ti­gen Ver­ur­tei­lung des Mie­ters zur Zah­lung einer erhöh­ten Mie­te nach §§ 558 bis 560 BGB das Miet­ver­hält­nis wegen Zah­lungs­ver­zugs nicht vor Ablauf von zwei Mona­ten nach rechts­kräf­ti­ger Ver­ur­tei­lung gekün­digt wer­den kann, wenn nicht die Vor­aus­set­zun­gen der außer­or­dent­li­chen frist­lo­sen Kün­di­gung schon wegen der bis­her geschul­de­ten Mie­te erfüllt sind.

Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung die­ser Vor­schrift auf die ordent­li­che Kün­di­gung kommt nicht in Betracht. Es besteht schon kei­ne Rege­lungs­lü­cke, die eine sol­che ana­lo­ge Anwen­dung recht­fer­ti­gen könn­te.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof für den ähn­lich gela­ger­ten Fall der in § 569 Abs. 3 Nr. 2 BGB gere­gel­ten Schon­fris­t­zah­lung aus­ge­führt hat 9, spre­chen bereits die unter­schied­li­chen Kün­di­gungs­vor­aus­set­zun­gen für die außer­or­dent­li­che frist­lo­se Kün­di­gung in § 543 BGB und für die ordent­li­che Kün­di­gung in § 573 BGB dage­gen, dass der Gesetz­ge­ber die in § 569 Abs. 3 BGB ent­hal­te­nen Schutz­vor­schrif­ten nur ver­se­hent­lich auf die außer­or­dent­li­che Kün­di­gung beschränkt haben könn­te. Der Zweck der Schutz­vor­schrif­ten besteht dar­in, in bestimm­ten Kon­stel­la­tio­nen eine Obdach­lo­sig­keit des Mie­ters infol­ge einer frist­lo­sen Kün­di­gung zu ver­mei­den; eine sol­che Gefahr der Obdach­lo­sig­keit besteht ange­sichts der bei der ordent­li­chen Kün­di­gung ein­zu­hal­ten­den Kün­di­gungs­frist nicht oder jeden­falls nicht in glei­chem Maße 10. Im Übri­gen kann von einem gesetz­ge­be­ri­schen Ver­se­hen, die Schutz­vor­schrif­ten des § 569 Abs. 3 BGB ent­ge­gen der eigent­li­chen Inten­ti­on nicht auch auf die ordent­li­che Kün­di­gung bezo­gen zu haben, auch des­halb nicht (mehr) aus­ge­gan­gen wer­den, weil der Gesetz­ge­ber im Miet­rechts­re­form­ge­setz vom 19.06.2001 11 zwar die Schon­frist bei der frist­lo­sen Kün­di­gung auf zwei Mona­te ver­län­gert, gleich­wohl aber bei die­ser Gele­gen­heit für die ordent­li­che Kün­di­gung kei­ne ander­wei­ti­ge Rege­lung getrof­fen hat, obwohl die ober­ge­richt­li­che Recht­spre­chung schon in den 1990er Jah­ren eine ana­lo­ge Anwen­dung der Rege­lung über die Schon­fris­t­zah­lung auf die ordent­li­che Kün­di­gung ver­neint hat 12.

Auch bei der Rege­lung des § 569 Abs. 3 Nr. 3 BGB han­delt es sich um eine Rege­lung mit Aus­nah­me­cha­rak­ter. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kommt des­halb – man­gels Bestehen einer Rege­lungs­lü­cke – eine ana­lo­ge Anwen­dung weder für den preis­ge­bun­de­nen Wohn­raum 13 noch für den Fall in Betracht, dass der Ver­mie­ter wegen Miet­rück­stän­den, die aus erhöh­ten Betriebs­kos­ten­vor­aus­zah­lun­gen (§ 560 Abs. 4 BGB) resul­tie­ren, nach § 543 Abs. 3 Nr. 3 Buchst. b BGB kün­digt, ohne zuvor auf Zah­lung der Rück­stän­de zu kla­gen 14. Für die ordent­li­che Kün­di­gung gilt nichts ande­res; auch inso­weit ist für eine Aus­deh­nung des Anwen­dungs­be­reichs des § 569 Abs. 3 Nr. 3 BGB kein Raum.

Die vom Beklag­ten am 30.07.2010 nach­träg­lich geleis­te­te Zah­lung führt eben­falls nicht zur Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung.

Aller­dings hat der Bun­des­ge­richts­hof im Zusam­men­hang mit der Bedeu­tung der Schon­fris­t­zah­lung für eine ordent­li­che Kün­di­gung aus­ge­führt, die inner­halb der Frist des § 569 BGB erfolg­te nach­träg­li­che Zah­lung kön­ne die Pflicht­ver­let­zung des Mie­ters in einem mil­de­ren Licht erschei­nen las­sen und unter die­sem Gesichts­punkt von Bedeu­tung sein 15. Ob dies – wie es im dama­li­gen BGH-Urteil mög­li­cher­wei­se anklingt – im Rah­men der Wirk­sam­keit der Kün­di­gung oder – was aus sys­te­ma­ti­schen Grün­den näher lie­gen dürf­te – im Rah­men von § 242 BGB zu prü­fen ist, weil sich die Beru­fung auf eine wirk­sam aus­ge­spro­che­ne Kün­di­gung auf­grund nach­träg­lich ein­ge­tre­te­ner Umstän­de im Ein­zel­fall als rechts­miss­bräuch­lich dar­stel­len kann 16, bedarf hier kei­ner Ent­schei­dung. Denn die im Juli 2010 und somit fast neun Mona­te nach der Kün­di­gung erfolg­te Zah­lung lässt die schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung des Beklag­ten, der in der Zeit vom März 2008 bis April 2009 Rück­stän­de in Höhe von mehr als zwei Monats­mie­ten hat auf­lau­fen las­sen, auch nach­träg­lich nicht in einem mil­de­ren Licht erschei­nen. Die nach­träg­li­che Zah­lung steht daher dem Räu­mungs­be­geh­ren der Klä­ge­rin weder unter dem Gesichts­punkt der Wirk­sam­keit der Kün­di­gung noch mit Rück­sicht auf Treu und Glau­ben ent­ge­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Okto­ber 2012 – VIII ZR 107/​12

  1. AG Tem­pel­hof-Kreuz­berg, Urteil vom 17.12.2010 – 19 C 28/​10; LG Ber­lin, Urteil vom 01.03.2012 – 67 S 42/​11[]
  2. BGH, Beschluss vom 26.10.1994 – VIII ARZ 3/​94, BGHZ 127, 245, 249 f.[]
  3. BGH, Urteil vom 04.05.2011 – VIII ZR 191/​10, NJW 2011, 2201 Rn. 15; BGH, Beschluss vom 07.09.2011 – VIII ZR 345/​10, WuM 2011, 676 Rn. 3[]
  4. SchmidtFutterer/​Blank, Miet­recht, 10. Auf­la­ge, § 573 BGB Rn. 27; Münch­Komm-BGB/Häub­lein, 6. Aufl., § 573 Rn. 59[]
  5. Schmid, DWW 1982, 77, 84[]
  6. Gra­pen­tin in: Bub/​Treier, Hand­buch der Geschäfts- und Wohn­raum­mie­te, 3. Aufl., Rn. IV 64[]
  7. LG Wies­ba­den NZM 2003, 713: rück­stän­di­ge titu­lier­te Monats­mie­te; Staudinger/​Rolfs, BGB, Neubearb.2011, § 573 Rn. 47; Bamberger/​Roth/​Hannapel, BGB, 3. Aufl., § 573 Rn. 28; Schmid/​Gahn, Mie­te, 2006, § 573 Rn. 22; Erman/​Lützenkirchen, BGB, 13. Aufl., § 573 Rn. 24; vgl. auch Palandt/​Weidenkaff, BGB, 71. Aufl., § 573 Rn. 16: min­des­tens ein hal­ber Monat Ver­zugs­dau­er[]
  8. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.10.2006 – VIII ZR 102/​06, NZM 2007, 35 Rn. 25, 27 sowie vom 11.07.2012 – VIII ZR 138/​11, WuM 2012, 499 Rn.19[]
  9. BGH, Urteil vom 16.02.2005 – VIII ZR 6/​04, NZM 2005, 334 unter II 2 a, c[]
  10. BGH, Urteil vom 16.02.2005 – VIII ZR 6/​04, aaO unter II 2 d aa[]
  11. BGBl. I S. 1149[]
  12. vgl. BGH, Urteil vom 16.02.2005 – VIII ZR 6/​04, aaO unter II 2 b[]
  13. BGH, Urteil vom 09.05.2012 – VIII ZR 327/​11, NJW 2012, 2279 Rn. 16[]
  14. BGH, Urteil vom 18.07.2012 – VIII ZR 1/​11, WuM 2012, 497 Rn. 21[]
  15. vgl. BGH, Urteil vom 16.02.2005 – VIII ZR 6/​04, aaO unter II 2 d cc[]
  16. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 13.10.2010 – VIII ZR 78/​10, NJW 2010, 3775 Rn. 14, zur Anbiet­pflicht[]