Pro­fi-Sport­le­rin­nen und die Zulas­sung zu inter­na­tio­na­len Tur­nie­ren

Haben sich Pro­fi­sport­ler unfrei­wil­lig einer Schieds­ge­richts­ver­ein­ba­rung in ihrem Ver­trag unter­wor­fen, ist die­se unwirk­sam. Hat ein Ver­band ein Sport­ler­team ohne sach­lich gerecht­fer­tig­ten Grund anders behan­delt als die übri­gen Natio­nal­teams, kann ein Anspruch auf Scha­dens­er­satz bestehen.

Pro­fi-Sport­le­rin­nen und die Zulas­sung zu inter­na­tio­na­len Tur­nie­ren

Mit die­ser Begrün­dung hat das Land­ge­richt Frank­furt am Main in dem hier vor­lie­gen­den Fall der Kla­ge zwei­er pro­fes­sio­nel­ler Beach-Vol­ley­bal­le­rin­nen auf Scha­dens­er­satz gegen einen Spit­zen-Sport­ver­band in Höhe von 17.000 US-Dol­lar statt­ge­ge­ben. Seit Anfang des Jah­res 2019 waren die Klä­ge­rin­nen ein Team. Zuvor hat­ten sich seit dem Aus­schei­den einer Olym­pia­sie­ge­rin ver­schie­de­ne neue Mann­schaf­ten unter Pro­fi-Beach­vol­ley­bal­le­rin­nen gebil­det. Zu Beginn der Sai­son 2019 waren die Klä­ge­rin­nen das viert­bes­te deut­sche Frau­en­team der Welt­rang­lis­te.

Der Beklag­te ist der Spit­zen­ver­band für die Sport­art Vol­ley­ball in Deutsch­land. Seit April 2019 mel­de­te er die Klä­ge­rin­nen nicht mehr zu inter­na­tio­na­len Tur­nie­ren an. Er zog ihnen stets vier ande­re Spit­zen­teams vor, obwohl die Klä­ge­rin­nen nach der aktu­el­len Welt­rang­lis­te jeweils bes­ser als min­des­tens eines die­ser Teams waren. Die Preis­gel­der der Tur­nie­re sind die wich­tigs­te Ein­nah­me­quel­le der pro­fes­sio­nel­len Vol­ley­bal­le­rin­nen. Der beklag­te Ver­band berief sich dar­auf, der immer­wäh­ren­de Qua­li­fi­ka­ti­ons­druck um freie Tur­nier­plät­ze sei einer best­mög­li­chen Ent­fal­tung der neu­en Teams abträg­lich; die Qua­li­fi­ka­ti­on zur Olym­pia­de in Tokio und die dort ange­streb­ten sport­li­chen Erfol­ge könn­ten dar­un­ter lei­den. Des­we­gen sei­en die vier „gesetz­ten“ Teams stets vor­zu­zie­hen und fest zu berück­sich­ti­gen.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Land­ge­richt Frank­furt a.M. aus­ge­führt, es sei nach­ge­wie­sen, dass den Sport­le­rin­nen durch ihre nicht erfolg­te Teil­nah­me bei inter­na­tio­na­len Tur­nie­ren Preis­gel­der in Höhe von zumin­dest 17.000 US-Dol­lar ent­gan­gen sei­en.

Nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Frank­furt a.M. habe die Strei­tig­keit nicht vor­ran­gig vor einem Schieds­ge­richt aus­ge­tra­gen wer­den müs­sen. Zwar ent­hiel­ten die Ver­trä­ge der Klä­ge­rin­nen mit dem Beklag­ten jeweils eine Schieds­ver­ein­ba­rung. Die­se sei aber unwirk­sam, „weil die Klä­ge­rin­nen sich ihr nicht frei­wil­lig unter­wor­fen haben“, so die Rich­ter. Seit der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te (EGMR) im Fall Pech­stein [1] sei bei pro­fes­sio­nel­len Leis­tungs­sport­lern von einer unfrei­wil­li­gen Unter­wer­fung unter eine Schieds­ge­richts­bar­keit aus­zu­ge­hen, wenn die Pro­fi­sport­ler „vor der Wahl ste­hen, eine Schieds­klau­sel anzu­neh­men, um durch die Aus­übung ihres Sports ihren Lebens­un­ter­halt bestrei­ten zu kön­nen, oder sie nicht zu akzep­tie­ren und damit voll­stän­dig auf ihren Lebens­un­ter­halt durch Aus­übung des Sports zu ver­zich­ten.“ Es sei nicht belegt, dass die Klä­ge­rin­nen sei­ner­zeit tat­säch­lich die Wahl hat­ten, die Schieds­klau­seln abzu­schlie­ßen oder nicht. Des­we­gen sei von einer Unfrei­wil­lig­keit auch dann aus­zu­ge­hen, wenn die Vol­ley­bal­le­rin­nen die Klau­seln kri­tik­los unter­zeich­net hät­ten.

Dar­über hin­aus hat das Land­ge­richt Frank­furt a.M. aus­ge­führt, dass der beklag­te Ver­band den bei­den Vol­ley­bal­le­rin­nen Scha­dens­er­satz schul­de, „weil er sie ohne sach­lich gerecht­fer­tig­ten Grund anders behan­delt habe als die übri­gen Natio­nal­teams.“ Der Ver­band habe eine Mono­pol­stel­lung. Daher sei er ver­pflich­tet, „jeden für Wett­kämp­fe zu nor­mie­ren, der die Vor­aus­set­zun­gen für die Leis­tungs­ge­wäh­rung erfüllt.“ Es sei nicht gerecht­fer­tigt, „dass der Beklag­te die Neu­bil­dun­gen sei­ner Spit­zen­teams zum Anlass genom­men habe, das Prin­zip der Bes­ten­aus­le­se zu sus­pen­die­ren und die von ihm bestimm­ten Natio­nal­teams unab­hän­gig von den von ihnen gezeig­ten Leis­tun­gen zu inter­na­tio­na­len Tur­nie­ren zu mel­den.“ Die Erwar­tung, die pro­te­gier­ten Teams wür­den aus trai­nings­wis­sen­schaft­li­chen oder psy­cho­lo­gi­schen Grün­den bes­ser abschnei­den, wenn ihre Tur­nier­plät­ze gesi­chert sei­en, sei nicht durch trag­fä­hi­ge Grün­de belegt.

Land­ge­richt Frank­furt am Main, Urteil vom 7. Okto­ber 2020 – 2–06 O 457/​19

Profi-Sportlerinnen und die Zulassung zu internationalen Turnieren
  1. EGMR, Urteil vom 02.10.2018 – 40575/​10[]