Recht­li­ches Gehör und der abge­lehn­te Antrag auf Ter­mins­ver­le­gung

Nach § 155 FGO i.V.m. § 227 ZPO kann der Vor­sit­zen­de bzw. das Finanz­ge­richt aus erheb­li­chen Grün­den einen Ter­min auf­he­ben oder ver­le­gen bzw. eine münd­li­che Ver­hand­lung ver­ta­gen. Die erheb­li­chen Grün­de für eine Auf­he­bung oder Ver­le­gung sind auf Ver­lan­gen glaub­haft zu machen (§ 227 Abs. 2 ZPO). Wenn erheb­li­che Grün­de im Sin­ne des § 227 ZPO vor­lie­gen, ver­dich­tet sich das in die­ser Vor­schrift ein­ge­räum­te Ermes­sen zu einer Rechts­pflicht, d.h. der Ter­min muss in die­sen Fäl­len zur Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs ver­legt wer­den, selbst wenn das Gericht die Sache für ent­schei­dungs­reif hält und die Erle­di­gung des Rechts­streits ver­zö­gert wird.

Recht­li­ches Gehör und der abge­lehn­te Antrag auf Ter­mins­ver­le­gung

Der durch Art. 103 Abs. 1 GG ver­fas­sungs­recht­lich gesi­cher­te Anspruch des Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten auf recht­li­ches Gehör ver­pflich­tet das FG, einen Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung auf Antrag des Betei­lig­ten auf­zu­he­ben oder zu ver­le­gen, wenn dafür nach den Umstän­den des Falls, ins­be­son­de­re nach dem Pro­zess­stoff oder den per­sön­li­chen Ver­hält­nis­sen des Betei­lig­ten bzw. sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten erheb­li­che Grün­de vor­lie­gen. Bei der Prü­fung der Grün­de muss das FG zuguns­ten des Betei­lig­ten berück­sich­ti­gen, dass es ein­zi­ge Tat­sa­chen­in­stanz ist und der Betei­lig­te ein Recht dar­auf hat, sei­ne Sache in der münd­li­chen Ver­hand­lung selbst zu ver­tre­ten 1.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall hat der Klä­ger sei­nen Antrag auf Ter­mins­ver­le­gung mit bereits vor Erhalt der Ladung zur münd­li­chen Ver­hand­lung für die­sen Tag ver­ein­bar­ten geschäft­li­chen Ter­mi­nen in S begrün­det. Er hat die­ses Vor­brin­gen durch Vor­la­ge einer E‑Mail einer –wie er ange­ge­ben hat– … Gesell­schaft, für die er tätig ist, aus­rei­chend glaub­haft gemacht. Dort ist ein Rei­se­plan beschrie­ben, dem zufol­ge der Klä­ger am 18. Febru­ar 2012 über W nach S rei­sen und dort vom 21. bis zum 24. Febru­ar 2012 geschäft­li­che Ter­mi­ne mit Man­dan­ten die­ser Gesell­schaft wahr­zu­neh­men hat­te. Das Finanz­ge­richt hat weder Anhalts­punk­te benannt noch sind sol­che ersicht­lich, die Zwei­fel an der Rich­tig­keit die­ses Vor­brin­gens auf­kom­men las­sen. Der blo­ße Umstand, dass die vor­ge­leg­te E‑Mail kei­ne bestimm­te Per­son als Aus­stel­ler aus­weist, lässt es auch –anders als das FG meint– man­gels wei­te­rer ent­spre­chen­der Anhalts­punk­te nicht zwei­fel­haft erschei­nen, dass die­se E‑Mail von der … Gesell­schaft stammt und die dort ver­ein­bar­ten geschäft­li­chen Ter­mi­ne zutref­fend beschreibt.

Die durch beruf­li­che Ver­pflich­tun­gen beding­te Orts­ab­we­sen­heit eines Betei­lig­ten ist zwar nur dann ein erheb­li­cher Grund für eine Ter­mins­än­de­rung, wenn die Ver­schie­bung des ander­wei­ti­gen Ter­mins zuguns­ten des gericht­li­chen Ter­mins unzu­mut­bar erscheint. Hier­von geht der Bun­des­fi­nanz­hof aber im Streit­fall aus:

Wie aus­ge­führt, hat der Klä­ger aus­rei­chend glaub­haft gemacht, dass er bereits vor der Bekannt­ga­be des Ter­mins zur münd­li­chen Ver­hand­lung geschäft­li­che Ver­ab­re­dun­gen für die­sen Tag getrof­fen und zu die­sem Zweck eine Flug­rei­se ins Aus­land gebucht hat­te. Selbst wenn man es –wie das FG meint– für nicht hin­rei­chend dar­ge­legt ansä­he, dass gera­de für den 22. Febru­ar 2012 die per­sön­li­che Anwe­sen­heit des Klä­gers bei dem geschäft­li­chen Tref­fen in S erfor­der­lich war, hät­te der Klä­ger, um den gericht­li­chen Ter­min am 22. Febru­ar 2012 wahr­neh­men zu kön­nen, ent­we­der die gesam­te bereits gebuch­te Rei­se stor­nie­ren oder sei­nen Auf­ent­halt in S unter­bre­chen und kurz­fris­tig eine Fahrt von S nach Köln und wie­der zurück orga­ni­sie­ren müs­sen. Dies erscheint dem Senat ins­be­son­de­re aus Kos­ten­grün­den und im Hin­blick auf die (gemäß § 91 Abs. 1 FGO zwar aus­rei­chen­de, jedoch) rela­tiv kur­ze Zeit­span­ne zwi­schen der Zustel­lung der Ladung und dem anbe­raum­ten Ter­min nicht zumut­bar.

Das Finanz­ge­richt hat auch kei­ne Anhalts­punk­te für einen Ver­dacht auf eine Pro­zess­ver­schlep­pungs­ab­sicht des Klä­gers benannt, der z.B. bestehen kann, falls ein Betei­lig­ter wie­der­holt Anträ­ge auf Ter­mins­än­de­rung stellt und es an der inso­weit gebo­te­nen Mit­wir­kung an einer zügi­gen Durch­füh­rung des Kla­ge­ver­fah­rens feh­len lässt. Da zu dem anbe­raum­ten Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung nur der Klä­ger und der Ver­tre­ter der Beklag­ten und Beschwer­de­geg­ne­rin gela­den waren, wäre die begehr­te Ver­le­gung des Ter­mins zudem ohne erheb­li­chen Auf­wand mög­lich gewe­sen. Auch dies hät­te bei der Fra­ge, ob dem Klä­ger eine voll­stän­di­ge Absa­gung oder Unter­bre­chung sei­nes Auf­ent­halts in S zumut­bar war, den Aus­schlag zu sei­nen Guns­ten geben müs­sen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 19. Okto­ber 2012 – VII B 79/​12

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, BFH, Beschluss vom 09.01.1992 – VII B 81/​91, BFH/​NV 1993, 29; Urteil in BFH/​NV 1993, 102, jeweils m.w.N.[]