Rechts­miss­brauch durch getrenn­te Gel­tend­ma­chung gleich­ge­rich­te­ter Unter­las­sungs­an­sprü­che

Der Ein­wand, die Antrag­stel­le­rin habe durch die Gel­tend­ma­chung gleich­ge­rich­te­ter, auf iden­ti­sche Ver­öf­fent­li­chun­gen gestütz­ter Unter­las­sungs­an­sprü­che in getrenn­ten Ver­fah­ren unge­recht­fer­tigt Mehr­kos­ten ver­ur­sacht, ist im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen.

Rechts­miss­brauch durch getrenn­te Gel­tend­ma­chung gleich­ge­rich­te­ter Unter­las­sungs­an­sprü­che

Es kann dabei für den Bun­des­ge­richts­hof offen­blei­ben, ob die Erstat­tungs­fä­hig­keit der durch die getrenn­te Gel­tend­ma­chung der Unter­las­sungs­an­sprü­che ent­stan­de­nen erhöh­ten Rechts­an­walts­ge­büh­ren mit der Begrün­dung ver­neint wer­den kann, dass die­se Kos­ten nicht zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung not­wen­dig im Sin­ne des § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO gewe­sen sei­en [1].

Denn der Ein­wand ist im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren jeden­falls unter dem Gesichts­punkt des Rechts­miss­brauchs zu berück­sich­ti­gen.

Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unter­liegt jede Rechts­aus­übung – auch im Zivil­ver­fah­ren – dem aus dem Grund­satz von Treu und Glau­ben abge­lei­te­ten Miss­brauchs­ver­bot [2]. Als Aus­fluss die­ses auch das gesam­te Kos­ten­recht beherr­schen­den Grund­sat­zes ist die Ver­pflich­tung jeder Pro­zess­par­tei aner­kannt, die Kos­ten ihrer Pro­zess­füh­rung, die sie im Fal­le ihres Sie­ges vom Geg­ner erstat­tet ver­lan­gen will, so nied­rig zu hal­ten, wie sich dies mit der Wah­rung ihrer berech­tig­ten Belan­ge ver­ein­ba­ren lässt. Ein Ver­stoß gegen die­se Ver­pflich­tung kann dazu füh­ren, dass das Fest­set­zungs­ver­lan­gen als rechts­miss­bräuch­lich zu qua­li­fi­zie­ren ist und die unter Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben zur Fest­set­zung ange­mel­de­ten Mehr­kos­ten vom Rechts­pfle­ger im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren abzu­set­zen sind [3]; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 70. Aufl., § 91 Rn. 140; von Eicken/​Mathias, Die Kos­ten­fest­set­zung, 20. Aufl., Rn. B 362; vgl. auch BGH, Urteil vom 01.03.2011 – VI ZR 127/​10, AfP 2011, 184)).

So kann es als rechts­miss­bräuch­lich anzu­se­hen sein, wenn der Antrag­stel­ler die Fest­set­zung von Mehr­kos­ten bean­tragt, die dadurch ent­stan­den sind, dass er einen ein­heit­li­chen Lebens­sach­ver­halt will­kür­lich in meh­re­re Pro­zess­man­da­te auf­ge­spal­ten hat [4]. Dies kann bei­spiels­wei­se dann anzu­neh­men sein, wenn er einen oder meh­re­re gleich­ar­ti­ge oder in einem inne­ren Zusam­men­hang ste­hen­de und aus einem ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang erwach­se­ne Ansprü­che gegen eine oder meh­re­re Per­so­nen ohne sach­li­chen Grund in getrenn­ten Pro­zes­sen ver­folgt hat [5]. Glei­ches gilt für Erstat­tungs­ver­lan­gen in Bezug auf Mehr­kos­ten, die dar­auf beru­hen, dass meh­re­re von dem­sel­ben Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­te­ne Antrag­stel­ler in engem zeit­li­chem Zusam­men­hang mit weit­ge­hend gleich­lau­ten­den Antrags­be­grün­dun­gen aus einem weit­ge­hend iden­ti­schen Lebens­sach­ver­halt ohne sach­li­chen Grund in getrenn­ten Pro­zes­sen gegen den- oder die­sel­ben Antrags­geg­ner vor­ge­gan­gen sind [6].

Nach die­sen Grund­sät­zen ist im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall das Fest­set­zungs­ver­lan­gen des Antrag­stel­lers, soweit es auf die Erstat­tung der durch die getrenn­te Rechts­ver­fol­gung ent­stan­de­nen Mehr­kos­ten gerich­tet ist, als rechts­miss­bräuch­lich anzu­se­hen. Die vom Antrag­stel­ler in den getrenn­ten Ver­fah­ren erho­be­nen Unter­las­sungs­an­sprü­che erge­ben sich aus dem­sel­ben Lebens­sach­ver­halt – der Ver­öf­fent­li­chung des bebil­der­ten Arti­kels in der Zeit­schrift „die aktu­el­le“ vom 07.08.2010 – und sind sowohl gleich­ar­tig als auch gleich­ge­rich­tet. Ihre Gel­tend­ma­chung dien­te in bei­den Fäl­len dem Zweck, eine Ver­let­zung des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts des Antrag­stel­lers durch einen rechts­wid­ri­gen Ein­griff in sei­ne Pri­vat­sphä­re für die Zukunft zu unter­bin­den. Auf die­sen Gesichts­punkt hat­te der Antrag­stel­ler sei­ne Ansprü­che in sei­nen am sel­ben Tag unter dem­sel­ben Akten­zei­chen ver­fass­ten und im Wesent­li­chen gleich­lau­ten­den Abmahn­schrei­ben aus­drück­lich gestützt. Auch sei­ne am sel­ben Tag ver­fass­ten Anträ­ge auf Erlass einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung hat­te er über­ein­stim­mend damit begrün­det, dass die Bericht­erstat­tung sein Per­sön­lich­keits­recht ver­let­ze, weil sie sein Pri­vat­le­ben in rechts­wid­ri­ger Wei­se öffent­lich mache. Die Ansprü­che ste­hen dar­über hin­aus in einem inne­ren Zusam­men­hang. Dies ergibt sich dar­aus, dass die Wort- und Bild­be­richt­erstat­tung Bestand­teil eines Arti­kels war, die bean­stan­de­ten Licht­bil­der der Illus­tra­ti­on der Wort­be­richt­erstat­tung dien­ten und ihr Infor­ma­ti­ons­ge­halt unter Berück­sich­ti­gung der zuge­hö­ri­gen Text­be­richt­erstat­tung zu ermit­teln war [7].

Sach­li­che Grün­de für eine getrenn­te Gel­tend­ma­chung der gleich­ar­ti­gen Unter­las­sungs­an­sprü­che sind weder ersicht­lich noch dar­ge­tan. Die Akten­be­ar­bei­tung und Abwick­lung eines Ver­fah­rens, in dem ein Antrag­stel­ler gleich­ge­rich­te­te Ansprü­che aus einem ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang gegen die­sel­be Antrags­geg­ne­rin ver­folgt, begrün­det kei­ne erhöh­ten Anfor­de­run­gen, die eine getrenn­te Rechts­ver­fol­gung als sach­ge­mäß erschei­nen las­sen könn­ten [8]. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Antrag­stel­lers war eine getrenn­te Gel­tend­ma­chung der Unter­las­sungs­an­sprü­che auch nicht wegen der Eil­be­dürf­tig­keit erfor­der­lich. Der Antrag­stel­ler hat­te der Antrags­geg­ne­rin mit Abmahn­schrei­ben sei­ner Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten vom 13.08.2010 jeweils eine Frist zur Abga­be einer Unter­las­sungs­er­klä­rung bis 20.08.2010 set­zen las­sen. Es ist nicht nach­voll­zieh­bar, wes­halb der Antrags­geg­ne­rin bei einer ein­heit­li­chen Abmah­nung eine ver­län­ger­te Prü­fungs­frist hät­te ein­ge­räumt wer­den müs­sen.

Der Antrag­stel­ler muss sich des­halb kos­ten­recht­lich so behan­deln las­sen, als habe er ein ein­zi­ges Ver­fah­ren gegen die Antrags­geg­ne­rin geführt [9]. Er kann die Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung nicht in vol­ler Höhe erstat­tet ver­lan­gen, son­dern nur antei­lig im Ver­hält­nis der Gegen­stands­wer­te der Ein­zel­ver­fah­ren zum – gemäß § 22 Abs. 1 RVG ermit­tel­ten – (fik­ti­ven) Gesamt­ge­gen­stands­wert eines ein­heit­li­chen Ver­fah­rens [10].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Novem­ber 2012 – VI ZB 4/​12

  1. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 11.09.2012 – VI ZB 59/​11, mwN – inso­weit in MDR 2012, 1314 nicht abge­druckt[]
  2. BGH, Beschluss vom 11.09.2012 – VI ZB 59/​11, MDR 2012, 1314, Rn. 9; BGH, Beschlüs­se vom 10.05.2007 – V ZB 83/​06, BGHZ 172, 218 Rn. 13 f.; vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, NJW 2007, 2257 Rn. 12 f.; Urteil vom 19.12.2001 – VIII ZR 282/​00, BGHZ 149, 311, 323; BVerfG, NJW 2002, 2456, jeweils mwN[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 11.09.2012 – VI ZB 59/​11, aaO; BGH, Beschlüs­se vom 31.08.2010 – X ZB 3/​09, NJW 2011, 529 Rn. 10; vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, aaO Rn. 12 ff.; vom 18.10.2012 – V ZB 58/​12, z.V.b.; KG, KGRe­port 2002, 172, 173; 2000, 414, 415; OLG Stutt­gart, OLG­Re­port 2001, 427, 428; OLG Mün­chen, OLG­Re­port 2001, 105; Münch­Komm-ZPO/­Gie­bel, ZPO, 3. Aufl., Rn. 41, 48, 110; Musielak/​Lackmann, ZPO, 9. Aufl., § 91 Rn. 9; Jaspersen/​Wache in Vorwerk/​Wolf, Beck OK ZPO, § 91 Rn. 152 ((Stand: April 2012[]
  4. vgl. Münch­Komm-ZPO/­Gie­bel, aaO, Rn. 48[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 11.09.2012 – VI ZB 59/​11, aaO; BGH, Beschlüs­se vom 18.10.2012 – V ZB 58/​12, z.V.b.; vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, NJW 2007, 2257 Rn. 13; OLG Düs­sel­dorf, Jur­Bü­ro 1982, 602; 2002, 486; 2011, 648, 649; OLG Koblenz, VersR 1992, 339; KG, KGRe­port 2002, 172, 173; 2000, 414, 415; OLG Mün­chen, OLG­Re­port 2001, 105 f.; OLG Stutt­gart, OLG­Re­port 2001, 427, 428[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 11.09.2012 – VI ZB 59/​11, aaO, Rn. 10; BGH, Beschluss vom 18.10.2012 – V ZB 58/​12; OLG Frank­furt am Main, Jur­Bü­ro 1974, 1599; OLG Stutt­gart, OLG­Re­port 2001, 427, 428; OLG Mün­chen, OLG­Re­port 2001, 105 f.; KG, KGRe­port 2000, 414, 415; 2002, 172, 173; Münch­Komm-ZPO/­Gie­bel, aaO Rn. 48, 110; Musielak/​Lackmann, aaO; Jaspersen/​Wache in Vorwerk/​Wolf, aaO Rn. 119.8 (Stand: April 2012).[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.02.2010 – VI ZR 243/​08, VersR 2010, 673 Rn. 35; vom 12.07.2011 – VI ZR 214/​10, AfP 2011, 362 Rn. 21 ff.; vom 22.11.2011 – VI ZR 26/​11, VersR 2012, 192 Rn. 26[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 17.11.2005 – I ZR 300/​02, NJW-RR 2006, 474 Rn. 21[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 11.09.2012 – VI ZB 59/​11, inso­weit in MDR 2012, 1314 nicht abge­druckt; BGH, Beschluss vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, inso­weit nicht in NJW 2007, 2257 abge­druckt; jeweils mwN[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 02.10.2012 – VI ZB 68/​11, z.V.b.; KG, KGRe­port 2002, 172, 174[]