Scha­dens­er­satz wegen feh­ler­haf­ter Wert­gut­ach­ten eines Kfz-Sach­ver­stän­di­gen

Schieds­gut­ach­ten im enge­ren Sin­ne, auf die die §§ 317 ff BGB ent­spre­chen­de Anwen­dung fin­den, die­nen vor allem dazu, den von den Par­tei­en zwar objek­tiv bestimm­ten, aber nur mit einer gewis­sen Sach­kun­de fest­stell­ba­ren Ver­trags­in­halt zu ermit­teln. Es han­delt sich um pri­vat­recht­lich ver­ein­bar­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten außer­halb eines gericht­li­chen Ver­fah­rens, die der Klä­rung oder Fest­stel­lung von Tat­sa­chen die­nen, so bei­spiels­wei­se auch der Fest­stel­lung des Wer­tes eines Autos. Dabei erken­nen die Par­tei­en die durch das Gut­ach­ten zu tref­fen­de Bestim­mung bis an die Gren­ze der offen­ba­ren Unrich­tig­keit als ver­bind­lich an 1.

Scha­dens­er­satz wegen feh­ler­haf­ter Wert­gut­ach­ten eines Kfz-Sach­ver­stän­di­gen

Grund­sätz­lich kann auch einer der Ver­trags­part­ner der Schieds­gut­ach­ten­ab­re­de allein den Schieds­gut­ach­ter­ver­trag mit dem Sach­ver­stän­di­gen abschlie­ßen. Dabei muss jedoch ein­deu­tig offen­ge­legt wer­den, dass es sich um für bei­de Sei­ten zu erstat­ten­de Schieds­gut­ach­ten han­delt, also der Gut­ach­ter als neu­tra­ler Drit­ter und nicht nur als Pri­vat­gut­ach­ter sei­nes Auf­trag­ge­bers tätig wird 2.

Ein Schieds­gut­ach­ter ver­fehlt sei­nen Auf­trag (nur) dann, wenn er ein offen­bar unrich­ti­ges und damit ent­spre­chend § 319 BGB unver­bind­li­ches Gut­ach­ten erstellt. Offen­ba­re Unrich­tig­keit ist anzu­neh­men, wenn sich einem sach­kun­di­gen und unbe­fan­ge­nen Beob­ach­ter, wenn auch erst nach ein­ge­hen­der Prü­fung, offen­sicht­li­che Feh­ler der Leis­tungs­be­stim­mung auf­drän­gen, die das Gesamt­ergeb­nis ver­fäl­schen. Sie ver­langt mehr als blo­ße Unrich­tig­keit, so dass ein Gut­ach­ten offen­bar unrich­tig erst dann ist, wenn es den Grund­satz von Treu und Glau­ben in gro­ber Wei­se ver­letzt und sich sei­ne Unrich­tig­keit dem Blick eines sach­kun­di­gen und unbe­fan­ge­nen Beur­tei­lers sofort auf­drän­gen muss 3.

Im vor­lie­gend vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall waren die die von den Beklag­ten, einer Kfz-Sach­ver­stän­di­gen-Orga­ni­sa­ti­on, erstell­ten Fahr­zeug­be­wer­tun­gen in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 319 Abs. 1 BGB offen­bar unrich­tig, weil die ermit­tel­ten Prei­se in erheb­li­chem Aus­maß von den tat­säch­li­chen Markt­prei­sen abge­wi­chen sind, was für einen sach­ver­stän­di­gen Beob­ach­ter zumin­dest nach ein­ge­hen­der Prü­fung offen­kun­dig war.

Ist ein Schieds­gut­ach­ten offen­bar unrich­tig, so kön­nen sich hier­aus (werk-)vertragliche Scha­dens­er­satz­an­sprü­che erge­ben 4, ohne dass sich der Gut­ach­ter wie ein Rich­ter oder Schieds­rich­ter auf die Ver­güns­ti­gung des § 839 Abs. 2 BGB beru­fen kann 5. Wird, wie hier, der Schieds­gut­ach­ter­ver­trag nur von einer Par­tei der Schieds­gut­ach­ten­ab­re­de abge­schlos­sen, so ändert dies nichts dar­an, dass – ent­spre­chend sei­ner Funk­ti­on und dem "Wesen" sei­ner Auf­ga­ben­stel­lung – der Schieds­gut­ach­ter allen Par­tei­en der Schieds­gut­ach­ten­ab­re­de gegen­über glei­cher­ma­ßen zur ord­nungs­ge­mä­ßen Erstel­lung sei­nes Gut­ach­tens ver­pflich­tet ist 6. Fol­ge­rich­tig kön­nen – was das Beru­fungs­ge­richt ver­kannt hat – bei einer Schlecht­leis­tung des Schieds­gut­ach­ters auch den nicht am Schieds­gut­ach­ter­ver­trag betei­lig­ten Part­nern der Schieds­gut­ach­ten­ab­re­de unmit­tel­ba­re ver­trag­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che zuste­hen. (Wobei dies vor­lie­gend recht­lich unbe­denk­lich auch für die B. Ver­trags­händ­ler gel­ten könn­te, die – wie die Klä­ge­rin – zum Zeit­punkt des Abschlus­ses des EDV-Ver­bund-Ver­trags noch kei­ne Ver­ein­ba­run­gen über Lea­sing­ge­schäf­te abge­schlos­sen hat­ten 7). Auf eine, bei Anwen­dung der Grund­sät­ze des Ver­trags mit Schutz­wir­kung zuguns­ten Drit­ter zu prü­fen­de, beson­de­re Schutz­be­dürf­tig­keit der geschä­dig­ten "Haupt­ver­trags­par­tei" kommt es dabei nicht an.

Aller­dings ist ein offen­bar unrich­ti­ges Gut­ach­ten im Ver­hält­nis der B. L zu den betrof­fe­nen Ver­trags­händ­lern unver­bind­lich; die Bestim­mung der Leis­tung – hier: die Ermitt­lung eines markt­ge­rech­ten Händ­ler­ein­kaufs­prei­ses – erfolgt in die­sem Fall ent­spre­chend § 319 Abs. 1 Satz 2 BGB durch Urteil. Dabei kann die von der Unrich­tig­keit betrof­fe­ne Par­tei unmit­tel­bar auf (Rück-)Zah­lung des ihr noch zuste­hen­den oder des über­zahl­ten Betrags kla­gen 8.

Der Umstand, dass die Klä­ge­rin gege­be­nen­falls von der B. L oder der A. Rück­erstat­tung der gezahl­ten Kauf­prei­se für die – zu dem hier feh­ler­haft, weil zu hoch, erw­mit­tel­ten Händ­ler­ein­kaufs­prei­sen – auf­ge­kauf­ten Lea­sing­fahr­zeu­ge ver­lan­gen kann, soweit die­se die bei Zugrun­de­le­gung markt­ge­rech­ter Händ­ler­ein­kaufs­prei­se geschul­de­ten Beträ­ge über­stei­gen, und durch eine Rea­li­sie­rung die­ser Ansprü­che der ver­ur­sach­te Ver­mö­gens­ver­lust mög­li­cher­wei­se aus­ge­gli­chen wer­den könn­te, hin­dert indes nicht den Ein­tritt eines ersatz­fä­hi­gen Scha­dens. Viel­mehr steht es der Klä­ge­rin, die neben dem Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen die Beklag­ten noch einen ande­ren, zum Aus­gleich des Scha­dens füh­ren­den Anspruch gegen einen Drit­ten haben könn­te, grund­sätz­lich frei, den Schuld­ner, gegen den sie vor­ge­hen möch­te, aus­zu­wäh­len 9. Ersatz- oder Rück­for­de­rungs­an­sprü­che, die den von einer Pflicht­ver­let­zung Betrof­fe­nen infol­ge der Pflicht­ver­let­zung gegen­über Drit­ten ent­ste­hen, schlie­ßen die Annah­me eines Scha­dens im Ver­hält­nis zwi­schen ihnen und den für die Pflicht­ver­let­zung Ver­ant­wort­li­chen nicht aus. Der Schä­di­ger kann den Geschä­dig­ten nicht dar­auf ver­wei­sen, er habe gegen einen Drit­ten einen Anspruch, der zum Aus­gleich sei­ner Ver­mö­gens­be­ein­träch­ti­gun­gen füh­ren kön­ne. Dies folgt aus der Rege­lung des § 255 BGB 10. Dem­entspre­chend ist – der vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on durch­aus ver­gleich­bar – der durch Feh­ler eines Tier­arz­tes bei der Ankaufs­un­ter­su­chung eines Pfer­des geschä­dig­te Käu­fer nicht ver­pflich­tet, zur Besei­ti­gung oder Min­de­rung sei­nes Scha­dens zunächst sei­ne Ansprü­che gegen den Ver­käu­fer gel­tend zu machen 11.

Dabei liegt auch kein Fall der Vor­teils­aus­glei­chung vor. Zwar ist zutref­fend, dass die Klä­ge­rin wegen eines etwai­gen Ver­mö­gens­scha­dens nicht dop­pel­ten Aus­gleich, sowohl von den Beklag­ten als auch von ihrem eigent­li­chen Ver­trags­part­ner, der B. L, im Wege eines ver­trag­li­chen Anpas­sungs­an­spruchs ver­lan­gen kann. Es han­delt sich hier aber nicht um die Fra­ge der Anrech­nung einer etwa schon von der B. L oder der A. erhal­te­nen Leis­tung auf die Ansprü­che gegen die Beklag­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Janu­ar 2013 – III ZR 11/​12

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.04.1965 – VII ZR 15/​65, BGHZ 43, 374, 376 f; vom 18.05.1983 – VIII ZR 83/​82, NJW 1983, 1854, 1855; vgl. auch Urteil vom 25.09.2008 – IX ZR 133/​07, NJW 2008, 3641 Rn. 9; Grü­ne­berg in: Palandt, BGB, 72. Aufl., § 317 Rn. 6; Erman/​Hager, BGB, 13. Aufl., § 317 Rn. 8 ff; Münch­Komm-BGB/Wür­din­ger, 6. Aufl., § 317 Rn. 31 f; Staudinger/​Rieble, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2009, § 317 Rn. 13[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.06.1994 – II ZR 100/​92, NJW-RR 1994, 1314 und vom 14.02.2005 – II ZR 365/​02, NZG 2005, 394, 395[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 14.12.1967 – III ZR 22/​66, WM 1968, 307, 308; BGH, Urtei­le vom 27.06.2001 – VIII ZR 235/​00, NJW 2001, 3775, 3776 f sowie vom 21.01.2004 – VIII ZR 74/​03, NJW-RR 2004, 760, 761; in: Münch­Komm-BGB/Wür­din­ger, aaO, § 319 Rn. 15[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 22.04.1965 aaO[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 13.12.1956 – VII ZR 22/​56, BGHZ 22, 343, 345[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 06.06.1994 aaO; RGZ 87, 190, 194[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 28.06.1979 – VII ZR 248/​78, BGHZ 75, 75, 78 f.[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 07.04.2000 – V ZR 36/​99, NJW 2000, 2986, 2987[]
  9. vgl. BGH, Urteil vom 17.02.1982 – IVa ZR 284/​80, NJW 1982, 1806[]
  10. vgl. BGH, Urtei­le vom 19.07.2001 – IX ZR 62/​00, NZI 2001, 544, 546 und vom 15.04.2010 – IX ZR 223/​07, NJW 2010, 1961, Rn. 28 mwN[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 22.12.2011 – VII ZR 136/​11, NJW 2012, 1070 f[]