Selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren – und die abge­lehn­te Anord­nung einer Urkun­den­vor­le­gung

Die Ableh­nung einer im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren begehr­ten Anord­nung der Urkun­den­vor­le­gung gemäß § 142 Abs. 1 ZPO ist nicht mit der sofor­ti­gen Beschwer­de anfecht­bar.

Selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren – und die abge­lehn­te Anord­nung einer Urkun­den­vor­le­gung

Gegen die Ableh­nung der Anord­nung der Urkun­den­vor­le­gung gemäß § 142 ZPO ist im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren kein Rechts­mit­tel gege­ben. Weder ist im Gesetz aus­drück­lich bestimmt, dass gegen die im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ergan­ge­ne Ent­schei­dung, eine Urkun­den­vor­le­gung gemäß § 142 ZPO nicht anzu­ord­nen, die sofor­ti­ge Beschwer­de statt­haft ist (§ 567 Abs. 1 Nr. 1 ZPO) noch han­delt es sich in die­sen Fäl­len um eine von § 567 Abs. 1 Nr. 2 ZPO erfass­te Ent­schei­dung.

Die sofor­ti­ge Beschwer­de fin­det statt gegen die im ers­ten Rechts­zug ergan­ge­nen Ent­schei­dun­gen der Amts­ge­rich­te und Land­ge­rich­te, wenn es sich um sol­che eine münd­li­che Ver­hand­lung nicht erfor­dern­de Ent­schei­dun­gen han­delt, durch die ein das Ver­fah­ren betref­fen­des Gesuch zurück­ge­wie­sen wor­den ist (§ 567 Abs. 1 Nr. 2 ZPO).

Dabei ent­spricht es ein­hel­li­ger Mei­nung, dass unter dem Tat­be­stands­merk­mal "Gesuch" nur ein förm­li­cher Antrag zu ver­ste­hen ist und eine Anre­gung der Par­tei dem­ge­gen­über nicht genügt. Die Par­tei­en sol­len nicht die gesam­te Amts­tä­tig­keit des Gerichts einer Beschwer­de zugäng­lich machen kön­nen. Des­halb ist dem Antrag­stel­ler die Beschwer­de ver­sagt, wenn die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung ohne die Not­wen­dig­keit eines Antrags von Amts wegen erge­hen kann 1.

So liegt es hier im Hin­blick auf die von der Antrag­stel­le­rin begehr­te Vor­le­gungs­an­ord­nung. Gemäß § 142 Abs. 1 Satz 1 ZPO kann das Gericht anord­nen, dass eine Par­tei oder ein Drit­ter die in ihrem oder sei­nem Besitz befind­li­chen Urkun­den und sons­ti­gen Unter­la­gen, auf die sich eine Par­tei bezo­gen hat, vor­legt. Die Anord­nung ergeht nach dem ein­deu­ti­gen Wort­laut der Vor­schrift von Amts wegen und steht im Ermes­sen des Gerichts 2. Unab­hän­gig von der Fra­ge, ob § 142 ZPO im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren (über­haupt) Anwen­dung fin­det, ist die Beschwer­de gegen einen Beschluss, durch den das Gericht – wie hier – eine sol­che Anord­nung ablehnt, schon des­halb nicht statt­haft, weil die Ent­schei­dung einen Antrag nicht erfor­dert 3. Ent­ge­gen der Ansicht der Rechts­be­schwer­de kommt es daher nicht dar­auf an, aus wel­chen Grün­den das Gericht die begehr­te Anord­nung nicht erlässt.

Die­ses Ergeb­nis ist auch sach­ge­recht. Es besteht – eben­so wie bei der Ent­schei­dung über die Ein­ho­lung eines wei­te­ren Gut­ach­tens 4 – kein Grund, den Par­tei­en im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ein Beschwer­de­recht gegen die Ableh­nung einer Anord­nung nach § 142 Abs. 1 ZPO ein­zu­räu­men.

Die Beweis­mög­lich­kei­ten im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren gehen grund­sätz­lich nicht wei­ter als im Haupt­sa­che­ver­fah­ren (§ 492 ZPO). Im Erkennt­nis­ver­fah­ren ist gegen die Ableh­nung einer Anord­nung gemäß § 142 Abs. 1 ZPO eine Beschwer­de nicht statt­haft. Das Unter­las­sen einer Anord­nung nach § 142 Abs. 1 ZPO, das einen revi­si­blen Ver­fah­rens­feh­ler dar­stel­len kann, ist viel­mehr im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren über­prüf­bar 5. Wür­de den Par­tei­en im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ein Beschwer­de­recht ein­ge­räumt, erhiel­ten sie daher ein Rechts­mit­tel, das ihnen bei einer Beweis­erhe­bung in der Haupt­sa­che nicht zur Ver­fü­gung stün­de 6. Hält die Antrag­stel­le­rin die Anord­nung der Urkun­den­vor­le­gung für not­wen­dig oder gebo­ten, bleibt es ihr unbe­nom­men, die Grün­de dafür im Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor­zu­tra­gen und dort die Anord­nung der Urkun­den­vor­le­gung zu bean­tra­gen. Glei­ches gilt im Übri­gen für den nach dem oben Aus­ge­führ­ten gegen eine Anord­nung der Urkun­den­vor­le­gung ohne­hin gemäß § 567 Abs. 1 Nr. 2 ZPO nicht beschwer­de­be­rech­tig­ten Antrags­geg­ner, dem es unbe­nom­men bleibt, der nicht erzwing­ba­ren Anord­nung nicht Fol­ge zu leis­ten und im Haupt­sa­che­ver­fah­ren deren Unzu­läs­sig­keit gel­tend zu machen.

Hin­zu tritt, dass die Ableh­nung einer Anord­nung nach § 142 Abs. 1 ZPO einer Über­prü­fung im Beschwer­de­ver­fah­ren ent­zo­gen ist.

Die Tätig­keit des mit dem selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren beauf­trag­ten Gerichts beschränkt sich auf die Ent­ge­gen­nah­me und for­mel­le Prü­fung des Antrags (§§ 487, 490 ZPO), die Ladung des Geg­ners (§ 491 ZPO) und die Durch­füh­rung der Beweis­auf­nah­me nach Maß­ga­be des § 492 ZPO 7. Dem Gericht ist es grund­sätz­lich ver­wehrt, bereits im Rah­men des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens eine Schlüs­sig­keits- oder Erheb­lich­keits­prü­fung vor­zu­neh­men 8. Auch eine Beweis­wür­di­gung fin­det nicht statt 9.

Dem­ge­gen­über befreit die Vor­schrift des § 142 Abs. 1 ZPO die Par­tei, die sich auf eine Urkun­de bezieht, nicht von ihrer Dar­le­gungs- und Sub­stan­ti­ie­rungs­last. Das Gericht darf die Urkun­den­vor­le­gung gemäß § 142 Abs. 1 ZPO nicht zum blo­ßen Zweck der Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung, son­dern nur bei Vor­lie­gen eines schlüs­si­gen, auf kon­kre­te Tat­sa­chen bezo­ge­nen Vor­trags der Par­tei anord­nen 10. Nur aus die­sem Grund liegt in der Anwen­dung des § 142 Abs. 1 ZPO kei­ne pro­zess­ord­nungs­wid­ri­ge Aus­for­schung des Pro­zess­geg­ners. Ist dem Gericht im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren eine Schlüs­sig­keits- und Erheb­lich­keits­prü­fung aber ver­wehrt, kann es – wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend erkannt hat und auch die Rechts­be­schwer­de ein­räumt – die im Rah­men des § 142 Abs. 1 ZPO erfor­der­li­che Ermes­sens­aus­übung nicht vor­neh­men, mit­hin die­se im Beschwer­de­ver­fah­ren auch nicht über­prüft wer­den 11.

Die von der Rechts­be­schwer­de für ihre ander­wei­ti­ge Ansicht in Bezug genom­me­ne Recht­spre­chung und Lite­ra­tur ver­hält sich zu der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 26.06.2007 (aaO) ent­we­der nicht oder stammt aus der Zeit vor ihrem Bekannt­wer­den 12.

Vor die­sem Hin­ter­grund kann die Rege­lung des § 492 Abs. 1 ZPO nicht dahin aus­ge­legt wer­den, dass sie über die dort nach dem Wort­laut in Bezug genom­me­nen Vor­schrif­ten über den Beweis durch Sach­ver­stän­di­ge (§§ 402 ff. ZPO iVm §§ 373 ff. ZPO) und die all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten der Beweis­auf­nah­me (§§ 355 ff. ZPO) hin­aus auch eine Ver­wei­sung auf § 142 ZPO ent­hält 13. Auch in Arzt­haf­tungs­sa­chen gilt ent­ge­gen der Ansicht der Rechts­be­schwer­de nichts ande­res.

Soweit ver­tre­ten wird, die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Behand­lungs­un­ter­la­gen sei offen­kun­dig gege­ben, wird über­se­hen, dass die von dem Sach­ver­stän­di­gen erfor­der­ten Doku­men­te nicht Teil der ihm bereits vor­lie­gen­den Kran­ken­un­ter­la­gen der Antrag­stel­le­rin sind. Es han­delt sich viel­mehr um Unter­la­gen, die der Sach­ver­stän­di­ge zur Beur­tei­lung des von der Antrag­stel­le­rin behaup­te­ten Hygie­never­sto­ßes benö­tigt. Ob die­se von der Antrags­geg­ne­rin gemäß § 142 Abs. 1 ZPO vor­zu­le­gen sind, erfor­dert eine Wer­tung, die das Gericht im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren gera­de nicht vor­neh­men kann 14.

Auch stellt sich das selb­stän­di­ge Beweis­si­che­rungs­ver­fah­ren nicht als voll­stän­dig sinn­los oder gar ent­wer­tet dar, wenn § 142 Abs. 1 ZPO in sei­nem Rah­men kei­ne Anwen­dung fin­det. Es ist in der Regel ohne­hin nicht mög­lich, den Arzt­haft­pflicht­pro­zess mit den im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren mög­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen zu ent­schei­den 15. Gleich­wohl kann die Durch­füh­rung eines Beweis­si­che­rungs­ver­fah­rens der Antrag­stel­le­rin ermög­li­chen, das Risi­ko für ein Erkennt­nis­ver­fah­ren abzu­schät­zen. Eine auch im Erkennt­nis­ver­fah­ren nicht zuläs­si­ge Aus­for­schung ist in sei­nem Rah­men indes nicht gerecht­fer­tigt.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Novem­ber 2016 – VI ZB 23/​16

  1. BGH, Beschlüs­se vom 22.06.2016 – XII ZB 142/​15, Fam­RZ 2016, 1679 Rn. 15; vom 25.02.2015 – XII ZB 242/​14, Fam­RZ 2015, 743 Rn. 16; vom 06.11.2013 – I ZB 48/​13, GRUR 2014, 705 Rn. 8; vom 13.11.2008 – IX ZB 231/​07, NJW-RR 2009, 210 Rn. 12; Ball in Musielak/​Voit, ZPO, 13. Aufl., § 567 Rn. 14; Lipp in Münch­Komm-ZPO, 5. Aufl., § 567 Rn. 11 f.; Zöller/​Heßler, ZPO, 31. Aufl., § 567 Rn. 35; Jacobs in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 567 Rn. 8 f.; Jänich in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 567 Rn. 9 ff.[]
  2. BGH, Urteil vom 26.06.2007 – XI ZR 277/​05, BGHZ 173, 23 Rn.20[]
  3. OLG Mün­chen, MDR 1984, 592; OLG Karls­ru­he, OLGR 2005, 484, 485; OLG Frank­furt, OLGR 2005, 594, 595; OLG Braun­schweig, Beschluss vom 05.11.2008 – 1 W 64/​08 11 f.; Prütting/​Gehrlein/​Ulrich, ZPO, 8. Aufl., § 491 Rn. 2; aA OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 30.01.2014 – 5 W 84/​13 7[]
  4. dazu BGH, Beschluss vom 09.02.2010 – VI ZB 59/​09, VersR 2010, 1241 Rn. 5 ff.[]
  5. BGH, Urteil vom 26.06.2007 – XI ZR 277/​05, BGHZ 173, 23 Rn. 21 f.[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 09.02.2010 – VI ZB 59/​09, VersR 2010, 1241 Rn. 7 zu der Ableh­nung der Ein­ho­lung eines wei­te­ren Gut­ach­tens gemäß § 412 ZPO[]
  7. BGH, Beschluss vom 09.02.2010, aaO, Rn. 8[]
  8. BGH, Beschluss vom 20.10.2009 – VI ZB 53/​08, VersR 2010, 133 Rn. 6; BGH, Beschluss vom 16.09.2004 – III ZB 33/​04, MDR 2005, 162[]
  9. BGH, Beschluss vom 09.02.2010 – VI ZB 59/​09, VersR 2010, 1241 Rn. 8[]
  10. BGH, Urtei­le vom 26.06.2007 – XI ZR 277/​05, BGHZ 173, 23 Rn.20; vom 27.05.2014 – XI ZR 264/​13, WM 2014, 1379 Rn. 29[]
  11. Kam­mer­ge­richt, NJW 2014, 85 Rn. 27; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 12.08.2013 – 6 W 56/​13 30; Wil­ler, NJW 2014, 22, 24 f.; aA wohl Prütting/​Gehrlein/​Ulrich, ZPO, 8. Auf­la­ge, § 491 Rn. 2; Ulrich, IBR 2014, 586[]
  12. vgl. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 30.01.2014 – 5 W 84/​13 12; Baum­bach/Lau­ter­bach/-Alber­s/Hart­mann, ZPO, 75. Aufl., § 142 Rn. 3; Martis/​Winkhart, Arzt­haf­tungs­recht, 4. Auf­la­ge, Rn. B 523; Schlos­ser in FS Son­nen­ber­ger, 2004, S. 135, 150, 154; Ber­ger in Stein/​Jonas, ZPO, 23. Aufl., § 492 Rn. 11; Ste­gers, MedR 2003, 405[]
  13. vgl. auch OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 12.08.2013 – 6 W 56/​13, 28; BT-Drs. 11/​3621 S. 23[]
  14. vgl. BGH, Beschluss vom 16.08.2016 – VI ZR 634/​15, VersR 2016, 1380 Rn. 14 zur sekun­dä­ren Dar­le­gungs­last bei einem Hygie­never­stoß[]
  15. BGH, Beschluss vom 24.09.2013 – VI ZB 12/​13, BGHZ 198, 237 Rn. 21[]