Selbst­mord auf dem Bahn­gleis – Schmer­zens­geld für den Lok­füh­rer

Beim Sprung vor einen ein­fah­ren­den Zug ist es für den Täter in der Regel vor­her­seh­bar, dass er beim Zug­füh­rer einen psy­chi­schen Scha­den ver­ur­sacht.

Selbst­mord auf dem Bahn­gleis – Schmer­zens­geld für den Lok­füh­rer

In einem jetzt vom Amts­ge­richt Mün­chen ent­schie­de­nen Fall beging die 23-jäh­ri­ge beklag­te Münch­ne­rin am 14.2.2012 einen Sui­zid­ver­such. Sie warf sich gegen 23.11 Uhr im Bereich des Hal­te­punk­tes Bahn­hof Karls­feld vor die S‑Bahn. Dadurch kam es zu einem Unfall, den die Münch­ne­rin über­leb­te. Die Klä­ge­rin aus Mün­chen war zum Unfall­zeit­punkt die Trieb­wa­gen­füh­re­rin. Sie erlitt auf­grund die­ses Erleb­nis­ses einen erheb­li­chen psy­chi­schen Schock und lei­det seit­dem an einer post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung. In der Zeit vom 14.2.2012 bis 16.3.2012 war sie arbeits­un­fä­hig krank.

Die Zug­füh­re­rin ver­langt nun von der Beklag­ten Schmer­zens­geld. Die Beklag­te, die unter Betreu­ung steht, zahl­te nicht. Sie trägt vor, dass sie zum Zeit­punkt des Unfalls nicht in der Lage war, frei eine Wil­lens­ent­schei­dung zu tref­fen, da sie an einer krank­haf­ten Stö­rung der Geis­tes­tä­tig­keit gelit­ten habe. Dar­auf­hin erhob die S‑Bahn-Zug­füh­re­rin Kla­ge vor dem Amts­ge­richt Mün­chen und erhielt Recht. Das Amts­ge­richt ver­ur­teil­te die Beklag­te zur zah­lung von 1.500 € Schmer­zens­geld an die Lok­füh­re­rin:

Das Amts­ge­richt bejah­te, dass die Beklag­te durch ihren Sui­zid­ver­such bei der Lok­füh­re­rin eine Kör­per­ver­let­zung ver­ur­sacht hat. Die psy­chi­sche Fehl­ver­ar­bei­tung des Unfalls durch die Zug­füh­re­rin sei eine ganz typi­sche Reak­ti­on auf Unfäl­le die­ser Art und durch das Ereig­nis aus­ge­löst. Für die Beklag­te sei vor­her­seh­bar und erkenn­bar gewe­sen, dass sie bei dem Sprung vor den ein­fah­ren­den Zug bei dem Zug­füh­rer einen psy­chi­schen Scha­den ver­ur­sacht.

Die Beklag­te hat gegen­über dem Amts­ge­richt auch die von ihr behaup­te­te Erkran­kung nicht nach­ge­wie­sen. Sie leg­te dem Gericht ein Schrei­ben des behan­deln­den Arz­tes vor, wonach sie am 18.11.2011 in einer Kli­ni­kam­bu­lanz war und sta­tio­när vom 26.1.2012 bis 2.2.2012 wegen selbst­ver­let­zen­der Ver­hal­tens­wei­sen (Rit­zen) und einer Tablet­ten­in­to­xi­ka­ti­on in einer Kli­nik behan­delt wur­de. Außer­dem leg­te sie ein ärzt­li­ches Attest vom 14.1.13 vor, wonach sie an einer emo­tio­nal insta­bi­len Per­sön­lich­keits­stö­rung vom Bor­der­li­ne­typ lei­det. Obwohl sie vom Gericht dar­auf hin­ge­wie­sen wur­de, leg­te sie aber kei­ne Nach­wei­se dafür vor, dass sie zum Unfall­zeit­punkt am 14.2.12 so sehr erkrankt war, dass sie kei­nen frei­en Ent­schluss fas­sen konn­te. Daher muss­te das Amts­ge­richt davon aus­ge­hen, dass sie bei ihrem Sui­zid­ver­such schuld­haft gehan­delt hat.

Amts­ge­richt Mün­chen, Urteil vom 27. Juni 2014 – 122 C 4607/​14