Sofor­ti­ge Beschwer­de – und die erfor­der­li­che Unter­schrift

Eine von einem Rechts­an­walt ein­ge­reich­te sofor­ti­ge Beschwer­de muss mit vol­lem Namen unter­schrie­ben sein. Eine wis­sent­lich und wil­lent­lich abge­kürz­te Unter­schrift (nicht Aus­schlei­fung der Unter­schrift) ist nicht aus­rei­chend, auch wenn der Rechts­an­walt erklärt, immer so zu "unter­schrei­ben".

Sofor­ti­ge Beschwer­de – und die erfor­der­li­che Unter­schrift

Ansons­ten ist die sofor­ti­ge Beschwer­de gem. § 78 Satz 1 ArbGG iVm. § 572 Abs. 2 Satz 2 ZPO als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen, da sie nicht ord­nungs­ge­mäß unter­schrie­ben ist.

Eine Beschwer­de­schrift ist als bestim­men­der Schrift­satz vom Beschwer­de­füh­rer bzw. sei­nem bevoll­mäch­tig­ten Ver­tre­ter zwin­gend gemäß § 130 Nr. 6 ZPO eigen­hän­dig zu unter­schrei­ben 1. Weil gem. § 569 Abs. 3 Nr. 1 ZPO iVm. § 11a Abs. 4 Satz 1 ArbGG aber auch anwalt­lich nicht ver­tre­te­ne Par­tei­en beim Lan­des­ar­beits­ge­richt sofor­ti­ge Beschwer­de ein­le­gen kön­nen und die Ein­le­gung auch durch Erklä­rung zu Pro­to­koll der Geschäfts­stel­le zuläs­sig ist, wird von die­ser Form­stren­ge zum Teil abge­wi­chen, wenn die sofor­ti­ge Beschwer­de durch die Par­tei selbst ein­ge­legt wird und sich aus den Gesamt­um­stän­den ergibt, dass es sich um einen Schrift­satz han­delt, wel­cher der Par­tei tat­säch­lich zuzu­rech­nen ist 2. Dies gilt jedoch nicht (unab­hän­gig vom Bestehen eines Anwalts­zwangs), wenn die Beschwer­de­schrift nicht von der Par­tei selbst, son­dern von einem Rechts­an­walt stammt 3.

Eine den Anfor­de­run­gen des §§ 130 Nr. 6 ZPO genü­gen­de Unter­schrift setzt einen die Iden­ti­tät des Unter­zeich­nen­den aus­rei­chend kenn­zeich­nen­den Schrift­zug vor­aus, der indi­vi­du­el­le und ent­spre­chend cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­ma­le auf­weist, die die Nach­ah­mung erschwe­ren, der sich als Wie­der­ga­be eines Namens dar­stellt und der die Absicht einer vol­len Unter­schrift erken­nen lässt, selbst wenn er nur flüch­tig nie­der­ge­legt und von einem star­ken Abschlei­fen gekenn­zeich­net ist. Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kann selbst ein ver­ein­fach­ter und nicht les­ba­ren Namens­zug – anders als eine dem äuße­ren Erschei­nungs­bild nach bewuss­te und gewoll­te Namens­ab­kür­zung – als Unter­schrift anzu­er­ken­nen sein 4. Es muss sich aber vom äuße­ren Erschei­nungs­bild her um einen Schrift­zug han­deln, der erken­nen lässt, dass der Unter­zeich­ner sei­nen vol­len Namen und nicht nur eine Abkür­zung hat nie­der­schrei­ben wol­len 5. Die Unter­schrift muss also sicht­bar wer­den las­sen, dass es sich um eine end­gül­ti­ge Klä­rung und nicht nur um die Abzeich­nung eines Ent­wurfs mit einer so genann­ten Para­phe han­delt 6. Ein Schrift­zug, der als bewuss­te und gewoll­te Namens­ab­kür­zung erscheint (Hand­zei­chen, Para­phe), stellt dem­ge­gen­über kei­ne form­gül­ti­ge Unter­schrift dar 7.

Die eigen­hän­di­ge Unter­schrift soll die Iden­ti­fi­zie­rung des Urhe­bers der schrift­li­chen Pro­zess­hand­lung ermög­li­chen und des­sen unbe­ding­ten Wil­len zum Aus­druck brin­gen, die vol­le Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes zu über­neh­men und die­sen bei Gericht ein­zu­rei­chen. Das Feh­len einer Unter­schrift kann aus­nahms­wei­se unschäd­lich sein, wenn – ohne Beweis­auf­nah­me – auf­grund ande­rer Umstän­de zwei­fels­frei fest­steht, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes über­nom­men hat 8.

Legt man die­se Maß­stä­be zugrun­de, konn­te in dem hier vom Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall – jeden­falls nach Ansicht des Lan­des­ar­beits­ge­richts – von einer ord­nungs­ge­mä­ßen Unter­schrifts­leis­tung unter der Beschwer­de­schrift nicht die Rede sein:

Dem hand­schrift­li­chen Zei­chen unter der Beschwer­de­schrift kann selbst bei groß­zü­gigs­ter Aus­le­gung nicht ent­nom­men wer­den, dass es sich um die voll­stän­di­ge Wie­der­ga­be des Namens "Schli." han­deln soll. Dies wird vom Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers sogar selbst bestä­tigt. Er räum­te ein, immer mit dem "Abkür­zel" "Schli" zu unter­schrei­ben. Es mag dabei dahin­ste­hen, ob das hand­schrift­li­che Zei­chen unter der Beschwer­de­schrift über­haupt die Abkür­zung "Schli" ent­hält, zumal die­ses Hand­zei­chen noch ver­kürz­ter erscheint als das Hand­zei­chen, wel­ches sich unter dem Schrift­satz vom 18.12 2017 befin­det, wel­ches nach Vor­trag des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers eben­falls "Schli" hei­ßen soll. Denn der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers räum­te selbst ein, dass es sich bei dem hand­schrift­li­chen Zei­chen um ein "Abkür­zel" han­de­le und nicht um eine blo­ße Aus­schlei­fung des vol­len Namens­zu­ges. Die bewuss­te und gewoll­te Unter­zeich­nung mit einem Kür­zel erfüllt aber nicht die Vor­aus­set­zun­gen einer Unter­schrifts­leis­tung mit vol­lem Namens­zug. Bei bewuss­ter Nut­zung einer Abkür­zung des Namens­zu­ges ver­mag der objek­ti­ve Emp­fän­ger (Gericht und Pro­zess­geg­ner) nicht zu unter­schei­den, ob der Schrift­satz eine end­gül­ti­ge Erklä­rung ent­hält, die mit Wis­sen und Wol­len dem Gericht zuge­lei­tet wur­de, oder nur einen Ent­wurf.

An die­ser Wer­tung ändert auch der nach­fol­gen­de Schrift­satz nichts, in wel­chem der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers ver­si­cher­te, die Beschwer­de­schrift per­sön­lich und selbst unter­schrie­ben zu haben, wenn­gleich – wie grund­sätz­lich – zur Mei­dung einer Seh­nen­schei­den­ent­zün­dung mit einem "Abkür­zel". Selbst wenn man der anwalt­li­chen Ver­si­che­rung der per­sön­li­chen Anbrin­gung der abge­kürz­ten Unter­schrift Glau­ben schen­ken woll­te, bleibt für einen objek­ti­ven Emp­fän­ger wei­ter­hin unklar, ob die Beschwer­de­schrift als end­gül­ti­ge Erklä­rung dem Lan­des­ar­beits­ge­richt hat zuge­lei­tet wer­den sol­len. Da auch der nach­fol­gen­de Schrift­satz nur mit einem Kür­zel unter­schrie­ben ist, ist die­ser Schrift­satz auch nicht geeig­net, ander­wei­tig auf eine Zwei­fels­frei­heit des Wil­lens zur Beschwer­de­ein­le­gung rück­schlie­ßen zu las­sen.

Der Form­man­gel war hier auch nicht durch rüge­lo­se Ein­las­sung nach § 295 ZPO geheilt. Die Beklag­te hat schrift­sätz­lich die unzu­rei­chen­de Unter­schrifts­leis­tung unter der Beschwer­de­schrift bean­stan­det und die Unzu­läs­sig­keit der sofor­ti­gen Beschwer­de gel­tend gemacht.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Beschluss vom 2. Febru­ar 2018 – 4 Ta 13/​17

  1. GMP/­Mül­ler-Glö­ge ArbGG 8. Aufl. § 78 Rn. 21; Baum­bach ua. ZPO 76. Aufl. § 569 Rn. 10; Prütting/​Gehrlein ZPO 8. Aufl. § 569 Rn. 6[]
  2. LAG Hamm 10.05.2017 – 14 Ta 85/​17; Zöller/​Heßler ZPO 31. Aufl. § 569 Rn. 7[]
  3. Zöller/​Heßler ZPO 31. Aufl. § 569 Rn. Rn. 7; Baum­bach ua. ZPO 76. Aufl. § 569 Rn. 10[]
  4. BGH 29.11.2016 – VI ZB 16/​16; BAG 25.02.2015 – 5 AZR 849/​13[]
  5. BAG 13.02.2008 – 2 AZR 864/​06; BAG 27.03.1996 – 5 AZR 576/​94; BGH 10.07.1997 – IX ZR 24/​97[]
  6. BAG 27.03.1996 – 5 AZR 576/​94[]
  7. BGH 10.07.1997 – IX ZR 24/​97[]
  8. BAG 25.02.2015 – 5 AZR 849/​13[]