Sprach­pro­ble­me bei der Ver­fah­rens­voll­macht

Eine in deut­scher Spra­che abge­fass­te Voll­macht des Betrof­fe­nen für sei­ne Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten ist vor­be­halt­lich einer erfolg­rei­chen Anfech­tung durch den Betrof­fe­nen auch dann wirk­sam, wenn sie nicht in die Mut­ter­spra­che des Betrof­fe­nen über­setzt wor­den ist.

Sprach­pro­ble­me bei der Ver­fah­rens­voll­macht

Es muss nicht ent­schie­den wer­den, ob die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten bei Ein­le­gung der Beschwer­de eine wirk­sa­me Voll­macht hat­ten. Denn die voll­macht­lo­se Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels kann nach § 11 Satz 5 FamFG i.V.m. § 89 Abs. 2 ZPO mit Rück­wir­kung geneh­migt wer­den, solan­ge das Rechts­mit­tel noch nicht man­gels Voll­macht als unzu­läs­sig ver­wor­fen wor­den ist 1. Jeden­falls eine sol­che Geneh­mi­gung liegt in der Unter­zeich­nung des Voll­machts­for­mu­lars durch den Betrof­fe­nen.

Die­se Geneh­mi­gung ist wirk­sam.

Unzu­tref­fend ist schon die Erwä­gung, dem Betrof­fe­nen habe Wis­sen und Wil­len zur Unter­zeich­nung einer Voll­macht gefehlt, weil das For­mu­lar nicht über­setzt wor­den sei. Auf die feh­len­de Über­set­zung könn­te der Betrof­fe­ne selbst eine Anfech­tung wegen Irr­tums nicht stüt­zen. Wer eine Wil­lens­er­klä­rung im Bewusst­sein abgibt, dass er den wirk­li­chen Sach­ver­halt nicht kennt, kann sei­ne Erklä­rung nicht wegen Irr­tums anfech­ten, wenn sich sei­ne bei Abga­be der Erklä­rung geheg­ten Mut­ma­ßun­gen als unrich­tig her­aus­stel­len. Sei­ne Unkennt­nis wäre nicht, wie nach § 119 Abs. 1 BGB erfor­der­lich, unbe­wusst, son­dern bewusst 2. Gera­de weil er die Urkun­de im Bewusst­sein unter­zeich­net, ihren Inhalt nicht zu ken­nen oder man­gels Über­set­zung nicht ver­stan­den zu haben, fehl­te dem Betrof­fe­nen auch nicht das Erklä­rungs­be­wusst­sein. Etwas ande­res kommt nur in Betracht, wenn sich der Betrof­fe­ne eine bestimm­te, wenn auch unzu­tref­fen­de ande­re Vor­stel­lung von ihrem Inhalt gemacht hät­te 3. Dafür ist hier nichts ersicht­lich.

Das etwai­ge Feh­len des Erklä­rungs­be­wusst­seins führ­te im Übri­gen nicht dazu, dass es an einer wirk­sa­men Geneh­mi­gung fehlt. Eine ohne Erklä­rungs­be­wusst­sein abge­ge­be­ne Erklä­rung ist nicht unwirk­sam, son­dern ana­log § 119 BGB anfecht­bar, wenn sie sich für den Emp­fän­ger als Aus­druck eines bestimm­ten Rechts­fol­ge­wil­lens dar­stellt 4. Sie blie­be dann wirk­sam, bis sie ange­foch­ten wird. So liegt es hier. Die Unter­zeich­nung des Voll­machts­for­mu­lars durch den Betrof­fe­nen stellt sich für sei­ne Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten als Ertei­lung einer Ver­fah­rens­voll­macht dar.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Okto­ber 2013 – V ZB 9/​13

  1. GemS-OGB, Beschluss vom 17.04.1984 – GmS-OGB 2/​83, BGHZ 91, 111, 115; BGH, Beschlüs­se vom 19.07.1984 – X ZB 20/​83, BGHZ 92, 137, 140; vom 10.01.1995 – X ZB 11/​92, BGHZ 128, 280, 283; und vom 26.01.2006 – III ZB 63/​05, BGHZ 166, 117, 124 Rn. 17; sowie BGH, Beschluss vom 16.05.2013 – V ZB 24/​12, WM 2013, 1223, 1225 Rn. 16[]
  2. BGH, Urteil vom 15.06.1951 – I ZR 121/​50, NJW 1951, 705; BAG, NJW 1971, 639, 640[]
  3. BGH, Urteil vom 27.10.1994 – IX ZR 168/​93, NJW 1995, 190, 191[]
  4. BGH, Urtei­le vom 11.07.1968 – II ZR 157/​65, NJW 1968, 2102, 2103; vom 07.06.1984 – IX ZR 66/​83, BGHZ 91, 324, 329 f.; und vom 02.11.1989 – IX ZR 197/​88, BGHZ 109, 171, 177 sowie BGH, Beschluss vom 19.09.2002 – V ZB 37/​02, BGHZ 152, 63, 70[]