Streit­ver­kün­dung im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren

Ver­kün­det der Antrag­stel­ler in einem selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren, das er gegen einen ver­meint­li­chen Schä­di­ger führt, einem mög­li­cher­wei­se statt­des­sen haf­ten­den Schä­di­ger den Streit, so umfasst die Bin­dungs­wir­kung des § 68 ZPO grund­sätz­lich jedes Beweis­ergeb­nis, das im Ver­hält­nis zum Antrags­geg­ner von recht­li­cher Rele­vanz ist 1.

Streit­ver­kün­dung im selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren

Der Streit­ver­kün­de­te muss Fest­stel­lun­gen aus dem selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren ent­spre­chend § 74 Abs. 3 i.V.m. § 68 ZPO gegen sich gel­ten las­sen. Sol­che Wir­kun­gen tre­ten ohne einen Bei­tritt des Streit­ver­kün­de­ten aller­dings nur ein, wenn die Streit­ver­kün­dung nach § 72 Abs. 1 ZPO zuläs­sig war 2.

Eine Streit­ver­kün­dung ist auch in einem selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren zuläs­sig. In die­sem Fall ist § 68 ZPO ent­spre­chend in der Wei­se anzu­wen­den, dass dem Streit­ver­kün­de­ten das Ergeb­nis der Beweis­auf­nah­me ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den kann 3. Dadurch wird wie in einem Rechts­streit der Zweck einer Streit­ver­kün­dung erreicht, indem die­se einer­seits das recht­li­che Gehör des Streit­ver­kün­de­ten gewähr­leis­tet, aber auch eben­so wie die §§ 485 ff. ZPO zur Ver­mei­dung wider­sprüch­li­cher Pro­zess­ergeb­nis­se und der Ver­rin­ge­rung der Zahl der Pro­zes­se bei­trägt. Außer­dem kann die Betei­li­gung des Drit­ten die Auf­klä­rung des Sach­ver­halts wesent­lich för­dern 4.

Über den Wort­laut von § 72 Abs. 1 ZPO hin­aus ist eine Streit­ver­kün­dung auch dann zuläs­sig, wenn der ver­meint­li­che Anspruch gegen den Drit­ten, des­sent­we­gen die Streit­ver­kün­dung erfolgt, mit dem im Erst­pro­zess vom Streit­ver­kün­der gel­tend gemach­ten Anspruch in einem Ver­hält­nis der wech­sel­sei­ti­gen Aus­schlie­ßung (Alter­na­tiv­ver­hält­nis) steht 5. Soweit nur eine gesamt­schuld­ne­ri­sche Haf­tung in Betracht kommt, ist eine Streit­ver­kün­dung dage­gen unzu­läs­sig 6.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann das Alter­na­tiv­ver­hält­nis auch aus tat­säch­li­chen Grün­den bestehen 7. Es muss sich nicht um eine recht­li­che Alter­na­ti­vi­tät han­deln.

Außer­dem braucht das Vor­lie­gen des Alter­na­tiv­ver­hält­nis­ses nicht von vorn­her­ein fest­zu­ste­hen. Nach § 72 Abs. 1 ZPO ist eine Streit­ver­kün­dung viel­mehr dann zuläs­sig, wenn die Par­tei im Zeit­punkt der Streit­ver­kün­dung aus in die­sem Augen­blick nahe­lie­gen­den Grün­den für den Fall des ihr ungüns­ti­gen Aus­gangs des Rechts­streits einen Anspruch gegen einen Drit­ten erhe­ben zu kön­nen glaubt. Die­se Vor­aus­set­zung ist erfüllt, wenn der Sach­ver­halt eine alter­na­ti­ve Schuld­ner­schaft nahe­legt. Eine Streit­ver­kün­dung ist nur hin­sicht­lich sol­cher Ansprü­che unzu­läs­sig, die nach Lage der Din­ge von vorn­her­ein sowohl gegen­über dem Beklag­ten des Vor­pro­zes­ses als auch gegen­über dem Drit­ten gel­tend gemacht wer­den kön­nen. Denn in einem der­ar­tig gela­ger­ten Fall kommt es auch im Zeit­punkt der Streit­ver­kün­dung nicht mehr auf einen für den Streit­ver­kün­der ungüns­ti­gen Aus­gang des Rechts­streits an 8.

Die hier­ge­gen vor­ge­brach­ten Beden­ken grei­fen nicht durch. Die not­wen­di­ge Klar­heit für den Streit­ver­kün­dungs­emp­fän­ger ist dadurch gege­ben, dass er eben­so wie der Streit­ver­kün­den­de prü­fen und erken­nen kann, ob auf­grund der ihm für die Streit­ver­kün­dung genann­ten Grün­de (§ 73 ZPO) eine tat­säch­li­che Alter­na­ti­vi­tät min­des­tens ernst­haft in Betracht kommt. Anders als das Beru­fungs­ge­richt offen­bar annimmt, besteht hin­sicht­lich die­ser Vor­aus­set­zun­gen auch kein Unter­schied zwi­schen einer Streit­ver­kün­dung in einem selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren und in einem Rechts­streit.

Eine von der Zuläs­sig­keit der Streit­ver­kün­dung zu tren­nen­de Fra­ge ist, wel­che Reich­wei­te die hier­mit ver­bun­de­ne Bin­dungs­wir­kung hat, § 68 ZPO.

Die Bin­dungs­wir­kung einer in einem Rechts­streit erfolg­ten Streit­ver­kün­dung kommt nicht nur dem Ent­schei­dungs­aus­spruch, son­dern auch den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Grund­la­gen zu, auf denen das Urteil im Vor­pro­zess beruht. Sie greift dage­gen nicht für Fest­stel­lun­gen des Erst­ge­richts, auf denen sein Urteil nicht beruht (sog. über­schie­ßen­de Fest­stel­lun­gen). Dafür kommt es nicht auf eine sub­jek­ti­ve Sicht­wei­se des Gerichts, son­dern dar­auf an, wor­auf die Ent­schei­dung des Erst­pro­zes­ses objek­tiv nach zutref­fen­der Rechts­auf­fas­sung beruht. Jedoch muss der Emp­fän­ger einer Streit­ver­kün­dung auch damit rech­nen, dass sich das Erst­ge­richt für einen Begrün­dungs­an­satz ent­schei­det, den er nicht für rich­tig hält. Die­ser Begrün­dungs­an­satz gibt den Rah­men vor. Eine in die­sem Rah­men objek­tiv not­wen­di­ge Fest­stel­lung wird nicht des­halb über­schie­ßend, weil sie sich bei der Wahl eines ande­ren recht­li­chen Ansat­zes erüb­rigt hät­te 9.

Bei der ent­spre­chen­den Anwen­dung auf ein selb­stän­di­ges Beweis­ver­fah­ren bedeu­tet dies, dass des­sen Beweis­ergeb­nis Bin­dungs­wir­kung gegen­über dem Streit­ver­kün­de­ten nach § 68 ZPO ent­fal­tet, wenn es im Ver­hält­nis zum Antrags­geg­ner von recht­li­cher Rele­vanz ist. Das ist auch dann der Fall, wenn die vom Sach­ver­stän­di­gen durch­ge­führ­te Begut­ach­tung zugleich zu Erkennt­nis­sen dar­über führt, ob ein Drit­ter die Ursa­che des Man­gels oder des Scha­dens gesetzt hat. Dage­gen besteht kei­ne recht­li­che Rele­vanz im Ver­hält­nis zum Antrags­geg­ner, soweit das Beweis­ergeb­nis nicht geeig­net ist, zur Klä­rung der Fra­ge bei­zu­tra­gen, ob der Antrags­geg­ner den streit­ge­gen­ständ­li­chen Man­gel oder Scha­den ver­ur­sacht hat.

Ohne Erfolg beruft sich die Gegen­an­sicht in die­sem Zusam­men­hang auf den Grund­satz, dass die Streit­ver­kün­dung unge­eig­net sei, bei unkla­rer Beweis­la­ge den Anspruchs­geg­ner des Klä­gers fest­zu­stel­len, wenn die­ser im Ver­hält­nis zu jedem in Betracht kom­men­den Anspruchs­geg­ner beweis­pflich­tig sei 10. Die­ser schließt es nur aus, auf­grund der Unauf­klär­bar­keit im Ver­hält­nis zu einem der mög­li­chen Anspruchs­geg­ner im Wege einer Bin­dungs­wir­kung den ande­ren haf­ten zu las­sen, obwohl auch ihm gegen­über der oblie­gen­de Beweis nicht geführt ist. Hier ist die Scha­dens­ur­sa­che dage­gen nicht unklar geblie­ben, son­dern posi­tiv fest­ge­stellt wor­den.

Der Bin­dungs­wir­kung steht auch nicht ent­ge­gen, dass sich der Streit­ver­kün­de­te im Fal­le eines Bei­tritts zum selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren nicht in Wider­spruch zu Behaup­tun­gen des Klä­gers hät­te set­zen dür­fen 11. Denn der Klä­ger hat dort behaup­tet, dass die dor­ti­ge Antrags­geg­ne­rin Scha­dens­ver­ur­sa­cher war. Das ergibt sich dar­aus, dass er das Ver­fah­ren gegen die­se geführt hat. Der Streit­ver­kün­de­te hät­te des­halb dort auch die Fest­stel­lun­gen des Sach­ver­stän­di­gen bekämp­fen kön­nen, er habe die Ursa­che gesetzt.

Im Ansatz zu Recht hat sich das Gericht im Scha­dens­er­satz­pro­zess dem­ge­gen­über mit dem Ein­wand beschäf­tigt, dass der Klä­ger eine Ursa­che für die Beschä­di­gung gesetzt habe. Denn dies war weder Fra­ge­stel­lung des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens noch hät­te der im Beweis­ver­fah­ren Streit­ver­kün­de­te (der im Scha­dens­er­satz­pro­zess Beklag­te) bei einem Bei­tritt auf Sei­ten des Klä­gers Der­ar­ti­ges dort zu Las­ten des Klä­gers vor­tra­gen kön­nen. Des­halb kommt inso­weit eine Bin­dungs­wir­kung zu sei­nen Las­ten nicht in Betracht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Dezem­ber 2014 – VII ZR 102/​14

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 05.12 1996 – VII ZR 108/​95, BGHZ 134, 190 und BGH, Beschluss vom 27.11.2003 – V ZB 43/​03, BGHZ 157, 97[]
  2. all­ge­mei­ne Mei­nung; vgl. BGH, Urteil vom 08.10.1981 – VII ZR 341/​80, NJW 1982, 281, 282 m.w.N.[]
  3. BGH, Urteil vom 05.12 1996 – VII ZR 108/​95, BGHZ 134, 190, 193 f.[]
  4. BGH, Urteil vom 05.12 1996 – VII ZR 108/​95, aaO S.193[]
  5. BGH, Urteil vom 28.10.1988 – V ZR 14/​87, NJW 1989, 521, 522, inso­weit in BGHZ 106, 1 nicht abge­druckt; Urteil vom 06.05.1982 – VII ZR 172/​81, BauR 1982, 514, 515; Beck­OK ZPO/​Dressler, Stand 15.09.2014, § 72 Rn. 11; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 30. Aufl., § 72 Rn. 5, 8; jeweils m.w.N.[]
  6. BGH, Urteil vom 06.05.1982 – VII ZR 172/​81, aaO[]
  7. vgl. etwa BGH, Urteil vom 06.05.1982 – VII ZR 172/​81, aaO Haf­tung des Archi­tek­ten wegen unter­las­se­ner Pla­nung einer Abdich­tung oder des Bau­un­ter­neh­mers wegen man­gel­haft durch­ge­führ­ter Abdich­tung; Urteil vom 22.12 1977 – VII ZR 94/​76, BGHZ 70, 187, 189 ff. Feh­ler des Pla­ners oder Bau­un­ter­neh­mers; Urteil vom 09.10.1975 – VII ZR 130/​73, BGHZ 65, 127, 131 ff. Ver­ant­wort­lich­keit des Vor­un­ter­neh­mers oder des Unter­neh­mers für Näs­se­schä­den[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 09.10.1975 – VII ZR 130/​73, aaO S. 131; Urteil vom 22.12 1977 – VII ZR 94/​76, BGHZ 70, 187, 189[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 27.11.2003 – V ZB 43/​03, BGHZ 157, 97, 99 f.[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 16.09.2010 – IX ZR 203/​08, NJW 2010, 3576 Rn. 13; Urteil vom 21.07.2005 – IX ZR 193/​01, WM 2005, 2108, 2109; Häse­mey­er, ZZP 84 (1971), 179, 196 f.[]
  11. vgl. zu die­ser Ein­schrän­kung aus­führ­lich Man­sel in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 3. Aufl., § 68 Rn. 117 ff.[]