Das Recht auf effektiven und gleichen Rechtsschutz gebietet eine weitgehende Angleichung der Situation von Bemittelten und Unbemittelten bei der Verwirklichung des Rechtsschutzes1.
Dies ergibt sich aus dem in Art.20 Abs. 3 GG allgemein verankerten Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit, der für den Rechtsschutz gegen Akte der öffentlichen Gewalt in Art.19 Abs. 4 GG eine besondere Ausprägung gefunden hat, in Verbindung mit dem allgemeinen Gleichheitssatz des Art. 3 Abs. 1 GG.
Der Unbemittelte muss allerdings nur einem solchen Bemittelten gleichgestellt werden, der seine Prozessaussichten vernünftig abwägt und dabei auch das Kostenrisiko berücksichtigt2.
Auslegung und Anwendung des § 114 Abs. 1 Satz 1 ZPO ist grundsätzlich Sache der Fachgerichte. Das Bundesverfassungsgericht kann insofern nur eingreifen, wenn dabei Verfassungsrecht verletzt wird und die angegriffene Entscheidung Fehler erkennen lässt, die auf einer grundsätzlich unrichtigen Anschauung von der Bedeutung der vom Grundgesetz verbürgten Rechtsschutzgleichheit beruhen3. Die Fachgerichte überschreiten den ihnen zustehenden Entscheidungsspielraum erst dann, wenn sie einen Auslegungsmaßstab verwenden, durch den einer unbemittelten Partei im Vergleich zur bemittelten die Rechtsverfolgung oder Rechtsverteidigung unverhältnismäßig erschwert wird. Das ist namentlich dann der Fall, wenn das Fachgericht die Anforderungen an die Erfolgsaussicht der beabsichtigten Rechtsverfolgung oder Rechtsverteidigung überspannt und dadurch der Zweck der Prozesskostenhilfe, dem Unbemittelten den weitgehend gleichen Zugang zu Gericht wie der bemittelten Partei zu ermöglichen, deutlich verfehlt wird4.
Die Prüfung der Erfolgsaussichten dient nicht dazu, die Rechtsverfolgung oder Rechtsverteidigung selbst in das Nebenverfahren der Prozesskostenhilfe, in dem nur eine summarische Prüfung stattfindet, zu verlagern und dieses an die Stelle des Hauptsacheverfahrens treten zu lassen5. Im Prozesskostenhilfeverfahren dürfen grundsätzlich keine strittigen Rechts- oder Tatsachenfragen geklärt werden6.
Allerdings begegnet die Verweigerung von Prozesskostenhilfe keinen verfassungsrechtlichen Bedenken, wenn ein Erfolg in der Hauptsache zwar nicht schlechthin ausgeschlossen, die Erfolgschance aber nur eine entfernte ist7. Daher ist auch eine Beweisantizipation im Prozesskostenhilfeverfahren in begrenztem Rahmen zulässig. Die verfassungsgerichtliche Prüfung beschränkt sich in diesen Fällen darauf, ob konkrete und nachvollziehbare Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass eine Beweisaufnahme über die streitigen Tatsachen mit großer Wahrscheinlichkeit zum Nachteil des Beschwerdeführers ausgehen würde8. Kommt jedoch eine Beweisaufnahme ernsthaft in Betracht und liegen keine konkreten und nachvollziehbaren Anhaltspunkte dafür vor, dass die Beweisaufnahme mit großer Wahrscheinlichkeit zum Nachteil des Beschwerdeführers ausgehen würde, so läuft es dem Gebot der Rechtsschutzgleichheit zuwider, dem Unbemittelten wegen fehlender Erfolgsaussichten seines Rechtsschutzbegehrens Prozesskostenhilfe zu verweigern9.
Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 28. Oktober 2019 – 2 BvR 1813/18
- vgl. BVerfGE 10, 264, 270; 22, 83, 87; 51, 295, 302; 63, 380, 394; 67, 245, 248; 78, 104, 117 f.; 81, 347, 357; BVerfG, Beschluss vom 08.07.2016 – 2 BvR 2231/13, Rn. 10; Beschluss vom 05.12 2018 – 2 BvR 1122/18, 2 BvR 1222/18, 2 BvR 1583/18, Rn. 10[↩]
- vgl. BVerfGE 9, 124, 130 f.; 81, 347, 357; BVerfGK 6, 53, 55; BVerfG, Beschluss vom 01.04.2015 – 2 BvR 3058/14, Rn.19; Beschluss vom 21.11.2018 – 1 BvR 1653/18, 1 BvR 1888/18, 1 BvR 1889/18, 1 BvR 1890/18, 1 BvR 2381/18, Rn. 8; stRspr[↩]
- vgl. BVerfGE 56, 139, 144; BVerfG, Beschluss vom 04.12 2018 – 2 BvR 2726/17, Rn. 12[↩]
- vgl. BVerfGE 81, 347, 358; BVerfG, Beschluss vom 22.08.2018 – 2 BvR 2647/17, Rn. 14; Beschluss vom 23.10.2018 – 2 BvR 1050/17, Rn. 14; Beschluss vom 04.12 2018 – 2 BvR 2726/17, Rn. 13; Beschluss vom 05.12 2018 – 2 BvR 1122/18, 2 BvR 1222/18, 2 BvR 1583/18, Rn. 12; Beschluss vom 16.04.2019 – 1 BvR 2111/17, Rn. 22[↩]
- vgl. BVerfG, Beschluss vom 11.03.2010 – 1 BvR 365/09, Rn. 17; Beschluss vom 22.08.2018 – 2 BvR 2647/17, Rn. 14; Beschluss vom 23.10.2018 – 2 BvR 1050/17, Rn. 14; Beschluss vom 04.12 2018 – 2 BvR 2726/17, Rn. 13; Beschluss vom 05.12 2018 – 2 BvR 2257/17, Rn. 14; Beschluss vom 16.04.2019 – 1 BvR 2111/17, Rn. 22[↩]
- vgl. BVerfG, Beschluss vom 14.10.2003 – 1 BvR 901/03, NVwZ 2004, S. 334, 335; Beschluss vom 19.02.2008 – 1 BvR 1807/07, Rn. 23; Beschluss vom 28.08.2014 – 1 BvR 3001/11, Rn. 13[↩]
- vgl. BVerfG, Beschluss vom 28.08.2014 – 1 BvR 3001/11, Rn. 12; Beschluss vom 01.04.2015 – 2 BvR 3058/14, Rn.20[↩]
- BVerfG, Beschluss vom 03.09.2013 – 1 BvR 1419/13, Rn. 23[↩]
- vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.02.2002 – 1 BvR 1450/00, NJW-RR 2002, S. 1069; Beschluss vom 21.11.2008 – 1 BvR 2504/06, Rn. 13; Beschluss vom 01.07.2009 – 1 BvR 560/08, Rn. 13; Beschluss vom 25.04.2012 – 1 BvR 2869/11, Rn. 18; stRspr[↩]











