Ver­zichts- und Abgel­tungs­re­ge­lun­gen in der pri­vat­recht­li­chen Ver­gleichs­ver­ein­ba­rung

Mit der Aus­le­gung von Ver­zichts- und Abgel­tungs­re­ge­lun­gen in einer pri­vat­recht­li­chen Ver­gleichs­ver­ein­ba­rung hat­te sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen:

Ver­zichts- und Abgel­tungs­re­ge­lun­gen in der pri­vat­recht­li­chen Ver­gleichs­ver­ein­ba­rung

Das Gebot der bei­der­seits inter­es­sen­ge­rech­ten Aus­le­gung 1 steht unter dem Vor-behalt, dass eine sol­che Aus­le­gung mög­lich ist. Es kann dann nicht ver­letzt sein, wenn ein mög­li­ches Aus­le­gungs­er­geb­nis dem Inter­es­se der einen Sei­te, ein ande­res aber dem der ande­ren Sei­te ent­ge­gen­kommt, ohne dass ein Mit-tel­weg ersicht­lich ist 2.

Zwar ist bei der Aus­le­gung von Indi­vi­du­al­ver­ein­ba­run­gen in ers­ter Li-nie der von den Par­tei­en gewähl­te Wort­laut und der dem Wort­laut zu ent­neh-men­de objek­tiv erklär­te Par­tei­wil­le zu berück­sich­ti­gen 3. Zu den aner­kann­ten Grund­sät­zen für die Aus-legung einer Indi­vi­du­al­ver­ein­ba­rung gehört aber auch, dass zwar der Wort­laut einer Indi­vi­du­al­ver­ein­ba­rung den Aus­gangs­punkt der Aus­le­gung bil­det, der über­ein­stim­men­de Par­tei­wil­le dem Wort­laut und jeder ande­ren Inter­pre­ta­ti­on jedoch vor­geht 4. Der Tatrich­ter hat daher bei sei­ner Wil­lens­er­for­schung auch den mit der Abspra­che ver­folg­ten Zweck und die Inter­es­sen­la­ge der Par­tei­en zu be-rück­sich­ti­gen 5. Wegen des sich aus den §§ 133, 157 BGB erge­ben­den Ver­bots einer sich aus­schließ­lich am Wort­laut ori­en­tie­ren­den Inter­pre­ta­ti­on darf der Rich­ter schließ­lich einer Erklä­rung sogar eine Deu­tung geben, die von ihrem nach dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch ein­deu­ti­gen Wort­sinn abweicht, wenn Begleit­um­stän­de vor­lie­gen, aus denen geschlos­sen wer­den kann, dass der Er-klä­ren­de mit sei­nen Wor­ten einen ande­ren Sinn ver­bun­den hat, als es dem all-gemei­nen Sprach­ge­brauch ent­spricht 6.

Auch ein kla­rer und ein­deu-tiger Wort­laut einer Erklä­rung bil­det kei­ne Gren­ze für die Aus­le­gung anhand der Gesamt­um­stän­de. Die Fest­stel­lung, ob eine Erklä­rung ein­deu­tig ist oder nicht, lässt sich erst durch eine alle Um-stän­de berück­sich­ti­gen­de Aus­le­gung tref­fen 7. Daher ist es für den Bun­des­ge­richts­hof aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den, dass bei der Aus-legung die Rege­lungs­sys­te­ma­tik der Ver­gleichs­ver­ein­ba­rung berück­sich­tigt wird.

An die Aus­le­gung einer Wil­lens­er­klä­rung, die zum Ver­lust einer Rechts­po­si­ti­on führt, sind stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len und in der Regel ist eine inso­weit ein­deu­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung erfor­der­lich, weil ein Rechts­ver­zicht nie­mals zu ver­mu­ten ist. Dies ist für den Bun­des­ge­richts­hof eine aner­kann­te Aus­le­gungs­re­gel 8.

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die Aus-legung von Indi­vi­du­al­ver­ein­ba­run­gen grund­sätz­lich Sache des Tatrich­ters. Des-sen Aus­le­gung unter­liegt nur einer ein­ge­schränk­ten revi­si­ons­recht­li­chen Über-prü­fung dahin, ob der Aus­le­gungs­stoff voll­stän­dig berück­sich­tigt wor­den ist, ob gesetz­li­che oder all­ge­mein aner­kann­te Aus­le­gungs­re­geln, sons­ti­ge Erfah­rungs­sät­ze oder die Denk­ge­set­ze ver­letzt sind oder ob die Aus­le­gung auf Ver­fah-rens­feh­lern beruht 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Okto­ber 2014 – XII ZR 111/​12

  1. vgl. etwa BGHZ 150, 32 = NJW 2002, 3248, 3250 und BGHZ 131, 136 = NJW 1996, 248[]
  2. MünchKommBGB/​Busche 6. Aufl. § 133 Rn. 63[]
  3. vgl. BGHZ 150, 32 = NJW 2002, 3248, 3249 mwN[]
  4. BFH, Beschluss vom 30.04.2014 XII ZR 124/​12 17[]
  5. BFH, Urteil vom 07.09.2011 XII ZR 114/​10 GuT 2012, 268 Rn. 17[]
  6. BGHZ 150, 32 = NJW 2002, 3248, 3250[]
  7. BFH, Urteil vom 19. De-zem­ber 2001 XII ZR 281/​99 NJW 2002, 1260, 1261 mwN[]
  8. vgl. BGH Urtei­le vom 20. De-zem­ber 1983 – VI ZR 19/​82 NJW 1984, 1346, 1347; vom 16.11.1993 – XI ZR 70/​93 NJW 1994, 379, 380; und vom 22.06.1995 – VII ZR 118/​94 WM 1995, 1677, 1678 f.[]
  9. vgl. BFH, Urteil vom 27.01.2010 XII ZR 148/​07 NJW-RR 2010, 1508 Rn. 30; BGHZ 194, 301 = NJW 2012, 3505 Rn. 14 mwN[]