Zurück­wei­sung eines Bevoll­mäch­tig­ten wegen unbe­fug­ter Hil­fe­leis­tung in Steu­er­sa­chen – und die AdV

Nach § 69 Abs. 3 Satz 1 Halb­satz 1 FGO kann das Gericht der Haupt­sa­che die Voll­zie­hung des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts ganz oder teil­wei­se aus­set­zen. Die AdV setzt einen voll­zieh­ba­ren Ver­wal­tungs­akt vor­aus [1]. Voll­zieh­bar in die­sem Sin­ne sind sol­che Ver­wal­tungs­ak­te, die auf eine Geld­leis­tung, ein Han­deln, Dul­den oder Unter­las­sen gerich­tet sind. Auch rechts­ge­stal­ten­de Ver­wal­tungs­ak­te kön­nen voll­zieh­bar sein [2].

Zurück­wei­sung eines Bevoll­mäch­tig­ten wegen unbe­fug­ter Hil­fe­leis­tung in Steu­er­sa­chen – und die AdV

Die Zurück­wei­sung eines Bevoll­mäch­tig­ten nach § 80 Abs. 5 AO ist ein rechts­ge­stal­ten­der Ver­wal­tungs­akt i.S. von § 118 AO. Die Zurück­wei­sung führt dazu, dass Ver­fah­rens­hand­lun­gen des zurück­ge­wie­se­nen Bevoll­mäch­tig­ten, die die­ser nach der Zurück­wei­sung vor­nimmt, unwirk­sam sind (§ 80 Abs. 8 Satz 2 AO). Damit wirkt sich die Zurück­wei­sung unmit­tel­bar auf die Wirk­sam­keit spä­ter vor­ge­nom­me­ner Ver­fah­rens­hand­lun­gen des Bevoll­mäch­tig­ten aus.

Die Zurück­wei­sung ist auch voll­zieh­bar. Als Voll­zug eines Ver­wal­tungs­akts wird jeder Gebrauch sei­ner Wir­kun­gen, d.h. jede Ver­wirk­li­chung sei­nes mate­ri­el­len Rege­lungs­in­hal­tes zur Her­bei­füh­rung der in ihm aus­ge­spro­che­nen Rechts­fol­ge ange­se­hen [3]. Mit der Zurück­wei­sungs­ver­fü­gung ist als unmit­tel­ba­re Rechts­fol­ge gemäß § 80 Abs. 8 Satz 2 AO die Unwirk­sam­keit spä­ter vor­ge­nom­me­ner Ver­fah­rens­hand­lun­gen des zurück­ge­wie­se­nen Bevoll­mäch­tig­ten ver­bun­den. Die Zurück­wei­sungs­ver­fü­gung wird vor allem dadurch voll­zo­gen, dass das Finanz­amt von die­ser Rechts­fol­ge Gebrauch macht und Ver­fah­rens­hand­lun­gen des zurück­ge­wie­se­nen Bevoll­mäch­tig­ten als unwirk­sam ein­stuft.

Die Voll­zie­hungs­aus­set­zung einer Zurück­wei­sungs­ver­fü­gung nach § 80 Abs. 5 AO nimmt ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Finanz­amt nicht das Ergeb­nis des Ver­fah­rens in der Haupt­sa­che vor­weg.

Im Wege des einst­wei­li­gen Rechts­schut­zes kann grund­sätz­lich kei­ne Maß­nah­me getrof­fen wer­den, die die Ent­schei­dung zur Haupt­sa­che vor­weg­neh­men wür­de [4]. Wird AdV gewährt, bedeu­tet dies, dass der mate­ri­el­le Rege­lungs­ge­halt des nach wie vor wirk­sa­men Ver­wal­tungs­akts bis auf wei­te­res nicht mehr ver­wirk­licht wer­den kann; recht­li­che (und tat­säch­li­che) Fol­ge­run­gen aus dem Ver­wal­tungs­akt dür­fen nicht mehr gezo­gen wer­den [5]. Dem Finanz­amt ist jeg­li­cher Gebrauch der Wir­kun­gen des Ver­wal­tungs­akts einst­wei­len unter­sagt [6].

Die AdV einer Zurück­wei­sungs­ver­fü­gung nach § 80 Abs. 5 AO hat danach vor allem die Wir­kung, dass das Finanz­amt in dem Zeit­raum, für den die AdV gewährt wur­de, nicht die Unwirk­sam­keit von Ver­fah­rens­hand­lun­gen nach § 80 Abs. 8 Satz 2 AO gel­tend machen kann. Die AdV führt aber nicht zur Wirk­sam­keit von Ver­fah­rens­hand­lun­gen des zurück­ge­wie­se­nen Bevoll­mäch­tig­ten. Wird in der Haupt­sa­che ent­schie­den, dass die Zurück­wei­sung zu Recht erfolgt ist, sind die nach der Zurück­wei­sung vor­ge­nom­me­nen Ver­fah­rens­hand­lun­gen des Bevoll­mäch­tig­ten nach § 80 Abs. 8 Satz 2 FGO unwirk­sam.

Nach § 69 Abs. 3 Satz 1 i.V.m. Abs. 2 Satz 2 FGO ist die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts ganz oder teil­wei­se aus­zu­set­zen, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akts bestehen. Ernst­li­che Zwei­fel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO lie­gen bereits dann vor, wenn bei sum­ma­ri­scher Prü­fung des ange­foch­te­nen Bescheids neben den für sei­ne Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Umstän­den gewich­ti­ge Grün­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung von Rechts­fra­gen oder Unklar­heit in der Beur­tei­lung ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Tat­fra­gen bewir­ken [7].

Zur Gewäh­rung der AdV ist es nicht erfor­der­lich, dass die für die Rechts­wid­rig­keit spre­chen­den Grün­de i.S. einer Erfolgs­wahr­schein­lich­keit über­wie­gen [8]. Die Anhän­gig­keit eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) sowie die Mög­lich­keit, dass die­ser eine ihm vor­ge­leg­te Rechts­fra­ge, auf die es im Streit­fall ankommt, anders als der BFH beant­wor­tet, kann zur Beja­hung ernst­li­cher Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit des ange­foch­te­nen Bescheids füh­ren [9].

Im Streit­fall bestehen ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit der ange­foch­te­nen Zurück­wei­sungs­ver­fü­gun­gen vom 12.03.2012. Der BFH hat ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den EuGH gerich­tet, mit dem meh­re­re Fra­gen geklärt wer­den sol­len, die auch im Streit­fall maß­geb­lich sind [10]. Da es noch kei­ne Ent­schei­dun­gen des EuGH gibt, die sich mit der Befug­nis einer im EU-Aus­land nie­der­ge­las­se­nen Per­son oder Gesell­schaft zur geschäfts­mä­ßi­gen Hil­fe­leis­tung in Steu­er­sa­chen von Steu­er­pflich­ti­gen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land befas­sen, ist es mög­lich, dass der EuGH die vor­ge­leg­ten Rechts­fra­gen anders als der BFH beur­teilt.

Die Gewäh­rung der AdV ohne Sicher­heits­leis­tung ist recht­mä­ßig. Eine Gefahr von Steu­er­aus­fäl­len auf­grund der AdV ist nicht erkenn­bar.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 19. Dezem­ber 2014 – II B 115/​14

  1. vgl. BFH, Beschluss vom 31.07.2002 – VIII B 142/​00, BFH/​NV 2002, 1491[]
  2. BFH, Beschlüs­se vom 06.12 1979 – IV B 32/​79, BFHE 129, 300, BStBl II 1980, 423; und vom 07.07.1983 – VII B 17 – 18/​83 u.a., nicht ver­öf­fent­licht, unter A.I. 1.d[]
  3. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 10.12 1986 – I B 121/​86, BFHE 149, 6, BStBl II 1987, 389, unter II. 2.; und vom 18.09.1995 – X B 134/​91, BFH/​NV 1996, 232, unter II. 3.a[]
  4. BFH, Beschluss vom 17.12 2003 – I B 182/​02, BFH/​NV 2004, 815[]
  5. BFH, Beschluss vom 03.07.1995 – GrS 3/​93, BFHE 178, 11, BStBl II 1995, 730[]
  6. BFH, Beschluss vom 23.01.2004 – VII B 131/​03, BFH/​NV 2004, 794[]
  7. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BFH, Beschluss vom 19.12 2012 – V S 30/​12, BFH/​NV 2013, 779, m.w.N.[]
  8. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2013, 779[]
  9. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2013, 779, m.w.N.[]
  10. vgl. BFH, Beschluss in BFHE 246, 278, BStBl II 2014, 907; Az beim EuGH – C‑342/​14[]